Recherche – Detailansicht

Ausgabe:

1906 Nr. 17

Spalte:

492-493

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Langheinrich, Friedrich

Titel/Untertitel:

Der zweite Brief Sankt Pauli an die Korinther. 2. Aufl 1906

Rezensent:

Drews, Paul

Ansicht Scan:

Seite 1, Seite 2

Download Scan:

PDF

491

Theologifche Literaturzeitung 1906 Nr. 17.

492

fchaftslehre hervor, unter welchem Fichte in immer neuer
Formulierung und unermüdlich verbeffernd die Grundgedanken
feiner Philofophie ftreng fyftematifch begründet, j
Der Verf. verfolgt diefe verfchiedenen Geftalten der !
Wiffenfchaftslehre mit befonderer Sorgfalt. Er charak- j
terifiert den Kern derfelben hauptfächlich gegenüber
der bloß pfychologifchen Naturgefetzlichkeit
der Vorftellungen: ,Wo die Vorftellungen ihrer pfychologifchen
Naturgefetzlichkeit folgen, da können fie allerdings
auch fo zufammentreffen, daß das Refultat richtig I
ifl; aber ich würde das in folchem Falle nicht wiffen.
Meine Meinung würde zwar richtig fein, aber es wäre
doch nur Meinung' (S. 78). Dagegen ift es das Wefen
der Überzeugung oder des Wiffens, daß es ohne
Rückficht auf die fpeziellen Umftände, unter denen eine
beftimmte Vorftellungsverknüpfung pfychologifch ent-
ftanden ift, einfieht, ob die betreffende Vorftellungsverknüpfung
giltig oder ungiltig ift. Alle Individuen aber
find dazu da, überzeugt zu fein, mehr und befferes zu
fein, als bloße Naturprodukte, getrieben und getragen
vom Ungefähr, — fie find dazu da, in einer Überzeugung i
feft zu ftehen und von da aus die aktive Auseinander-
fetzung mit der naturhaften Wirklichkeit aufzunehmen
(S. 79). In der viel umftrittenen Frage nach dem Verhältnis
der fpäteren Geftaltungen der Wiffenfchaftslehre,
insbefondere derjenigen von 1801 zu den früheren, gibt
der Verf. Fichte felbft Recht, der bis an fein Lebensende
energifch daran fefthielt, daß feine Lehre — von
Modifikationen untergeordneter Punkte abgefehen — mit
fich einhellig geblieben fei. Im Wefentlichen in Über-
einftimmung mit Kuno Fifcher ift der Verf. der Anficht,
daß in der logenannten zweiten Periode Probleme in den
Vordergrund des Intereffes treten, die vorher nur angedeutet
waren. Es findet keine Verfchiebung der Lehre
felbft, wohl aber eine folche der Akzente ftatt, die auf
die einzelnen Lehrinhalte in ihrem fyflematifchen Ver-
hältniffe zu einander fallen (S. 172 ff.). In der Epoche des
Atheismusftreites, der, durch Fichtes Identifikation Gottes
mit der moralifchen Weltordnung entftanden, 1799 zur
Entlaffung Fichtes führte, hatte er Veranlaffung, flärker
als vorher zu betonen, daß das Wiffen unfähig fei, die
Realität zu ergreifen. So erfcheint in der erften Periode
als das eigentliche Thema der Wiffenfchaftslehre die
Erkenntnis des Verftandes in feinen notwendigen
Funktionsweifen, die Aufdeckung feiner notwendigen
Handlungen. ,Später ift das eigentliche Ziel des philo-
fophifchen Wiffens nicht mehr der Verftand, fondern
jene wahrhafte Realität, von der der Verftand nichts
weiß und nichts wiffen kann, in der er aber feinen Grund
hat: die Freiheit, die fittliche Weltordnung, Gott'
(S. 174). Unter den Faktoren, welche fpäter auf Fichte
gewirkt haben, geht nach dem Verf. am tiefften der
Einfluß des Johannesevangeliums. Vom Jahre 1804 an
follen alle Arbeiten Fichtes die Spur diefes Evangeliums
tragen, fo daß er darum das letzte Jahrzehnt von Fichtes
Leben als feine Johanneifche Periode bezeichnen möchte.
Maßgebend war hierbei, daß Fichte bei Johannes die
Identifikation des ewigen Lebens mit dem Erkennen
Gottes gefunden hat (S. 201 f.).

Die anregenden Vorlefungen find für den Zweck, |
dem fie dienen follen, recht wohl geeignet. Inhaltlich l
bleibt die Frage, ob der Verf. nicht die Wandlungen in I
Fichtes innerem Leben unterfchätzt hat. Das abfolute
Anfchauen und Wiffen als letztes Ziel ift doch von dem
,Tun um des Tuns willen' der früheren Periode fo fehr
verfchieden, daß die Annahme einer bloßen Akzent-
verfchiebung dazu nicht ausreicht, befonders, wenn
man, wie der Verf., den myftifch-religiöfen Grundzug des
letzten Jahrzehnts überfpannend, geradezu von einer I
Johanneifchen Periode' redet. Zu einer gewiffen Kontinuität
der Entwicklung bei Fichte gelangt der Verf.
unter anderem auch dadurch, daß er fchon der Wiffenfchaftslehre
in dem Prinzip der ,Überzeugung' einen fehr

Marken ethifchen Akzent verleiht. Das zweifellos vergängliche
und doch charakteriftifche Moment der Fichtefchen
Philofophie, die dialektifche Methode, tritt dagegen
doch allzufehr zurück. Nicht in erfter Linie der Fichte
der ,Wiffenfchaftslehre', fondern vor allem der Fichte
der .Reden an die deutfche Nation' gehört zu den
großen Lehrern der Menfchheit, die jeder Zeit, und vor
allem auch der unfrigen etwas zu fagen haben.

Heidelberg. Th. Elfenhans.

Langheinrich, Dekan u. Kirchenrat Friedrich, Der zweite
Brief Sankt Pauli an die Korinther. Ein Beitrag zu einer
biblifchen Paftoraltheologie. Zweite Auflage. Leipzig,
F. Janfa 1905. (IV, 223 S.) gr. 8° M. 3.6b; geb. M. 4.50

Die erfte Auflage diefes Buches ift 1887 erfchienen.
Es noch einmal ausgehen zu.laffen, beflimmten den Verf.
zahlreiche perfönliche Nachfragen nach dem Buch. Nach
dem Vorwort ift die zweite Auflage nicht viel verändert.
,Da und dort wurden Kürzungen und Berichtigungen
vorgenommen. Die in fehr wohlwollenden Rezenfionen
ausgefprochenen Wünfche und Bedenken habe ich ge-
wiffenhaft und dankbar erwogen'. Die Ausftellungen,
die Profeffor Achelis-Marburg in feiner ebenfalls fehr
freundlich gehaltenen Rezenfion gemacht hatte (vgl. diefe
Zeitung 1888, Sp. 549f) Rheinen allerdings der Beachtung
nicht für wert gehalten worden zu fein, obwohl fie fie
ficher verdient hätten. Nur einige Kürzungen find eingetreten
und ein Sachregifter ift angefügt.

Das Büchlein enthält gewiß manches Gute und Beherzigenswerte
für die Amtsführung, und den Verf. gewinnt
man lieb um feines Emdes, feiner Frömmigkeit,
feines lauteren Eifers und feiner freundlichen Gefinnung
willen. Seine Theologie freilich id mangelhaft und kommt
über das Dilettantenhafte nicht hinaus. Wer fchon dem
.theologifchen Studium' die Aufgabe fleckt, .Studium der
Gottesherrlichkeit zu werden, die uns aus dem Angefichte
Chridi entgegenleuchtet' (S. 77), der bewegt fich in einer
großen Unklarheit über das Wefen und die Grenzen der
Theologie: die Theologie als menfchliche Wiffenfchaft
darf nicht leiden wollen, was Sache des Glaubens id. Wer
von der biblifchen Kritik die Worte fchreiben kann, daß
fie fo manches biblifche Buch entfernt fehen möchte,
daß fie fo gern einfetzt, wo fie irgend einen Angriffspunkt
findet (S. 7), kann fich nie ernfllich mit ihr befchäftigt
haben, fond fchleudert er nicht folche ungerechte Anklagen
in die Welt. Wer es der üblichen Auslegung des
II. Korintherbriefes zum Vorwurf machen kann, daß fie
lediglich die Abficht verfolge, den Inhalt der Worte, den
Zufammenhang des Ganzen und die gefchichtlichen Ver-
hältniffe feflzudellen, aber es verfäumt habe, den Brief
(und ebenfo I. Kor.) für die Pafloraltheologie nutzbar
zu machen (S 3), der hat offenbar keine klare Vor-
dellung von der Aufgabe der hidorifchen Exegefe. Auch
daß der Verf. eine fcharfe, fichere Vordellung vom
Wefen des evangelifchen Amtes habe, wird niemand
behaupten können. In einem Atem fchreibt er folgende
Sätze: ,Wir find nun allerdigs nicht Apodel; wir gleichen
ihnen nicht, weder in bezug auf die Ausrüdung zum
Amte noch in bezug auf die Amtsaufgabe. Aber
Diener Chridi und Prediger des Evangeliums find wir
doch auch. Wir arbeiten mit dem, was die Apodel vom
Herrn empfangen haben, und fetzen fo das Werk der
Apodel in der Welt fort, wenn auch unter veränderten
Verhältniffen. So darf zwifchen ihnen und uns doch
kein wefentlicher Unterfchied fein, fondern nur ein gradueller
, was unfere Perfonen anbelangt' (S. 17). So könnte
ich fortfahren. Aber diefe theologifchen Mängel verzeiht
man dem Verf. gern um feiner trefflichen Gefinnung
willen, die fad auf jeder Seite in wohltuender Weife
entgegentritt. In den padoraltheologifchen Ausführungen
geht L. ganz feine eigenen Wege. Nirgends verrät fich,