Recherche – Detailansicht

Ausgabe:

1906 Nr. 1

Spalte:

509-510

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Cerisier, J.-E.

Titel/Untertitel:

Le pasteur Nicolas Oltramare 1611 - 1680. Son origine, sa vie et son temps 1906

Rezensent:

Bruckner, Albert

Ansicht Scan:

Seite 1

Download Scan:

PDF

509

Theologifche Literaturzeitung 1906 Nr. 18.

Die wichtigsten Refultate und Konfequenzen feiner
Arbeit hat Sch. felbft in Preufchens Zeitfchr. f. neuteft.
Wiff. 1906 I (,Ofterbetrachtungenl) zufammengeftellt. Das
reicht aus für die Lefer, welche fich mehr für die Er-
gebniffe als — was doch das Wefentliche ift — für den
Weg, auf dem fie gewonnen wurden, intereffieren. Nur
wer die Mühe der Nach- und Mitarbeit nicht fcheut, wird
einen vollen Eindruck von dem glänzenden Scharffmn wie
der ausgebreiteten Gelehrfamkeit des Verfaffers erhalten
und das Gewicht der von ihm beigebrachten Tatfachen
für die Beurteilung einer der wichtigsten Fragen der Ge-
fchichte der Urkirche richtig zu würdigen wiffen.
Jena. Hans Lietzmann.

Minocchi, Salvatore, La Leggenda antica. Nuova fönte bio-
grafica di S. Francesco d'Assisi, tratta da un codice Vati-
cano. Firenze, Bibl. Scientifico-religiosa 1905. (XXXII,
184 p.) 8°

,Legenda antiqua' Jegenda vetus' ,legenda novo.' das
find Bezeichnungen, die dem, der die Franziskusquellen
durchforschen will, viel Kopfzerbrechen machen. Legenda
novo, ift ohne Zweifel die Legende Bonaventuras. Die
legenda vctus ift nach Sabatier, Opuscules de criüque
historiqiie fasc. III (Juli 1902) p. 69 identifch mit der
urfprünglichen Legende der 3 socii, nach Minocchi identifch
mit der ßfachen Legende des Thomas von Celano. Die
Legenda antiqua dagegen ift nach Sabatier a. a. ü. eine
Kompilation aus den zwanziger Jahren des 14. Jahrhunderts
, nach Minocchi ift es meift eine generelle Bezeichnung
für die leoninifche Tradition, die von den
Spiritualen der Legende Bonaventuras entgegengefetzt
wurde. Aber mit diefer Bezeichnung ift nach M. auch
eine bestimmte Legende gemeint, welche in den VII
tribid. von Angelo Clareno genannt und benutzt wird.
Nur eine italienifche Überfetzung der Bearbeitung diefer
Quelle des Angelo Clareno glaubt Minocchi gefunden
zu haben und gibt fie nun heraus. Die Hauptmaffe der
Legende ift ohne Zweifel aus dem Specidum perfectionis
in feiner urfprünglichen Redaktion genommen und infofern
für uns von geringer Bedeutung. Wertvoll find
nach Minocchi ca. 20 Kapitel, welche eine Kenntnis
anderer Quellen leoninifcher Farbe verraten. Ich bedauere
dabei nur, daß fich Minocchi nicht näher über das Verhältnis
feiner Quelle zu der von Sabatier a. a. O. behandelten
ausgesprochen hat; denn dasjenige unter den
20 Kapiteln, was mir das gefchichtlich bedeutungsvollste
erfcheint (c. 26), ift doch von Sabatier a. a. O. p. 90 ff.
wohl in feiner urfprünglicheren Geftalt herausgegeben
worden. — Ich weiß nicht, ob es anmaßend erfcheint,
wenn man überhaupt den Forfchern der Franziskuslegenden
die Warnung nahe legt, daß fie über den
minutiöfen Forfchungen und der berechtigten Entdeckerfreude
nicht den Maßstab für das, was gefchichtlich bedeutend
und was unbedeutend ift, verlieren. H. Thode
hat wohl Sicher unrecht, wenn er der ganzen feit Sabatiers
Entdeckung des Specidum perfectionis einfetzenden Riefenarbeit
auf diefem Gebiet jeden Wert abfpricht, aber
feine Worte können wohl zur Selbftbefinnung uns veran-
laffen. Wir fehen vor lauter Bäumen den Wald nicht
mehr.

Stuttgart. E. Lempp.

Cerisier, J.-E., Le pasteur Nicolas Oltramare 1611—1680.

Son origine, sa vie et son temps. Avec des illu-
strations et une preface de M. le pasteur P. de Fe-
Hce. Geneve et Bäle, Georg et Co., Paris, Fischbacher
1905. (VIII, 308 p.) 80 M. 3.20
Der Verfaffer befchert uns in feinem Stattlichen
Buche aus Familienpietät die Biographie eines Mannes,
der in der Gefchichte keine Spuren hinterlaffen hat, von

deffen Leben und Wirken wir außer feinem Teftament
nur die allerdürftigften Perfonalnotizen kennen, und deffen
Leistungen nach dem, was wir noch von ihm wiffen, nur
durchaus mittelmäßige gewefen fein können. Auf Grund
umfangreicher Akten- und Literaturstudien fchildert uns
Cerifier nämlich in leicht lesbarer Form die Verhältniffe,
unter denen Oltramare gelebt hat, und die Umftände,
I unter denen er einmal vorübergehend Ausficht hatte zu
leben. Aus den erften 20 Jahren des Lebens Oltramares
kennen wir z. B. lediglich die Daten feiner Taufe und
Immatrikulation an der Univerfität Genf; aber Cerifier
bieten fie Gelegenheit zu drei ausführlichen Kapiteln über
die italienifchen Refugianten in Genf, die Gefchichte der
Familie Oltramare und die Univerfität Genf. Oltramares
Bewerbung um den Polten eines Pfarrers der reformierten
Gemeinde in Konftantinopel 1637, von der aber
mangels genügender Bildung und Fähigkeiten abgefehen
werden mußte, bietet Cerifier ferner Anlaß zu einem
langen Kapitel über diefe Gemeinde und ihre Beziehungen
zu Genf unter dem Patriarchat des Cyrillus Lukaris, und
j die Eintragung Oltramares im ,Album studiosorum' der
j Univerfität Leyden 1638 benutzt der Verfaffer zu einer
hübfchen Skizze der Verhältniffe an der dortigen theo-
logifchen Fakultät.

So intereffant aber auch der Inhalt einzelner Kapitel
ift, das fchreiende Mißverhältnis zwifchen dem Rahmen
der Biographie und diefer felbft läßt es doch immer lebhafter
bedauern, daß der Verfaffer feine viele Arbeit
und Mühe nicht an einen etwas lohnenderen Gegenstand
verwendet hat.

Bremgarten. A. Bruckner.

Schmitt, Albert, S. J., Zur Gefchichte des Probabilismus.

Hiftorifch - kritifche Unterfuchung über die erften
50 Jahre desfelben. (Mit Gutheißung der kirchlichen
Obrigkeit.) Innsbruck, F. Rauch 1904. (188 S.) 8°

M. 1.80

In ihrer groß angelegten ,Gefchichte der Moralftrei-
tigkeiten 1889' haben uns die gelehrten Führer der alt-
katholifchen Bewegung Ignaz von Döllinger und Friedrich
Heinrich Reufch einen gründlichen Einblick eröffnet
in den ernften Streit über die christliche Moral, der während
mehr als zwei Jahrhunderten im Schöße der ka-
tholifchen Kirche geführt wurde und nach wechfelvollen
Gefchicken in der Erhebung Alphons von Liguoris zum
Kirchenlehrer mit einem glänzenden Siege des vornehmlich
von den Jefuiten ausgebildeten Syftems des Probabilismus
endigte. Aber fie find dabei über die Ent-
ftehungszeit des Probabilismus und der Attritionslehre
fo kurz und fummarifch hinweggegangen, daß der Ver-
fuch, jene erfte grundlegende Zeit zwifchen Medina und
Laymann (1577—l^2S) eingehend zu behandeln, nur
dankbar begrüßt werden kann.

Der Verfaffer hat fich mit anerkennenswertem Fleiß
in der breitfchichtigen Literatur jener Periode umgefehen
und bietet uns eine reiche Fülle von neuem, bisher oft
kaum dem Namen nach gekannten Material. Eine ganze
Reihe von Moralisten, deren Namen Döllinger und Reufch
nicht einmal erwähnen, wie Bartholomäus Salon, Jofeph
Angles und Ludwig de Beja find von Schmitt eingehend
charakterisiert; noch öfter aber werden folche, die Döllinger
nur flüchtig erwähnt hat, wie Bannez, Henriquez
und Lopez und ihre Bedeutung für die Moralwiffen-
fchaft gründlich analyüert. Befonders inftruktiv aber ift
der Nachweis, warum die Klaffifizierung der Moralisten
vor Medina, deffen Verdienste um den Ausbau und die
Ordnung diefer Wiffenfchaft in einem eigenen Kapitel
gewürdigt werden, zurzeit noch eine fo unfichere ift; weil
es nämlich damals noch kein eigentliches Moralfyftem und
keine feft gegliederte Terminologie gegeben habe, fondern
die moralischen Fragen faft ausfchließlich im Anfchluß an