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Ausgabe:

1906 Nr. 7

Spalte:

212-213

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Stephan, Horst

Titel/Untertitel:

Herder in Bückeburg und seine Bedeutung für die Kirchengeschichte 1906

Rezensent:

Zillessen, Alfred

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Theologifche Literaturzeitung 1906 Nr. 7.

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Rhegiusl) und des Johannes Brenz hinzu. Das Refultat
ftimmt im wefentlichen mit meiner Gießener Antritts-
vorlefung über ,Reformation und Ketzerprozeß' überein,
nur daß Paulus zu reicherer Illuftrierung größerer Raum
zur Verfügung ftand. Bei der Konftatierung des Tat-
beftandes gebe ich alfo Paulus Recht. Auch in der Beurteilung
kann ich weite Strecken mit ihm gehen. Daß
die Gewiffensfreiheit als ,Freiheit nicht nur zu glauben,
wie es das Gewiffen fordert, fondern auch diefen
Glauben nach außen zu betätigen' (S. 4), nicht bei
Luther gefucht werden darf, wird wohl kaum mehr
Widerfpruch begegnen. Auch die Wertung des Luther-
fchen Zufatzes zu feiner Forderung, die Leute zur Predigt
zu treiben: man folle dadurch niemand zum Glauben
zwingen, in feinem Herzen könne jedermann glauben
was er wolle, als den mittelalterlichen Boden nicht ver-
laffend, fcheint mir richtig (vgl. meine Ausführungen
a. a. O. S. 36). ,Auch im Mittelalter konnte der einzelne
auf feine eigene ewige Gefahr hin innerlich glauben, was
er wollte. Schon lange vor Luther kannte man das
Sprichwort: Gedanken find zollfrei' (S. 18). Und wenn
man die Praktiken der evangelifchen Wiedertäuferinqui-
fitionen wirklich kennt, wird man kaum fagen dürfen,
der Katholizismus habe doch ganz anders die Gedanken
auffpüren laffen, als die Reformation. Und ganz gewiß
hätte Luther der Hinrichtung Servets zugeftimmt (S. 35),
die Ketzerei als Ketzerei verdient auch nach ihm den
Tod (S. 39)-

Aber Paulus weiß auch, daß Luther nicht immer
fo gedacht hat, daß er in ,von weltlicher Obrigkeit' ufw.
und anderweitig der Obrigkeit ein Dreinreden in reli-
giöfe Dinge verbietet. Bei der Art und Weife der Erklärung
diefer Toleranz möchte ich den Widerfpruch an-
fetzen. Nach Paulus hat Luther von Toleranz geredet nur
gegenüber ,katholifchen' oder ,papiftifchen' Obrigkeiten
(S. 6 und 9, vgl. S. 73); feine Toleranz wäre alfo nur
die berühmte ,Toleranz der Minoritäten'. Von da aus
gewinnt dann Paulus die Möglichkeit, freilich in etwas
wunderlichem Schluffe, die Lutherfche Intoleranz nicht
als ,Eierfchalen des Mittelalters' zu beurteilen. Luther
ifl tolerant gewefen ,bei Beginn feiner Auflehnung gegen
die Kirche'. War er das aber, ,wie kann man behaupten,
daß er bei feiner Trennung von der Kirche die Unduld-
famkeit als „katholifches Erbgut" beibehalten, daß er
einfach die Überlieferungen des katholifchen Mittelalters
fortgefetzt habe'? (S. 107)— wobei nur zu beweifen wäre,
daß die Entwicklung der .Trennung' in allen Punkten
eine geradlinige fein muß. Auch daß Luther bei Begründung
der Intoleranz fich vor allem auf die Bibel
berief, beweift nichts gegen die m. a. Eierfchalen. Die von
Luther herangezogenen Bibelftellen find die im Mittelalter
ebenfalls herangezogenen, und ihr Verftändnis ift das
mittelalterliche (vgl. das ,compelle intrare'! Luk. 14, 23).
Der Begriff ,katholifche Obrigkeiten' ift Luther gegenüber
mindeftens fchief, da er ein ihm völlig fremdes kon-
feffionelles Moment einfchiebt. Luther kennt nur chrift-
liche und unchriftliche Obrigkeiten. Und ein folcher
Satz wie: ,Die Ketzer verbrennen, ift wider den Willen
des h. Geiftes', foll fchlechthin jeder Obrigkeit die
Ketzerverbrennung verbieten, weil geiftliche Dinge geift-
lich gerichtet werden. Um Luthers wechfelnde Stellungnahme
zu erklären, hätte es einer eingehenden hiftori-
fchen Unterfuchung unter befonderer Berückfichtigung
feines Kirchenbegriffes bedurft. (Grundlinien habe ich
a. a. O. gezogen). So gewiß die Schrift ,von weltlicher
Obrigkeit' eine akute Situation vorausfetzt, fie wurzelt
tief in Luthers Kirchenbegriff, der fchon viel früher fich
gebildet hatte.

Endlich noch eins: Mit vollem Rechte hebt P. hervor
, daß die Gewiffensfreiheit aus anderer Wurzel hervorging
, als aus der Reformation. Aber er folite fich doch

1) Zu S. 89 f. war Kaweraus Auffatz in ,Deutfch-ev. Blatter' 29,
530 ff. zu vergleichen. Dann wäre P.s Urteil wohl anders ausgefallen.

nicht dagegen fperren, daß fie fich durchgefetzt hat und
durchfetzen konnte nur auf proteftantifchem Boden rückhaltlos
, auf katholifchem doch nur, ich will nicht fagen
temporis ratione habita, obwohl die oft genug mitfpielt,
fondern als Konzeffion in Anerkennung der tatfächlichen
Verhältniffe. Seinem Kritiker Friedberg gegenüber
(Deutfche Ztfchr. für Kirchenrecht 37, 477) hat P. in der
,Kölnifchen Volkszeitung' (1905 Nr. 1072) jede Bahnbrecherarbeit
Luthers auf diefem Gebiete, und fei es
auch nur in der Form der .Brechung der m. a. und prinzipiellen
Alleinherrfchaft der katholifchen Kirche' (Friedberg
), abgelehnt. Er ftützt fich auf Luthers Intoleranz.
Gewiß, ,nicht der Proteftantismus ift die Urfache der
Denkfreiheit, fondern die Denkfreiheit ift die Urfache
des Proteftantismus'. ,Aber das ift freilich auf der
anderen Seite auch nicht zu überfehen, daß die freie
Entwickelung der modernen Philofophie bei dem Proteftantismus
auf fehr viel geringere Hemmung geftoßen
ift, als bei dem römifchen Katholizismus' (Windelband).

Gießen. Köhler.

Stephan, Gymn.-Oberlehrer Lic. theol. Horft, Herder in
Bückeburg und feine Bedeutung für die Kirchenge-
fchichte. Tübingen, J. C. B. Mohr 1905. (III, 255 S.)
gr. 8° M. 4.50

Stephan will mit feinem Buch eine Lücke in der
Herder-Literatur ausfüllen: er fchildert H. in feiner Bückeburger
Zeit als theologifches Zwifchenglied zwifchen Aufklärung
und Pietismus einer-, Schleiermacher andrerfeits.
In forgfältiger Darfteilung werden die gefchichtlichen
Vorausfetzungen feiner theol. Entwicklung aufgezeigt:
Die feit 1750 aufkommende nichtkirchliche, äfthetifch-
pfychologifch-hiftorifche Bildung, die theol. Aufklärung,
die, ehe fie vollends zum Rationalismus wird, noch weltfreudigen
Vorfehungsglauben, Individualismus und hifto-
rifche Bibelwiffenfchaft zur Fortbildung des Chriftentums

I beifteuert, und der Pietismus, der durch die Bibel der
Frömmigkeit ihre Kraft erhält. Von den Propheten,
die, mit jener Bildung verwachfen, ihr Leben der Religion
widmen (Hamann, Lavater), macht Herder ihren ganzen
Ertrag für die Theologie fruchtbar. Das gefchieht in der
Bückeburger Zeit (1771—76), die, von den liberalen
Literarhiftorikern faft ausnahmslos mißdeutet, ihn auf
den Höhepunkt feiner religiöfen Entwicklung führt
(Ältefte Urkunde, Provinzialblätter, Erläuterungen zum
N. T., Auch e. Philofophie d. Gefchichte u. a.).

Der Verf. zeigt (I.) den neuen Standpunkt im
Kampf mit den alten Richtungen. In heftigfter Polemik
gegen den Intellektualismus der Aufklärung weift H.
der Religion ihren Sitz im Empfindungsleben an, während
er die religiöfen Vorftellungen geringfchätzt. Grundirrtum
der Zeit ift die Mißachtung des (elbftändigen Gehaltes
der Religion. An der Orthodoxie lehnt er die Exegefe
ab, die Chriftologie verfteht er hiftorifch, am Pietismus
den religiöfen Schematismus, den Mangel an Weltoffenheit
wie den Tiefftand der theol. Bildung. — II. handelt
über Selbftändigkeit und Wefen der Religion. H.
fordert engfte Beziehung der Religion auf die Wirklichkeit
. Dazu hilft ihm der Gedanke der Offenbarung, objektiv
: wirkungskräftige Selbftmitteilung Gottes in den
Bildern und Tatfachen in Natur und Gefchichte, die der
deutende Menfch fubjektiv zur Offenbarung erhebt. Aus
religiöfer Anfchauung und deutender, wertverleihender
Empfindung ergibt fich des rel. Erlebnis. Die R. foll das
Menfchlichkeitsideal verwirklichen, nicht als bloße Dienerin
der Tugend, welches Wort vielmehr ftets religiös gefärbt
das Lebensideal der peifönlichen Sittlichkeit bezeichnet,
das fich feelifch in der Glückfeligkeit reflektiert. Damit
wird der rel. Individualismus kräftig begründet und der
Religion als praktifcher Lebensmacht zugleich mit ihrer
Selbftändigkeit ihre weltoffne Freiheit gewahrt. Das Ein-

| feitige diefer äfthetifchen Auffaffung der R. zeigt fich in