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Ausgabe:

1906 Nr. 19

Spalte:

531-534

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Ficker, Johannes

Titel/Untertitel:

Handschriftenproblem des 16. Jahrhunderts, nach Straßburger Orginalen herausgegeben. Zwei Bände 1906

Rezensent:

Köhler, Walther

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Theologifche Literaturzeitung 1906 Nr. 19.

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Ficker, Prof. Dr. Johannes, und Archivar Dr. Otto Win-
ekel mann, Handfchriftenproben des 16. Jahrhunderts, nach
Straßburger Originalen herausgegeben. Zwei Bände.
Straßburg i. E., K. J. Trübner. Fol.

M. 90 —; geb. M. 99 —
I.Band. Tafel 1—46. Zur politifchen Gefchichte. (V, XV, 120 S.
Text.) 1902. M. 40—. — 2. Band. Tafel 47—102. Zur geiftigen
Gefchichte. (XIII, 186 S. Text.) 1905. M. 50—.

Eine umfaffende Sammlung von Handfchriftenproben
zum 16. Jahrhundert ift ein literarifches novum; unfere
paläographifchen Tafelwerke (Arndt, Tangl, Steffens u. a.)
brechen entweder mit dem Mittelalter ab oder bieten
für die fpätere Zeit nur dürftige Proben. Der Umftand,
daß die Schrift je fpäter defto individueller wird, und
daß für den in der Lefung mittelalterlicher Urkunden
und Akten Eingefchulten kaum noch Schwierigkeiten
des Lefens beftehen, ift wohl die Haupturfache dafür.
Aber daß hier eine wiffenfehaftliche Unterlaffungsfünde
vorlag, wird jeder zugeben, der die ftudierende theologifche
Jugend und den Pfarrerftand zur Mitarbeit an den
Aufgaben der Reformationsgefchichte, insbefondere der
Territorialkirchengefchichte, wo wir fie dringend gebrauchen
, heranziehen möchte. Man ftößt bei Pfarrern und
Studenten auf eine unüberwindliche Scheu vor dem
Aktenlefen; zu Lizentiatenarbeiten werden Themata aus
der alten Kirchengefchichte bevorzugt, weil man nur
Bücher, keine Akten zu wälzen hat. Und wo die Scheu
in energifchem Entfchluffe überwunden ift, da kann oft
felbft treuer Eifer vor einem verhängnisvollen Dilettantismus
im Lefen und Publizieren der Akten nicht bewahren;
das Große und Ganze wird getroffen, aber im Detail
hapert es, und doch heißt es auch bez. des Textes: ein
Wörtlein kann ihn fällen! d. h. ihm einen gänzlich veränderten
Sinn geben (ich bin gerade in der Lage, das
für die zahlreichen Arbeiten zur heffifchen Kirchengefchichte
von Hochhuth konftatieren zu können). Hier
tat ein Hülfsmittel, das für den Studenten Seminarübungen
, für den Pfarrer Selbftftudium ermöglichte, dringend
not. Aber felbft der fchon Eingelefene, — wie oft
gilt es, den anonymen Brieffchreiber, die Hand des Kanzliften
oder des Fürften felbft u. dgl. zu enträtfeln! Wer
aber gab das Vergleichsmaterial?

Aus allen diefen Gründen begrüßen wir die Ficker-
Winckelmannfche Handfchriftenprobenfammlung auf das
aller Freudigfte. Die photographifche Reproduktion ift
ganz vorzüglich; klar und deutlich treten die Schriftzüge
heraus. Die Brauchbarkeit der Tafeln zu Übungszwecken
mit Studenten habe ich felbft erproben können; es empfiehlt
fich für den praktifchen Gebrauch die Anfertigung
einfacher, billiger Papprahmen durch den Buchbinder, in
die die Tafeln eingefteckt werden und dann zirkulieren
können ohne die Gefahr des Umbiegens (das Papier ift
verhältnismäßig leicht) oder gar der Befchädigung. Daß
eine Transfkription beigegeben ift, erleichtert das Selbftftudium
wefentlich, darf natürlich nicht zur Efelsbrücke
werden.

Inhaltlich zerfällt die Sammlung in zwei Teile, einen
politifchen und einen geiftesgefchichtlichen. Der Löwenanteil
am erften Bande kommt Winckelmann zu, der am
zweiten Ficker, doch hat diefer für den erften Teil die
Tafeln 37—46, jener für den zweiten Teil ,die Lebens-
abriffe des größeren Teils der Gelehrten, welche nicht
vorwiegend Theologen waren' (z. B. Wimpfeling, Beatus
Rhenanus, Sturm, Sleidan) übernommen. Außerdem er-
fcheint als Verf. der Lebensabriffe der Buchdrucker Bibliothekar
Dr. Schorbach, als treuer und liebenswürdiger
Hüter des Thesaurus Baumianus allen Befuchern der Straßburger
Univerfitäts- und Landesbibliothek wohl bekannt,
durch feine Arbeiten zur älteften Gefchichte des Buchdrucks
für jene Lebensbilder der Befähigfte. Sämtliche Tafeln
betreffen Straßburger Gefchichte. Das könnte Bedenken

erregen; follte man nicht univerfaler vorgehen und Proben
der Handfchrift aller (ohne Unterfchied der Länder) hervorragenden
Perfönlichkeiten der Reformationszeit geben ?
Die Herausgeber antworten darauf (I, S. I): ,eine knappe
Auswahl etwa der bedeutendften Männer des ganzen
Zeitalters, würde nicht ausreichen; fie würde immer mehr
oder minder zufammenhanglos und willkürlich bleiben".
Unferer Überzeugung nach kann das Notwendige nur
erreicht werden, wenn auf beftimmten Gebieten Abge-
fchloffenes und möglichft Vollftändiges geboten wird.
Wir haben darum unferem Unternehmen engere Grenzen
gefetzt und haben uns auf Straßburg, Stadt und Bistum,
befchränkt. Wir erfreuen uns dabei allerdings des Vorzugs
, daß die Stadt Straßburg im Zeitalter der Reformation
in ganz befonderem Umfange und mit über-
rafchender Vielfeitigkeit und Kraft an der gefamten Ent-
wickelung teilgenommen und die Bewegungen der Zeit
befonders lebhaft reflektiert hat'. Das Letztere ift jedenfalls
richtig, die Auswahl wird dadurch von felbft zu
einer univerfalen, obwohl es mir zweifelhaft bleibt, ob
eine gefchickte Hand nicht doch von verfchiedenften
Seiten her ein Ganzes hätte fchaffen können, das unter
Beifeitelaffung mancher nur für Straßburg bedeutfamen
Hand (z. B. der Schreiberhände u. a.) einige jetzt bleibende
Lücken (z. B. vermiffe ich Philipp v. Heffen, überhaupt
die Fürften und den Kaifer) ausgefüllt hätte. Die
jetzt erzielte Abrundung ift allerdings glänzend, man hat
das ganze politifche und kirchliche Straßburg der Reformationszeit
vor fich; dabei find bei den einzelnen Autoren
die Proben nicht willkürlich genommen, fondern in liebevoller
, forgfältiger Auswahl, man fieht die Papiere, auf
denen Gefchichte gemacht wurde. Heben wir Einiges
heraus: Die erften 36 Tafeln führen uns das Perfonal
der Verfaffung und Verwaltung Straßburgs vor Augen,
eine vorzügliche Einleitung von Winckelmann unterrichtet
über die rechtlichen Verhältniffe. Die einzelnen Schreiben
berückfichtigen den Bauernkrieg, die Packfchen Händel
, den Augsburger Reichstag, wir erhalten den Schluß
des älteften erhaltenen politifchen Briefes von Jakob
Sturm an den Straßburger Rat, dann wird der fchmal-
kaldifche Krieg berückfichtigt, der Speirer Reichstag von
1542, der Augsburger von 1555, eine Bittfchrift Seb.
Brants wird geboten, aus einem anderen Schreiben (Tafel
20) hören wir, daß die Straßburger Ratsprotokolle
jener Zeit nicht fpäter angefertigte Reinfchriften find,
fondern während der Sitzungen felbft niedergefchriebene
Aufzeichnungen der oberften Kanzleibeamten über die
Verhandlungen und Befchlüffe des Magiftrats. Reinfchrif-
| ten der Protokolle begegnen erft in der zweiten Hälfte
des Jahrhunderts, find dann aber oft vergeffen worden.
Weitere Tafeln handeln vom Hagenauer Religionsgefpräch,
den zahlreichen Verhandlungen zwifchen Straßburg und
Heffen, dem Regensburger Reichstag 1598, Lazarus v.
Schwendi, dem Bifchof Wilhelm III von Honftein, dem
Führer der Reformation im Straßburger Domkapitel Graf
Siegmund v. Hohenlohe, dem Bifchof Erasmus v. Limpurg
, dann in einer vortrefflichen Zufammenftellung von
dem Domkapitel bei der Wahl des Bifchofs Johann 1569,
fowie von diefem felbft. — Natürlich konzentriert fich das
fpezielle kirchenhiftorifche Intereffe mehr auf den zweiten
als auf den erften Band. Die, man kann ohne Übertreibung
fagen: Liebe, mit der Ficker feine Proben gewählt
hat, ift bewundernswert, er hat fich auch keineswegs
auf Straßburg befchränkt, fondern Studienreifen
nach der Schweiz benutzt, um auch aus den Züricher
und S. Gallener, Bafeler, Berner, Genfer, Schaffhaufener,
Zofinger Schätzen Material zu bieten; daneben find die
Archive in Augsburg, Darmftadt, Frankfurt, Marburg,
Schlettftadt, Ofthaufen, Stuttgart herangezogen. Seinen
reichen Stoff hat Ficker in 7 Abteilungen gruppiert:
t. Ältere Humaniften, Prediger und Lehrer, Vertreter der
alten Kirche (Tafel 48—54» vorausgehend Tafel 47: aus
Straßburger Tagebüchern), darunter u. a. Wimpfeling,