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Ausgabe:

1906 Nr. 12

Spalte:

352

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Wagner, Wilhelm

Titel/Untertitel:

Der Christ und die Welt nach Tlemens (!) von Alexandrien. Ein noch unveraltetes Problem in altchristlicher Beleuchtung 1906

Rezensent:

Niebergall, Friedrich

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Seite 1

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35i

Theologifche Literaturzeitung 1906 Nr. 12.

352

noch vor dem Jahre 70 gefchrieben haben (S. 69), hat
Johannes feinen zeitlichen Standort ,geraume Zeit nach
der Zerftörung Jerufalems' (S. 70). Denn erft, nachdem
das erfchütternde Gottesgericht über das jüdifche Volk
ergangen war, konnte ein geborener Paläftinenfer fo von
den Juden reden, wie es Johannes tut (S. 71). Die Bezeichnung
Jefu Chrifti als ,Logos' hat mit der alexandri-
nifch-jüdifchen Philofophie nichts zu tun, will vielmehr
befagen, daß Jefus ,der ewige Offenbarer Gottes ift — das
Wort, in dem alles enthalten ift, was Gott der Welt zu
fagen hat — der Mittler aller Offenbarung, der Schöpfung
fowohl wie der Erlöfung' (S. 75 f.). Wer anders erklärt,
,hat ganz vergeffen zu fragen, was Johannes felber mit feinen
Worten fagen wollte' (S. 75, man darf wohl vermuten,
daß doch auch Haußleiter zu feinem angeblich fo naheliegenden
Verftändnis ohne die Hofmannfche Hülfe
nicht gelangt wäre). Die eigentliche Bedeutung des
Johannes-Evangeliums liegt aber in feinem Zeugnis-
Charakter. ,Der Vollbegriff des Zeugniffes durchdringt
das gefamte Johannes-Evangelium'. ,Angefichts der Wucht
des Zeugnisgedankens erkennt man, wie undurchführbar
der kritifche Verfuch ift, den gefchichtlichen Inhalt des
Johannes-Evangeliums zu diskreditieren' (S. 80). Sein
Zeugnis ift nämlich nicht nur das Zeugnis des Evange-
liften, fondern ,Gefamtzeugnis des Apottolats' (S. 80).
,Der Evangelift bringt ein Gefamtzeugnis zum
Ausdruck, für das der Kreis der Zwölfe, oder
wenn man zum Anfang der Gefchichfen zurückgeht, die
fechs zuerft berufenen Jünger eintreten' (S. 80). —Das
war ja auch fchon die Anficht jenes alten Kirchenmannes,
der den ,Kanon Muratori' verfaßt hat. Und damit muß
leider konftatiert werden, daß auch diele Einficht nicht
allzu neu ift.

Göttingen. E. Schür er.

Gebhardt, Sem.-Oberlehr. Lic. th. Dr. phil. Hermann,

Die Abfalfungszeit des Johannesevangeliums. Leipzig,
A. Deichert Nachf. 1906. (IV, 39 S.) gr. 8° M. 1 —

Der Verf. ift durch die Schrift von Wuttig, Das
Johanneifche Evangelium und feine Abfaffungszeit (1897)
zu der Überzeugung gebracht worden, daß das Johannesevangelium
nicht das fpätefte, fondern das ältefte Evangelium
oder doch gleichzeitig mit Markus (S. 37) ift.
Dafür fpricht nach ihm die Nichterwähnung der Zerftörung
Jerufalems (S. 21), und befonders ,die taufrifche,
frühlingshafte Darfteilung' (S. 22). Diefe erklärt fich
nur, wenn der Apoftel ,mitten aus feiner befeligenden
Miffionstätigkeit heraus dies Evangelium gefchrieben hat'
(S. 22), alfo nur bei verhältnismäßig früher Abfaffung. Das
Evangelium ift ,nicht die Spätlingsfchrift eines greifen
Apoltels, fondern viel eher das erfte lebendige Zeugnis
eines in der Miffionsarbeit unter den Heiden noch nicht
allzulange flehenden Apoltels' (S. 23). Da Johannes
.ungefähr um das Jahr 63 oder 64' nach Ephefus (alfo
auf heidnifches Miffionsgebiet) gekommen ift (S. 20),
wird die Abfaffung in die Jahre 65/66 zu fetzen fein
(S. 21). Der Anhang c. 21 ift ein .Nachruf' für Petrus,
unmittelbar nach denen Tode im Jahre 67 abgefaßt (S. 30).

Auf das Verhältnis zu den Synoptikern wird nur
ganz ungenügend (S. 15—17), auf das Verhältnis der
johanneifchen Theologie zur paulinifchen gar nicht eingegangen
. Wer für das äfthetifche Gefchmacks-Urteil
des Verfaffers empfänglich ift, dem wird auch durch
ernfthafte Gegengründe nicht beizukommen fein. Es fei
daher auf Geltendmachung folcher hier verzichtet und
nur noch erwähnt, daß uns der Verf. auch noch mit der
Entdeckung befchenkt, daß in der Miffionspredigt, deren
Niederfchlag das Evangelium ift, fich verfchiedene im
Evangelium noch erkennbare Schichten unterfcheiden
laffen.

Göttingen. _ E. Schürer.

Lembert, Gymn.-Lehr. Raimund, Der Wunderglaube bei
Römern und Griechen. I. Teil. Das Wunder bei den
römifchen Hiftorikern. Eine religionsgefchichtliche
Studie. Augsburg, Literarifches Inftitut 1905. (63 S.)
gr. 80

Diefe Schrift ftellt fich die Aufgabe, die Aus-
einanderfetzung über den Wunderbegriff und befonders
über die biblifchen Wunder durch eine Beleuchtung des
römifchen Wunderglaubens zu fördern. Wenn ihr auch
nach dem privaten Urteile eines Fachmannes kein wiffen-
fchaftlicher Wert innewohnt, kann fie uns Theologen,
ihrem Zwecke entfprechend, gute Dienfte leilten, da fie
klar und überfichtlich mit reichen Zitaten aus römifchen
Hiftorikern die Entwicklung des römifchen Wunderglaubens
vor Augen führt. Gut fcheint mir die Zu-
fammenfaffung S. 62 und 63, nach der drei Zeitabfchnitte
zu unterfcheiden find: in der erften war die Beachtung
der Wunder Staatsangelegenheit und hatte ihr Gebiet
in den auffälligen Erfcheinungen der Natur; nach einer
mit dem Jahre 22 beginnenden, durch griechifchen Einfluß
hervorgerufenen Aufklärungszeit letzte eine neue
Art des Wunderglaubens ein, die, immer nur eine Sache
der einzelnen, alle auffälligen Vorkommniffe des Alltags
als Omina zu deuten fuchte.

Heidelberg. Niebergall.

Wagner, Pfr. Lic. theo!. Wilhelm, Der Chrift und die Welt
nach Tlemens (!) von Alexandrien. Ein noch unveraltetes
Problem in altchriftlicher Beleuchtung. Göttingen,
Vandenhoeck & Ruprecht 1903. (96 S.) gr. 8° M. 2.40

Diefe Schrift weift nach, daß Clemens eine zwie-
fpältige Stellung zur Askefe eingenommen habe. Gegenüber
einer widerkirchlichen überfpannten Enthaltfamkeits-
forderung habe er eine freifinnige Stellung gehabt,
dagegen als platonifch-kynifch-ftoifcher Philofoph und
altkatholifcher Chrift fich über das Wie der Teilnahme
an den Gütern des Lebens fehr eng ausgefprochen. Da
ich den Inhalt nicht nachprüfen kann, muß ich mich
darauf befchränken, die faubere Art der Ausführung und
die klare Darftellung hervorzuheben. Wer dem ethifchen
Problem als folchem nachgeht, wird gut tun, der Einladung
des Untertitels zu folgen, um Werden, Bedeutung
und verfchiedene Begründungen der Askefe an Clemens
verliehen zu lernen.

Heidelberg. Niebergall.

Goltz, Priv.-Doz. Lic. Eduard Freiherr von der, A6yo$
a<»Tri<)ias jrpös xqv icao&fvov (de virginitate). Eine
echte Schrift des Athanafius. (Texte und Unterfuchun-
gen zur Gefchichte der altchriftlichen Literatur. Herausgegeben
von Oscar von Gebhardt und Adolf
Harnack. Neue Folge. Vierzehnter Band, Heft 2a.)
Leipzig, J. C. Hinrichs'fche Buchhandlung 1905. (IV,
143 S.) gr.80 M. 5-

Die kleine Schrift, auf die v. d. Goltz von neuem
die Aufmerkfamkeit der Fachgenoffen lenkt, fleht unter
den Dubia des Athanafius, mit Unrecht, wie Eichhorn
(Athanasii de vüa asceiica testimonia collecta, Halle 1886,
28 ff.) meinte, mit Recht, wie mit den früheren Herausgebern
Batiffol (Rom. Quartalfchr. 7, 1893, 275 fr.) annehmen
zu follen glaubte: er hielt das dem Traktat
vorangeftellte Glaubensbekenntnis für nachathanafianifch
und die im Traktat vorausgefetzte Ethik für verwandt
mit der der zu Gangra (warum v. d. Goltz S. 2, Z. 5 v. u.
die franzöfifche Namensform Gangres druckt, weiß ich
nicht) ca. 370 (in Wirklichkeit ca. 343, auch nicht 340,
wie v. d. Goltz S. 119 meint; vgl. diefe Zeitung 1899,
Sp. 686) verurteilten Euftathianer. Goltz tritt auf die