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Ausgabe:

1906 Nr. 21

Spalte:

582-583

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Hermann, Fritz

Titel/Untertitel:

D. Tilemann Schnabel. Der Reformator der Stadt Alsfeld 1906

Rezensent:

Tschackert, Paul

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Theologifche Literaturzeitung 1906 Nr. 21.

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eine koloffale Simonie den Papat gewinnen wollte; allzeit
hat es unter fimoniftifchen Bifchöfen und Päpften ernfte
und auf eine Befferung beftehender Mißftände bedachte
Diener der Kirche gegeben. ,

Ein Vorwurf, der fich jedem Lefer der Arbeit hin-
tichtlich ihrer äußeren Geftalt aufdrängen muß, betrifft
die außerordentliche Breite und Weitfchweifigkeit der
Unterfuchung. Schulte hat das felbft gefühlt und ent-
fchuldigt fich damit, daß er den Gedankengang feiner
Seminarübungen vom Sommer 1905 feilgehalten habe
(S. 2). Das ift aber keine Entfchuldigung, da es doch
fonft nicht Brauch ift, feminariftifche Studien fo, wie man
he naturgemäß ausführlich und behaglich mit feinen
Schülern angeftellt hat, an den Drucker zu fch.cken.
Etwas mehr Fertigkeit und Gefchloffenheit im äußeren
Aulbau wäre überhaupt gelegentlich zu wunfchen; warum
werden beifpielsweife die zufammengehöngen Kapitel 6
und 8 durch ein ganz heterogenes auseinandergertffen?
Gerade angefichts der Tatfache, daß das Ergebnis, welches
in der Hauptfrage gewonnen wird, nichts eigentlich neues
ift, hätte fich der Verfaffer einige Befchränkung auflegen
follen. Das Verdienft der Arbeit ift deswegen doch nicht
gering. Es beruht darin, daß fte die bisherige Anfchau-
ung durch forgfame Einzelunterfuchungen gefertigt und
tiefer begründet hat. Den wichtigen Brief an Liechten-
ftein hat erft Schulte in feinem Wortlaut genau feltge-
ftellt und in feiner Echtheit über alle Zweifel erhoben.
Und fehr erwünfcht find die Ausführungen über die
Stellung Spaniens und Frankreichs zu dem Projekt.
Ferdinand der Katholiche fowohl als Ludwig XII. haben
es nämlich benutzt, um den Kaifer bei der neuen Kon-
rtellation der Mächte, die die Gründung der Heiligen
Liga mit fich brachte, auf ihre Seite zu ziehen, beide
wohl von der Unmöglichkeit des Planes überzeugt, aber
beide, indem fie feine caefaropapirtifche Urgeftalt zu
ihrem oder ihrer Familie Vorteil umzubiegen fuchten.
Ferdinand forderte eine Trennung von Fapfttum und
Kaifertum, indem er diefes für feinen und Maximilians
Enkel Karl verlangte; zur Gewinnung des Papats fchlug
er Maximilian den Weg über eine Koadjutorie Julius' II.
vor. Maximilian ift wirklich auf den Wunfeh Ferdinands
eingegangen, um die fpanifche Hilfe nicht zu verlieren,
vielleicht auch, weil er darin bei der Jugend feines Enkels
keine ernftliche Gefahr für feine Stellung erblickte, oder
aber mit der geheimen Nebenabficht, die Übertragung
des Kaifertums an Karl im letzten Augenblick mit Hilfe
der Kurfürften dennoch zu hintertreiben. Anders die
Franzofen. Sie wollten den Kaifer dauernd an fich knüpfen
, indem fie ihm eine Wahl durch das eben damals
unter franzöfifchen Aufpizien zufammentretende Pifaner
Konzil in Ausficht (teilten; ein Gegenpapft von Frankreichs
Gnaden wäre Maximilian dann geworden: kein Wunder,
daß ihn diefer Gedanke nicht reizte, und daß er auch
fonft fchon damals allmählich, Schritt für Schritt, fich
der fpanifchen Seite näherte. Doch fürs erfte noch, ohne
mit Frankreich zu brechen. Denn darauf gerade baute
er feinen Plan, von Frankreich und Spanien bei der
Wahl unterftützt zu werden; dazu 3OOOOO Dukaten der
Fugger: fo meinte er wirklich, zum Ziele kommen zu
können.

Auch Schulte hält auf Grund folcher Erwägungen
das Projekt hinfichtlich der Ausficht auf Verwirklichung
nicht für ganz fo töricht und kindifch, wie es auf den
erften Blick erfcheinen mag, wenn er fich auch dahin
ausfpricht, daß der Kaifer ,kaum die erforderliche Mehrheit
' unter den Kardinälen, bei denen nicht mehr viele
fimoniftifche Neigungen vorhanden gewefen feien, hätte
erhalten können (S. 73—76). Ich glaube, daß der Gedanke,
Frankreich und Spanien zu gewinnen, ganz unmöglich
war; fpätertens beim Konklave hätte Maximilian doch
dem Pifanum gegenüber Farbe bekennen müffen. überhaupt
fcheint mir der ganze Plan — der bizarrfte, der
je dem phantafiereichen Hirn diefes Kaifers entfprungen

ift —■ weniger zu Betrachtungen über den Niedergang
der kaiferlichen und päpftlichen Idee geeignet als charak-
teriftifch für die Perlon des feltfamften aller Habsburger
für die Art feines Geiftes und die abenteuerlichen Pläne,
denen er gelegentlich nachjagte.

Straßburg i. E. Robert Holtzmann.

Hermann, Oberlehrer Lic Fritz, D. Tilemann Schnabel.

Der Reformator der Stadt Alsfeld. Alsfeld, (J. Cellarius)
1905. (50 S.) 8° M. 1 —

Dem Verfaffer diefer Schrift find wir in der Refor-
mationsgefchichte Heffens fchon öfter begegnet. Im
Jahre 1901 erfchien von ihm die gelehrte Schrift über
,das Interim in Heften', deren Bedeutung weit über Herten
hinausragt; dann folgte ein köftliches populäres Schriftchen
,das Heffifche Reformationsbüchlein' mit zahlreichen
Illuftrationen 2. Aufl. (11.—20. Taufend) 1904. Die vorliegende
Schrift zeigt uns den Verfaffer wieder als forg-
famften Detailforfcher. Sie bietet eine Biographie des
erften evangelifchen Geiftlichen Heffens, der zugleich
ein teurer Freund Luthers war. Das gibt der Schrift
ein doppeltes Gepräge, ein lokalgefchichtliches für die
Stadt Alsfeld und ein univerfalgefchichtlich.es für den
Freundeskreis Luthers. Verfolgen wir zunächft den
Faden der Biographie, wie fie uns der Verfaffer nach
den Quellen bietet.

Tilemann Schnabel gehörte demfelben Orden an
wie Lutner; er war Auguftiner zu Alsfeld in Herten und
mag etwa 1475 geboren fein. — In Erfurt ftudierte er
im Auguftiner-Studium. Wahrfcheinlich hat er hier fchon
Luther kennen gelernt und ift durch ihn benimmt worden
, nach Wittenberg überzufiedeln. Hier ftudierte er
von Oktober 1512 an Theologie und abfolvierte alle
Stufen der akademifchen Lautbahn, bis er am 11. September
1515 zum D. theol. unter Luther als Promotor
promoviert und am 13. September in das Profefforen-
kollegium der Wittenberger theologifchen Fakultät aufaufgenommen
wurde. Luther hat gelegentlich mit höch-
fter Anerkennung über ihn geurteilt: ,Derfelbe ift mein
Schulgefelle gewefen zu Erfurt im Klofter und allhier
zu Wittenberg und die erfte Kreatur, die ich gefchaffen,
da ein junger Doktor den anderen macht' (Burckhardt]
Briefwechfel Ls. 374). Diefes merkwürdige Wort läßt
auf ein nahes Verhältnis Luthers zu Schnabel fchließen,
und Schnabel felbft ift auch feinerfeits ganz auf Luthers
Gedanken eingegangen. Nachdem er von 1520 an als
Provinzial der thüringifch-fachfifchen Ordensprovinz gewirkt
hatte, legte er 1523 fein Ordenskleid ab und wurde
Lutheraner; er verließ Alsfeld und begab fich zu Luther
nach Wittenberg. Diefer brachte ihn 1523 als zweiten
Geiftlichen nach Leisnig. Von da follte er 1525 einer
Berufung nach Danzig folgen, die er jedoch ablehnte.
Bald darauf, entweder noch in demfelben Jahre oder 1526,
als der Landgraf Philipp fich entfehieden der Reformation
zugewandt hatte, wurde der treffliche Geiftliche nach
Herten zurückberufen und wirkte als lutherifcher Pfarrer
in Alsfeld bis an feinen Tod am 27. September 1559.
Von 1530—41 verwaltete er auch eine der neu eingerichteten
heffifchen Superintendenturen, die zu Alsfeld, der
ungefähr 70 Pfarreien unterftanden. Wie er in der ganzen
heffifchen Geiftlichkeit der erfte Lutheraner war, fo war
er auch der einzige D. der Theologie, und als man an
der Univerfität Marburg den theologifchen Doktorgrad
einführen wollte, als im Jahre 1553 der Profeffor Hype-
nus doctonert werden follte, mußte man Tilemann
Schnabel herbeiholen, der am 17. Auguft die Promotion
in feierlichem Akte vollzog, und fo den theologifchen
Doktorat von der Wittenberger auf die Marburger Univerfität
übertrug. Er felbft hatte in großer Beicheiden-
htit fich nirgends vorgedrängt, eine erbauliche, füll in
fich eingezogene Perfönlichkeit. Diefem Umftande ift
es wohl auch zuzufchreiben, daß wir keine einzige Schrift