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Ausgabe:

1905

Spalte:

169-171

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Kaulen, Franz

Titel/Untertitel:

Sprachliches Handbuch zur biblischen Vulgata. Eine systematische Darstellung ihres lateinischen Sprachcharakters. 2., verb. Aufl 1905

Rezensent:

Jülicher, Adolf

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Theologifche Literaturzeitung 1905 Nr. C.

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zu überfchauen vermag, kann ich nur der nicht ermüdenden
Sorgfalt und Umficht des Verfaffers, der Gewiffen-
haftigkeit feines Urteils und der edlen Haltung der
Polemik wärmfte Anerkennung zollen. Um fo mehr hat
mich der Schluß: ,Rückblick auf die Gefamtergebniffe'
nicht zwar in der fachlichen Darftellung, wohl aber in
dem geltend gemachten Gefichtspunkt der Beurteilung
befremdet. Wird in der wiffenfchaftlichen Diskuffion mit
dem Satze Ernft gemacht: ,Wer in feinem inneren Leben
eben nicht annähernd wenigftens fich auf der Höhe hält,
auf der Jefus in Vollkommenheit wandelte, der kann nie
ganz dem Sinne nach faffen, was Jefus getan und geredet
hat- iS. 311), fo würde jeder Mitfprechende zuerft daraufhin
zu prüfen fein (von wem?), ob fein inneres Leben
fich auf befagter Höhe hält; und wer den Mut gewinnt,
dem Verfaffer, der doch den Anfpruch erhebt, das, was
Jefus getan und geredet hat, dem Sinne nach gefaßt zu
habend zu widerfprechen, fetzt dem Verdachte fich aus,
entweder das innere Leben des Verfaffers nicht auf der
richtigen Höhe zu finden, oder felbft nicht auf diefer Höhe
zu flehen. Unter der Gefahr der zweifachen Verdächtigung
wage ich es dennoch, die Auffaffung des Verfaffers vom
Abendmahle Jefu, die er S. 309 vorträgt, durch die Bemerkung
zu beanftanden, daß das Tun Jefu in der Nacht,
da er verraten ward, dem Sinne nach nicht erfaßt wird,
wenn man nicht von der einfachen Tatfache der Mahlzeit
als Gemeinfchaftsfeier ausgeht, von der Feier der
bleibenden Gemeinfchaft der Jünger mit dem Herrn nicht
als Gleichgeftellter. fondern als der Erlöften mit dem Er-
löfer, und deshalb der Gemeinfchaft der Jünger unter
einander. Zur Beruhigung bemerke ich übrigens, daß,
mir felbftverftändlich, zur Erfaffung des Wertes und der
Tragweite des Tuns und des Wortes Jefu chriftlich reli-
giöfes Verftändnis gehört, daß aber unter denen, die folch
ein Verftändnis haben, doch fehr verfchiedene und fehr
irrige Auffaffungen des Tuns und des Wortes Jefu möglich
find, weil außer dem religiöfen Verftändnis noch
mancherlei anderes dazu gehört, das Richtige zu finden.

Durch fchwere Erkrankung wurde der Verfaffer daran
gehindert, fein Werk mit einem Namen- und Sach-
regifter auszuftatten, obgleich an manchen Stellen auf
diefe Regifter verwiefen wird. Faft möchten wir wünfchen,
er hätte die Drucklegung noch ein Jahr verzögert, um die
Regifter in aller Muße und Frifche der Genefung herzu-
ftellen. Denn fie werden fchmerzlich vermißt; ein dauernder
Gebrauch des trotz unterer Einwände verdienftlichen
und trefflichen Werkes wird nur dadurch zu ermöglichen
fein, daß der Lefer felbft folch ein Doppelregifter fich
anfertigt.

Marburg. E. Chr. Achelis.

Kaulen, päpftl. Hauspräl. Prof. Dr. Franz, Sprachliches
Handbuch zur biblischen Vulgata. Eine fyftematifche Darftellung
ihres lateinifchen Sprachcharakters. Zweite,
verbefferte Auflage. Freiburg i. B., Herder 1904.
(XVI, 332 S.) gr. 8» M. 3.40; geb. M. 4.6b

Bedenken gegen die wiffenfchaftliche Berechtigung
eines Handbuchs zur Vulgata als ,einer fyftematifchen
Darfteilung ihres lateinifchen Sprachcharakters' foll der
unterdrücken, der fich felber noch nach einer neuen
Bearbeitung von Winers Grammatik des neuteftament-
lichen Sprachidioms fehnt. Da das .Syftematifche' fich
in Kaulens Buch wahrlich nicht aufdrängt und es auch
durch die Regifter zu einem bequemen Nachfchlagebuch
eingerichtet ift, wird es bei der Benutzung der offiziellen
lateinifchen Bibel denen willkommen fein, die bloß einige
Kenntnis des klaffifchen Lateins mitbringen, und daß
auch die liturgifchen Bücher der katholifchen Kirche
heben der Vulgata Berücklichtigung finden, ift kein Schade.

Aber an eine zweite Auflage, die 34 Jahre nach der
erften erfcheint, wären etwas höhere Anforderungen zu

ftellen gewefen. K. bezeichnet fie im Vorwort als eine
erweiterte und verbefferte; das Erfte mit Recht, denn
von dem Zuwachs der neuen Aufl. — etwa 50 Seiten —
rührt zwar ein Teil von fplendiderem Druck her, aber
auch aus einer Reihe von Zufätzen; z. B. hat fogleich
der § 12 (Subftantiva mit eigentümlicher Bedeutung) erhebliche
Vermehrung erfahren: ambitio, avcrnus. Cochlea,
cultura, emissio. malitia. ministerium. panis, proverbium,
recuperatio u. a.; neue §§ wie 162a 180a 138b und kleinere
Einfchübe find nicht ganz feiten. Einige Belege von
Verbefferung find aufzubringen: S. 14 wird dem articulus
in Gen. 1 ts nicht mehr die Bedeutung ,LeibhaftigkeiP,
fondern /Zeitabfchnitt, Augenblick' beigelegt, und S. 307
wird vor ip 865 ftatt 1/1 10 2 jetzt 1/' 3:1 als Beweisftelle für
eine falfche Auffaffung des hebräifchen b (zu ftatt in betreff
) notiert.

Aber im ganzen kann fich die Neuausgabe an Korrektheit
mit der alten nicht meffen; befonders in den Zufätzen
flecken gar viele Fehler, z. B. S. 8 Z. 151. lefe man :
,Commodian in Kahnis Zeitfeh. f. d. hift. Theol. 1872. 163;
1873, 300' ftatt ,Commodi«j in Kuhns Zeitfeh. für die
hift. Theol. II (1812) 163; (1813) 300'. Hat doch felbft
der befcheidene Entfchluß, jetzt i Mach. ft. 1 Makk., Kor.
ft. Cor. und 1. 2. Mof. ufw. ftatt Gen. Ex. zu fchreiben.
dazu geführt, daß dreimal auf S. 16 l-'.ccli. (d. h. Sirach)
in ,Pred.' verfchlechtert worden ift. Faft nie findet man
Fehler der erften Aufl. korrigiert, nicht einmal das harm-
lofe civ. div. ftatt civ. Dei S. 20, 6 v. u. oder S. 302 Z. 6
Kai. Januarius. Aber von einem Fortfehritt der For-
fchung feit 1870 fehlt in dem Buche jede Spur. Betrübend
wird die Rückftändigkeit der Arbeit fchon in den
einleitenden Bemerkungen offenbar. Literatur aus der
Zeit nach 1874 oder höchftens 76 exiftiert für den Verf.
nicht, Rönfchs Neues Teftament Tertullians von 1871 ift
ihm noch zu Geficht gekommen, feine Semafiologifchen
Beiträge zum lateinifchen Wörterbuch i887ff. aber nicht
mehr, nichts von der Wölfflinfehen Zeitfchrift, nichts von
den Wiener Ausgaben z. B. des Arnobius, des Lactanz,
nichts von den ergebnisreichen Forfchungen über die
pfeudoeyprianifchen Traktate und ihr Vulgärlatein. Von
der Verwertung neuerer Itala-Funde, die doch auf die-
fem Gebiet, wo die biblifche Vulgata zur Hälfte vorhiero-
nymianifches Gut enthält (und eben darum fo viel Stücke
mit befonderem lateinifchen Sprachcharakter) gar nicht
hoch genug eingefchätzt werden können, fieht K. einfach
ab. Noch heute wie 1870 verkündigt er, eine von den
vielerlei uralten lateinifchen Bibelüberfetzungen, die Itala,
habe mit dem Ende des 2. Jahrhunderts fo ziemlich die-
felbe Geltung erlangt, welche fpäter die Vulgata genoß.
— einen Satz, der faft mehr Ungeheuerlichkeiten als
Worte enthält.

Daß Kaulen wenigftens die Interpunktion in der offiziellen
Bibelausgabe revidiert haben will und in 8, 215
Raum für einige Beifpiele von unrichtiger Überfetzung
übrig behält, ift ein fchwacher Troft für die Unterwürfigkeit
unter jenen offiziellen Text, die die Brauchbarkeit
feines Buchs fonft leider fehr vermindert. Lesarten bef-
ferer Vulgata-Handfchriften, etwa des Cod. Amiatinus
werden ftillfchweigend übergangen, ein paarmal Ver-
cellones Variantenfammlung zitiert, aber nicht etwa unbefangen
benutzt, die Gelegenheit, bei superexaltare S. 215
: ein Wort zur Aufklärung über Jac. 2 13 superexaltat miseri-
cordia Judicium (/. v. superexaltat mis. judicio) zu fagen,
verfäumt. 'J'hym iamatcrium Jen 52 is wird S. 109 in voller
Seelenruhe als griechifches Lehnwort neben thymiaterium
2 Par. 4 22 vorgeführt; S. 72 hören wir, locupletatio bedeute
Judith 211 Reichtum, wo es = GxnvojfiaTa ftünde. Den Beweis
hätte K. doch nicht durch Gleichfetzung mit Gxijv,
führen follen, wo fchon das Verbum ,pracdavitl nur die
1 mit rag ptavÖQag erlauben würde, aber die in Wahrheit
unbekannte griechifche Vorlage half hier nichts, fondern
andere Itala-Stellen. Die Abhängigkeit des lateinifchen
Überfetzers von feiner griechifchen (oder hebräifchen)