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Ausgabe:

1906 Nr. 14

Spalte:

408-409

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Holzhey, Carl

Titel/Untertitel:

Die Thekla-Akten. Ihre Verbreitung und Beurteilung in der Kirche 1906

Rezensent:

Rolffs, Ernst

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Theologifche Literaturzeitung 1906 Nr. 14.

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fchen Gemeinden zur Darnachachtung vorlegt. Das hätte
Paulus fich felbftverfländlich nicht gefallen laffen. Aber
es fcheint mir ebenfo felbftverfländlich, daß ein Mitarbeiter
Pauli die Sache nicht in diefem Lichte dar-
ftellen konnte, um fo weniger, als auch der Kern der
Sache unhiftorifch ift. Diefes Kirchengefetz hat den
Zweck, Tifchgemeinfchaft und eheliche Gemeinfchaft
zwifchen geborenen Juden (und zwar gefetzesfreien Juden,
denen aber gewiffe Dinge doch anftößig blieben), und
geborenen Heiden zu ermöglichen; es will alfo die Hin-
derniffe für eine gemifchte Gemeindebildung aus dem
Wege räumen. An eine folche haben aber auch die zur
Verftändigung mit Paulus geneigten Kreife der Urapoftel
nach Gal. 2, 9 nicht gedacht. Das Dekret kann alfo aus
ihrem Kreife überhaupt nicht hervorgegangen fein.

Aus der erften Hälfte der Apoftelgefchichte fei hier
nur die Pfingftgefchichte hervorgehoben. Die Vorftellung,
die der Verf. fich von der Gloffenrede macht, ift doch
zweifellos unhiftorifch, und zwar in folcher Weife, wie
es bei einem Begleiter Pauli undenkbar ift. Er muß
gewußt haben, daß die Gloffenreden nicht ein Reden in
fremden Sprachen war, wie es fich der Verf. der Acta
vorftellt.

Während diefe Marken Verftöße gegen die Gefchichte
es ausfchließen, daß die Acta von einem Mitarbeiter
Pauli verfaßt find, läßt fich m. E. mit Evidenz nachweifen
, daß in der zweiten Hälfte des Buches eine ältere
Quelle von dem fpäteren Verfaffer durch Kürzungen
und Einfchiebe überarbeitet ift. Es find dadurch ,Ün-
ftimmigkeiten' entftanden, deren einige H. felbft S. 80 f.
erwähnt. Sie find aber m. E. zahlreicher und ftärker als
H. anzunehmen fcheint. Auf die wichtigften fei hier
wenigftens kurz hingewiefen. — In der Gefchichte von
der Einkerkerung und wunderbaren Befreiung des Paulus
in Philippi ift 16, 24—34 ganz augenfcheinlich Einfchub.
16, 35 fchließt fich unmittelbar an 16, 23 an. Was dazwischen
liegt: daß Paulus den Gefängniswärter und
deffen Familie durch feine Predigt bekehrt, tauft und
von ihm bewirtet wird, kann fich unmöglich in ein
paar Stunden der Nacht abgefpielt haben, ift alfo ficher 1
unhiftorifch und kann darum auch nicht von dem gerade
damals bei Paulus befindlichen Autor der Wirquelle
erzählt fein. — Bei den Ereigniffen in Theffalonich
heißt es plötzlich 17, 5 ,und fie traten vor das Haus
des Jafon'. Jafon muß in der Quelle vorher erwähnt
gewefen fein, die hier gekürzt ift. — Bei den Verhandlungen
vor dem Prokonful Gallio ift ganz unverftändlich
18, 17, ,alle aber ergriffen den Archifynagogen Softhenes
und fchlugen ihn'. Man weiß nicht, wer die jidvrsg
find und weshalb fie ihn fchlagen; die Unklarheit kann
nur durch Kürzung der Quelle entftanden fein. — In
der Gefchichte der jüdifchen Exorziften zu Ephefus
heißt es plötzlich 19, 16: ,der Menfch.^in welchem der
böfe Geift war, warf fich auf beide' (aftcpoTEQmv, nach
richtiger Lesart). In der Quelle muß vorher von zweien
die Rede gewefen fein. — In der Gefchichte vom Silber-
fchmied Demetrius ift unverftändlich 19, 33: die Juden
fchoben den Alexander vor, der eine Verteidigungsrede
vor dem Volke halten wollte. Man weiß nicht: weshalb
? Denn die Juden find gar nicht angeklagt. Die
Unklarheit kann nur durch Kürzung der Quelle entftanden
fein. — Daß die Verweifung auf das Apoftel-
dekret 21, 25 ,den Verdacht einer fpäteren Interpolation
erweckt', weil fie nicht in den Zufammenhang paßt, erkennt
auch H. an (S. 92). — Völlig rätfelhaft ift bei der
Unterftützung der Nafiräer durch Paulus 21, 27: ,als
die fieben Tage ihrem Ende nahe waren'. Es muß
vorher erwähnt gewefen fein, daß bei dem Eingreifen
Pauli noch fieben Tage bis zum Ablauf der dreißigtägigen
Nafiräatszeit fehlten. — Ein Einfchub ift ficher
die ganze Erzählung von dem erften Verhöre des Paulus
vor dem Synedrium 23, I—II. Die Szene ift nicht nur
voll der gröbften Unwahrfcheinlichkeiten, fondern fie erweift
fich auch durch 23, 15 als Einfchub; denn was hier
erzählt wird, hat zur Vorausfetzung, daß noch keine
Vorführung des gefangenen Apoftels vor das Synedrium
ftattgefunden hat. — In fich widerfprechend find auch
die Angaben über Felix 24,22—23 (günftig) und 24,24—27
(ungünftig).

Diefe Erfcheinungen in ihrer Gefamtheit find m. E.
ein ficherer Beweis dafür, daß in der zweiten Hälfte der
Acta eine ältere Quelle überarbeitet ift. Dem Überarbeiter
gehören wohl auch fämtliche Reden an, die
nicht nur manches Unpaulinifche enthalten, fondern direkt
auch folches, das ein Gefährte Pauli ihm nicht in
den Mund gelegt haben kann. Ich rechne dahin befon-
ders die Behauptung, daß Paulus angeklagt fei wegen
der Auferftehungshoffnung (23, 6) oder wegen der Hoffnung
auf die den Vätern gegebene Verheißung (26, 6).
Der Begleiter des Paulus, der uns die Gefchichte feiner
Gefangennahme fo anfchaulich erzählt, hat gewußt, daß
die Gründe derfelben ganz andere waren.

Obwohl ich mit diefen Bemerkungen nichts neues
fage, glaubte ich doch, fie hier vorbringen zu müffen,
um nicht ohne Begründung meine Überzeugung auszu-
fprechen, daß die Kritik Recht hat, wenn fie trotz der
fprachlichen Einheit der Acta es für eine fichere Tatfache
hält, daß Lukas der Arzt, der Begleiter Pauli,
nicht der Verfaffer des dritten Evangeliums und der
Apoftelgefchichte ift.

Göttingen. E. Schür er.

Holzhey, Lyz.-Prof. Dr. Carl, Die Thekla-Akten. Ihre Verbreitung
und Beurteilung in der Kirche. (Veröffentlichungen
aus dem Kirchenhiftorifchen Seminar München
. Herausgegeben von A. Knöpfler II. Reihe
Nr. 7.) München, J. J. Lentner 1905. (VIII, 116 S.)
gr. 8° M. 2.60

Die Unterfuchung ift unternommen in der Abficht,
,Urfprung, Charakter und Identität der Paulus-Thekla-
Akten, ihre Beurteilung, Verbreitung und liturgifche Verwertung
zu erforfchen'. Das Intereffe des Verfaffers für
feinen Stoff war erregt worden durch ,die bedeutfame
Zufammenftellung der Namen Petrus, Paulus, Thekla
in einem liturgifchen Gebet'. Erft durch Schmidts Veröffentlichung
des koptifchen Textes der Paulusakten
ift er veranlaßt worden, fich mit dem Urfprung und
Charakter der Theklaakten zu befchäftigen. Das prägt
fich noch fehr deutlich in der Art feiner Behandlung
des Stoffes aus. Selbftändig ift er nur im zweiten Teil
feiner Unterfuchung, wo er die Verbreitung der Thekla-
Akten im Orient wie im Okzident auf Grund ihrer Bezeugung
durch kirchliche Schriftfteller, fowie ihrer Einwirkungen
auf die Liturgie verfolgt und den Nachweis
für die Richtigkeit der von mir mehrfach ausgefprochenen
Vermutung erbringt, daß die Acta Pauli befonders in
Rom auf Marken Widerfpruch geftoßen feien (f. Hennecke,
Apokryphen S. 357. Handbuch S. 361. 371. 372). Diefe
Bestätigung meiner Anficht ift mir um fo willkommener,
als Holzhey meine Bemerkungen über diefen Punkt nicht
gelefen zu haben fcheint, da er fie nicht zitiert, alfo
durchaus felbftändig zu dem gleichen Refultat gekommen
wäre. Übrigens ift feine Vorftellung von der Verbreitung
des Theklakultes zu ftark von der Vorausfetzung
beherrfcht, als ob diefelbe bedingt fei durch die
Verbreitung der Paulusakten, während in Wirklichkeit
das Verhältnis umgekehrt gewefen fein dürfte: wo wie
in Rom die Akten entfchieden abgelehnt wurden, konnte
fich der Theklakult natürlich nur fchwer einbürgern,
obgleich er auch dort Eingang gefunden hat; wo man
aber wie in Mailand und Gallien den Theklakult vom
Orient übernahm, da nahm man auch die Akten mit in
Kauf, wenigftens die Theklagefchichte, während man
das übrige ftillfchweigend unter den Tifch fallen ließ.