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Ausgabe:

1906 Nr. 17

Spalte:

485

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Blanckmeister, Franz

Titel/Untertitel:

Sächsische Kirchengeschichte. 2., verm. Auf 1906

Rezensent:

Drews, Paul

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Seite 1

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485

Theologifche Literaturzeitung 1906 Nr, 17.

486

den mährifchen u. dgl. Auch kirchengefchichtliche Ar- I Die umfaffende Belefenheit des Verf.s wird ja Jeder
beit ift eine Stärkung des öfterreichifchen Proteftantismus. gerne anerkennen;, um häufigften läßt P. die von ihm
Gießen Köhler. ; befprochenen Lehrer felbß zu Wort kommen und teilt

aus feinen Quellen reichliche Belege mit. Daß hiebei

Blanckmeifter, Pfr. Franz, Sächfifche Kirchengefchichte. Gleichmäßigkeit in der Behandlung"des Stoffs öfters; zu
Zweite vermehrte Auflage. Dresden, F. Sturm & Co. vermif"fen jflf namentlich in den durch dogmatifche Rück-
1906. (X, 487 S.) gr. 8» AI. 4.20; geb. M. 5— flch/;en bedingten Fällen muß hervorgehoben werden: fo

fhT . a l n ,.. .B:'l. wird es den Lefer nicht wundernehmen, daß Luther

Uber die erfte Auflage diefes Buches, die im Jahre eine in knapperen Raum gedrängte Würdigung; erfährt

1899 erfchienen ift, hat P. Tfchackert in diefer Zeitung als Lagrange. In feinen Urteilen, genauer in feinen Refe

Jahrg. 1900, Nr. 7, Sp. 2i2f. berichtet. Da die neue Auf- | raten bemüht fich der Hiftoriker um ftrenge Objektivität

läge in allem Wefentlichen die erfte wiederholt, fo fei Was den dogmatifchen Standpunkt des Verfaffer«

auf diefe Anzeige zur Orientierung über den Aufbau

und den Charakter des Buches ausdrücklich zurückver-

wiefen. Die neue Auflage ift infofern eine vermehrte,

als das Mittelalter und die Neuzeit durch einige Zufätze

erweitert find. Außerdem ift die neuere Literatur nach- | Error nullus in Scripturis . . . Qui admittit a Deo in
getragen. Im wefentlichen iß das Buch geblieben, wie
es war. Man begreift das, denn das Buch hat von feiten
der Kritik eine warme Aufnahme gefunden und es hat
in feiner bisherigen Geftalt feinem Zwecke vortrefflich
gedient. In das Lob, das ihm auch Tfchackert gezollt
hat, kann ich vollftändig einftimmen. Der Reiz des
Buches liegt in einer liebevollen Detailmalerei, in einer
Freude am Einzelnen, ohne daß dabei die großen ge-
fchichtlichen Zufammenhänge, die treibenden Ideen vergehen
wären. Aber fie treten zurück, und wo fie vorgeführt
werden, gefchieht es oft in einer Weife, die etwas

betrifft, fo wird derfelbe am beften aus einigen Sätzen
zu entnehmen fein, die wir im Folgenden wiedergeben.

Inspiratio estdogma Ecclcsiae.. Auetor principalis Scripturae
est Dens; auetor huinanus quis sit, non multum refert....
Error nullus in Scripturis . . . Qui admittit a Deo in-
spirari posse allegoriam Iiistoricam, i. e. imaginariam
repraesentationem Veritätis spiritualis, is ncquaquam eo ipso
admittit a Deo inspirari posse mythum vel legendam, i. e.
narrationem simpliciter falsam ... Scriptura tota. si sumitur
ut UHUS Uber, potius dicenda est obscura et difficilis quam
perspicua et facilis. Man vergleiche auch die Befprechung
der Kundgebungen Leos XIII (343—347).

Die durchaus moderne Ausftattung des von Herder
in Freiburg herausgegebenen Werkes nimmt fich faß; aus
wie ein Anachronismus: warum hat der Verleger das
Buch nicht als Foliant mit wuchtigem Einband von

an der Väter verklungene Zeit erinnert. Auch zu man- j Kalbs- oder Schweinsleder erfcheinen laffen?

Straßburg i. E. P. Lobftein,

eher Einzelausführung würde man vom ftreng wiffenfehaft
liehen Standpunkt aus ein Fragezeichen machen müffen.
Doch wäre das bei einem im ganzen fo trefflich gelungenen
populären Werk Pedanterie. j Bittlinger, Diakon. Lic. theol. Ernft, Die Materialifierung

Gießen. Drews. religiöfer Vorftellungen. Eine religionsphilofophifche

Pesch, Christianus, S. J., De Inspiratione Sacrae Scripturae. ^^J^I^S^^t 1 C

Friburgi Brisg., Sumptibus Herder MCMVI. (XI, 653 pj R M°hr ^ {W> 128 b° ^ 8 * 2^

gr. 8° M. 8.80; geb. M. 10

Diefe Schrift ift in zweifacher Beziehung lehrreich,
einmal als Beitrag zur Hermeneutik, ,deren Gefchichte

Ref. muß geftehen, daß ihn beim Durchblättern I fo gut wie noch gar nicht gefchrieben ift' (1), dann aber
diefes dickleibigen, in lateinifcher Sprache verfaßten auch als religionsphilofophifcher Verfuch auf' hiftorifcher
Buches eine mittelalterliche Luft anwehte, die ihm die Grundlage, fofern ein in der Religionsgefchichte überaus
modernen Frageftellungen und die Geftalten der Gegen- | wichtiger Vorgang prinzipiell gewürdigt und durch eine
wart, eines Cremer und Preffenfe, eines Loify und Sanday, erhebliche Zahl von Beifpielen illußriert werden foll. In
in befremdendem Gewände erfcheinen ließ. Das unheim- j der ,Materialificrung religiöfer Vorftellungen' findet der

liehe Gefühl, das den Lefer angefichts diefer impofanten
Leißung moderner Scholaßik befchleicht, fleigert fich
zu einem Bangen und Grauen, wenn er erwägt, daß
diefer Band nur den zehnten Teil der gefamten Prae-
lectiones dogmaticac bildet, die etwa 3600 eng gedruckte
Oktavfeiten umfaffen: der Preis der zehn Bände beträgt
M. 56, 6b; find die tomi aber a dorsis corio religati, fo
koßen fie M. 73. Ziehen wir in Betracht, daß die meißen
volumina diefer ,Laß über Israel und Babel' zwei, die
Chrißologie und Ecclefiologie fogar drei Auflagen erlebt
haben, fo wird die quantitative Abfchätzung einen ge

Verf. die Antwort auf die ,Frage nach dem Urfprung
vieler vermeintlich religiöfen Erfahrungstatfachen, die
durch zwei Jahrtaufende und vielfach noch heute durch
Anwendung des Schrift- und Traditionsprinzipes — beides
iß im Grunde dasfelbe — Anfpruch auf Klaffizität machen
, während doch das moderne religiöfe Bewußtfein
ihnen diefen unbedingt verweigert' (13).

Das Gebiet, das fich B.s Arbeit abgeßeckt hat, reicht
vom alten Teßamente bis Jußin und Irenäus als den
Hauptrepräfentanten der fich bildenden altkatholifchen
Lehre. ,Das ungeheure Gebiet des A. T.s habe ich nur

wältigen Refpekt vor dem Betrieb der dogmatifchen Theo- i aphorißifch behandeln können; beim N. T. hoffe ich

logie innerhalb der katholifchen Kirche jedem Unbefan
genen einflößen müffen.

Das Werk zerfällt in zwei Bücher, einen Uber historicus
(11—375), der die Gefchichte der Infpirationslehre von dem
,Glauben der alten Synagoge' bis auf unfere Tage erzählt,
und, hiebei nicht allein die deutfehe Theologie, fondern
auch die namhafteßen Löfungsverfuche Frankreichs, der
Schweiz, der Niederlande und Großbritanniens in den
Kreis feiner Darßellung zieht — und einen Uber dog-
maticus (379—637), der von dem Dafein (existentia), dem
Wefen (essentia) und dem Umfang (extensio) der Infpiration
handelt, die Fragen nach der Irrtumlofigkeit, dem Sinn,
der Klarheit und Vollßändigkeit der Schrift unterfucht
und endlich die Kriterien der Infpiration dartut. Ein
doppelter Index, ein Verzeichnis der Bibelßellen und ein
Namen- und Sachregißer bilden den Abfchluß des Ganzen.

nichts Wefentlichcs überfehen zu haben; für Jußin und
Irenäus habe ich Vollßändigkeit erßrebt. Es handelt
fich nicht um ganz neue Beobachtungen. Aber vielleicht
find einige der aufgezeigten Kombinationen neu, und
vielleicht iß auch an einigen Stellen der Verfuch geglückt,
neue gemeinfame Gefichtspunkte für disparate Stoffe zu
gewinnen. Einfchlagende wertvolle wichtige Einzeler-
kenntniffe gibt es in großen Mengen' (18). B. weift
befonders auf Gunkels Genefiskommentar und auf die
Erklärung der Synoptiker von Holtzmann, deffen Auslagen
(S. 20. 191) gleichfam den Text zu B.s Ausführunngen
liefern: ,Der religiöfe Geiß, der die eigentlichen Gegen-
ftände feiner Anfchauung im Überfinnlichen hat, kann
nun einmal gar nicht anders tätig fein, arbeiten und fich
Ausdruck verfchaffen, außer mit Mitteln der Phantafie;
eine poefielofe Religion wäre eine lebensunfähige Miß-