Recherche – Detailansicht

Ausgabe:

1906 Nr. 18

Spalte:

501-506

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Schweitzer, Albert

Titel/Untertitel:

Von Reimarus zu Wrede. Eine Geschichte der Leben-Jesu-Forschung 1906

Rezensent:

Wernle, Paul

Ansicht Scan:

Seite 1, Seite 2, Seite 3

Download Scan:

PDF

50i

Theologifche Literaturzeitung 1906 Nr. 18.

502

"Q, ra verbundene Gottesname ein Hypokoriftikon darfteilt
. Aber wenn er das urfprünglich war, hätte man ihn
doch im Verlauf des Gebrauchs des komponierten Namens
fchwerlich dauernd fo verftanden. Deshalb ift es wenig
wahrfcheinlich, daß man in Namen, die mit,Sohn, Tochter'
zufammengefetzt find, einen Gottesnamen als Hypokoriftikon
angewandt hat. Das Hypokoriftikon wäre in diefer
Verbindung zu fehr dem Mißverftändnis ausgefetzt ge-
wefen. Mir fcheint, daß ein Name ,Sohn des Gottes X'
leichter verftändlich ift als Namen mit der Bedeutung
.Bruder' oder .Schwerter des Gottes X', und doch kommt
punifch vor mpbü-rn .Schwerter des Melkart'. Die
Möglichkeit der Annahme eines Hypokoriftikons kehrt
hier wieder und wird ebenfo zu beurteilen fein. — Mit
diefen Bemerkungen will ich die Namensform Ben-Hadad,
wovon der Verf. ausgeht, keineswegs verteidigen.

Wenn die Aufftellung des damaszenifchen Altars, die
der Priefter Uria für Ahas bewerkftelligte (2 Kg iöioff.),
Einführung der affyrifchen Götter in Jerufalem bedeutete
und es deshalb mit Emphafe für unmöglich erklärt wird,
daß Arnos die Politik des Ahas verfochten habe (S. 21 f.),
dann begreift man nicht, daß Jefaja eben jenem Uria
befonderes Vertrauen fchenkte (Jef. 82). Das läßt fich
nicht erklären ausjefajas Gleichgiltigkeit gegen den Kultus
(S. 38); denn diefe Gleichgiltigkeit befaß doch auch Arnos.

Das Lob darf ich wohl ausfprechen, daß die kleine
Schrift von religiöfem Verftändnis für das Prophetentum
zeugt und gewandte Darftellung bekundet. Im Vortrag
zeigt fie zuweilen eine kleine Neigung, in überflüffigen
Bruftton zu verfallen. — Möge der Verf., der fich durch
feine .Beiträge zur Kenntnis der Affyrifch-Babylonifchen
Medizin' (1904) auf affyriologifchem Gebiet legitimiert hat,
mit reichem Erfolg der wichtigen Aufgabe leben, feine
affyriologifchen Kenntniffe in den Dienft der Erforschung
des Alten Teftamentes zu ftellen.

Berlin. Wolf Baudiffin.

Schweitzer, Priv.-Doz. LIc. Dr. Albert, Von Reimarus zu

Wrede. Eine Gefchichte der Leben-Jefu-Forfchung.
Tübingen, J. C. B. Mohr 1906. (XII, 418 S.) gr. 8°

M. 8—; geb. M. 9.50

Diefes Buch ruft zuerft ein älteres desfelben Ver-
faflers ins Gedächtnis zurück. 19OI hatte Schweitzer
unter dem Titel ,Das Meffianitäts- und Leidensgeheimnis
' eine hundertfeitige Skizze des Lebens Jefu
veröffentlicht. Es galt, in deutlicher Anlehnung an Joh.
Weiß die eschatologifche Auffaffung der Predigt und
Perfon Jefu: futurifches Gottesreich, futurifcher Meffias,
konfequent durchzuführen. Über Joh. Weiß hinausgehend,
betonte Schweitzer den aktiven, Gefchichte fchaffenden
Charakter der Eschatologie Jefu. Zuerft hoffte Jefus, daß
die vom Täufer begonnene Bußbewegung das Gottesreich
herbeizwinge und erwartete während der Ausfendung
der Zwölfe feine Erhöhung zum Meffias-Menfchenfohn
(Mt. 10 b). Aber die zugleich mitpoftulierte Enddrangfal
blieb aus, unbehelligt kehrten die Jünger zurück. Diefe
Verzögerung des Gottesreiches führte ihn zu dem Ent-
fchluß, an fich felbft die Enddrangfal heraufzuführen und
durch feinen Tod das Reich herbeizuzwingen. Das ift
der Sinn des Leidensgeheimniffes das fich nicht empirifch
aus der Erwägung der Lage, fondern dogmatifch aus
der Eschatologie für Jefus ergab. Vorausfetzung ift die
wefentliche Richtigkeit der fynoptifchen Evangelienerzählung
unbefchadet der gelegentlichen Unklarheit der
Evangeliften über die Bedeutung des von ihnen Erzählten.

Das Erfcheinen von Wredes ,Meffiasgeheimnis in den
Evangelien' zu gleicher Zeit mit Schweitzers Skizze lenkte
die Aufmerkfamkeit ftark von der .konfequenten Eschatologie
' auf den .konfequenten Skeptizismus' (Formulierung
Schweitzers) ab. Ift doch durch Wrede ebendas, was
für Schweitzer Vorausfetzung ift, das Zutrauen in die

Richtigkeit der fynoptifchen Tradition fchwer erfchüttert
worden. Trotzdem hat Schweitzer nicht kapituliert, fondern
glaubt, feinen radikalften Gegner als Bundesgenoffen
begrüßen zu dürfen. Eine Wiederholung und Befeftigung
feiner früheren Auffaffung Jefu will dies neue Werk bringen.
Der Hauptteil Kap. II—XVIII gibt eine Gefchichte der
Leben Jefu Forfchung feit Reimarus, in Wahrheit eine
Kritik diefer Forfchung vom eignen Standort der konfequenten
Eschatologie aus. Kap. XIX bringt die Aus-
einanderfetzung mit Wrede und die Wiederholung der
Ergebniffe der .Skizze' Schweitzers. Kap. XX zieht den
Ertrag daraus für Theologie und Chriftentum. Der Titel
des Buchs: ,Von Reimarus zu Wrede' ift alfo falfch; er
! muß heißen: Von Reimarus zu Alb. Schweitzer, denn
auch Wrede gehört in das ungeheure Leichenfeld der
großen Leben Jefu-Schlacht, als deren einzig Überlebender
Schweitzer dafteht.

Es geht ein großer Zug durch das ganze Werk; die
Sprache ift glänzend, für mich fchon zu bilderreich, der
Stoff meifterhaft geordnet mit nur feltenen Vergewaltigungen
. Nirgends ein Verweilen bei Nebendingen; das
Zentrale und Neue wird überall mit Sicherheit erfaßt.
Wir haben keine Gefchichte der Leben Jefu Forfchung,
die fich nur annähernd mit Schweitzers Buch vergleichen
1 ließe. Zwar mit der Objektivität der Darftellung fteht
es nicht ganz fo, wie es das Vorwort verfpricht; ich
vermute, daß fich eine Reihe von Leben Jefu Forfchern
; für die ihnen hier zu teil gewordene Objektivität be-
1 danken werden. Zuftatten kommt fie auf alle Fälle
den fonft von der Theologie mißgünftig Behandelten:
Reimarus, Strauß, Bruno Bauer, auch Paulus,
Giuliani und Noack, deren gerechte Würdigung in
hohem Grad dankenswert ift. Nur fchon das wäre ein
großes Verdienft diefer Gefchichtsdarftellung, gezeigt zu
haben, wie unendlich viel Modernes, Allerneueftes vor
50 oder 100 Jahren erkannt, oder doch geahnt worden ift.

Das von Schweitzer in Betracht gezogene Leben
Jefu Material ift ein fo gewaltiges, daß wenig Lefer
nicht mit Dankbarkeit vieles ihnen Neue darin finden
werden; auch die Romane find mitbehandelt bis herab
zu Frenffens Hilligenlei. Immerhin ift das eine oder
andere nicht Unwichtige zu vermiffen. Ganz zu kurz
kommt gleich der Anfang; man erhält keinen Begriff,
wie ftark der englifche Deismus Reimarus vorgearbeitet
hat, ebenfo fehlen die Voltairefchen Traveftien, Wielands
Peregrinus Proteus, das englifche Ecce omo u. a.
Durchweg tritt fodann die Arbeit an der Evangelienfrage
zu ftark in den Hintergrund. .Literarifche Prioritätsfragen,
literaiifche Fragen überhaupt, haben zuletzt, wie fchon
Keim bemerkte, mit der Gewinnung der Vorftellung vom
Gang der Ereigniffe gar nichts zu tun' (S. 392). Nun,
dem widerfpricht wenigftens der Verfaffer felbft mit
feiner Hervorhebung des Straußfchen Entfeheides über
Johannes und der Weißefchen Markushypothefe. Auf
alle Fälle ift hier Arbeit getan worden, die in einer Leben
Jefu Gefchichte gründlicher gewürdigt zu werden verdient
. Es hängt wohl damit zufammen, daß Chr. F. Baur
und die Tübingerfchule aus diefem Werk ausgefchaltet
find, ficher mit Unrecht; oder ift es gleichgiltig, welche
Stellung in dem Dilemma: Ebjonitismus-Paulinismus Jefus
gegeben wurde Jahrzehnte lang, als diefe Parole die
beherrfchende war? Allein fchon Baurs Würdigung Jefu in
,Das Chriftentum und die chriftliche Kirche der drei erften
Jahrhunderte' durfte nicht übergangen werden. Ganz
fehlt auch der Ertrag der Ritfchlfchen Forfchung für das
Leben Jefu; einerlei, ob diefe dogmatifche Bearbeitung
Jefu ein Glück oder Ünglück war: zu ignorieren ift nicht,
was derart gewirkt hat. Endlich, wenn Frenffens Hilligenlei
eben noch Eingang fand, weshalb nicht Wellhaufens
.Einleitung in die drei erften Evangelien'? Ein Werk, das
die dortige Behandlung der Leben Jefuprobleme noch
nicht berückfichtigt, ift nicht mehr neu bei feinem Erfcheinen
. Stellt doch Wellhaufens Pofition neben der-