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Ausgabe:

1906 Nr. 15

Spalte:

436-439

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Götz, Leopold Karl

Titel/Untertitel:

Kirchenrechtliche und kulturgeschichtliche Denkmäler Altrußlands, nebst Geschichte des russischen Kirchenrechts 1906

Rezensent:

Kattenbusch, Ferdinand

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Theologifche Literaturzeitung 1906 Nr. 15.

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wir von dem letzteren hier ganz ab, da er fall aus-
fchließlich aus jenem abgeleitete Weisheit bringt (Rem.
v. Aux. als Ausleg. des Boeth. S. 87—98) und allein
wegen feiner Berückfichtigung des zur Zeit der Tätigkeit
des Johannes in den Hff. des Boethius noch nicht
mit überlieferten Tr. IV (vgl. die Auszüge aus den
Gloffen zu diefem [2.] S. 98—106) beachtenswert ift.
Der bei weitem wichtigere Beftandteil des Buchs ift der
an erfter Stelle genannte Kommentar, der, von Denis
zwar fchon gekannt und der Beachtung empfohlen, von
Rand aber zum erften Male als das geiftige Eigentum
Erigenas ficher erkannt und bewiefen und in handlicher
Ausgabe (S. 28—80) uns vorgelegt worden ift. Die aus
der Tatfache der Abfaffung einer Vita des Boethius
durch Johannes (bei Peiper III, p. XXXII) zu erfchließende
Wahrfcheinlichkeit einer an diefe fich knüpfenden weiteren
Erklärung wird durch eine ganze Reihe von Rand
forgfältig hervorgehobener Kennzeichen und Befonder-
heiten zur Gewißheit erhoben. Insbefondere find die
von R. zwifchen Johannes' Schriften und dem Boethius-
Kommentar unmittelbar gezogenen Parallelen fo über-
rafchend, daß Joh. ohne weiteres als der Verf. des
Kommentars bezeichnet werden darf. Auf die Möglichkeit
, in Heiricus von Auxerre (vgl. S. 83—84) den Verf.
zu fehen, weift R. zwar hin, aber er hebt die entfchei-
denden Unterfcheidungsmerkmale fo fcharffinnig hervor,
daß jene Annahme zur Unmöglichkeit wird. So ergibt
fich denn (S. 18) die erfreuliche Tatfache, daß wir in
dem Kommentar ein bisher vernachläffigtes, weil in
feiner Bedeutung nicht erkanntes Werk des Johannes
Scotus Erigena felbft zu fehen haben, das, für feine
Lebensgefchichte wie Weltanfchauung gleich wichtig, in
den letzten Jahren feines Lebens um 870 in Frankreich,
wohl kurz nach der Erklärung zum Johannes-Evangelium,
verfaßt worden ift. Rands Vermutung, daß Erigenas
Hauptlehre, feine Einteilung der Natur, die er aus Pf.-
Dionyfios entlehnt haben foll, auch etwas durch Boethius'
Behandlung der Natur in Tr. V beeinflußt fei, erfcheint
mir fehr anfprechend. Auf Boethius geht nicht minder
auch der Umftand zurück, daß Johannes keinen folgerichtigen
Realismus lehrt. Durch den Kommentar erfährt
endlich auch der pantheiftifche Zug bei Johannes,
desgl. die Trinitätslehre eine nähere Beftimmung und be-
fondere Wendung, fo daß es fcheint, er habe inbezug
auf letztere, vielleicht aber auch in der Lehre von den
Antipoden, ficher in der vom heiligen Geifte (filioque),
die Ab ficht gehabt, wenigftens einige Teile feiner von
mehreren Seiten als ketzerifch angefochtenen Lehre ein
wenig anders zu faffen und der kirchlichen Anfchauung
feiner Zeit zu nähern. So dürfen wir — was Traube in
feiner Vorrede (S. I—X) mit Recht hervorhebt — in
Erigena mit feinem Kommentar den Vermittler der theo-
logifchen Gedanken des Boethius für das Mittelalter
fehen. Wie eifrig man fich feiner Gloffen bedient hat,
beweift die große Zahl der Hff. Wenn Traube — der
übrigens (S. VIII) die Hff. der Div. nat. des Erigena
unter einem ganz anderen Gefichtswinkel als bisher, d. h.
gewiffermaßen in perfönlicher Beziehung zu dem großen
Geifte, deffen Gedanken fie wiedergeben, zu betrachten
weiß (zu erwähnen wäre noch Cod. Bern. 469 [saec. XII],
der Fol. 1—52 Erigenas Werk ,De divis. nat.' unter der
Auffchrift Liber peri phision enthält) — aus den Gloffen
des Heiricus und Remigius den Schluß zieht, ,daß man
von einer unmittelbaren Schule und Nachfolge des
irifchenMeiftersfprechen darf, fo wäre in diefem Zufammen-
hange noch hinzuzufügen gewefen, daß diefer, von ihm,
wie es fcheint, nur auf das 9. Jahrhundert befchränkt
gedachte, Einfluß Erigenas viel weiter reicht, ja zunächft
ficher bis ins 12. Jahrhundert nachweisbar ift. — Da ift es
der — wie J. A. Endres in feiner Schrift über ,Hono-
rius Auguftodunenfis und das St. Jakobsportal in Regensburg
' (Kempten 1903) geäußert — vielleicht als urfprüng-
lich irifcher Mönch anzufprechende Honorius Auguftodunenfis
(Autun), der einen fehr beträchtlichen
Teil der fünf Bücher von Johannes' Hauptwerk einfach
in fein Werk Clavis physicae hinübergenommen hat, was
Endres zuerft erkannte, in feiner Anzeige meiner,*Schrift
über Erigena (Philof. Jahrbuch 1903, S. 455—456) hervorhob
und in feiner mir bereits in den Aushängebogen
von ihm zugänglich gemachten Schrift: ,HonorinsAugusto-
dunensis, ein Beitrag zur Gefchichte des geiftigen Lebens
im 12. Jahrhundert' (Kempten 1906) ausführlicher nach-
gewiefen hat. Ich felbft habe auf diefe wichtige Tatfache
im Zufammenhange 'mit brieflichen Mitteilungen
Endres' in meinen ,Patriftifchen Beiträgen' (I. Zu Maximus
Confeffor) in der ZfwTh. XLVII (1904), S. 257
—259 aufmerkfam gemacht. — In Rands Veröffentlichung
des Boethius-Kommentars des Johannes fehe ich mit
Freuden den verheißungsvollen Vorläufer einer neuen
Gefamtausgabe der Werke diefes größten mittelalterlichen
Denkers, die ich wiederholt als dringend notwendig
bezeichnet habe, und die jetzt auch Traube (S. X)
mit Nachdruck befürwortet. Dann foll aber auch dasjenige
nicht unbeachtet gelaffen werden, was der ruffifche
Gelehrte Brilliantoff in feinem von keinem abend-
ländifchen Gelehrten bisher genannten oder berückfich-
tigten Werke: ,Der Einfluß der orientalifchen Theologie
auf die occidentalifche in den Werken des Johannes Scotus
Erigena' fchon 1898 (Petersburg — ruffifch) vorgetragen,
und über deffen quellengefchichtlich wichtigfte, mir brieflich
auseinandergefetzte Ergebniffe ich zuerft in meinem
Auffatz ,Zu Scotus Erigena' in der Zeitfchrift für wiffen-
fchaftliche Theologie XLVII (1904), S. 121 —130 Mitteilung
gemacht habe.

Wandsbeck. Johannes Dräfeke.

Götz, Prof. D. Dr. Leopold Karl, KieBo-TIeaepcKiH MoHac-
TtipL KaKt KyabTypiitiH uenTp-L ÄOMOnroatcKofi Poccin.
Das Kiever Höhlenklolter als Kulturzentrum des vor-

mongolifchen Rußlands. Paffau, M. Waldbauer 1904. '
(XXXIV, 242 S.) gr. 8° M. 7 -

üaHflTHBKB /JpeBHe-Pyccxaro KaHonwiecKaro
IIpaBa. Kirchenrechtliche und kulturgefchichtliche Denkmäler
Altrußlands, nebft Gefchichte des ruffifchen Kirchenrechts
. (naBJOB-B, A. C: KypcB LlepKOBHaro PIpaBa,
§ 40—53.) Eingeleitet, überfetzt uud erklärt von Prof.
Dr. Leopold Karl Götz. (Kirchenrechtliche Abhandlungen
. Herausgegeben von W. Stutz. 18. und 19. Heft.)
Stuttgart, F. Enke 1905. (X, 403 S.) gr. 8° M. 15—

Der altkatholifche Theolog in Bonn, dem wir diefe
beiden Werke verdanken, ift literarifch fchon mehrfach
hervorgetreten, meift mit Arbeiten, die der richtigen Beleuchtung
des Ultramontanismus gelten. Sehr willkommen
| ift, daß er feine Kenntnis der flavifchen Sprachen, fpeziell
des Ruffifchen, derkirchengefchichtlichen Forfchung dienft-
bar macht. Einer .Gefchichte der Slavenapoftel Konftan-
tinus (Kyrillus) und Methodius', 1897, läßt er jetzt Studien
über die Chriftianifierung Rußlands folgen. Er plant ein
zufammenfaffendes Werk über ,Chriftentum und Kultur
im Kiever Rußland'. Die beiden oben bezeichneten
Werke find Spezialvorarbeiten dafür; ein drittes, welches
das Verhältnis von Staat und Kirche im ,Kiever Rußland',
d. h. in der erften Periode des chriftlichen Rußlands behandeln
wird, foll fie fortfetzen bezw. als folche zum
Ende bringen. Ich fürchte, es wird bei dem zufammen-
faffenden Werke zu vielen Wiederholungen kommen,
denn die Quellen find dürftig. Schon jetzt trifft man,
befonders in dem erftgenannten Werke, unter verfchie-
denen Rubriken oft ganz auf das gleiche Material, nur daß
mal diefes, mal jenes Moment befonders hervorgehoben
wird, während man noch in der Erinnerung hat, daß die
betreffende Quellenftelle fchon zur Sprache gekommen