Recherche – Detailansicht

Ausgabe:

1906 Nr. 9

Spalte:

270-273

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Jevsejev, Ivan

Titel/Untertitel:

Das Buch des Propheten Daniel in der altslavischen Übersetzung 1906

Rezensent:

Bonwetsch, Gottlieb Nathanael

Ansicht Scan:

Seite 1, Seite 2, Seite 3

Download Scan:

PDF

269

Theologifche Literaturzeitung 1906 Nr. 9.

270

die Vielheit verlor'. Diefe Überfetzung verfchleiert aber
den Gebetscharakter des Satzes, der nur gewahrt bleibt,
wenn man die Worte dulcedo non fallax, dulcedo felix et
secura in der Form beläßt, in der fie Auguflin darbietet,
alfo im Vokativ. Dann aber braucht man auch mit den
folgenden Worten et colligens nicht, wie dies freilich die
abzulehnende Überfetzung verlangte, die v. H. dem Vokativen
Satz gab, einen neuen Satz einzuleiten. Denn
jetzt kann man, ohne einem ungefälligen Deutfch Ausdruck
zu geben, in der Konftruktion des lateinifchen
Satzes bleiben, alfo: ,wenn ich mich erinnere (recolens) . . .
und wenn ich mich fammle (et colligens me)1. Nur fo wird
m. E. die von Augunin hier offenbar beabfichtigte Straffheit
der aufeinander bezogenen Momente und der Gebetston
oder hymnifche Charakter des Satzes feilgehalten.
Man kann alfo weder die auffallend wörtliche Überfetzung
der erften Hälfte des Satzes noch die auffallend freie Überfetzung
der zweiten Hälfte gutheißen. Beides war nicht
bloß unnötig, fondern finnverdeckend. Was v. H. zu
diefer Verbindung einer fehr wörtlichen und recht freien
Überfetzung veranlaßt hat, entzieht fich natürlich meiner
Kenntnis. Es mag das Beftreben gewefen fein, gegenüber
früheren Überfetzungen die eigene Selbftändigkeit
zu wahren; es mögen aber auch andere Gründe maßgebend
gewefen fein. Nach diefen Gründen zu fragen,
ift fchließlich irrelevant. Das Entfcheidende ift der Charakter
der Überfetzung. Und was an diefem Satz illu-
flriert werden konnte, begegnet auch anderweitig in der
Überfetzung v. H.s, die keineswegs immer die Gründe für
den harten, wörtlichen Anfchluß an den Text oder ein
weitgehendes, nicht unbedenkliches Abweichen vom Text
erkennen läßt. Dabei mifcht fich aber der im allgemeinen
gewandten Übertragung v. H.s etwas Ungefchicktes bei,
an dem man nicht ftillfchweigend vorübergehen darf.
Auch die Überfetzung des letzten Satzes von I3: ,An
ubique totus es et res nulla te totum capitt', ift korrekturbedürftig
, v. H. fchreibt: ,Oder bift du überall ganz,
aber nichts ift, das dich ganz zu faffen vermag?' Die
Einfchiebung des ,aber' ift nicht bloß unnötig, fondern
bedingt auch innerhalb des Fragefatzes eine ungefüge
Konftruktion. Dem lateinifchen Text fowohl wie dem
deutfchen Sprachgebrauch hätte beffer die Überfetzung
entfprochen: ,Oder bift du überall ganz, und faßt kein
Ding dich ganz?' Zu beanftanden ift auch die Überfetzung
des Satzes: An non opus habes, ut quoquam con-
tinearis, gut contines omnia, quoniam quac imples con-
tinendo implesr (I 3). v. H. überfetzt: ,Oder halt du nicht
nötig, daß etwas dich aufnähme und zufammenhielte, da
vielmehr du alles zufammenhältft, denn was du erhältft,
hältft du zufammen, indem du es erfüllft'. v. H. löft
hier in Widerfpruch mit feiner Vorlage die Frage in eine
Behauptung auf. Nun läßt fich natürlich ein mit quoniam
eingeleiteter Satz wohl im Deutfchen, fo wie v. H.
es getan, durch einen verfelbftändigten, begründenden
Satz wiedergeben; aber nicht in dem vorliegenden Fall.
Denn nach v. H.s Überfetzung würde es fich um eine
ftets gültige Behauptung handeln, während Auguflin zunächst
nur eine im Zufammenhang des Vorangehenden
mögliche Behauptung ins Auge faßt. Die thetifche Behauptung
folgt erft im nächften Satz. Eine unnötige
Abweichung vom auguftinifchen Wortlaut findet fich auch
II 2. Auguflin fchreibt: Scd non tencbatur modus ab animo
usque ad animum, quatenus est luminosus limes amicitiae,
sed exlialabantur' etc. v. H. überfetzt: ,Aber es blieb
nicht bei dem Verkehr von Seele zu Seele; ich überfchritt
das helle Reich der Freundfchaft, aus dem Schlamm der
Begierden . . . fliegen Nebel auf'. Durch v. H.s überfetzung
wird die beabfichtigte enge Beziehung des mit
quatenus anhebenden Satzes zum vorhergehenden gänzlich
befeitigt. Dies hat zur weiteren Folge die Einführung eines
von Auguflin nicht gegebenen Bildes (uberfchreiten) und
die Zerftörung der Antithefe (sed) gerade dort, wo fie
Auguflin beabfichtigt hat.

Wenn v. H. den Anfang von I4 überfetzt: ,Was ift
alfo mein Gott?', fo folgt diefe Überfetzung dem Text,
den Knöll bietet: Quid est ergo dexa mens? Ich würde
aber doch die mannigfach bezeugte Lesart: quid es ergo,
deus meusp, vorziehen. Denn Auguflin redet im dritten
und vierten Kapitel feinen Gott ftets direkt an, müßte
alfo, was nicht wahrfcheinlich ift, nach der von v. H.
akzeptierten Lesart ohne erfichtlichen Grund die ora-
torifche Form verändert haben. Wenn aber v. H. V 10
(CESL 108, 7) die Lesart confusiones, die Knöll wiederum
aus feinem Sessorianus in den Text aufnahm, fich aneignet
, fo lehnt er fich an einen zweifellos falfchen Text
an. Es ift natürlich mit der großen Mehrzahl der Hand-
fchrilten und Ausgaben (vgl. die textkritifche Anmerkung
Knölls) confessiones zu lefen. Die Haltlofigkeit der Lesart
Knölls gibt auch v. H. felbft zu erkennen, indem er überfetzt
: ,Wenn . . . deine . . . Söhne diefes Bekenntnis
meiner Wirrniffe lefen'. Statt diefe Umfchreibung eines
verderbten Textes zu geben, hätte er es einfacher gehabt,
von der Knöllfchen Lesart fich zu emanzipieren und dem
richtigen Text der früheren Ausgaben zu folgen.

Doch ich breche ab. Das Gefagte wird genügen,
um das Urteil zu motivieren, daß nicht nur eine größere
Referve gegenüber dem Texte Knölls wünfchenswert gewefen
wäre, fondern daß auch bei aller angeftrebten Ge-
wandheit des Ausdrucks und bei aller Fähigkeit, dies
Streben zu verwirklichen, doch auffallende, durch einen
unbegründeten engen Anfchluß an den Originalwortlaut
verurfachte Härten vorkommen, um fofort wieder von
einer fachlich nicht unbedenklichen, recht freien Überfetzung
fich ablöfen zu laffen, fo daß an manchen Stellen
ein unliebfames Gemifch von Gebundenheit und Freiheit
entfteht. Eine kurze Einleitung ift der Überfetzung voran-
gefchickt. Sie bietet eine knappe Charakteriftik der Kon-
feffionen und eine gedrängte Schilderung der Entwicklung
Auguftins. Daß hier v. H. nicht allfeitige Zuftimmung
erwartet, deutet er felbft an (S. 18). Ich darf aber vielleicht
gerade deswegen darauf verzichten, meine Differenz
hervorzuheben, zumal ich felbft gelegentlich an anderm
Orte meiner Auffaffung Ausdruck gegeben habe, und es
ohnehin im Rahmen einer kurzen Anzeige kaum möglich
ift, die Differenz zu begründen. Warum v. H. ftets
Monica und nicht Monnica fchreibt, erfährt der Lefer
nicht.

Kiel. Otto Scheel.

Jevsejev (Evseev), Ivan, Das Buch des Propheten Daniel
in der altilavifchen Überfetzung. Einleitung und Texte.
Ausgabe der Abteilung für ruffifche Sprache und Literatur
der kaiferlichen Akademie der Wiffenfchaften.
(Hsaffi EßcleBT,, Kimra npopoi<a ,Zhi!iiii.xa dt, Apemie-
cjianaucKoMT, nepeBo;rE. Ha^anic o'iyrlüieiiiH Pyccxaro
>i3tii<a h cjobcchocth HMnepaTopcKoii Ai<aAeMiii IlayKT?,).
Moskau 1905. (XC, 183 S.) kl. 8° Rub. ^.so

Vorab für die Erkenntnis der flavifchen Literatur
ift die Feftftellung der Geftalt des urfprünglichen alt-
flavifchen Bibeltextes fehr wichtig. Zum Ziel ift jedoch
die Forfchung in diefer Hinficht noch lange nicht ge-
v?ngt> fodaß auch über den Umfang der anfänglichen
Überfetzung die Anfchauungen noch weit auseinandergehen
. Gut orientiert über die Arbeit auf diefem Gebiet
die Abhandlung von V. Jagic ,Zur Elntftehungsgefchichte
der kirchenflavifchen Sprache' (1900) in den Denkfchriften
der Wiener Akademie der Wiffenfchaften, philofophifch-
hiftorifche Klaffe Bd. 47; fleht doch Jagic felbft bei
diefer Arbeit in erfter Linie. Sehr energifch hat fich
nun auch der Verfaffer der vorliegenden Schrift an der
Erforfchung des urfprünglichen altilavifchen Bibeltextes
zu beteiligen begonnen, indem er namentlich die bisher
ftark vernachläffigte Aufgabe zu löfen in Angriff nimmt,
diehandfchriftliche Überlieferung der erften Überfetzungen