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Ausgabe:

1906

Spalte:

18

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Frankfurth, Hermann

Titel/Untertitel:

Augustin und die Synode zu Diospolis 1906

Rezensent:

Krüger, Gustav

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Seite 1

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Theologifche Literaturzeitung 1906 Nr. 1.

einmal eine kurze Erwähnung vorangegangener Arbeit -—
Voifin, Loofs —, fehr gefchickt im Texte angebracht;
faft keine Anmerkung, kaum eine polemifche Äuseinan-
derfetzung. Aber es ift nicht zu leugnen, daß man auf diefe
Weife ein plaftifches Bild erhält, foweit es der fpröde
Stoff irgend zuläßt. Auch bin ich natürlich der letzte,
in Abrede (teilen zu wollen, daß die fpezififch untheo-
logifche Art, die Dinge zu behandeln und verftändlich zu
machen, für die reine Gefchichtserkenntnis einen wefent-
lichen Fortfehritt bedeutet. Es ift überaus intereffant,
diefem fich vor unferen Augen vollziehenden Prozeß zu
folgen. Man muß Darftellungen wie die Lietzmanns oder
Eduard Schwartz' Athanafius lefen, um einen vollen Eindruck
zu bekommen, wie weit wir jetzt von der Schreibweife
der Möhler, Dorner, Böhringer, teilweife auch fchon
uns zeitlich viel näher liegender Autoren abgerückt find.
Es wird nicht lange dauern, fo werden die ,klaffifchen'
Philologen, die ja fchon längft auf Beute ausgehen, diefe
Provinz der Kirchengefchichte zu ihrer befonderen Domäne
machen, und unfere jungen Theologen müffen mit ihnen
einen Bund fchließen, wenn fie es nicht fchon getan
haben. Die kleinen Anfangsbuchftaben bei der Recht-
fchreibung der Wörter brauchen fie ihnen dabei nicht
abzunehmen. Dem Schüler Ufeners hält man es natürlich
zugute, wenn er auch in diefem Punkte dem Meifter
gefolgt ift.

Da es fich bei der L.fchen Einleitung um einen
,Wurf handelt und bei feiner Darfteilung Glied um Glied
ineinandergreift — eine ,Kette' juft im entgegengefetzten
Sinn wie die .Ketten', mit denen der Forfcher Lietztnann
fich befchäftigt —, fo läßt fich in eine Kritik der Einzelheiten
nicht eintreten. Auch geftehe ich, daß es mir
erwünfehter ift, diefe Darftellung erft einmal auf mich
wirken zu laffen und fie im Zufammenhang zu erproben,
als fie an irgend einem einzelnen Punkte anzugreifen.
Das findet fich bei der Weiterarbeit. Über feine Stellung
zu ,Quellen und Chronologie' hat L. fich im zweiten Ab-
fchnitt feiner Arbeit ausführlich verbreitet. Sehr erfreulich
und für uns alle beruhigend ift, daß feine unabhängig
von Loofs (Euftathius von Sebafte; f. diefe Zeitung 1899,
684) angeflehte Unterfuchung der Chronologie derBafilius-
Briefe die Loofsfchen Ergebniffe voll beftätigt hat. Von
befonderem Wert ift die eingehende Erörterung der
Gregor-Briefe. In der ,Gefchichte der Überlieferung'
fpielen die Florilegien, wie bekannt, eine große Rolle.
L. fchreibt (S. 96): ,Nun würde es freilich zu den Pflichten
eines Editors des Apollinaris gehört haben, diefe patri-
ftifchen Blütenlefen alle aufzufpüren und fie auf ihre
Verwandtfchaft zu unterfuchen: ich bekenne, daß ich
nicht den Mut habe, diefe neue Aufgabe auf mich zu
nehmen, fo lange die an apollinariftifchem Material unvergleichlich
reichhaltigeren exegetifchen Katenen noch
nicht bis zu einem im großen und ganzen abfchließenden
Refultate aufgearbeitet find'. Das griechifche und fyrifche
Material, das er für feine Ausgabe herangezogen hat, ift
indeffen reichhaltig genug, um die Selbfteinfchätzung des
Autors an diefem Punkt als recht befcheiden erkennen
zu laffen. Ob wirklich noch fehr viel wertvolles bei
eifrigem Spüren herauskommen wird, darf man dahin
geftellt fein laffen. Die Ausgabe felbft ift mit all der
.Akribie' gearbeitet, die dem Philologen aus der Bonner
Schule wohl anfleht. Die fyrifchen Texte find nicht aufgenommen
: Flemming und Lietzmann haben fie in den
Abhandlungen der Göttinger Gefellfchaft der Wiffen-
fchaften (Neue Folge Band 7, Nr. 4, 1904) gefondert
herausgegeben und die entfprechenden griechifchen Texte
hinzugefügt. Neftle hat in der Deutfchen Literaturzeitung
1905 Nr. 21 diefe Ausgabe einer fehr abfälligen Kritik
unterzogen. Gewiß find feine Ausheilungen richtig, und
die Herausgeber werden felbft das Gefühl haben, daß fie
die von Neftle gerügten Fehler leicht hätten vermeiden
follen und können. Andrerfeits brauchten diefe Fehler
auch nicht fo aufgebaufcht und unter Berufung auf

Lagardes Ma ien verdammt zu werden, wie es bei Neftle
gefchehen ift. Gal. 18. :i an den Rand zu fetzen, wo
2. Kor. 11 1 hingehört hätte, ift doch fchließlich kein Staatsverbrechen
.

Auf die Darftellung der Theologie des A. find wir
nach alledem gefpannt. Lietzmann legt großen Nachdruck
auf die Trennung einer dichotomifchen und tricho-
tomifchen Periode in des Apollinaris Gedankenwelt. ,Es
fcheint, als ob die zweite feit alters in der Dogmen-
gefchichte faft allein behandelte Form des Apollinarismus
eine den letzten Lebensjahren des Meifters angehörige
und hiftorifch relativ bedeutungslofe Abfchwächung des
urfprünglichen Lehrtypus darftellte' (S. 163). Hoffentlich
überfpannt L. diefe Thefe nicht. Daß fie Richtiges enthält
, ift gewiß. Auch Voifin hatte übrigens darauf fchon
aufmerkfam gemacht. Es wird fich aber doch fragen
laffen, wie weit es fich um dem Laodizener zum Bewußtfein
gekommene Unterfcheidungen handelt. S. 124, Z. 5
lies 533 ft. 553, und demnach S. 92 Z. 8 wohl 533 ft. 531
(f. Real-Enzykl. 13, 392, 2, wo hinter gewöhnlich' die
Worte ,auf 533' zu ergänzen find).

Gießen. G. Krüger.

Frankfurth, Oberl. Dr. Herrn., Auguftin und die Synode zu
DiofpoÜS. Ofterprogr. des Sophien-Realgymnaliums zu
Berlin, 1904. (35 S.) 40

Im Mittelpunkt diefer fauber durchgeführten Studie
fleht eine eingehende und das Wefentliche gut hervorhebende
Erörterung der Schrift Auguftins de gestis Pelagii
(S. 10—24), an die fich eine kritifche Darlegung deffen,
was über die Synode von Diofpolis aus anderen Quellen
bekannt ift, anfchließt (S. 24—34). Der Standpunkt der
Beurteilung von Auguftinismus und Pelagianismus als der
,Welt des fpezififch Religiöfen und der Welt des Moralismus
' ift auf S. 1 richtig angegeben.

Etwas phrafenhaft dagegen ift der Schluß: ,Auguftin,
der Glaubensfrohe, bettelt als Verftoßener an einer Seitenpforte
feiner Kirche um Einlaß. Aus der Verbannung
aber ilt durch ihr Hauptportal der Rationalift Pelagius
eingeholt worden, um he zu behenfehen, freilich unter
anderen Namen'. Daß Pelagius kein Rationalift war, hat
Frankfurth felbft (f. o. Moralismus) gezeigt — anders
fleht es mit Julian von Eclanum —, und das den beiden
Sätzen zugrunde liegende Urteil über den Katholizismus
ift ungerecht.

Gießen. G. Krüger.

Mentz, Prof. Dr. Georg, Die Wittenberger Artikel von 1536.

(Artickel der endlichen lahr, von welchen die legatten
aus Engelland mit dem herrn doctor Martino gehandelt
anno 1536.) Lateinifch und deutfeh zum erften Male
herausgegeben. (Quellenfchriften zur Gefchichte des
Proteftantismus. Zum Gebrauche in akademifchen
Übungen in Verbindung mit anderen Fachgenoffen
herausgegeben vonjoh. Kunze und C. Stange. Zweites
Heft.) Leipzig, A. Deichert, Nachf. (79S.)gr.8° M. 1.60

Bei feinen Studien zur Biographie des Kurfürften
Johann Friedrich von Sachfen ift Mentz im Weimarer
Archive ein bedeutfamer Fund geglückt: er fand den
dogmatifchen Niederfchlag der Verhandlungen, die von
Januar bis April 1536 zwifchen den Wittenberger Theologen
und einer englilchen Gefandtfchaft gepflogen worden
find, von ihm ,Wittenberger Artikel' benannt. Der (ur-
fprüngliche) lateinifche Text liegt in zwei Abfchriften
vor, die beide nicht ganz vollftändig find, doch werden
fie ergänzt durch ein vollftändiges Exemplar einer deutfchen
Uberfetzung, die gegen den Schluß fich ziemlich
frei von ihrer Vorlage bewegt. Bekannt waren von den
I Artikeln durch Seckendorf {historia LutkertmismiIII, mf.