Recherche – Detailansicht

Ausgabe:

1906 Nr. 16

Spalte:

460-465

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Doumergue, Emile

Titel/Untertitel:

Jean Calvin. Les hommes et les choses de son temps. Tome III 1906

Rezensent:

Lobstein, Paul

Ansicht Scan:

Seite 1, Seite 2, Seite 3, Seite 4

Download Scan:

PDF

459

Theologifche Literaturzeitung 1906 Nr. 16.

460

Unter den aus der agf. Zeit bisher veröffentlichten
Schriften fleht die von Prof. Bright herausgegebene
weftfächfifche Evangelienüberfetzung obenan. In
3 gefonderten Bändchen werden die agf. Texte des
Matthäus-, Markus- und Johannes-Evangeliums
dargeboten. Hoffentlich folgt die Lukas-Überfetzung1
bald nach. Diefe erfte englifche Evangelienüberfetzung
, die wohl in den Ausgang des 10. Jahrh. zu
fetzen ift (die 3 älteften Hff. flammen aus dem Anfang
des 11. Jahrh.) ift ein felbftändiger Verflach, den lateinifchen
Text möglichft wortgetreu und z. T. auch idiomatifch ins
agf. zu übertragen. Das äußere fprachliche Gewand ift
das der fpät-weftf. Schriftfprache, in reiner muftergültiger
Form. Die Diktion wimmelt natürlich noch von Latinismen
und allzu fklavifchen Nachbildungen. Das ift ja
auch noch bei Wycliffe der Fall. Die agf. literarifche
Profa, die fich ja überhaupt erft an der lateinifchen Profa
herangebildet hat, konnte fich hier erft recht nicht von
dem übermächtigen Einfluß des Lateins frei machen.
Dazu kam die große Scheu, durch allzufreies Überfetzen
den Sinn und Inhalt des heiligen Textes auch nur im
minderten zu entftellen. Weshalb denn damals viele aus
diefen und anderen Gründen von einer Überfetzung in
die Mutterfprache abgeraten haben. Aber es zeugt auch
diefe Überfetzung wieder von dem Marken nationalen
Geift Altenglands, der alle Hinderniffe hinwegräumt. Ob
die Evangelienüberfetzung von einem oder mehreren Gelehrten
verfaßt ift, ift eine noch nicht völlig entfchiedene
Frage, doch wird man die mannigfachen Abweichungen
in Sprache und Überfetzungstechnik nicht bloß auf zeitliche
Abftände zurückführen können, fondern der Tätigkeit
verfchiedener Männer zufchreiben müffen, fei es
daß fie Mitarbeiter und Gehülfen des Gefamtunter-
nehmers waren oder daß fie die Überfetzungsarbeit unter
fich verteilt hatten. — Während die beiden erften Bänd- j
chen, das Matthäus- und Markus-Evangelium, nur den
Text und die Varianten enthalten, bringt das dritte, das
Johannes-Evangelium, die Einleitung zu allen 4 Evangelien
und obendrein ein Gloffar, das allerdings nur auf diefes
eine Evangelium zugefchnitten ift, aber, wie der Herausgeber
fagt, auch für die anderen Evangelien gute Dienfte
leiften wird. Es wäre beffer gewefen, wenn in einem
befonderen Bändchen als Zugabe ein vollftändiges Ge-
famtgloffar für alle 4 Evangelien gegeben wäre. Die
Wichtigkeit des Gegenftandes hätte diefe Ausnahme
wohl gerechtfertigt. Die Einleitung des Johannes-Ev.
bringt vor allem eine kurze Befchreibung der Hff., ihr
mutmaßliches Verhältnis zum Original, eine Orientierung
über die fchwierige FYage der lateinifchen Vorlage fowie
über die Autorfchaft. Doch hat der Herausgeber den
Ausführungen von Harris über die lat. Vorlage, die
Max Förfter im Literaturblatt f. germ. u. rom. Philol.
24285 ins rechte Licht gefetzt hat, zu viel Gewicht beigelegt
. Soviel aber läßt fich jetzt fchon mit Beftimmt-
heit fagen, daß die lat. Vorlage (oder die lat. Vorlagen,
falls es für die einzelnen Evangelien verfchiedene waren)
zu den fogen. Mifchtexten d. h. den mit europäifchen
und irifchen Lesarten durchfetzten Vulgatatexten gehörte
(f. Jahrgang 19x14 Sp. 229 diefer Zeitfchr.). Der Text
der Evangelien ift auf Grund der Skeatfchen Ausgabe
noch einmal mit den maßgebenden Hff. verglichen worden.
In den Fußnoten werden die fämtlichen Varianten der
einzelnen Hff. mit Ausnahme der rein orthographifchen
gewiffenhaft angegeben. Die vorliegende Ausgabe bietet
alfo auch für weitere wiffenfchaftliche Forfchung jetzt
den zuverläffigften Text, obwohl die große Skeatfche
Ausgabe (Cambridge 1871—87) dadurch nicht überflüfflg
wird. Die reichen Anmerkungen zum Johannes-Ev.
bringen viel Sachliches und Sprachliches, namentlich für
Anfänger. Das Angelfächfifch der Texte wie auch in

1) Eine leicht zugängliche Ausgabe hat Bright bereits 1893 in der
Clarend. Press veröffentlicht.

dem von Prof. Harris bearbeiteten Gloffar ift wie üblich
mit Quantitätszeichen verfehen, im ganzen korrekt, obwohl
im einzelnen einiges auszufetzen wäre. Dasfelbe gilt
auch von den übrigen Bändchen der Sammlung. Das
Wort Crist wird man jetzt wohl richtiger mit kurzem 1
anfetzen, in Übereinftimmung mit den übrigen germa-
nifchen Sprachen, während die romanifchen und keltifchen
Sprachen langes i haben. Die länge des englifchen Crist
feit mittelenglifcher Zeit ift auf fpäteren franzöfifchen
Einfluß durch die normannifche Eroberung zurückzuführen.

Cooks Ausgabe der Judith beruht im wefentlichen
auf feiner früheren Sonderausgabe, bringt aber einiges
Neue hinzu. Die Datierung des Gedichts ift noch recht
unficher. Was der Herausgeber in der Einleitung darüber
fagt, ift unzulänglich. Dem leider nur fragmentarifch in
einer einzigen fpäten HI. überlieferten Gedicht hat als
Quelle wohl die apokryphe Judith derVulgata vorgelegen.
Das fchöne Gedient bezeichnet einen Höhepunkt agf. geift-
licher Epik und ift daher von befonderer Bedeutung. Es
gehört, wie faft alle ältere agf. Epik, weltliche und geiftliche,
dem nördlichen England, wahrfcheinlich Northumbrien
an. Die Anmerkungen Cooks find fpärlich, feine Ausführungen
über die künftlerifche Kompofition dagegen
breiter und zutreffend.

Cynewulfs Juliana ift weder des Dichters beftes
Werk, noch überhaupt eins der befferen der agf. Zeit.
Es ift auch nicht die älteile überlieferte Darfteilung
eines Heiligenlebens in einer der Nationalfprachen, wie
der Herausgeber irrtümlich betont. Denn der ältere
Guthlac (der fogen. Guthlac A) ift weit früher anzufetzen
(etwa Mitte des 8. Jahrhunderts), und es ift bezeichnend,
daß diefes Gedicht uns Leben und Wunder eines englifchen
Nationalheiligen erzählt. Cynewulfs Gedicht fchil-
dert die Schickfale der hl. Juliana nach einer uns nicht
mehr erhaltenen oder unbekannten lateinifchen Vorlage,
die aber von der bei den Bollandiften in den Acta Sanc-
torum gedruckten nicht fehr verfchieden gewefen fein
wird. Wie es fcheint, hat der Dichter die nicht unverfängliche
romantifche Gefchichte in manchen Punkten
abgeändert. Die ausführliche Einleitung des Herausgebers
gibt eine dankenswerte Überficht über die vielen und
fchwierigen Fragen, die fich im Verlauf eines halben Jahrhunderts
an den Namen diefes Dichters geknüpft haben.
Leider fehlt es ihm aber an der philologifchen Strenge;
feine Stellungnahme zu den Problemen ift zu fchüchtern
und unfelbftändig.

In dem von Sedgefield bearbeiteten Bändchen:
The Battie of Maldon werden einige der intereffan-
teften agf. hiftorifchen Gedichte der fpäteren Zeit veröffentlicht
. Das zum Verftändnis Nötigfte ift in guter
Auswahl hinzugefügt. Die Einleitung über den Charakter
der hiftorifchen Lieder und ihr Verhältnis zur älteren
agf. Epik hat mich wenig befriedigt. Die fchwierigen,
aber wichtigen metrifchen Fragen find nur kurz geftreift.

Die Ausftattung ift gut und gefällig, doch werden
die ungemein kleinen, wenn auch fcharfen Typen der
Anmerkungen und anderer Stellen vielen läftig fallen.

Göttingen. Lorenz Morsbach.

Doumergue, E., Jean Calvin. Les hommes et les choses
de son temps. Tome III: La ville, la maison et la
rue de Calvin. Lausanne, G. Bridel 1905. (722 p.)
gr. 4° M. 24 —

Der dritte Band des inzwifchen von der franzöfifchen
Akademie mit dem Guizot-Preis gekrönten, umfallend
angelegten und prächtig ausgeftatteten Doumergue-
fchen Werkes über Calvin ift den zwei erften Bänden
(vgl. in diefem Blatt Jahrgang 19x0, Nr. 15; 1904, Nr. 4)
in relativ kurzer Frift gefolgt. Während der erfte Band
den Jugendjahren Calvins, der zweite feinen ,erften Verflachen
' gewidmet war, gilt das vorliegende Buch der