Recherche – Detailansicht

Ausgabe:

1906 Nr. 15

Spalte:

443-444

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Richter, Julius (Hrsg.)

Titel/Untertitel:

Die Einwurzelung des Christentums in der Heidenwelt. Untersuchungen über schwebende Missionsprobleme 1906

Rezensent:

Wurm, Paul

Ansicht Scan:

Seite 1

Download Scan:

PDF

443

Theologifche Literaturzeitung 1906 Nr. 15.

444

Mitarbeit der Lefer von Anfang bis ans Ende in An-
fpruch nimmt, vertritt über das Verhältnis der religiöfen
zur wiffenfchaftlichen Weltanficht die Anfchauungen von
Fries und eignet fich auch die Korrekturen an, die diefer
Philofoph dem Kantifchen Syftem zuteil werden ließ.
Er findet den Schlüffel zur Löfung des Problems in der
Fries'fchen Unterfcheidung von Wiffen, Glauben und
Ahndung und entwickelt diefe drei Begriffe ganz in dem
Sinne des Meifters, den er dankbar und pietätvoll wieder
zu der ihm gebührenden Anerkennung bringen möchte.
Den Mangel der Kantifchen Philofophie habe Schiller
wohl gefühlt. ,Er fah ein, daß der Kantianismus die
Anfprüche der Schönheit gegenüber denen der wiffenfchaftlichen
Wahrheit nicht ficher zu ftellen vermag und
der Äfthetik nur noch fubjektive Bedeutung läßt. In
feinem Bemühen, das bei Kant vermißte objektive Prinzip
der äfthetifchen Beurteilung zu finden, ift er zweifellos als
ein Vorläufer von Fries anzufehen. Erft diefem ift es
gelungen, das von Schiller geforderte Prinzip zu entdecken
, durch den Nachweis, daß die äfthetifche Beurteilung
auf der Unterordnung der Erfcheinungen unter
die Ideen beruht' (39—40). Auf die Nachwirkungen der
Fries'fchen Gedanken, wie fie bei De Wette, ja in neuerer
Zeit auch bei Lipfius und Sabatier wahrzunehmen find,
geht der Verf. nicht weiter ein. Diefe Befchränkung war
ihm durch die einem Vortrag gezogenen Grenzen geboten
, konnte aber bei einer für den Druck vorgenommenen
Erweiterung wegfallen. Das gediegene Schriftchen fei
allen denen, die dem fehr zeitgemäßen Problem Intereffe
und Verftändnis entgegenbringen, aufs befte empfohlen.

Straßburg i. E. P. Lobftein.

Die Einwurzelung des Chriftentums in der Heidenwelt. Unter-
fuchungen über fchwebende Miffionsprobleme. In Verbindung
mit Paft. Berlin, Pred. Th. Bechler, Palt. R.
Gareis, Prof. C. Meinhof, Paft. Lic. Dr. Boehmer
herausgegeben von P. Julius Richter. Gütersloh,
C. Bertelsmann 1906. (VIII, 234 S.) gr. 8°

M. 3 -; geb. M. 3.75

Zu P. D. Grundemanns fiebenzigftem Geburtstag
haben fechs feiner Freunde eine Feftfchrift zufammen-
geftellt, welche von P. Richter in Schwanebeck unter
obigem Titel herausgegeben wurde. Sie behandeln ein
Miffionsproblem, das ftets im Vordergrund von Grundemanns
Studien geftanden ift: die Einwurzelung des
Chriftentums in der Heidenwelt unferer Zeit. Zuerft
befpricht der Herausgeber die Frage: Ift das Chriften-
tum in Indien lebenskräftig eingewurzelt? Nachdem
die Hinderniffe dargeftellt find: das klimatifche, das die
Arbeitszeit der Miffionare fo vielfach befchränkt, das
fozial-ethifche derKafte,die pantheiftifche Grundanfchauung
der Hinduismus, die Gegenmiffion des Islams fowie des
abendländifchen Unglaubens und Libertinismus, werden
die Fortfehritte des Chriftentums ftatiftifch nachgewiefen
und auf die einzelnen Bevölkerungskiaffen verteilt.
Richter vermißt bei aller Anerkennung des Geleifteten
eine eigentlich nationale Gründung des Chriftentums in
Indien und bedauert, daß die Miffionsbewegung mit der
Anglifierung zu fehr parallel gehe. Gewiß wird dabei
mannigfach gefehlt, aber Richters Forderung an die
Miffionare fcheint dem Unterzeichneten im Blick auf die
Kirchengefchichte doch zu weit zu gehen. Das griechifch-rö-
mifche Chriftentum hat jüdifche, das germanifche römifche
Elemente aufnehmen müffen, und die eigentlich nationale
Geftaltung kann doch erft von Eingeborenen in fpäteren
Generationen erwartet werden. D. Graul wird S. 28
als derjenige bezeichnet, welcher die pofitive Seite des
Neuaufbaus einer chriftlichen Lebensordnung auf in-
difchem Grunde faft allein ins Auge gefaßt habe. Allein
deffen Rechtfertigung des Kaftenfyftems innerhalb der
Chriftengemeinden hat doch nicht hindern können, daß

die zu Gemeinden der Leipziger Miffion übertretenden
Heiden von ihren Volksgenoffen ausgeftoßen werden,
und fo wird nur ein Krebsfehaden des indifchen Volkslebens
innerhalb der Chriftengemeinde geduldet. Im
ganzen aber kommt Richter trotz allen Ausftellungen zu
dem Ergebnis: das evangelifche Chriftentum ift in Indien
lebenskräftig eingewurzelt (S. 37). — Die zweite
Abhandlung von P. Berlin befpricht die Einwurzelung
des Chriftentums in Südafrika, wo das evangelifche
Chriftentum fchon eine bedeutende Macht geworden ift
unter den Eingeborenen, fo daß die von den ameri-
kanifch-methodiftifchen Negerkirchen beeinflußte äthio-
pifche Bewegung die farbigen Chriften unabhängig ftellen
möchte gegenüber den Weißen. Gegenüber diefem unreifen
Treiben fpricht der Verf. mehrere Wünfche aus,
deren Erfüllung eine völligere Einwurzelung des Chriftentums
in Südafrika befördern könnte. — Viele Lefer
werden gewiß von der dritten Abhandlung befonders
befriedigt fein, in der Prediger Bechler von Herrnhut
Einzelbekehrung und Volkskirche nach den Erfahrungen
der Brüdermiffion fchildert und zeigt,
wie die Brüdergemeine trotz ihrer eigenen Verfaffung
und ihrem urfprünglichen Vorfatz der Einzelbekehrung
durch die Erfahrungen in der Miffion mehr und mehr
zur Volkskirche geführt worden ift, wie fie dabei nicht
eigenfinnig die Grundfätze ihres Stifters feftgehalten,
fondern den Forderungen der Zeit Rechnung getragen,
dabei aber die Einzelbekehrung als folide Grundlage für
die Volkskirche auch in neuerer Zeit feftgehalten hat.
Man bekommt dabei einen Einblick in den inneren Gang
der Brüdermiffion, wie man ihn fonft nicht leicht findet.
— Der vierte Artikel von Meinhof behandelt die Einführung
des Miffionars in das Volkstum der
Heiden durch die Sprache. Er wünfeht, daß in den
Miffionsfeminaren, wenn die Erlernung der Sprache des
künftigen Miffionsfelds nicht möglich fei, doch wenig-
ftens der Sprachunterricht nach modernen phonetifch-
etymologifchen Gefichtspunkten erteilt werde. — Im
fünften Artikel beantwortet Gar eis die Frage: in wie
weit können die in der heidnifchen Welt ein-
heimifchen Kunftideale undKunftformen zur Einbürgerung
chriftlicher Leb ensformen verwendet
werden? Er beantwortet fie mehr in negativem Sinn
als Grundemann felbft in feinen Miffionsftudien und Kritiken
. — Die fechfle Abhandlung von P. Böhmer:
Wanderungen und Wandlungen einer religiöfen
Formel, fucht mit großer Gelehrfamkeit die Formel:
,Gedanken, Worte und Werke' in der arifchen Literatur
auf und behauptet, der Avefta habe diefelbe zuerft, in
das Chriftentum fei fie erft nach der Zeit des Auguftus
gekommen (S. 223). Man könnte die Abhandlung als
einen Verfuch anfehen die religionsgefchichtliche Methode
ad adsurdum zu führen. Allein es ift dem Verf. Ernft
damit. Ref. kann fich jedoch nicht davon überzeugen,
daß man bei einer fo allgemeinen Formel, auf die das
logifche Denken von felbft führt, überhaupt an eine Entlehnung
aus einem andern Volk oder einer andern Re-
1 ligion denken dürfte. — So find Arbeiten von ver-
fchiedenem Wert in diefer Feftfchrift zufammengeftellt.

Calw. P. Wurm.

Bibliographie

von Lic. theol. Paul Pape in Berlin.
jDeutfche Literatur.

Fifchbach, F., Beiträge zur Mythologie. Leipzig, Teutonia (1906). (IV,

108 S.) gr. 8» M. 2 —

Brockelmann, C, Semitifche Sprachwiflenfchaft. (Sammlung Göfchen

291.) Leipzig, G. J. Göfchen 1906. (160 S.) kl. 80 Geb. M. — 80
Praetorius, F., Über den Urfprung des kananäifchen Alphabets. Berlin,

Reuther & Reichard 1906. (21 autogr. S.) 80 M. 1.60

Lohr, M., Altteftamentliche Religionsgcfchichte. (Sammlung Göfchen 292.)

Leipzig, G. J. Göfchen 1906. (147 S.) kl. 8° Geb. M. —80