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Ausgabe:

1906

Spalte:

193-195

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Vellay, Charles

Titel/Untertitel:

Le Culte et les Fêtes d‘Adônis-Thammouz dans l‘Orient antique 1906

Rezensent:

Baudissin, Wolf Wilhelm

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Theologische Literaturzeitung.

Herausgegeben von D. Ad. Harnack, Prof. in Berlin, und D. E. Schürer, Prof. in Göttingen.

Jährlich 26 Nrn. Verlag: J. C. Hinrichs'fche Buchhandlung, Leipzig. Jährlich 18 Mark.

Nr. 7. 31. März 1906. 31. Jahrgang.

Vellay, Le Culte et les F£tes d'Adonis-Tham-
mouz dans 1'OrieDt antique (Baudissin).

Strack, Die Genefis, 2. Aufl. (Baentfch).

Otto, Priefter und Tempel im helleniftilchen
Aegypten, 1. Bd. (Schiirer).

Heuffi undMulert, Atlas zurKirchengefchichte
(Köhler).

Bauer, Die Chronik des Hippolytos im Matri-

tensis graecus 121 (Dräfeke).
Vie de Severe par Jean superieur du monastere

de Beith-Aphthonia, texte syriaque publ. par

Kugener (Schwally).

Werminghoff, Gefchichte der Kirchenver-
faffung Deutfchlands im Mittelalter, 1. Bd.
(Keller).

Koeniger, Burchard I von Worms und die
deutfche Kirche feiner Zeit, 1000—1025
(Keller).

Eckart, Luther im Urteile bedeutender Männer
(Köhler).

Paulus, Luther und die Gewiffensfreiheit (Köhler
).

Stephan, Herder in Bückeburg (Zillelfen).

Bohatec, Zur neueflen Gefchichte des ontolo-

gifchen Gottesbeweifes (E. W. Mayer).
Romundt, Kirchen und Kirche nach Kants phi-

lofophifcher Religionslehre (E. W. Mayer).
The American Journal of Religious Psychology

and Education ed. by Stanley Hall etc. (Vor-

brodt).

Achelis, E. Chr., Der Dekalog als katecheti-
fches Lehrftiick (Baffermann).

Knecht, Syllem des Judinianifchen Kirchenvermögensrechtes
(Frantz).

Vellay, Dr. Charles, Le Culte et les Fetes d'Adönis-Thammouz
dans l'Orient antique. (Annales du MuseeGuimet. Biblio-
theque d'etudes. Tome XVI.) Paris, E. Leroux 1904.
(XI, 304 P-) gr. 8»

Der Verfaffer bietet reichen Stoff auf Grund ausgedehnter
Belefenheit. Er verwertet ihn zu abgerundeter
Darltellung, nicht ohne die Gabe, fich in antikes Naturempfinden
zurückzuverfetzen, und ausgeftattet mit einer
kräftigen Phantafie, die aus dürren Einzelheiten lebensvolle
Bilder zu geftalten vermag.

Ein Verzeichnis der benutzten alten und modernen
Autoren ift S. V—XI vorausgefchickt. Es wären ver-
fchiedene Lücken zu konflatieren. Der Verf. hätte z. B.
noch manches lernen können aus den hierher gehörenden
Forfchungen von Mannhardt und Frazer, und feine
fehr dürftigen Angaben über Babylonifches ergänzen und
berichtigen follen nach Zimmern in Schräders KAT3 und
andern. Er fchöpft großenteils nicht unmittelbar aus
den Quellen, fondern aus fekundären Darftellungen, die
er häufig in extenso abdruckt. Die Verdienfte des verdorbenen
Jules Soury um die Popularifierung orientalifti-
fcher Forfchungen will ich nicht fchmälern; aber ihn,
wie es hier gefchieht, als Quelle zu verwerten, gibt ihm
eine Ehre, die er felbft nicht beanfprucht hätte.

In drei Teilen wird die Darfteilung gegliedert: der
Kult des Adonis-Tammuz, die Fefte des Adonis, die
Denkmäler des Adonis-Kultus. Nach einer ,Conclusion'
machen Anhänge den Schluß.

Den Inhalt zu fkizzieren ilt kaum möglich, weil neben
den oben gerühmten Eigenfchaften des Buches andere
beftehen, die das Gebotene, wo man es faffen möchte,
unter den Händen zerrinnen laffen. Es fehlt dem Verf.
an Präzifion, an Akribie und an Kritik. Seine Definitionen
find vague; er gibt die Ausfagen der Quellen
ungenau wieder und unterfcheidet wenig ihre Herkunft
und ihren Wert. Am beften möchte in allen drei Teilen
fein was aus griechifchen und lateinifchen Quellen über
den griechifch-römifchen Adonis und feinen Kult gefagt
wird; aber es fehlt der Nachweis, inwieweit er dem
orientalifchen Gott entfpricht, den der Verf. doch dar-
ftellen will. Am wenigften brauchbares bietet der erfte
Teil. Der phönizifche ,Adonis' wird angefehen als eine
Entlehnung aus Babylonien. Daran ift zweifellos richtig,
daß der phönizifche Gott, welchen Griechen und Römer
Adonis nannten, mit dem babylonifchen Tamuz identifiziert
worden ift. üb nicht aber eine verwandte Gottes-
vorftellung, unabhängig von Babylonien, altphönizifch
war, läßt fich jedenfalls fragen. Von der babylonifchen

Vorftellung erfahren wir bei dem Verf. gar nichts. Auf
phönizifchem Boden ift nach ihm Adonis-Tammuz, wie
überhaupt ,tout ce peuple innovibrable de dieux' der ,fe-
mitifchen Raffen', Sonne und Erdfeuer zugleich (S. 7. 9;
vgl. 86f.). Von dem Erdfeuer muß ich fchweigen; in dem
Sinne, wie der Verf. es zu verftehen fcheint, als die lebenerzeugende
Kraft der Erde, ift mir diefe Vorftellung bei
den Weftfemiten unbekannt. Das Lebenerzeugende in der
Erdwelt ift bei ihnen die Feuchtigkeit: Quellen und Tau.
Daß wie Adonis, fo die Götter der Phönizier überhaupt die
Sonne repräfentiert hätten, gilt dem Verfaffer als etwas
feftftehendes, das er des Beweifes nicht bedürftig hält. In
Wirklichkeit wiffen wir von altkanaanäifchem Sonnen-
dienft gar nichts Sicheres, weniger noch als auch der Unterzeichnete
früher angenommen hat. Eine Angabe der
Texte aus Teil Ta'annek befagt doch nur, daß unter
babylonifchem Einfluß einmal in alter Zeit an einem
einzelnen Punkte der Dienft des babylonifchen Samas
Aufnahme gefunden hat, vielleicht aber nur vorübergehend
. Freilich läßt fich nach der Orientierung des
Salomonifchen Tempels nicht bezweifeln, daß fein Vorbild
, ein Tempel zu Tyrus, wahrfcheinlich der des Baal
von Tyrus, mit der Richtung nach dem Sonnenaufgang
erbaut war. Das kann aber vielleicht in Nachahmung
eines ägyptifchen Tempels gefchehen fein, da in Salo-
mos Tempel ägyptifche Formen kaum zu verkennen
find. Es wäre an fich wohl möglich, daß in den er-
fterbenden und wieder auflebenden Gottheiten auf babylonifchem
und phönizifchem Boden die Vorftellung des
jährlichen Sonnenlaufes die urfprünghche ift; ebenfo gut
aber kann die deutlich in Babylonien (Marduk) und
fpäter wohl auch in Phönizien erkennbare Beziehung
auf den Sonnenlauf fekundär oder auch lokal fein. Was
wir von dem Adonis von Byblos wiffen, fpricht alles
lediglich für einen Vegetationsgott und bis jetzt nichts
dafür, daß er aus einem Sonnengott entftanden wäre.
Ebenfo verhält es fich, fo viel mir bekannt, mit dem
babylonifchen Tamuz. Anders liegt es für den Melkart
von Tyrus, dem ebenfalls ein Auferftehungsfeft gefeiert
wurde. Für den Adonis von Byblos ift allerdings
fehr wahrfcheinlich, daß er zuletzt in der rö-
mifchen Zeit zu einem Sonnengott wurde, wie wohl
alle Götter Syriens. Dafür kann, abgefehen von der
nicht entfcheidenden Darftellung bei Macrobius (S. 84 ff.),
der überall Sonnengötter fleht, etwa in Betracht kommen
, daß Martianus Capeila II, 192 unter den vielen
Namen, die er in einer Reihe mit Sol als derfelben
Gottheit geltend aufführt, Byblius Adon nennt (ungenau
wiedergegeben S. 21). Auch das Bild des Sonnengottes

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