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Ausgabe:

1906 Nr. 6

Spalte:

182-183

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Rittelmeyer, Friedrich

Titel/Untertitel:

Tolstois religöse Botschaft, dargestellt und beurteilt in vier Vorträgen 1906

Rezensent:

Lobstein, Paul

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Theologifche Literaturzeitung 1906 Nr. 6.

182

Harnack bekämpfte, durch Schwane beftätigte Bemerkung
zutrifft, mögen die Spezialforfcher entfcheiden.

Der fünfte Abfchnitt des Buches, die Frage nach
den Rechten des Teufels (S. 373—486), ift vielleicht der
intereffantefte Teil des ganzen Werkes. R. unterfcheidet
eine dreifache Form diefer Theorie: Origenes und Gregor
von Nyffa vertreten die juridiifche Form des Löfegelds;
Auguflin und Leo der Große geben ihr eine politifche
Wendung, indem fie den Gedanken eines Mißbrauchs der
Gewalt in den Mittelpunkt ftellen; Ambrolius, Eufebius
von Emefa, Gregor der Große huldigen einer mehr
poetifchen Faffung, und ergehen fich meiftens in Bildern
und Symbolen. Eine eingehende und erfolgreiche Kritik
diefer Theorien hat erft das Mittelalter gebracht; fie ragen
zwar bis in die fpätere Zeit hinein und wirken in mancher
Beziehung nach, aber Anfelmus, Abälard und Thomas von
Aquino haben gründlich mit diefem Mythologumenon gebrochen
und dasfelbe fiegreich aus dem Feld gefchlagen.
Daß diefe reinliche Unterfcheidung von drei Hauptformen
cum grano salis zu verftehen ift, daß hier mancherlei
Übergange und Schattierungen vorhanden find, geht aus
der Daritellung des Verfaffers felbft hervor.

In feiner Conclusion (S. 487—501) wirft R. einen Rückblick
auf die gefchichtliche Entwickelung und fucht das
Ergebnis derfeben zu ziehen. Das Intereffe und die Bedeutung
diefes Abfchnitts liegt in der Anwendung des
mit dem Entwickelungsgedanken identifizierten Traditionsprinzips
auf die Entftehung und Weiterbildung des Dogmas
: die dogmatifche Überlieferung ift nichts anderes
als die immer deutlichere Entfaltung und der immer genauere
Ausdruck der in dem urfprünglichen Bewußtfein
der Kirche ruhenden Wahrheit; in der Regel ift die Kirche
im Gegenfatze gegen die Härefie genötigt, den Inhalt
und die Form des Dogmas präzifer zu faffen, aber letzteres
ift nur die Auswirkung des von Anfang an keimartig Vorhandenen
. Ja im vorliegenden konkreten Fall ift die
Rolle des ketzerifchen Gegenfatzes auf das Minimum
reduziert: Peut-etre ny a-t-il pas d'autre exemple, dans
la theologie catholiquc, a"un dogme qui se soit developpe
de lui-mehie, saus avoirpresque jamais rencontre" d'Opposition
et, en tont cas, saus avoir ete Pöblet d'une definitionproprement
dite. Ce fait prouve quc, quel que soit le rble des heresies,
ü est en somme accidentel et que le developpement dogmati-
que et theologique s'accomplit aussi naturellement sous la
propre poussee inteneure de la pensee chretienne (S. 499).
Die Verwandtfchaft diefes Standpunktes einerfeits mit
der von Kliefoth und Thomafius vertretenen Auf-
faffung der Dogmengefchichte, andererfeits mit der in
der Hegelfchen Schule heimifchen Fiktion von der
Selbftentfaltung des chriftlichen Prinzips ift hier mit
Händen zu greifen.

Im Vorhergehenden ift bereits auf die gegen pro-
teftantifche Gelehrte geführte Polemik hingewiefen worden.
Es zieht fich diefelbe durch das ganze Buch hindurch; in
der Sache ift fie fcharf und beftimmt, im Tone und im
Ausdruck maßvoll und anftändig. An zahlreichen Stellen
tritt R. in kntifche Auseinanderfetzungen mit Ritfehl,
Lichtenberger, Sabatier, Harnack; er hat es befonders
auf die beiden letzten abgefehen. Anfangs war er felbft,
fo verfichert uns der Verfaffer, durch die ruhige Kühnheit
der gegnerifchen Behauptungen beunruhigt worden;
mais, au contact des faits, les faux systemes ont croule
(S. 486). Das Vergnügen, das der katholifche Hiftoriker
empfunden hat, die Irrtümer der Gegner aufzudecken,
war für ihn eine Erleichterung und eine Revanche; er !
wunfeht, fein Buch möchte dem kleinen Steine gleichen,
der die ftolze Bildfaule mit thönernen Fiißen zu Boden
werfe und zertrümmere. Bekanntlich ift die Metapher
dem durch Daniel gedeuteten Traumbild Nebukadnezars
entnommen, üb indeffen der Traum, der dem frommen
Wunfche des Verf.s feinen Urfprung verdankt, ein pro-
phetifcher gewefen, wird die Zukunft zeigen.

Straßburg i. E.__ P. Lobftein.

Rittelmeyer, Ffr. Dr. Fr., Tolftois religiöfe Botfchaft, dar-
geftellt und beurteilt in vier Vorträgen. Ulm, H.
Kerler 1905. (V, 148 S.) gr. 8» M. 2 —

Der durch feine vornehme und feinfinnige Beurteilung
Nitzfehes und feiner Stellung zur Religion wohlbekannte
Verfaffer bietet uns hier eine Studie über Tolftoi, die
jener Arbeit ebenbürtig zur Seite geftellt werden kann.
In vier Vorträgen, die im Dezember 1904 zunächft vor einer
Nürnberger Hörerfchaft gehalten wurden, nunmehr in vorliegender
Schrift nicht unbeträchtlich erweitert erfcheinen,
unternimmt es R., eine Charakteriftik T.s zu geben, die
fich fowohl durch liebevolles Verftändnis als auch durch
gründliche, gefchichtlich gefchulte und religionsphilo-
fophifch fundierte Kritik auszeichnet. Der erfte Vortrag
fchildert ,Tolftois Entwicklung' (S. 1—28). Es kommt
dem Verf. vor allem darauf an, die ,Bekehrung' Tolftois,
die aus dem großen Dichter einen gewaltigen Prediger
der Menfchheit gemacht hat, verftandlich zu machen.
Diefer Verfuch pfychologifcher Analyfe geftaltet fich
zu einer höchft lebensvollen, ftellenweife ergreifenden
Nacherzählung eines innerlichen Dramas, deffen Elemente
aus den Schriften T.s, befonders feiner ,Beichte* entnommen
find. R. hat treffend dargetan, wie es fich bei
dem edeln Grafen nicht um eine bloße Frage der Welt-
anfehauung, fondern um die Stellung des Lebensproblems
handelte; wie die Frage nach dem Sinn des Lebens immer
gewaltiger fich in das alles beherrfchende Zentrum des
Denkens und Strebens T.s hervordrängte; wie dem nach
Wahrheit Ringenden nur das Ideal eines Lebens in
felbftverleugnender Liebe den Frieden der Seele brachte.
Die diefer Schilderung beigefügte Kritik berührt eine
Reihe von wichtigen Punkten, welche das allgemeine
Intereffe der religionspfychologifchen Charakteriftik
wefentlich erhöhen. Man lefe z. B. die Auseinander-
fetzung mit folchen, die fich wundern, daß in diefer
Entwickelung der Begriff der ,Schuld vor Gott' gar
keine Rolle fpielt, oder den Nachweis, wie T. durch den
Stlbfterhaltungstrieb mit zwingender Notwendigkeit zur
Religion getrieben wurde, — Erörterungen, deren Tragweite
über die Grenzen des befprochenen konkreten Falls
beträchtlich hinausgeht. Den Mittelpunkt des zweiten
Vortrags, T.s Weltbeurteilung (S. 29—68) bildet die
Prüfung der fünf Gebote Jefu, die T. aus der Bergpredigt
heraushebt, und die fich ihm zu fünf gewaltigen
Anklagen gegen unfere Kultur verwandeln. R. wendet
fich einerfeits gegen diejenigen, die mit einem Achfelzucken
T.s Erklärungen als reine Überfpanntheit abfertigen; andererfeits
fucht er fich über die Motive Rechenfchaft zu
geben, aus welchen T. in der Verteidigung der modernen
Kulturarbeit nur eine Metaphyfik der Heuchelei erblickt.
Neben der feinen Analyfe der perfönlichen pfychologifch
und hiftorifch bedingten Faktoren kommt vor allem in
Betracht die falfche Perfpektive auf die Lehre Jefu, wodurch
T. fich den freien klaren Blick in die Welt ver-
fchloffen hat. ,Tolftoi kennt keine „Entwickelung", fowie
der ruffifche Staat bis jetzt kaum eine Entwickelung gekannt
hat. Und die gemütsvolle Liebe zum fchlichten
Volk, die fich bei T. in diefem Staat der Gewalt befonders
entwickeln mußte, hat ihre volle Harmonie mit der
Wahrhaftigkeit niemals gefunden. T., der große Reahft,
ift in einem Punkte zeitlebens Romantiker geblieben,
ein Romantiker der „Menfchheit". Aus diefen Gründen
ift auch feine Perfpektive der Wirklichkeit zu kurz geraten
' (S. 64—65). — In den dritten Vortrag ,Tolftois
Lebensauffaffung' (S. 66—no) fällt die Unterfuchung der
fchwierigften, weil oft unklaren Fragen der religiöfen
Gedankenwelt Tolftois: feine Stellung zur Perfon und
Lehre Jefu famt der Wertung beider, fein Gottesbegnff,
welcher einen merkwürdigen Kampf zwiichen Theismus
und Pantheismus verrät, feine Würdigung der Gegenwart,
auf welche fich fein religiöfes Intereffe fo gut wie aus-
fchließlich konzentriert, feine höchft fchwer zu fixierende