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Ausgabe:

1906

Spalte:

409-411

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Allard, Paul

Titel/Untertitel:

Dix leçons sur le martyre, données à l’institut catholique de Paris 1906

Rezensent:

Knopf, Rudolf

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40Q

Theologifche Literaturzeitung 1906 Nr. 14.

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Holzhey verwechfelt den religionsgefchichtlichen Prozeß
mit dem literargefchichtlichen, in dem der erftere fich
widerfpiegelt.

In dem erften Teil feiner Arbeit bietet er nach einer
kurzen Einleitung eine Überfetzung des Lipfius'fchen
Textes der Theklaakten, dem er die wichtigeren Varianten
des Kopten hinzufügt. Die Überfetzung fchließt
fich duchgehends dem griechifchen Text fo eng und
fklavifch an, daß fie (teilenweife ungenießbar wird, z. B.
,fie werden Ruhe empfangen in Ewigkeit der Ewigkeit';
(S. 4) .bitter mit einander ftreitend' (S. 6), .handelte nach
dem Freimut Gottes' (S. 8), .noch einmal nach Falko-
nilla kommt Trauer in mein Haus' (S. 13). Andererfeits
zeiet fie Freiheiten und Verfehen, die ihre Zuverläffig-
keit in bedenklichem Maße beeinträchtigen. Daß ev
(iv?]fi£Uo dvoixxm (c. 23) nicht ,in einem verfchloffenen
Grabe''heißen kann, hätte fchon der Zufammenhang zeigen
follen. ^siXavÖQijOiaq1 (c .25) ift mit .verzagft' viel zu
matt überfetzt. ,LTavXov Igjjret' kann nicht bedeuten
.hatte Paulus im Sinne' (S. Ii), ,xnoö£ö>pav avtrjv Xsaivy
Triy.oa' (c. 28) wird durch den unverbindlichen Ausdruck
wiedergegeben ,band man fie zu (ftatt ,an' od. ,auf)
einer wilden L.' (S. 12), ,sßaXev mvzrjv' wird merkwürdigerweife
umfchrieben ,fie wollte fich hineinftürzen'
(S. 14). Derartige Ungenauigkeiten ließen fich noch mehrere
anführen.

Den hifiorifchen Wert und kirchlichen Charakter der
Akten beurteilt Holzhey im Anfchluß an Schmidt, Har-
nack, Schlau durchaus zutreffend. Dagegen geht er m.
E. etwas zu fchnell und rückhaltlos auf Krügers immerhin
erwägenswerte Vermutung ein, wonach der kürzlich entdeckte
.Brief der Pelagia' ein Stück der Paulusakten wäre.
Der Beweis dafür fcheint mir noch nicht vollftändig erbracht
zu fein, folange nicht zwei Gegeninftanzen befeitigt
find: 1. In dem ,Brief der Pelagia' wird von einem Tierkampf
des Paulus in Cäfarea berichtet, bei dem er mit
einem von ihm getauften Löwen zufammentrifft und ein
Gefpräch hat; eine ähnliche Szene foll nach Nicephorus
Kallifti in den Paulusakten gefchildert fein, nur daß ihr
Schauplatz nicht Cäfarea, fondern Ephefus ift und der
Löwe fich begnügt, fich Paulus zu Füßen zu legen. Nun
ift es gewiß richtig, daß der Verf. der Paulusakten fich
häufig in feinen Motiven und Situationen wiederholt; aber
diefe Wiederholung wäre doch felbft für ihn reichlich
plump. 2. Es ift kaum anzunehmen, daß Tertullian fich
die Gefchichte von dem getauften Löwen hätte entgehen
laffen, wo es ihm doch darauf ankam, die verhaßten
Paulusakten zu diskreditieren, — wenn er fie wirklich
darin gelefen hätte. Bis auf weiteres möchte ich daher
bei der Vermutung bleiben, daß Hieronymus eine Ver-
wechflung unterläuft, wenn er die tota baptizati leonis
fabula unmittelbar an die jceqIoöoi Pauli et Thcclae
heranrückt. Es ift fehr wohl denkbar, daß wie die
Theklaakten fich auch noch andere Stücke aus den
Paulusakten gelöft haben und durch die Phantafie der
wunderfüchtigen Chriftenheit weitergebildet find. Der
.Brief der Pelagia' könnte fehr wohl eine Weiterbildung
der von Nicephorus Kallifti gefchilderten Szene des Tierkampfes
in Ephefus fein.

Dankenswert ift das Verzeichnis der Drucke und Hff.
der Theklaakten, das Holzhey in feinem Anhang III
gibt.

Osnabrück. Rolffs.

All ard, Paul, Dix lecons sur le martyre, donnees ä l'institut
catholique de Paris (Fevrier-Avril 1905). Preface de
Mgr. Pechenard, recteur de l'institut catholique. Paris,
V. Lecoffre 1906. (XXXI, 373 P-) 8° fr- 3-SO

Allard ift fchon durch feine früheren Arbeiten als I
Forfcher auf dem Gebiete der Verfolgungsgefchichte be- j
kannt. Was er im vorliegenden Buche bietet, ift, wie 1

bereits der Titel angibt, eine Reihe von Vorträgen. Als
Sammlung von Vorträgen ift der Band zu beurteilen.
Viel gelehrte Arbeit, die Frucht langen Studiums wird in
angenehmer, klarer Form geboten, mit fehr fpärlicher
Polemik durchfetzt. Auch in der Buchform haben die
Vorträge nur wenig Anmerkungen bekommen, die kurz
find und gewöhnlich nur die genaueren Quellenangaben
und -nachweife enthalten.

Die erften beiden Vorträge zeichnen in der Hauptfache
ein Bild von der Ausbreitung des Chriftentums bis
auf Konftantin, im ganzen zutreffend. Die Ausbreitung
war tatfächlich fehr ftark, zum Teil erftaunlich ftark, wenn
auch A. gelegentlich die Farben zu grell aufträgt und
rhetorifchen Tiraden der Quellen zu rafch glaubt. Der
Schluß des zweiten Vortrags bringt das rege innere Leben
der Gemeinden kurz zur Darfteilung {La nie intense
de l'eglise primitive). Titel des 3. Vortrags ift: La legis-
lation persecutrice. A. unterfcheidet, der üblichen Zweiteilung
entgegen, drei Perioden der chriftenfeindlichen
Gefetzgebung. Die 1. geht bis zum Ende des 2. Jhrh.,
die 2. umfaßt das 3. Jhrh., die 3. den Anfang des 4. Jhrh.
Mommfens Darlegungen über die koerzitive Art des Verfahrens
gegen die Chriften tritt A. entgegen. Er möchte
von Anfang an eine förmliche Gefetzgebung gegen die
Kirche (Edikt bereits von Nero gegeben?) annehmen,
was eine fehr fchwere Hypothefe ift. Die Zeiten der
Verfolgung bemißt A. für das 1. Jhrh. mit 6 Jahren, für
das 2. mit 86, für das 3. mit 80, für das 4. mit 13, ,von
Nero bis Konftantin hielten fich die Jahre der Verfolgung
und die Jahre der Ruhe ungefähr die Wage'. Das find
Zahlen und Angaben, die in ihrer Allgemeinheit ein fal-
fches Bild geben, und die A. felber nicht fo gemeint
haben kann, wie fie klingen. Im 4. Vortrag gibt A. als
die drei .Gründe der Verfolgung' an: das Vorurteil der
Menge; das Vorurteil der Staatsmänner; perfönliche Lei-
denfchaft derKaifer. Die Ausführungen diefes Abfchnitts
fordern am meiden zu kritifchen Bedenken heraus. A.
wird der Größe der Erfcheinung, die die Verfolgungen
darbieten, auch der Größe des Problems, das die chrift-
liche Kirche dem römifchen Staate ftellte, nicht gerecht.
Im 2. Teile des 4. Voitrags ,Die Zahl der Märtyrer', tritt
A. den neueren Forfchungen, vor allem Harnacks, entgegen
(vgl. auch feinen Auffatz in der Rev d. Quest. hist.
Juli 1905, S. 235 fr.). Sehr übertreibend fetzt er die Zahl
der Märtyrer vor Decius hoch an, entgegen den bekannten
ausdrücklichen Quellenzeugniffen, vor allem dem des
Origenes. Der 5. Vortrag handelt von der fozialen Stellung
der Märtyrer (Sklaven, Liberten, niedere Leute, aber
auch Angehörige der höheren Stände, Ariftokraten; Soldaten
), der 6. von den ,moralifchen Proben der Märtyrer'
(Arme und Sklaven, begüterte Leute, Beamten und
Offiziere; Familien- und Verwandtfchaftsbande). Der 7.
Vortrag befchäftigt fich mit den .Prozeffen der Märtyrer';
das Verhör, die verfchiedenen Grade der Tortur, die
Urteilställung werden gefchildert. Der 8. Vortrag bringt
die Darftellung der verfchiedenen .Strafen der Märtyrer':
die Verbannung, die Deportation, die Zwangsarbeit, die
Hinrichtung durch Schwert, Feuer, Tiere, Kreuz. ,Das
Zeugnis der Märtyrer. — Der Wert diefes Zeugniffes'
ift der Titel des vorletzten Vortrags. Die Märtyrer find,
je nachdem fie den erften oder den fpäteren Generationen
angehören, Zeugen erften oder zweiten Grades für
die evangelifchen Tatfachen. Und wie die Märtyrer unmittelbar
auf die Propaganda des Chriftentums günftig
einwirken, kann A. an einigen Beifpielen aus den Quellen
nachweifen. Im 10. Vortrag endlich — ,Die den Märtyrern
erwiefenen Ehren' — fchildert A. die Märtyrerverehrung
der alten Kirche.

Ein abfchließendes Urteil über den Wert abzugeben,
den A.s Buch hat, ift nicht leicht. An den Einzelheiten
ift meift wenig auszufetzen, A. beherrfcht das Material,
und er ift in der Benutzung der Märtyrerakten fehr vor-
fichtig. Das ganze Werk wird aber doch den hiftorifch

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