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Ausgabe:

1905 Nr. 4

Spalte:

102

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Wernle, Paul

Titel/Untertitel:

Die Quellen des Lebens Jesu. 1.-10. Tausend 1905

Rezensent:

Holtzmann, Heinrich Julius

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Seite 1

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Theologifche Literaturzeitung 1905 Nr. 4.

102

fcheint (S. 161 f.). Diefes felbft erfuhr um 75—85 eine
freie Überfetzung, welche, wie bei Zahn, unter Benutzung
des Markus zuftande kam. Am meiften zu fchaffen
macht dem Verf. die feiner Konftruktion im Wege ftehende
Zweiquellentheorie, wo er fich faft durchweg mit vagen
Betrachtungen begnügt: der kürzere und unreflektierte
Bericht brauche nicht notwendig der ältere zu fein ufw.
Wo er in der Polemik gegen den Unterzeichneten einmal
ausnahmsweife ins Detail geht und beftimmte Fälle be-
fpricht (S. 129—133), entgehen ihm die beweifenden Züge.
Wo — fragt er z. B. — fleht gefchrieben, daß Mark. 1 u
die Szene in einem Haufe gedacht ift? Nun, ich denke, im
vorhergehenden Vers heißt es: tgeßaXev avxbv. Vor dem
Hinausgeworfenwerden ift nur ficher, wer fchon draußen
ift. Um wo möglich guten Schluß zu erreichen, fei hervorgehoben
die Warnung, unfern jetzigen kanonifchen Text
fürden authentifchen zu halten, fintemalen viele unbekannte
Hände fich Jahrhunderte lang feiner angenommen haben
in fprachlichem wie fachlichem, namentlich auch harmoni-
ftifchem Intereffe (S. 165).
Straßburg i. E. H. Holtzmann.

Soden, D. Hermann Frhr. von, Die wichtigsten Fragen im

Leben Jesu. (Ferienkurs-Vorträge.) Berlin, A. Duncker
1904. (120 S.) gr. 8° M. 2—; geb. M. 2.60

Über der Lektüre diefer überaus erfreulichen und
zweckentfprechenden Vorträge iß mir der unleugbare
Fortfehritt ins Bewußtfein getreten, der nicht bloß in
unferm theologifchen Wiffen und Können, fondern nicht
minder auch in unferm religiöfen Denken und Empfinden
feit der Zeit eingetreten iß, da ich vor einem halben
Jahrhundert erfimals über theologifche Dinge vom Katheder
herab Belehrung gefucht und empfangen habe. Ein
Gedanke wie der, daß eine im Intereffe der gefchichtlichen
Wahrheit vollzogene Streichung des Meffianismus aus dem
Leben Jefu keinen religiöfen Verluft bedeuten würde (S. 70:
.Was Jefus iß, das bleibt er, ob er felbß oder ob erß
Andere feine Eigenart in den Begriff Meffias faffen'), wäre
uns damals als abenteuerlicher, ja läßerlicher Radikalismus
, als gleichbedeutend mit der Streichung Jefu felbß
aus der Gefchichte erfchienen. Ein Blick auf die heutige
Jefus-Literatur', fo weit fie, als langjähriger Bearbeitung
der Quellen und pünktlichßer Konßatierung der Zeitver-
hältniffe entßammt, ernßhaftzu nehmen iß, hinterläßt den
durchfchlagenden Eindruck, daß trotz einer langen Reihe
von faß unlösbaren Problemen, darein fich das angebliche
Wiffen vom Leben Jefu auflöfen will, doch die Perfön-
lichkeit felbß im Bewußtfein der Sachkundigßen eine feß
gefchloffene Geßalt gewonnen hat und durch den eventuellen
Abßrich des Titels Meffias keine wirkliche Be-
fchädigung oder Einbuße an Gehalt erleidet.

Eine folche Überzeugung neu zu erwecken und zu
befeßigen, iß vorliegende Veröffentlichung in hervorragendem
Maße geeignet. Bezügliches Material bringen
die Abfchnitte 3 Jefu Meffiasbewußtfein', 4 Jefu Perfön-
lichkeit', 5 .Entßehung des Meffiasbewußtfeins', 6 .Die
Löfung des Todesrätfels' und 7 .Die Entßehung diefer
PerfönlichkeiP. ,Diefe ganze Perfönlichkeit, wie fie aus
den Urevangelien fo echt, fo menfehlich, fo in fich ge-
fchloffen, fo unerfindlich, fo ohne einen Fehlßrich in der
Zeichnnng uns entgegenßrahlt, fie iß beides, eine unum-
ßößliche, integrierende Tatfache der Weltgefchichte und
das Wunder der Wunder diefer wunderreichen Gefchichte1
(S. in). Aber die oben bezeichneten Einzelprobleme fetzen
eine beßimmte. Früheres und Späteres unterfcheidende,
Anfchauung vom Gang des Lebens Jefu voraus. Eine
folche bietet der 2. Abfchnitt: ,Der Aufriß des öffentlichen
Lebens Jefu', und in der Tat darf man, was hier
über .verfchiedene Stadien' desfelben gefagt wird (S. 66f.),
zu den unumßößlichßen Ergebniffen einer auf folider
Quellenkritik ruhenden Forfchung rechnen. Als eine treffliche
Anleitung zur Übung folcher Quellenkritik darf der,

mehr als die Hälfte der ganzen Arbeit füllende, i. Abfchnitt
gelten: ,Die Urkunden' (S. 3—64). Den ,zwei
Urevangelien', d. h. den im Markus ßeckenden Petrus-
j Erzählungen und den im Matthäus und Lukas verarbeiteten
Matthäus-Logia, wird ein Rekonßruktionsverfuch (mit
vortrefflicher Überfetzung) gewidmet, der im ganzen und
großen das Richtige getroffen haben dürfte. Auf Nachweis
einer fchriftlichen Vorlage für Johannes wird Verzicht
geleißet (S. 64), dafür aber ein intereffanter Vertuen
zur Skizzierung feines künßlerifch angelegten Planes gewagt
, wobei es nicht ganz ohne Umfiellungen abgeht
(S. 5 f.). Im ganzen eine von reichlicher Sachkunde
zeugende und von durchgängig gefundem Urteil getragene
Arbeit.

Straßburg i. E. H. Holtzmann.

Wernle, Paul, Die Quellen des Lebens Jesu. 1.—10. Taufend
. (Religionsgefchichtliche Volksbücher. Herausgegeben
von Fr. Michael Schiele. I, 1.) Halle a. S.,
Gebauer-Schwetfchke 1904. (88 S.) 8° M. —40

Dasünternehmen der,Religionsgefchichtlichen Volksbücher
' tritt ins Leben mit einer feinen Zwecken durchaus
entfprechenden, allfeitig genügende Auskunft gebenden
I Darfteilung der gegenwärtigen Sachlage auf dem Gebiete
[ der Evangelienkritik. Hier hat gerade der Verf. des vor-
j liegenden Hefts fo viel zur richtigen Abgrenzung des
ficher Wißbaren gegenüber dem für jetzt oder für immer
Unwißbaren (vgl. S. 2) getan, daß man feinem Bericht mit
] gutem Vertrauen entgegen kommen darf. Einzelne Punkte
I im großen Gemälde treten befonders lichtvoll hervor, wie
die Schilderung der fynoptifch-johanneifchen Differenz be-
j züglich der Reden Jefu und der Stellung Jefu zu feinem
1 Volke (S. 18 f) oder was über die verfchiedene Stellung
i des Glaubensbegriffes gefagt wird (S. igf. 21. 25). Die
Erörterung der Zweiquellentheorie geht natürlich in der
Richtung der früheren Veröffentlichung vom Jahr 1899.
I Doch habe ich den Eindruck, daß fich der Verf. in feiner
Beurteilung des gefchichtlichen Wertes des älteßen Evangeliums
durch bekannte neuere Verfuche zu weit habe
abfeits drängen laffen. Es iß zu viel Skepfis, wenn das
Wiffen des Markus um den Gang des galiläifchen Wirkens
Jefu auf die Erinnerung an einige Querfahrten über den
See und auf Kenntnis einiger geographifcher Namen
reduziert wird (S. 63. 66, doch vgl. S. 82); und ebenfo
wenig kann ich zugeben, daß es gleichgültig fei, auf
I welches Stadium des öffentlichen Lebens Jefu man die
| berichteten Sprüche und Gefpräche verpflanze (S. 67. 73),
muß vielmehr an in diefer Richtung früher (Göttinger
Gelehrte Nachrichten 1901, S. 954) Gefagtem fefthalten.
Straßburg i. E. H. Holtzmann.

Bousset, Prof. D. W., Jesus. 1.—10. Taufend. (Religionsgefchichtliche
Volksbücher, herausgegeben von Fr.
Michael Schiele. I. Reihe. 2J3. Heft.) Halle a. S., Gebauer
-Schwetfchke Druckerei u. Verlag 1904. (VI, 103
S.) 8° M. —60; kart. M. —80; in Gefchenkbd. m'. i —

Das dem Bilde Jefu gewidmete Doppelheft der re-
ligionsgefchichtlichen Volksbücher fchließt fich eng an
das erfte, die Quellenfrage behandelnde, an und beurteilt
namentlich auch das Maß des Einblicks in den äußern
und innern Verlauf des Lebens Jefu, welchen uns fchon

i die altefte Uberlieferung zu geftatten fcheint, faft genau
fo zurückhaltend und fkeptifch wie Wernle. Doch .einiges
Wenige wird fich feßlegen laffen' (S. 6), und eben dies
-— mehr allerdings kaum — ließe fich meines Erachtens
fchon für die galiläifche Zeit getroft fogar mit etwas
größerer Befiimmtheit behaupten; der Verf. felbft mit
feinem gefunden Urteil über die Epoche von Cäfarea
Philippi (S. 83 f.) berechtigt uns dazu, und noch entfehic-

I dener fpricht er mit Bezug auf die letzten jerufalemifchen