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Ausgabe:

1906 Nr. 9

Spalte:

267-270

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Hertling, Georg Freiherr von (Übers.)

Titel/Untertitel:

Die Bekenntnisse des heiligen Augustinus. Buch I - X 1906

Rezensent:

Scheel, Otto

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Theologifche Literaturzeitung 1906 Nr. 9.

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ftinifch diefelbe Schrift, die auch die Sacr. par. und Prokop
als juftinifch benutzen. Aber A. verhehlt fich die
Schwierigkeit nicht, die fich für ihn herausftellt, wenn
er es verfucht, das große Fragment bei Methodius (in
deffen Abgrenzung er Zahn folgt) in die Lücken der vier
Fragmente einzufchieben.

Die Löfung der wichtigen Frage, ob die Schrift:
Über die Auferftehung, von der Eufeb und Hieronymus
fchweigen, wirklich von Juftin herftammt, erwartet A.,
wie andre vor ihm, von dem genauen Vergleich der
erhaltenen Fragmente mit den ficher echten Schriften
Juftins.

Marburg i. H. Rudolf Knopf.

Die Bekenntniffe des heiligen Auguftinus. Buch I—X. Ins
Deutfche überfetzt und mit einer Einleitung verfehen
von Georg Freiherrn von Hertling. Freiburg i. B.,
Herder 1905. (VIII, 519 S.) kl. 8° M. 2.30; geb. M. 3 —

Zu den vielen, bereits vorhandenen Überfetzungen
Auguftins hat v. Hertling eine neue hinzugefügt. Lieft
man feine Überfetzung, ohne den lateinifchen Text daneben
zu legen, fo wird man im allgemeinen ihre poeti-
fche und fprachliche Kraft nicht in Abrede ftellen können.
Das ließe fich u. a. an II 2 illuftrieren. Hier hat er es
verftanden, das Temperament und die plaftifche Kraft
der auguftinifchen Diktion wiederzugeben, einen Eindruck
zu vermitteln von den mächtigen Wellen und Wogen,
die im Rückblick auf die hinter ihm liegenden Tage
feine Seele erregen. Es foll v. Hertlings Verdienft nicht
dadurch gefchmälert werden, daß es bereits vor feiner
Überfetzung gute deutfche Überfetzungen gegeben hat,
die wie diejenige Bornemanns — um nur diefe eine zu
nennen — um eine eindrucksvolle Wiedergabe der bild-
nerifchen Kraft, der Leidenfchaftlichkeit und Innigkeit,
des unruhigen Haftens fowohl wie der feiig ausruhenden
Kontemplation des auguftinifchen Textes fich bemüht
haben, v. H. unterfchätzt offenbar den Wert der vorangegangenen
Überfetzungen, wenn er mit der kurzen Bemerkung
: ,die Vergleichung einiger von den vorhandenen
Überfetzungen beftätigte mir, daß ein erneuter Verfuch,
das Buch des großen lateinifchen Kirchenvaters dem Ver-
ftändnis deutfcher Lefer nahezubringen, nicht von vornherein
als überflüffig bezeichnet werden muß' (VII. VIII),
über fie hinweggeht. Er felbft begegnet fich mehrfach im
Ausdruck, auch dort, wo es fich um eine gleichfam fchöpferi-
fche Übertragung des Textes handelt, mit Bornemann.
Damit foll kein Vorwurf begründet fein. Der Überfetzer
hat das Recht, einen glücklichen und treffenden Ausdruck
einer vorangegangenen Übertragung aufzugreifen;
und eine minutiöfe und kritifche Rechtfertigung oderVer-
weifung lag außerhalb des Rahmens der Aufgabe, die
fich v. H. geftellt hatte. Aber der Dienfl der bereits
vorliegenden Überfetzungen und die gelegentliche Abhängigkeit
von ihnen mindert nicht die eigene Leiftung.
Denn bei einem Schriftfteller, wie Auguftin es gewefen
ift, bedeutet jede Überfetzung, die das Kolorit des Originals
wahren will, ohne doch der eigenen Sprache Gewalt
anzutun, eine felbftändige Leiftung, die feines Nachempfinden
und reges Miterleben vorausfetzt, und darum
Gelegenheit zum Lernen gibt. Daß v. H. die eben angedeutete
Abficht gehabt hat und über die Fähigkeiten
verfügt, fie durchzuführen, deffen wird jeder inne, der
feine Überfetzung mit dem Original fowohl wie mit
früheren Überfetzungen vergleicht. Ob der Umftand
freilich, daß er außerdem in der Lage war, feiner Arbeit
eine neue Textrezenfion, diejenige Knölls, zugrunde zu
legen, einen Vorzug bedeutet, foll hier nicht unterfucht
werden. Wer Knölls Ausgabe der Konfeffionen kennt,
wird den von v. H. vollzogenen Anfchluß an diefe Ausgabe
nicht unbedingt als einen Vorzug anzufprechen geneigt
fein. v. H. hat auch mehrfach fich von Knölls
Textgeftaltung frei machen müffen. In die Überfetzung

ift auch noch das zehnte Buch aufgenommen, das Bornemann
ausgefchloffen hatte, weil es ,eine lehrhafte und
für den Laien der Gegenwart weder leicht verftändliche
noch befonders unterrichtende Darftellung der Anfchau-
ungen' enthält, ,denen Augufiin, als er feine Bekenntniffe
niederfchrieb, . . . huldigte' (Bibliothek theol. Klaffiker
Bd. 12 S. XVIII). Mir erfcheint das zehnte Buch, das
voll Lob und Dank gegen Gott auf die Vergangenheit
zurückblickt, — der Grundton, den Auguftin auch in den
Retraktationen wieder anfchlägt — nicht ganz fo bedeutungslos
, v. H. durfte mit Grund den neun erften
Büchern auch noch das zehnte folgen laffen.

Trotz des Gefagten befriedigt v. H.s Überfetzung
nicht ganz, oder um mich weniger fcharf auszudrücken,
tauchen bei feiner Überfetzung hin und wieder Bedenken
auf, denen Ausdruck gegeben werden muß. Denn fo
gewandt auch v. H. zu fchreiben verfteht, fo wenig er
im ganzen gewillt ift, eine im fchlechten Sinn wortgetreue
Überfetzung zu liefern, ift er doch mehrfach auffallend
abhängig von feiner lateinifchen Vorlage, auch dann, wenn
er kurz vorher und gleich darauf recht (tark vom Wortlaut
fich emanzipiert. Wenn er I 5 die Worte per miserationes
tuas überfetzt: ,um deiner Erbarmungen willen', fo ift das
freilich wortgetreu; dem deutfchen Sprachgebrauch hätte
es aber beffer entfprochen zu überfetzen: ,um deines Erbarmens
willen' oder ,bei deinem Erbarmen', v. H. hätte
um fo eher eine folche Überfetzung bevorzugen dürfen,
als er den vorangegangenen Satz recht frei wiedergibt,
auch die bald darauf folgenden Worte: die mihi, ut au-
diam in den kurzen Satz zufammenfaßt: .Sprich vernehmlich
'. Unnötig war es auch, die Worte noli abscondere (I 5)
mit: ,wolle nicht verhüllen' zu überfetzen. Das dürfte ungewandt
fein. Das einfache und richtigere ,verhülle nicht'
entzieht der Bitte Auguftins keinen Gedanken. Wenn aber
II 1 die Worte amore amoris tui überfetzt werden: ,aus Liebe
deiner Liebe', fo erfchwert hier die wortgetreue Wiedergabe
das Verftändnis. Hält v. H. die nächftliegende und durch
den Zufammenhang geforderte Überfetzung: ,aus Liebe
zu deiner Liebe' für falfch, fo hätte er fchreiben müffen:
,aus der Liebe, die deine Liebe erweckt', oder er hätte
irgend eine andere Umfchreibung des Genetivs geben
müffen; die wörtliche Überfetzung war hier unmöglich.
Daß in den folgenden Worten: recolens vias mcas ne-
quissimas in amaritudine recogitationis meac bei dem
von v. H. vorgezogenen engen Anfchluß an die Worte
Auguftins ,meae' ausgefallen ift, foll nicht weiter bean-
ftandet werden. Bei wörtlicher Wiedergabe würde die
Aufnahme des meae in der Tat hart lauten. Eine freiere
Bildung hätte allerdings auch noch das meae zu feinem
Recht kommen laffen.

In auffallendem Kontraft zu der eben gegebenen,
fich eng an den lateinifchen Wortlaut haltenden Überfetzung
läßt v. H. den folgenden Worten Auguftins
eine lehr freie Überfetzung zuteil werden. Hier aber
kann man diefe Freiheit nicht gerade willkommen heißen.
Denn fie gibt ein falfches Gedankenbild. Der ganze Satz
lautet: amore amoris tuae facio istuc (istudr), recolens vtas
meas nequissimas in amaritudine recogitationis meae, ut
tu dulcescas mihi, dulcedo non fallax, dulcedo felix et
secura, et colligcns me a dispersione, in qua frustatim dis-
cissus sum, dum ab uno te aversus in multa evanui. Es
foll v. H. gern eingeräumt werden, daß der lateinifche
Satzbau dazu verleitet, in der deutfchen Wiedergabe den
Originalfatz zu zerfchlagen. Diefe Zerfchlagung müßte aber
dann bei dem dem erften Partizipium recolens korrefpon-
dierenden et colligens ftattfinden. v. H. aber überfetzt:
Aus Liebe deiner Liebe tue ich es, daß ich in der
Bitterkeit des Wiedergedenkens den Pfaden meiner großen
Nichtswürdigkeit nachgehe, damit ich umfomehr deine
Süßigkeit empfinde. Denn deine Süßigkeit trügt nicht,
fie fchließt Glück und Sicherheit ein. Ünd fammeln will
ich mich aus meiner Zerftreuung, da ich haltlos mich
verzettelte und abgekehrt von dir, dem Einen, mich an