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Ausgabe:

1906 Nr. 11

Spalte:

340

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Heinzelmann, Wilhelm

Titel/Untertitel:

Deutsch-christliche Weltanschauung 1906

Rezensent:

Zillessen, Alfred

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339

Theologifche Literaturzeitung 1906 Nr. II.

340

Pflichtgebot in einer überindividuellen Ordnung feft zu
begründen.

Völlig neu find endlich die drei Auffätze, die unter
der Rubrik ,Gedanken und Anregungen zur Gefchichte
der Philofophie' zufammengefaßt werden. Von ihnen
trägt allerdings der letzte, der fich mit der ,Gefchichte
der Philofophie im alten Jena' befchäftigt und einzelne
lehrreiche, zum Teil auch erheiternde Epifoden aus der
Vergangenheit der Univerfität mitteilt, vorwiegend, wenn
gleich nicht ausfchließlich, lokales Gepräge. Die beiden
andern aber, die fich in die höchften gefchichtsphilo-
fophifchen Probleme verfteigen, find von allgemeinfter
Bedeutung und geben dem Buch in feiner gegenwärtigen
Form die charakteriftifche Signatur.

Bei aller Anerkennung der fleißigen und glänzenden
Arbeit, die feitens der Gefchichte der Philofophie in den
letzten Dezennien geleiftet worden ift, verlangt Verf. von
ihr doch noch etwas mehr als bloß gelehrte und innerlich
indifferente Berichterftattung oder nur fchwankende
Beurteilung nach rein fubjektiven Stimmungen. Vielmehr
ift eine prinzipielle Stellung zum Gefchehenen,
eine Schätzung und Würdigung desfelben nach umverteilen
, objektiven Maßftäben vonnöten. Eine derartige
Forderung ift aber nicht erfüllbar, wenn unfer Leben
und Tun lediglich der Zeit angehört, und es keinerlei
Gegenwirkung gegen ihren Wechfel und Wandel gibt.
Daher muß vorausgefetzt werden eine Erhebung des
Denkens über die fchwankende und widerfprechende Zu-
ftändlichkeit der Individuen, die ihrerfeits nicht möglich
ift ohne irgendwelche Teilnahme an einem abfoluten und
zeitlofen Geiftesieben'.

Von diefen Prämiffen aus gefehen, erfcheint dann
aber wieder das Wirken der verfchiedenen Philofophen
in neuem Licht, und es ergeben fich eigentümliche
Gefichtspunkte für die Darfteilung und Beurteilung ihres
Schaffens. Der Wert und die Bedeutung hervorragender
Geiftesheroen beruht nicht auf der Fülle des Wiflens,
der kühlen Betrachtung der Wirklichkeit, dem Scharf-
finn der Reflexion, fondern darauf, daß fie in ftetem
Kampf mit dem Gegebenen ,neue Inhalte, Potenzen,
Aufgaben' eröffnet und fich als ,Miterbauer' einer zeitüberlegenen
Geifteswelt erwiefen haben.

Wenn danach die Gefchichte der Philofophie vor
allem die fchöpferifche Tätigkeit und Energie der einzelnen
Denker herauszuftellen hat, fo bildet die Kehrfeite
davon eine forgfältigere Auseinanderfetzung des
Errungenen mit dem Vorhandenen und Beftehenden.
,Nebenaufgabe der Forfchung' ift es deshalb, daß fie in
reicherem Maße als bisher auch die .feineren Formen der
Abhängigkeit' des Philofophen von feiner Umgebung be-
rückfichtige. Es handelt fich etwa um Abhängigkeit von
fich darbietenden Bildern und Vergleichen, von herrfchen-
den Parteien, von längft geprägten Begriffen, von der gebräuchlichen
wiffenfehaftlichen Terminologie und von kur-
fierenden wiffenfehaftlichen Formeln. Zum Schluß verwahrt
fich der Autor gegen den verhängnisvollen Einfluß,
den eine .rationaliftifche Evolutionslehre' vielfach auf die
Geftaltung des Gefamtbildes, auf die ,Gliederung der Er-
fcheinungen' und die .Periodifierung der Gefchichte' ausübt
, indem fie gedankenlos ftets ,die eigene Zeit als den
Höhepunkt der ganzen Bewegung faßt und alles Frühere
fei es geradewegs, fei es durch Gegenfätze hindurch
dem zuftrebend', vorftellt. Mit einem flachen Räfonne-
ment gegen Hegel ift es da nicht getan. ,Wir müffen
mit aller Energie die Konfequenz des Grundgedankens
ziehen, daß alle echte Bewegung zur Wahrheit nicht von
einer Zeit zu einer anderen, fondern von aller Zeit zu
einer zeitlofen Ordnung geht'.

Straßburg i. E. E. W. Mayer.

Heinzelmann, Prof. D. Dr. Wilhelm, Deutfch-chriftliche

Weltanlchauung. Gefammelte Vorträge und Abhandlungen
. Halle a. S., Buchhandlung des Waifenhaufes
1905. (364 S.) gr. 80 M. 5 —

Von diefen, der Jenenfer theologifchen Fakultät gewidmeten
12 Auffätzen find 7 früher in den Jahrbüchern
der K. Akademie gemeinnütziger Wiffenfchaften zu Erfurt,
2 in den Deutfch-evangelifchen Blättern, 1 im Erfurter
Lutherfeft-Almanach und zwei als Separatfchriften er-
fchienen. Der Verf. ftellt fie in drei Gruppen zufammen:
I. ,Die gefchichtlichen Grundlagen der deutfeh-chriftlichen
Kultur' umfaßt die Stücke: Über den deutfehen Volkscharakter
; Die Univerfität Erfurt und der Humanismus;
Über den Proteftantismus als Kulturprinzip der Neuzeit;
Zur Hundertjahrfeier von Schleiermachers Monologen;
Über die Bilderbibeln von Schnorr und Dore. II. ,Die
wichtigften Fragen der deutfeh-chriftlichen Bildung' enthält
die Abhandlungen: Über Bildung und Einfalt; Über
die Erziehung zur Freiheit; Der praktifche Beruf der
Wiffenfchaft und die Erfurter Akademie; Über den
ethifchen Beruf der Kunft. III. endlich feiert Goethe als
Vertreter einer deutfeh-chriftlichen Weltanfchauung in
den Abteilungen: Über Goethes Geniusoden; Goethes
Iphigenie; Goethes Stellung zu den höchften Bildungsfragen
. Dem vorletzten Stück ift ein Nachwort angehängt,
das den Einwänden gegenüber den Menfchen Goethe als
Theiften von dem Künftler-Polytheiften und Naturforfcher-
Pantheiften unterfcheidet.

Es liegt nicht im Intereffe der Lefer diefer Zeitfchrift,
in eine Einzelbefprechung diefer vornehm-populären Auffätze
einzugehen. Der Verf., augenfeheinlich ein Vertreter
einer milden, humaniftifch temperierten Orthodoxie, voller
Anerkennung der modernen theologifchen Arbeit bis zu
Harnack hin, bewegt fich in Stimmung und Gedanken
auf der Linie des Hülsmann-Hollenbergfchen Kreifes. Bei
aller Zurückhaltung vor feiner Perfönlichkeit darf nicht
verfchwiegen werden, daß die ganze Sammlung in
keinem ihrer Teile Ton, Stilifierung und Gedankenauswahl
gymnafialer Feftreden verleugnet, was nicht nur
in einer gewiffen fchulmeifterlichen Pedanterie in formeller,
fondern auch in fachlicher Hinficht in einem leifen Abbrechen
von Spitzen und Retouchieren der Konturen zur
Empfindung kommt. Äußerlich gehört dazu auch der
läftige übermäßige Sperrdruck, der fchon an andern
Stellen gerügt worden ift.

Lobberich (Rheinland). Alfred Zilleffen.

Erklärung.

Die Anzeige meines Judasbriefs' in Nr. 8 (von A. Harnack) fpricht
mir als ngüjxov ipsvöoi; eine ,Thefe' zu, die mir felbft den Brief ,zum
Rätfei' machen müßte. Aber von einer .lediglich »idealen» Zeichnung der
Irrlehrer' fpreche ich weder ausdrücklich noch andeutungsweife. Ich behaupte
nur:

1) Jud ift nicht ,Zug für Zug hiftorifche Kopie der Wirklichkeit',
will .keine hiftorifche Quellenfchrift für die Ketzergefchichte' fein. Das
Schelten, Verurteilen ift ihm die Hauptfache.

2) Die .konkreten Züge' der Irrlehrer befchränke ich durchaus
nicht .wefentlich auf V. 4', fondern nenne V. 4 nur den .Kern' der Schilderung
(die Irrlehrerfchilderung ,/» »««'). Die .Ausmalungen' des V. 4
(als folche bezeichne ich fie) find auch konkret, bringen aber gegen V. 4
nichts wefentlich Neues (.durch kleine Nebenzüge bereichert').

3) Die .tatfächlichen Unterlagen' leugne ich nirgends; nur von V. 5—7.
11—13 (nicht von ,allen übrigen') fage ich, fie feien ,ftark rhetorifch bzw.
homiletifch gefärbt', nicht fie feien ,lediglich rhetorifche ufw. Ausmalungen
'.

Daß ich mit einer durchweg konkret gezeichneten Irrlehrererfcheinung
rechne, beweifen u. a. S. 5f. 7- '5f- 55- 91 f I33fi 146fr.
meiner Schrift, vor allem §§ 3—5 felbft.

St. Peter (Baden). Dr. Friedr. Mai er.