Recherche – Detailansicht

Ausgabe:

1906

Spalte:

521-523

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Köberle, Justus

Titel/Untertitel:

Zum Kampfe um das Alte Testament. Drei Vorträge 1906

Rezensent:

Zillessen, Alfred

Ansicht Scan:

Seite 1, Seite 2

Download Scan:

PDF

Theologische Literaturzeitung

Herausgegeben von D. Ad. Hamack, Prof, in Berlin, und D. E. Schürer, Prof. in Göttingen.
Jährlich 26 Nrn. Verlag: J. C. Hinrichs'fche Buchhandlung, Leipzig. Jährlich 18 Mark.

Nr. 19. J5- September 1906. 31. Jahrgang.

Köberle, Zum Kampfe um das Alte Teftament
(Zilleflen).

Schulz (Alfons|, Die Quellen zur Gefchichte des

Elias (Lohr). '
Daubney, The three Additions to Daniel

. (Schürer)

Kröchet, La Correspondance de Saint Paulin de

Nole et de Sulpice Severe (Grützmacher).
Oriens christianus, herausg. von Baumftark,
IV. Jahrg. (Ph. Meyer).

Georgii Monachi Chronicon ed. de lioor vol.
I u. 11 (Ph. Meyer).

Hoff mann (Eberh.), Das Konverfeninftitut des
Cifterzienferordens (Deutfch).

Thomas a Celano, S. Francisci Assisiensis vita
et miracula ed. P. Eduardus Alenceniensis
(Lempp).

Simon, Überlieferung und Handfchriftenvcrhält-
nis des Traktates ,Schweiler Katrei' (Deutfch).

Ficker (Joh.) und Winckelmann, Handfchrif-
tenproben des 16. Jahrhunderts 2 Bde. (Köhler).

Wolf, Aus Kurköln im 16. Jahrhundert I Virck).

Rein, Paolo Sarpi und die Proteftanten (Tfcha-
ckert).

Gottfchick, Die Lehre der Reformation von

der Taufe (Lobftcin).
Wielandt, Die Arbeit an den Suchenden aller

Stände (Drews).

Köberle, Prof. D.Juflus, Zum Kampfe um das Alte Teftament.

Drei Vorträge. Wismar, H. Bartholdi 1906. (102 S.)
gr go M. 1.80

Wir flehen gegenwärtig in der gefamten Theologie
an der Wendung von der Hiftorie zur Gefchichts- und
Glaubensphilofophie, zur Dogmatik im allgemeinflen Sinn
des Worts. Auch das AT. tritt neben aller religions-
gefchichtlichen und äfthetifch-pfychologifchen Behandlung
wieder unter diefen Geftchtspunkt: das Problem der
Heilsgefchichte drängt fich gebieterifch auf. Und jeder
in Religion Unterrichtende weiß, wie unentbehrlich eine
neue Löfung ift. Der kommende Mann müßte ebenfo
einen abfolut freien Blick und feinen Gefchmack für das
Gefchichtliche, wie ein tiefes Senforium für das Religiöfe
in feinem Zufammenhang von uran befitzen und dazu
mit einem umfaffenden Wiffen die glücklichfte Fähigkeit
.großzügiger' Zufammenfchau verbinden.

Bis dahin werden immer wieder Anfätze gemacht
werden, wie fie Köberle in vorliegender Schrift verfucht.
Sie enthält drei Vorträge: I. Was haben wir am AT.?
(im lutherifchen Verein für Hannover) — eine Antwort
eigentlich auf die Frage: wie kommen wir dazu, das
Richtige vom AT. zu haben? 2. Der Offenbarungscharakter
des AT. und der Charakter der AT. Offenbarung
(auf der mecklenburgifchen Paftoral-Konferenz zu Güftrow).
3. Die Offenbarung Gottes an Israel durch Mofe (beim
theol. Ferienkurs in Hannover) — abgefehen von einigen
Partien in 3., die Einzelauseinanderfetzung bieten, alles
Darlegungen prinzipieller Art mit der Grundtendenz
,der Trennung deffen, was dem Glauben der ehr. Gemeinde
aus Gründen des Glaubens feftfteht, von dem,
was die wiffenfehaftliche Forfchung in ihrem Gebiet
mit ihren Mitteln zu erreichen im (lande ift'. K. will
Markfteine der Heilsgefchichte (Sündenfall, Abraham,
Mofe z. B.) gegenüber der religionsgefchichtlichen Kritik
fiebern, welche nach feiner Anficht mit der .modernen
Weltanfchauung' d. h. der Gott naturgefetzlich bindenden
und die Offenbarung ausfchaltenden entwicklungs-
gefchichtlichen Betrachtungsweife fleht und fällt. Bei
redlichem Bemühen, die Abwege rechts und links zu
vermeiden, bleibt die Stellung zur Tradition wie zur .Kritik'
im Grunde eine gebrochene, was auch durch eine Reihe
ganz gefunder prinzipieller Exkurfe nicht geändert wird.
Indem ich dies an der Methode K.s nachzuweifen fuche,
verzichte ich auf eingehendere Wiedergabe der ziemlich
reichhaltigen Gedankenreihen, foweit fie nicht die Titel
und die folgenden Beifpiele fchon charakterifieren.

Vortrag 1. führt das Manko der kritifchen Gefchichts-
fchreibung fchließlich auf das alte nondum considerasti etc.
zurück — bei Licht befehen ein Argument ganz deutero-
521

nomiftifchen Urfprungs und Geiftes. Der Beweis wird
aber nicht angetreten. Während aber K. fodann der
.Offenbarung leugnenden' Auffaffung vorwirft, Tie gehe
mit ihrem Gefamtbild der religiöfen Gefchichte Israels
weit über das hinaus, was der Zuftand der Quellen erlaube
, und könne doch wiederum von ihrem Prinzip aus
viel Wichtiges gar nicht erklären, erweckt er feinerfeits
in 3. den Eindruck, als fei vom heilsgefchichtlich orientierten
Glauben des NT.s aus auch eine überhiftorifche
Gewißheit über — doch immer dem Gebiet der Gefchichte
angehörige! — Einzelheiten der AT. Überlieferung zu
erreichen: als ob die Frage, ob es einen Mofe gegeben
hat oder nicht, nicht letzlich fchlechterdings nur mit
hiflorifchen Mitteln zu löfen wäre (S. 64. 100?). Ein
ebenfo bedenkliches Prinzip fcheint in dem Satz zu liegen,
der Nieifens rationalifierenden Erklärungen der Exodusberichte
gegenübergeftellt wird: ,wir können über diefe
Dinge nun einmal hiftorifch nichts ausfagen, fondern
muffen fie flehen laffen, wie fie find'1) — fie feien
freilich im einzelnen nicht gleichwertig für die Offenbarung
; wozu dann wieder nicht ftimmen will, daß ,der
innere Verkehr1) Mofes mit Gott für uns nur nach
Analogie unfres Verkehrs mit Gott vorftellbar' fei —
eine offenbar gleichfalls .rationalifierende' Erklärung
naiv-wunderhaft gemeinter Erzählungen. Was foll man
fich in 2. dabei denken, daß die Erzählung vom Sündenfall
,der durch göttliche Offenbarung dem Volk Israel
gefchenkte Ausdruck für die wirkliche Tatfache ift, daß
die Menfchheit durch von außen kommende Verführung
in einen Zuftand allgemeiner Sündhaftigkeit, Gottlofig-
keit und Erlöfungsbedürftigkeit gekommen ift'? Ift die
Erzählung Offenbarung, dann alfo auch hiftorifch fo
gefchehen ■— oder was heißt ,Ausdruck' und was ift die
Offenbarung, die Gott fchenkt? In der eingehenden
Einzelwiderlegung der Rekonftruktion der vormofaifchen
Religion Israels aus den arabifchen und allgemeinen religionsgefchichtlichen
Analogien will K. die meiften als
Uberlebfel animiffifcher Religion angefehenen Erfchei-
nungen einfach begreifen als Äußerungen der fich auf
allen Stufen gleich bleibenden, pfychologifch zu erklärenden
religiöfen Triebe — womit das Problem nur in eine
Seitengaffe zurückgefchoben wird. In vielen Einzelheiten
hat man die Empfindung, als würden zwingende Analogien
fpiritualifierend wegerklärt (die Mazzebe in Bethel
ift nur ,das fichtbare Unterpfand dafür, daß Gott an
diefer Stelle vom Himmel her gegenwärtig ift'; .unrein
ift alles, was dem fchöpfungsmäßig Gewollten, dem natürlich
Richtigen widerfpricht'!).

K.s Ergebniffe im einzelnen find fchließlich doch auch

■) Von mir gefpen*t.

522