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Ausgabe:

1906 Nr. 15

Spalte:

439-441

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Krose, Hermann A.

Titel/Untertitel:

Konfessionsstatistik Deutschlands 1906

Rezensent:

Kattenbusch, Ferdinand

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Theologifche Literaturzeitung 1906 Nr. 15.

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von Pavlov fußt, hat hier auch eigene Studien niedergelegt
. Aus der griechifchen Literatur find folche
sjtEQmxrjöeiq xal äjioxQiöeiq in reichlicher Zahl bekannt.
Götz gibt .die Urtexte der ruffifchen Dokumente mit
deutfcher Überfetzung und erläutert fie fachlich recht
gründlich. Im weiteren bietet er noch 3) eine ,Mahnrede
des Erzbifchofs Elias-Johann von Novgorod'. Auch
diefe Lehrrede verdankt ihre befle Ausgabe und grundlegende
gelehrte Bearbeitung dem verdorbenen Pavlov.
Es ift Konjektur, aber plaufibele, daß fie von dem zweiten
Nachfolger des als Autorität für Kirik auftretenden
Niphon von Novgorod, nämlich dem Bifchof Elias (mit
Mönchsnamen Johann) flammt und 1166 gehalten wurde.
Sie wendet fich an eine Diözefanfynode und ift nicht
fowohl religiöfen oder moralifchen Inhalts, als kirchenrechtlich
unterweifenden. Da fie Berührungen mit den
Fragen des Kirik hat, knüpfen fich auch an fie Kontro-
verfen (befonders mit Bezug auf den ,Elias', der neben
Kirik als ,Fragender' auftritt). Götz greift auch da mit
felbftändiger Ünterfuchung ein. Doch darf ich es unter-
laffen, darauf hier einzugehen.

Göttingen. F. Kattenbufch.

Krofe, H. A., S. ]., Konfeffionsltatiftik Deutichlands. Mit

einem Rückblick auf die numerifche Entwicklung der
Konfeffionen im 19. Jahrhundert. Freiburg i. Br.,
Herder 1904. (XI, 198 S. mit 1 Karte.) gr. 8° M. 3.60

Auf diefes Buch hätte früher, als ich es tue (ich
muß ohne viel Entfchuldigung den Vorwurf auf mich
nehmen), hier hingewiefen werden follen; ich habe es
alsbald nach feinem Erfcheinen in meinem Artikel ,Pro-
teftantismus' in der Realencyklopädie benutzt, dann war es
für mich einigermaßen in den Hintergrund geraten.
Inzwifchen ift ja nun wieder eine neue Volkszählung in
Deutfchland vorgenommen worden, natürlich müffen die
letzten Zahlen und Vergleichsrechnungen jetzt anders
angefetzt werden, aber wahrfcheinlich ergibt das
nicht gerade große wirkliche Verfchiebungen für das
Urteil; vor allem bleiben die guten Formulierungen der
in Frage kommenden Probleme beftehen, die Krofe
bietet, und die der rechten Ausnutzung auch der neuen
Statiftik Dienfte tun werden.

Das Werk will ein Gegenflück fein zu Piepers
trefflichem Handbuch der .Kirchl. Statiftik Deutfchlands',
1899. In zweierlei Hinficht nur ift es davon der Anlage
nach verfchieden. Es verzichtet darauf, ,eine kirchliche
Statiftik im engern Sinne d. h. eine Statiftik der
Kirchen und kirchlichen Anftalten, der Kirchendiener
und kirchlichen Handlungen, zu bringen'; auf katho-
lifcher Seite fehle es dafür in Deutfchland an der
nötigen Grundlage. Es ift in der Tat merkwürdig, wie
wenig relativ der Katholizismus im Unterfchiede vom
Proteftantismus fich der Statiftik annimmt. Krofe beklagt
das. Auf der Katholikenverfammlung in Osnabrück
1901 fei ein Antrag angenommen worden, dahingehend,
daß auch auf katholifcher Seite eine Organifation für
kirchliche Statiftik gefchaffen werden möge, wie fie die
Proteftanten in der Statiftifchen Kommiffion der deutfchen
evangelifchen Kirchenkonferenz befitzen, aber zur Ausführung
jenes Antrags fei es bisher nicht gekommen.
Wohl finde fich in einzelnen Diözefanfchematismen
fchätzbares Material, aber für eine einheitliche, zufammen-
faffende Darfteilung reiche das nicht. Steht alfo mit Bezug
auf innere kirchliche Verhältniffe das Krofefche
Buch gegen das Pieperfche zurück, fo hat es doch, wie
der Verf. auch felbft hervorhebt, auf der andern Seite
den Vorzug, daß es bei der Darfteilung des jetzigen
Standes der Konfeffionen ,viel mehr ins einzelne' geht,
befonders indem es die kleineren Verwaltungsbezirke
berückfichtigt und ferner die numerifche Entwicklung
der Konfeffionen durch den größten Teil des 19. Jahrhunderts
verfolgt. Durch die beiden letzteren Mittel
gelingt es, in dem Buche mannigfach ein lebendigeres,
konkreteres Bild vom Stande und von den Verfchiebungen
im Gebiete der Konfeffionen zu geben. Der Mangel an
ftatiftifchem Intereffe feitens der katholifchen Kirche
wird nicht nur in Deutfchland beobachtet. Aus einem
Auffatze von Kornrumpf, der mir foeben vor Augen
kommt (,Was wir aus der Statiftik der Mifchehen lernen
können' Deutfch-vang. Blätter 1906, Februarheft), entnehme
ich (S. 141), daß das ,Korrefpondenzblatt für den
katholifchen Klerus Öfterreichs' auch darüber klage. Über
die Gründe diefer Erfcheinung wird man fich keine be-
fonderen Gedanken zurechtzumachen haben. Daß die
katholifche Kirche es fcheue, ihre Interna klar zu legen
und der Öffentlichkeit kundzugeben, glaube ich nicht
recht. Hin und her mag ein Bifchof Bedenken diefer
Art haben. Aber auch die Katholiken wiffen, daß die
Statiftik ein Hülfsmittel fozialer Diagnoftik ift und, wenn
fie Schäden offenbar werden läßt, auch die Anregung
bietet, auf Gefundung der Verhältniffe zu dringen. Eine
Vogelftraußpolitik gedenkt der Katholizismus natürlich
nicht zu treiben. Krofe enthält fich übrigens in feinem
Buche aller Unterfuchungen, die das katholifche Intereffe
als folches an die Statiftik anfchließen mag. Er hat in
den ,Stimmen aus Maria Laach' folche Fragen erörtert.
Gegenwärtiges Buch will neutral wiffenfchaftlich fein.

Das Buch zerfällt in drei Teile. Im erften wird
der ,Gegenwärtige Stand der Konfeffionen' dargelegt.
Der Stoff ift in vierzehn Tabellen veranfchaulicht, u. a.
fo, daß die Verteilung der Konfeffionen auch in den
Reichstagswahlkreifen und, wenigftens in Preußen, nach
den Mutterfprachen der Bevölkerung (es giebt 16 folcher!
natürlich handelt es fich zum Teil, fpeziell bei den
Italienern oder Norwegern, um Fremde, die aber vielfach
auf längere Zeit im Lande find) gezeigt wird.

Der zweite Teil behandelt die ,Numerifche Entwicklung
der Konfeffionen im Laufe des 19. Jahrhunderts',
Tabelle XV—XXXV. Für die Zeit vor der Gründung
des Reichs ift das Material nur ungleichmäßig verrechen-
bar. Erft für das Jahr 1822 läßt fich eine Konfeffions-
tabelle für den größten Teil des heutigen Reichsgebiets
herftellen. Eine Gefamttabelle läßt fich dann, da Kon-
feffionszählungen in manchen Bundesftaaten nur äußerft
feiten und in fehr unregelmäßigen Zwifchenräumen ftatt-
fanden, erft wieder für das Jahr 1858 zufammenbringen.
Am 1. Dezember 1871 fand die erfte Zählung für das
neue Reich ftatt. Mit den Volkszählungen in den Jahren
1875 und 1895 war nicht in allen Bundesftaaten eine
Konfeffionszählung verbunden; fomit kommen für Ver-
gleichungen kirchlicher Art nur die Zählungen von 1871,
1880, 1885, 1890, 1900 (jetzt auch 1905) in Betracht.
Vergleicht man die Zählungen von 1871 an, fo ergibt
fich bis 1890 ein ftetiger beträchtlicher' Rückgang der
Katholiken, nämlich von 36,21 Proz. auf fchließlich
35,76 Proz. der Gefamtzahl der Bevölkerung; das bedeutet
, wie Krofe berechnet, daß die Ziffer der Katholiken
von 14869000 in 1871 nicht bloß auf 17675000 in
1890 hätte fteigen müffen, fondern auf 17898000, alfo
während der Periode relativ einen Ausfall von 223000
Seelen repräfentiert. ,1m folgenden Jahrzehnt tritt ein
auffallender Umfchwung in der bisherigen Entwicklung
ein. Der Rückgang des katholifchen Elements kommt
nicht nur zum Stillftand, fondern wird durch ungewöhnliche
Zunahme (1900: 20328000 Seelen) zum Teil wieder
ausgeglichen. Es entfpricht das einer Mehrzunahme von
172000 Seelen gegenüber dem Prozentfatz von 1890'.
Man darf begierig fein zu erfahren, was die Zählung
von 1905 in diefer Beziehung ergeben wird, wahrfcheinlich
ein Beharren, wenn nicht noch eine Steigerung diefer
Tendenz! Sehr intereffant find die Tabellen, die die
i Wachstumsverhältniffe der Konfeffionen in den ,kleineren
j Bezirken' (Provinzen und zumal Kreifen) erkennbar
machen; bei ihnen erft können Reflexionen praktifcher