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Ausgabe:

1906 Nr. 8

Spalte:

239-241

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Balmer, Hans

Titel/Untertitel:

Die Romfahrt des Apostels Paulus und die Seefahrtskunde im römischen Kaiserzeitalter 1906

Rezensent:

Schürer, Emil

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Theologifche Literaturzeitung 1906 Nr. 8.

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als von feinen deutfchen Vorgängern durchdacht und I Kritiker richtig fcheinen dürfte (S. ioiff.), während anbefolgt
ift, vor allem den Kontakt mit der Umwelt. Über j dererfeits der Bericht über das Judaifieren Pauli c. 21
das Mehr oder Weniger der Semitismen lind die Akten i fcharf kritifiert wird (S. 114f.). Die ganze Darfteilung
ja noch nicht gefchloffen; eine große Anzahl von Miß- zeigt, daß der Verf. nicht theologifche Lefer im Auge
verftändniffenrührtbeifrüherenExgeten vondemÜberfehen | hat fondern intereffierte Laien, welchen er ein mit großer
der Tatfache her, daß die volkstümliche Sprechfprache im Wärme entworfenes Bild von dem Wirken des großen
Griechifchen und im Nichtgriechifchen viele Gemeinfam- J Heidenapoftels zeichnet. — Ein zweiter Teil (S. 125 —
keiten hat, daß alfo manche dem attiziftifchen Gymnafiums- ; 266) behandelt ,die Seefahrtskunde im römifchen Kaifer-
griechen und Hebraicumshebräer auffallenden Wendungen, ! Zeitalter'. Hier ift Breufing, zu welchem Balmer auch
die er triumphierend als Semitismen auffpießt, nicht immer i perfönlichc Beziehungen hatte (S. 20—22), dankbar be-
Semitismen, fondern oft internationale Vulgarismen find, nützt, namentlich foweit es fich um Bau und Ausrüftung
welche die Ifolierung der ,neuteftamentlichen' Philologie | des Schiffes handelt. Viel ausführlicher als bei Breufing

nicht rechtfertigen.

Treffliche Indices (nur der griechifche ift zu befchei-
den; ich bitte um Notierung aller behandelten oder auch
nur geftreiften Wörter und Formen) faffen den Ertrag

werden aber die geographifchen und aftronomifchen
Kenntniffe der Alten, infofern fie zur Ausrüftung des
Seefahrers gehörten, behandelt (S. 209—266). Offenbar
ift der Verf. in diefen geographifchen Dingen befonders

der Prolegomena bequem zufammen: das Verzeichnis der zu Haufe. — Der dritte Teil, etwa die Hälfte des
benutzten Papyri und Infchriften zeigt die große Belefen- Buches umfaffend (S. 267—513), ift der ,Romfahrt' des
heit des Verfaffers und geftattet auch das Neue Teftament Paulus gewidmet. Als Grundlage dient S. 30—43 ein
für die Papyrusforfchung und Epigraphik nutzbar zu Abdruck des griechifchen Textes (mit Varianten) und
machen. Wohltuend ift die Akribie des Druckes und die eine zur Seite gefetzte deutfche Überfetzung von Act.
fchöne Ausftattung, beklemmend bloß das Lob eines c. 27—28, welche ebenfalls den Einfluß Breunings verrät,
Deutfchen, der zufällig an die Papyri geraten ift und nur daß diefer fich auf c. 27 befchränkt. Es wird an
dort gefehen hat, was natürlich jeder andere auch ge- Breufing S. 27 getadelt, daß er Myra mit Limyra ver-
fehen hätte. wechfelt und c. 27, 8 der falfchen Lesart Alaffa ftatt
Heidelberg. Adolf Deißmann. Lafaia folgt. Aber der Anfchluß an ihn ift doch ein
____ ziemlich enger. Auch Weizfackers Lberfetzung wird für

_ . n „ _. „ . . . c. 28, 17 ff. unverändert übernommen, obwohl fie für

Balmer, Dr. Hans, Die Romfahrt des Apoftels Paulus und einzelne Stellen von c. 27 ,betrübend finnftörend und

die Seefahrtskunde im römifchen KaiTerzeitalter. Bern- | fehlerhaft' genannt wird (S. 27). Im Vergleich zu Breu-

Münchenbuchfee, E. Sutermeifter 1905. (520 S. m. j Gngs Kommentar geht derjenige Balmers erheblich mehr

zahlreichenTextilluftrationenundKarteneinlagen.)gr.8° in die Breite: die Situationen werden ausgemalt, Parallelen

AufftarkemMafchinenpapier, geb. M. 10.80; auf Hand- "nd Analogien aus fpäterer Zeit reichlich herangezogen

*■ 10 pr / wi r>r.' 1 j t onrrpn rhpm iph r 1 f v/pron rhan iphnnrr tut

papier, geb. M. 14 —

Lange Zeit hindurch war das Buch des Engländers
James Smith, 77/^ voyage and shipwreck of St. Paul,

Der Zweck ift augenfcheinlich die Veranfchaulichung für
weitere Kreife und für Lefer, welche nicht ein gelehrtes
Intereffe verfolgen. Im ganzen Kommentar kommt kein
griechifches Wort vor, überhaupt wird keine eigentliche

London 1848 (4. Aufl. 1880) der einzige genauere und | Auslegung des Textes gegeben fondern eine Befchreibung
fachkundige Kommentar über den koftbaren Reifebericht der Vorgänge. Dies Alles ift bei Breufing anders: diefer
Act. 27—28. Im J. 1886 erfchien dann als würdiges deut- fchließt fich eng an den griechifchen Text an, erklärt
fches Seitenftück: Breufing, Die Nautik der Alten, diefen Wort für Wort in philologifcher Weife mit Heranweiches
in feinem Schluß-Abfchnitt S. 142—205 ebenfalls Ziehung reichlicher Belege aus griechifchen und römifchen
eine forgfältige. überall die kundige Hand des .Direktors Autoren zur Begründung der fprachlichen und fachlichen
der Seefahrtfchule in Bremen' verratende Erklärung des Erläuterungen. Plier wird alfo das gelehrte Material in
manche Rätfei bietenden Berichtes gab. Einige kürzere reicher Fülle gegeben, welches bei Balmer faft völlig
Arbeiten folgten: Goerne, Der Schiffbruch des Ap. P. fehlt. Für gelehrte Zwecke find wir demnach auch jetzt
vom feemännifchen Standpunkt erläutert (Neue kirchl. j noch fo gut wie ausfchließlich auf das treffliche Werk
Zeitfchr. 1898, S. 352—375) und Corazzini, Ancora del von Breufing (und deffen Vorgänger Smith) angewiefen.
viaggio di S. Paolo etc. {Rivista Marittima 1899, Auguft, ! Balmer verfolgt andere Zwecke und hat einen andern
13 S.). Nun erhalten wir ein Werk von 520 Seiten über Leferkreis im Auge. Immerhin ift es trotz der populären
denfelben Gegenftand. Da ift die Hauptfrage: wie ver- Form der Darfteilung von Wert, zu fehen, wie ein fachhält
es fich zu feinen Vorgängern und welchem Zwecke kundiger neuerer Bearbeiter in Einzelfragen fich zu feinen
will es dienen? Vorgängern ftellt. Denn darüber kann kein Zweifel fein,
Dtr Verf. fagt uns in der Einleitung, daß er vor daß auch Balmer aufs gründlichfte orientiert ift und für
etwas mehr als einem Vierteljahrhundert nach mehr- j fein Urteil Beachtung beanfpruchen darf,
jährigem Seedienft in die Heimat zurückgekehrt fei. Auch Ob er in Einzelfragen da, wo er von Breufing aber
ift alfo, wie Breufing, durch das feemännifche Intereffe weicht, überall im Rechte ift, fcheint mir . allerdings
auf den Bericht der Apoftelgefchichte geführt worden. I zweifelhaft. Die ,Gürtung' des Schiffes zum Zweck der
Aber im Zentrum feines Buches fleht doch nicht, wie bei j Sicherung im Sturm 27, 17 betrachtet Breufing S. l7off.
Breufing, die Nautik, fondern der Apoftel Paulus. In ; als eine Gürtung in horizontaler Richtung über der
einem erden Teile (S. 45 —124) gibt er eine Darfteilung Wafferlinie, Balmer S. l6off. als eine Quer-Gürtung in
des Lebens und Wirkens Pauli überhaupt. Der Stand- ! vertikaler Richtung, um den Kiel herum. In diefem Falle
punkt ift gegenüber der Apoftelgefchichte ein gemäßigt ; dürfte eine lichere Entfcheidung fchwer zu geben fein,
kritifcher. Im Umgang mit Prof. Ed. Langhans ift der j Dagegen glaube ich, daß Breufing das Richtige getroffen
Verf., offenbar von konfervativen Anfchauungen aus- j hat mit der von ihm S. 177fr. zuerft gegebenen Deutung

gehend, ,in eine neue Anfchauungswelt über die Ur
gemeinden und den Heidenapoftel felbft eingeführt worden
' (S. 23). Die Abfaffung der Apoftelgefchichte fetzt
er erft in die erfte Hälfte des zweiten Jahrhunderts
(S. 54); die Quellen feien vom Verfaffer im Geilte feiner

des fchwierigen xaXaCavt£q rb öxevoq in demfelben Verfe
(27, 17). Er verlieht darunter das Herablaffen eines
Schlepp-Ankers, der nicht in den Boden eingriff, aber
den Lauf des Schiffes hemmte, fo daß es nicht zu weit
abgetrieben werden konnte. Balmer (S. 350ff.) verlieht

Zeit überarbeitet. Dabei wird aber doch dem Bericht es im Anfchluß an Smith vom Setzen eines Sturmfegeis
der AG über das Apoftelkonzil ein ftärkeres Vertrauen | — Auf einen Punkt, in welchem Breufing und Balmer
entgegengebracht, als es der Mehrzahl der theologifchen übereinftimmen, möchte ich hier noch aufmerkfam ma-