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Ausgabe:

1906 Nr. 10

Spalte:

314-315

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Jordan, Louis Henry

Titel/Untertitel:

Comparative Religion, its genesis and growth 1906

Rezensent:

Troeltsch, Ernst

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Theologifche Literaturzeitung 1906 Nr. 10.

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weiter die durchgängige Verwandelung aller wirklichen
oder vermeintlichen Analogie in Realzufammenhänge,
und ein darauf aufgebautes Syftem der perfö'nlichen
Wirkung auf Dingliches, der dinglichen Wirkung auf
Perfönliches und der indirekten Beeinfluffung durch die
analogifchen Zufammenhänge: das charakterifiert die aus
breiter Induktion erhobenen Gefetze der Primitiven-
Pfychologie. Durch ihre Eingefchloffenheit in diefe
Denkformen find dann aber auch die primitiven Regungen
von Sozialbildung, Recht, Ethik, Kunft und
Religion bedingt; und aus diefen Urformen heraus
erwächft überall erft die vergeiftigte und verinnerlichte
Geftalt diefer Bildungen, wie fie die höheren Kulturvölker
und der moderne Menfch kennt: das Dingliche
wird entgeiftert und das Perfönlich - Seelifche entma-
terialifiert, womit fich zugleich alle Kaufalitäts- und Zu-
fammenhangsbegriffe und mit diefen die Weife der

Die Darfteilung diefer Gedanken ift äußerft durchfichtig
, mit gut gewählten Beifpielen belegt, das Ganze
für den Theologen überaus lehrreich. In der Beobachtung
folcherTatfachen liegen die Wurzeln der ,religionsgefchicht-
lichen Theologie'. Freilich find die tieferen Fragen nach
dem Wefen einer folchen Entwickelung, nach dem Verhältnis
des Religiöfen und des Noch-nicht-Religiöfen oder
Nicht-mehr-Religiöfen in diefen Erfcheinungen, nach dem
Verhältnis bloßer pfychologifcher Durchfetzungs - und
Außerungsform und wirklicher ,Entftehung' des religiöfen
Gedankens damit nicht berührt. Das find Unter-
fuchungen für fich, deren Notwendigkeit freilich gerade
bei folcher Forfchungsmethode immer dringender wird.
Der Verfaffer ift darauf nicht eingegangen und fühlt wohl
überhaupt die darin liegenden Probleme nicht: Statt deffen
gibt er eine fehr lehrreiche Skizze der Bedeutung diefer
Unterfuchungen für die Erforfchung des Chriftentums.

praktifchen Einwirkung auf Natur- und Geiftesleben j Nicht bloß die ftets beachteten hebräifch - jüdifchen

verändert.

Von diefem Gefichtspunkte aus gibt der Verfaffer
feine Skizze des Reinigungsrituals und des Gebets. Das
erftere geht aus von der Idee der Unreinheit und geheimnisvoller
Schädigung des Menfchen, der Gemeinfchaft oder
beftimmter Gegenftände durch Inhärenz eines myfteriöfen
Schädlings, der auch bei rein feelifchen Dingen als etwas
Materielles betrachtet wird. Unrein find Dinge, Vorgänge
und Gedanken, die aus irgend einem Grunde den Eindruck
des Unheimlichen, Gefährlichen oder Ekel und
Grauen Erregenden machen, vor allem was mit Geburt,

Grundlagen und die Einwirkungen hellenifcher Spekulation
, fondern die Einwirkung vor allem auch diefes
alten anthropologifchen Untergrundes ift zu beachten,
und hier ift es vielmehr griechifcher Glaube und Kult,
der auf das Chriflenturn gewirkt hat, als orientalifche
Di nge, eine Thefe, die heute ja auch von der Ufenerfchen
Schule bei uns nachdrücklich verfochten wird, und deren
Durcharbeitung unter allen Umftänden der Religions- und
Dogmengefchichte des Chriftentums ein neues Geficht
geben wird, auch wenn viele heutige Übereilungen wieder
aufgegeben werden follten.

Gefchlechtsreife, Tod und Blut zufammenhängt. Die Heidelberg- To lt-f h

Reinigung ift dann ftets eine Wirkung mit finnlichen j g- roeiticn.

Subftanzen auf finnliche Subftanzen mit allen Vorfichts-
maßregeln gegen Anfteckung und Verbreitung. Religiöfe 1 Jordan, Louis Henry, B.D., Comparative Religion, its genesis

Bedeutung gewinnt das alles erft, wo die Unreinheit mit and gr0wth. With an introduction by Principal Fair-

der Inharenz der unreinen Geifter und die Luftration mit h • JT nn TT n n ..... , „ * .

dem Wirken guter in Verbindung gebracht wird. Von hier j ba,m' U-U"' LL D ' D- Lltt kdtnburgh, T. & T. Clark

aus entwickeln fich die dualiftifchen Religionen, die großen I I9°S- (XX, 668 p.) gr. 8° s. 12 —
Reinigungsgottheiten und fchließlich die ethifch-religiöfe
Reinigungslehre, welche die Unreinheit nur im böfen
Willen und die Reinigung in der Schaffung eines reinen

Dies äußerft umfangreiche und redfelige Buch tritt
für eine neue Wiffenfchaft ein, die Religionsvergleichung
welche der Verfaffer fcharf von der Religionsgefchichte
Herzens durch die Gottheit fieht. Israehtifcher Pro- ] und von der Religionsphilofophie unterfcheidet und zwi-
phetismus und griechifche Ethifierung der Religion haben , fchen beide als Übergang von der einen zur andern
diefen entfcheidenden Schritt vollzogen, dabei aber die alten
anthropologifchen Worte und Formeln beibehalten und
mit ihnen in der Volksreligion immer auch die Refte
des alten Sinnes, der immer wieder einmal ftärker oder
fchwächer durchfehlägt. Wir müffen uns hüten, darin nur
Metaphern zu fehen. Übrigens ift ähnlich wie die religiöfe
Ethik fo auch das von der Gemeinfchaft gehandhabte
Strafrecht aus diefen anthropologifchen Reinigungsgedanken
hervorgegangen.

ähnlich fleht es beim Gebet. Es ift in den Ur-
fprüngen Befchwörung und Befprechung, die einen
Zwang auf die Wirklichkeit auszuüben ftrebt und oft
durch mimifche Handlungen von gleicher Bedeutung
unterftützt wird; ihm liegt das ganze quafi-logifche Kau-
lalitätsfyftem des primitiven Denkens zugrunde. Erft
indem die göttlichen Mächte weit über den Menfchen
wachfen und perfönlichen Charakter annehmen, wird
das Gebet zur Bitte und der Mimus zur Liturgie. Oft
find beide Formen eng verbunden und meift find die
Zwecke folchen Gebetes fehr weltlicher Natur. Das
Gebet als Selbfthingebung an die Gottheit und als Erlangung
innerer feehfeher Kräfte ift erft das Ergebnis
einer ftarken Vergeiftigüng der Religion, die der griechifche
Rationalismus und der hebräifche Prophetismus
vollzogen. Aber immerdar ift unter diefer höheren
Form die niedere geblieben und oft find beide nur
kombiniert. Von hier ift auch die Bedeutung der göttlichen
Namen und Beinamen und die ausführliche Be-
fchreibung des göttlichen Tuns im Gebet zu verliehen;
es find urfprünglich Zwangsmittel oder doch befonders
kräftige Wirkungsmittel.

einordnet L>i«f*> ftegriffsbeftimmung ift ni-ht« WPnigPr

als fcharf, wie überhaupt das ganze Buch durch Mangel
an Schärfe und Beftimmtheit charakterifiert ift. Es foll als
Textbuch für Vorlefungen über die .Einleitung' in diefe
neue Wiffenfchaft dienen, und man denkt mit Schrecken
an die Vorträge, die diefe Breite noch breiter treten
follen. Bei allen Undeutlichkeiten der Begriffsbeftimmung
ift aber doch der begriffliche Hintergrund des Buches
wohl erkennbar; es ift ein auf Sammlung und Generali-
fierung einzelner Daten begründeter Evolutionismus, der
durch Vergleichung die Anfänge und Gefetze, ja womöglich
auch noch das Ziel der Religionsentwickelung feft-
ftellt. Es ift die in der angelfächfifchen Welt populär
gewordene Methode der Spencerfchen Soziologie; und
mit einer dort nicht minder populären Adaptierung diefer
Methode an theologifche Bedürfniffe wird erklärt, daß
diefe Methode dem Glauben an die übernatürliche Offenbarung
Gottes in Chriftus durchaus nicht entgegenftehe,
fondern mit ihm wohl vereinbar fei. Es ift alfo eine
fpekulative Verarbeitung der empirifchen Religionsgefchichte
, die aber nicht felbft Religionsphilofophie, fondern
nur deren Vorbedingung fein foll und daher als felb-
ftändige Disziplin mit eigenen Profeffuren, Lecturers und
Bibliotheken und Anftalten begründet werden foll. Es
ift eine Spekulation ohne fpekulative Idee. An die me-
thodifch-logifche Frage, wie denn diefe vergleichende
Operation und die daraus hervorgehende Gefetzesbildung
erkenntnistheoretifch begründet werden könne und müffe,
ob man Religionsgefchichte ohne Vergleichung treiben
könne, und ob nicht die Gewinnung und Handhabung
eines Maßftabes fchon Religionsphilofophie im eigent-