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Ausgabe:

1906 Nr. 21

Spalte:

572

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Oldenberg, Hermann

Titel/Untertitel:

Indien und die Religionswissenschaft 1906

Rezensent:

Wurm, Paul

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Seite 1

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Theologifche Literaturzeitung 1906 Nr. 21.

572

Difpofition eigentlich in den erflen Band gehörten;, find
zurückgeftellt, da fie ,ein umfangreiches Kapitel bean-
fpruchen' (Vorw. S. IV).

Die Fülle von neuem Material, welches feit Ideler
hinzugekommen ift, hat doch nicht die Folge gehabt,
daß nun auch die Refultate mit größerer Sicherheit hätten
hingeftellt werden können. Manche alte Fragen laffen
fich zwar jetzt beftimmter beantworten. Aber viel größer
ift die Zahl der neu fich eröffnenden Probleme. Im Ganzen
hat man bei Ginzel häufiger als bei Ideler den
Eindruck, auf unficherem Boden zu flehen. Zuweilen
fieht Ginzel fich genötigt, Hypothefen als folche mitzuteilen
(S. 247—251: ,Hypothefen über das altarabifche Jahr',
S. 293—298: ,Hypothefen über die Einrichtung des altper-
fifchen Jahres'). Diefe Vorficht, welche in zweifelhaften
Fällen fich auf Mitteilung des Materiales befchränkt, gereicht
dem Werke ftlbftverftändlich nicht zur Unehre.

Da Referent, wie vermutlich Alle, die das Werk
zur Anzeige bringen, angefichts der Verfchiedenartigkeit
des Inhaltes auf eine eigentliche Beurteilung verzichten
und fich auf den Ausdruck des Dankes für das Gebotene
befchränken muß, fo fei es geftattet, mit ein paar Einzelbemerkungen
zu fchließen.

Für die Gefchichte der Schaltung im babylonifchen
Kalender (Ginzel S. 130—136) verweift G. S. 148 u. A.
auf einen Auffatz von E. Meyer, Zeitfchr. f. Affyriol.
IX, 325 ff, welcher auf Grund dreier Daten des Ptole-
mäus zeigt, daß die Babylonier im dritten Jahrh. vor Chr.
einen 19jährigen Schalt-Zyklus hatten. Denfelben Nachweis
auf Grund jener Daten hat fchon vierzig Jahre vor
Meyer ein franzöfifcher Gelehrter gegeben: H. Martin,
Memoire ou se trouve restitue ponr la premiere fois le
calendrier lunisolaire chaldeo-macedonien dans lequel sont
datees trois observations planetaires cites par Ptolemee
{Revue archeologique X, I, 1853, p. 193—213, 257—267,
321—349). — Für Indien erwähnt Ginzel S. 339 f. den
Gebrauch der fiebentägigen Woche, ohne auf die Frage
nach dem Alter und Urfprung ihres Gebrauches in Indien
einzugehen. Die Frage ift kulturgefchichtlich von höchftem
Intereffe. Als ich meine Arbeit über ,die fiebentägige
Woche im Gebrauche der chriftlichen Kirche der erften
Jahrhunderte' (Zeitfchr. für die neuteft. Wiffenfch. 1905,
S. 1—66) fchrieb, war mir noch unbekannt, daß die Planetenwoche
ganz in derfelben Form, in welcher fie im
Abendlande feit Beginn der römifchen Kaiferzeit fich
verbreitet hat, auch in Indien allgemein Eingang gefunden
hat. Die griechifchen Planeten-Namen find dort durch
indifche erfetzt, wie die Germanen fie durch deutfche
erfetzt haben. Die Reihenfolge ift diefelbe, wie im Abendlande
: Sonne, Mond, Mars, Merkur, Jupiter, Venus, Saturn.
Nach einer Mitteilung meines Kollegen Kielhorn gibt
es in allen Teilen Indiens unzählige datierte Infchriften,
aufweichen neben dem Monatsdatum auch der Wochentag
genannt ift. Die ältefte bis jetzt bekannte Infchrift
diefer Art und damit der ältefte Beleg für den Gebrauch
der Planeten-Woche in Indien, ift vom J. 484 nach Chr.
Schon hiernach ift zu vermuten, daß die Planetenwoche
aus dem Weften, vermutlich aus Alexandria, nach Indien
gekommen ift. Zur vollen Gewißheit wird dies dadurch,
daß die Inder etwa feit dem vierten Jahrh. nach Chr.
überhaupt die ganze alexandrinifche Aftrologie mit all
ihren Subtilitäten und Abfonderlichkeiten rezipiert haben
(Herrn. Jacobi, De astrologiae bidicae Horä appellatae
originibus, Bonn. Diss. 1872. Thibaut im: Grundriß
der Indo-Arifchen Philologie und Altertumskunde von
Bühler und Kielhorn III. Bd. 9. Heft 1899, S. 64—69).
Es ift alfo ficher falfch, wenn ein englifcher Gelehrter gemeint
hat, die Planeten-Woche fei von Indien aus nach
dem Abendlande gekommen Cunningham in: The
Indian Antiquary vol. XIV, 1885, p. I—4). Vielmehr
hat fie auf Grund babylonifchen Materiales ihre Ausbildung
höchft wahrfcheinlich durch die griechifchen Aftro-
logen Alexandrias erhalten und hat von da aus die Welt

erobert: fchon im Altertum ift fie einerfeits bis zum Rhein,
anderfeits bis zum Indus und Ganges vorgedrungen.

Göttingen. E. Schürer.

Oldenberg, Hermann, Indien und die Religionswifrenfchaft.

Zwei Vorträge. Stuttgart, J. G. Cottafche Buchhandlung
1906. (III, 59 S.) gr. 8° M. 1.60

Der erfte diefer Vorträge: ,Die Erforfchung der
altindifchen Religionen im Gefamtzufammen-
hang der Religionswiffenfchaft' wurde 1904 in
St. Louis auf dem International Congress of Arts and
Science gehalten und hebt zuerft hervor, wie abgefchloffen
Indien von alten Zeiten her gewefen ift, und wie der
Indologe zunächft Mühe hat, das indifche Denken und
Fühlen mitzudenken und mitzufühlen, wie denn aber
doch die altindifche Religion im Zufammenhang ftehe
mit den indo-europäifchen Religionen und zur Ver-
gleichung herausfordere. Man ift in diefem Punkt in
den letzten Jahrzehnten viel vorfichtiger geworden als
früher, und nur der Vergleichung mit der iranifchen
Religion legt Oldenberg größeren Wert bei. Dagegen
findet er in dem Dämonendienft, der auch in Indien
auftritt, mehr Vergleichungspunkte mit den Religionen
der unkultivierten Völker in allen Erdteilen. Wir hätten
gewünfcht, daß hier auch ein Wort gefagt würde über
den Einfluß der nicht-arifchen Urbewohner auf die indifche
Religion, eine Frage, die noch nicht genügend unter-
fucht ift. Sodann werden die Zufammenhänge indifcher
und außerindifcher Religionen in hiftorifcher Zeit be-
fprochen, und auch hier äußert fich Oldenberg fehr
maßvoll und fpricht es als feinen fubjektiven Eindruck
aus, daß ,nichts in den vier Evangelien auf mehr als
bloße innere Parallelität mit buddhiftifchen, auf wirkliche
Entlehnung aus Indien weife' (S. 19), ebenfowenig in
den Gedankengängen der Bhagavad-Gita auf chriftliche
Einflüffe. Dagegen hat das Studium der indifchen Religionen
den Wert, daß die Parallelität mit der Entwicklung
des Weftens hervortritt, und wir z. B. über die
Opfer der alten Völker uns viel beffer in Indien orientieren
können als bei den klaffifchen Völkern, weil fie
mehr Literatur darüber haben (S. 24 f.). Aber auch die
Idee der Erlöfung im Buddhismus und im Chriftentum
fordert zur Vergleichung auf, fowie die pythagoreifche
und die platonifche Lehre von der Seele (S. 26 f.). —
Der zweite Vortrag, eine Rektoratsrede über Göttergnade
und Menfchenkraft in den indifchen Religionen
, führt uns in kurzen Zügen durch die vier
Perioden der indifchen Religionsgefchichte, um zu zeigen,
wie fchon in den Vedaliedern nicht eine fchlechthinige
Abhängigkeit von Gott, fondern eine Speifung der
Götter durch die Menfchen fehr hervortritt, wie diefes
Opfer im älteren Brahmanismus zur zauberifchen Macht
über die Götter wird, zum fchöpferifchen Prinzip und
zur pantheiftifchen Identität des eigenen Ich mit dem
Über-Ich des Brahma (S. 44), wie im Buddhismus die
atheiftifche Konfequenz gezogen wird, aber unter der
Firma der Dankbarkeit die Verehrung des Religions-
ftifters an die Stelle der Götter tritt, wie endlich im
neueren Brahmanismus der Rationalismus Buddhas einem
in indifche Farben getauchten Pietismus in der Bhakti,
in der Gottesliebe, mit orgiaftifchen Auswüchfen, Platz
macht (S. 53). So wird fehr anfprechend dargeftellt,
wie durch die ganze indifche Religionsgefchichte hindurch
Göttergnade und Menfchenkraft miteinander ringen,
was wir in keiner anderen Religion fo verfolgen können.

Calw. P. Wurm.