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Ausgabe:

1906

Spalte:

218-219

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Achelis, E. Chr.

Titel/Untertitel:

Der Dekalog als katechetisches Lehrstück 1906

Rezensent:

Bassermann, Heinrich

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21/

Theologifche Literaturzeitung 1906 Nr. 7.

218

die pfychographifche, die man wieder auf Gegenwartsreligion
fowie auf die Religion der Vergangenheit beziehen
kann. Für die Pfychographie der Gegenwart
kann als Beleg dienen der Auffatz von S. W. Ranfon,
Fellow in Neurology an The University of Chicago über
Studies in the psychology of Prayer, für die Pfychographie
der Vergangenheit die Arbeit von Clar. D. Royfe über
the psychology of Saul's Conversion; hierher würden auch
zu rechnen fein die Betrachtungen über den Urfprung
der Befchneidung und die äußere Form der Urfünde in
Gen. 3, in denen die deutfche Literatur — wie in manchen
Auffätzen diefes Bandes reiche Beachtung findet. Neben
den objektiven Methoden ift doch auch die Pfychotheorie
vertreten durch einen gediegenen Auffatz von dem in
der internationalen Pfychologie nicht unbekannten Starbuck
in einer Abhandlung: The Feelings and their place
in Religion, die wie hier nur angemerkt werden kann,
das Gefühl im Bereich des Affekts behandelt.

Für das Intereffe des deutfchen Lefers dürfte am
meißen Anknüpfungspunkte bieten die wertvolle Arbeit
von Leuba über Faith auf S. 65—82. Die Ausführungen
des praktifchen Amerikaners betonen die Folgeerfchei-
nungen1 des Glaubens in der Weltüberwindung, wenn er
das ,Vorftadium des Glaubens', das er als Depreffion
und Aboulie umfchreibt, überwunden fein läßt durch
.zunehmende Wirkfamkeit des Willens' (S. 73), wenn er
Faith, den er übrigens von Relief, d. h. the ideas enter-
tained and accepted unterfcheidet, als inner adaptation
auf die vorhandenen .Bedürfniffe' reagieren läßt: fchließ-
lich faßt L. den .Glauben' zufammen als a specific emotion
(Affekt) ofthe sthenic type snbserving, as emotions do, a
particular end. Demgegenüber habe ich in meiner, Pfychologie
des Glaubens', Göttingen 1895, und dann fchärfer
in meinen .Beiträgen zur religiöfen Pfychologie: Pfycho-
biologie und Gefühl, Leipzig 1904, den Glauben be-
ftimmt a) als Einftellung (faith, fiducia) des Willens
auf die mit dem angeeigneten {belief, fidcs, .Vorglauben')
Gotteswort egofugal entworfene Anfchauung Gottes, b) als
Genuß der aus diefer Anfchauung egopetal zuftrömen-
den Stärke und Freudigkeit. Wird mit dem Ausbau
diefer Theorie Ernft gemacht, dann ift die verwifchende
Gleichftellung des Glaubens mit der Liebe, wie fie noch
von L. durchgeführt wird, nicht erforderlich. .

Ein befonderer Vorzug der hier angezeigten Zeit-
fchrift dürfte fein, daß fie in der Tat einen internationalen
Sprechfaal bildet für die Beftrebungen der zwar in
Deutfchland wenig beachteten, aber im Ausland kräftig
auffprießenden Religionspfychologie. Befonders wertvoll
ift die Inhaltsangabe der Abhandlungen, die Prof.
Leuba in den verfchiedenen theologifchen, pfychologi-
fchen und philofophifchen Zeitfchriften veröffentlicht hat,
wertvoll dabei auch der Hinweis auf Rezenfionen von
Leuba wie die Interpretation von James' The Varieties
of Religious Experience, a study in human nature, New
York, London und Bombay, Longmans, Green & Co.
1902, abgedruckt im International Journal of Ethics,
April 1904. Nach diefer Befprechung ift James nicht,
wie man von dem bekannten Pfychologen vermuten
könnte und in Deutfchland wohl ausfchließlich vermutet
hat, in jener inhaltsreichen Studie Religionspfycholog,
fondern Erkenntnistheoretiker des Unbewußten. Naturgemäß
kommen in der Literaturfchau meift Abhandlungen
englifcher Zunge zur Befprechung, aber wohl faft
eben fo fehr deutfche Arbeiten. Ein Sammelbericht
über die franzöfifche Religionspfychologie (S. 90—96)

1) Wenn in der ausländifchen Religionspfychologie vorläufig mehr
die Folgeerfcheinung als die Pfychiktatfache des Glaubens felbft
umfchrieben wird, fo dürfte der Grund dafür weniger in einer die
Religion gefährdenden Metaphyfikflucht der Religionspfychologie liegen
als in einer namentlich durch Münfterberg angeregten AuffafTung der
Pfychologie als einer Wiffenfchaft der Ilewußtfeinsinhalte, bei denen das
Subjekt, das Ich ausgcfchaltet wird; das letztere dürfte vorausfichtlich
«ft in einer gründlicheren Pfychologie des Gemüts zu feinem Rechte
kommen.

orientiert namentlich auch über die Arbeiten des Prof.
der Pfychologie Flournoy, die ich in meinem Auffatze
,Zur Religionspfychologie: Prinzipien und Pathologie' in
,Theol. Studien und Kritiken', Gotha 1905/6 im Einzelnen
aufführe, fowie über die Arbeiten des zu früh heimge-
gangenen Murisier in Neuchatel. Ferner finden fich
auf S. 96—IOO Bemerkungen über die religiöfe Entwicklung
Japans, S. 317—319 Bemerkungen über die
Raffenentwicklung der fpanifchen Religiofität. Aus der
italienifchen Religionswiffenfchaft kommt zur Anzeige:
Luigi Valli, II fondamento psicologico della religione,
Roma (Herrn. Loefcher & Co.) 1904. Der Rezenfent
E. Taufch an the Ohio University, Athens O. ift von
diefer fpekulativen (Idee des Guten) und prinzipiell von
Valli verurteilten Art religionspfychologifcher Grundlegung
nicht befriedigt. Statt deffen trägt er in zehn
Thefen feine eigenen bereits in Vorträgen kundgegebenen
Anfchauungen vor; die jene zehn Thefen zufammenfaffende
lautet: The Spiritual vision as basic Experience for religious
thoughts, emotions and volitions. Diefe innere Anfchauung
als religiöfe Grunderfahrung fetzt voraus das
erwachte Selbftbewußtfein des Kindheitsalters, taucht
beim Pubertätsalter1 von 16 Jahren auf ufw.

Bei dem regen geiftigen Wechfelverkehr zwifchen
Amerika und Deutfchland ift zu erwarten, daß, wie
deutfche Frömmigkeit durch den Geift englifcher Zunge
bereichert ift, auch unfere moderne Theologie fich nicht
abfperrt im Selbftgefühl gegen die praktifche Funda-
mentierung der Religionspfychologie. Die deutfche Theologie
dürfte wiederum mit der in Deutfchland fortgefchrit-
teneren Pfychotheorie im allgemeinen die religiöfe
Pfychotheorie fördern, wie denn meine Arbeiten, welche
unabhängig von der ausländifchen Literatur lediglich aus
den fchreienden Bedürfniffen des Pfarramts entftanden
in vielen Punkten zu gleichen Refultaten gelangten, grade
auf die Pfychotheorie das Hauptgewicht legten.

Alt-Jeßnitz. G. Vorbrodt.

Achelis, Konf.-Rat Prof. D. E. Chr., Der Dekalog als
katechetifches Lehrltiick, (Vorträge des Heffifchen und
Naffauifchen theologifchen Ferienkurfes Heft 1.) Gießen
, A. Töpelmann 1905. (75 S.) gr. 8° M. 1.50

Diefes Büchlein wird jeder mit dem größten Intereffe
lefen, dem daran liegt, die Elemente der religiös-ethifchen
Unterweifung unfrer chriftlichen Jugend auf eine folide
gefchichtlich wiffenfehaftliche Grundlage zu legen. Der
Dekalog ift vielleicht unter diefen Elementen das am
meiften beftrittene. Der Verf. ift der erfreulichen Zuverficht
, daß die hiftorifch-kritifche Forfchung gerade durch
ihren Ertrag für den katechetifchen Betrieb ihre praktifche
Fruchtbarkeit erweifen könne. So gibt er denn
eine an intereffantem Material reiche und fehr inftruktive
Gefchichte des Dekalogs und feiner katechetifchen Verwertung
vom A. T. bis in die neuefte Zeit. Da kommt
das Verhältnis des Sitten-Dekalogs von Ex. 20 und
Deut. 5 zu dem Kultus-Dekalog von Ex. 34 zur Sprache,
ebenfo die Unterfchiede in der zwiefachen Rezenfion des
erfteren; der Sinn des Bilder- und des Luftverbots wird
feftgeftellt, das Verhältnis Jefu zum Dekalog befprochen,
dann feine Identifizierung mit der lex naturae, feine Einteilung
und Auffaffung im Mittelalter, feine katechetifche
Verwendung feit Ende desfelben, feine Erklärung in
lutherifchen und reformierten Katechismen, die Stellung,
die er hier einnimmt, und der Zweck, dem er zu dienen
hat: alles mit großer Belefenheit und eindringender Sachkenntnis
. Einzelheiten aus diefer gefchichtlichen Darfteilung
herauszugreifen, würde hier zu weit führen; in
manchem könnte ich dem Verf. nicht beipflichten oder
hätte feinen Ausführungen größere Beftimmtheitgewünfcht.

1) Solche experimentellen Untcrfuchungen wären bei uns nötig,
wenn man an der bisherigen Konfirmationspraxis rütteln wollte.