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Ausgabe:

1905 Nr. 26

Spalte:

699-701

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Schubert, Hans von

Titel/Untertitel:

Grundzüge der Kirchengeschichte. Ein Überblick 1905

Rezensent:

Krüger, Gustav

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699 Theologifche Literaturzeitung 1905 Nr. 26. 700

Es verbleiben unerklärt gewiffe Übereinflimmungen 1 Herausarbeitung der Details, bei dem Vordringen des
von Mt Lk gegen Mk in dreifacher Erzählung; vielleicht 1 Spezialiftentums und der Lokalforfchung wird fich eine
flehen fie an der Scheide zwifchen Revifion des Heraus- j folche Vorlefung immer mehr als eine Notwendigkeit
gebers und Verderbnis von feiten der Abfchreiber. Und erweifen. Unfer jetziger Unterrichtsbetrieb mit feinen
wir müffen auf eine vielfach andere Weife die Frage ,drei' oder ,vier Teilen' ift ohnehin überall brüchig und

nach den Quellen des Mk und der ,Peräa'-Urkunde vornehmen
.

So weit Burton. Irre ich nicht, können wir von jetzt
ab, auf Grundlage diefer Arbeit, die fynoptifche Frage,
in ganz anderer Weife als früher, fyftematifch behandeln.

wird niemandem zur Freude, weder Lehrern noch Schülern,
als ein Erbteil einer ganz anders arbeitenden und lehrenden
Zeit mitgefchleppt, wie fo mancher andere Plunder,
unter dem wir feufzen. Überfichts-Vorlefungen, verbunden
mit Vorlefungen über einzelne Epochen und Entwick-

Man muß Burton aber forgfältig lefen und ihn gründlich j lungslinien, in denen Arbeitsmethode und Quellenkritik

zu verflehen fuchen. In der Revue critique, 1905, Nr. 30,

wendigkeit hin, den Geift und die Methode einer jeden

wirklich zu ihrem Recht kommen und deren Themata

S. 63. 64 weift Alfred Loify gegen Burton auf die Not- nach Neigung und Können des einzelnen ,Fachmanns'

bei uns fo verfchieden ausfallen würden wie bei den

Redaktion auszuforfchen, und erklärt, man darf ,diefe j ,Profanhiftorikern', find das Einzige, was uns weiterhelfen
Texte in denen der lebendige und wachfende Glaube der | wird. Leider find aber wir — und demzufolge auch
erften chriftlichen Gefchlechter fich ausdrückte' nicht wie unfere Studenten — noch viel zu fehr gewohnt, die Wohltote
Urkunden behandeln. Ferner Hellt er eine Reihe taten der Druckerpreffe zu ignorieren, und bringen in
von Fragen auf, als ob Burton fie vergeffen hätte. Ref. unferen Vorlefungen unendlich vieles, was man bei Kurtz,
fürchtet, daß Loify dabei überfehen hat, wie Burton j Möller- v. Schubert und Müller gerade fo gut oder beffer
S. 49—52. 53 diefe Fragen ins Auge faßt. Wer Burton lefen kann.

würdigt, wird in ihm einen außergewöhnlich vorfichtigen, I Kann man das Anregende, das in einem Unter-
unparteiifchen und befcheidenen Forfcher erkennen, der i nehmen wie v. Schuberts Grundzügen für den Unterrichts-
die Gründe gegen feine eigenen Thefen ftets zu über- , betrieb liegt, m. M. n. nicht hoch genug einfchätzen,
legen fucht. Burton bereitet jetzt, in Verbindung mit fo wird man doch fragen dürfen, ob der Verfaffer bei
Edgar Johnfon Goodfpeed eine vollltändige Ausgabe des der Ausarbeitung überall das richtige Maß gehalten hat.
Textes der Synoptiker nach feinen hier dargelegten Grund- | Prüfen wir die Vorträge auf ihre Anlage, fo wird — ich
fätzen vor. Diefe Ausgabe wird gewiß Manches klarer i bitte zu entfchuldigen, wenn ich rein äußerlich zu vermachen
. Niemand wird mehr Freude an weiteren Fort- fahren fcheine — die alte Kirchengefchichte auf 146 Seiten
fchritten in diefen Fragen haben als der Verfaffer diefes behandelt, die mittlere auf 63, Reformation und Gegen-
Buches, auch wenn feine Thefen nur in negativer Weife reformation auf 24, die Zeit von der Mitte des 17. bis
zur Auihellung des Ganzen dienen follten. zum Ende des 19. auf 66, die fog. neuere Zeit alfo auf

Leipzig. Caspar Rene Gregory. 90 Seiten. Der Schwerpunkt der Darfteilung liegt alfo

offenkundig auf der Gefchichte der alten Kirche, die

Schubert, Hans von, Grundzüge der Kirchengefchichte. Ein

Ueberblick. Tubingen, J. C. B. Mohr 1904. (VII, 304 S.)
gr. 8° M. 4 —; geb. M. 5 —

rund die Hälfte des Buches in Anfpruch nimmt. Nun
möchte ich nicht behaupten, daß die Bemerkungen über
die alte Kirche für ftreng wiffenfchaftlich gehaltene,Grundzüge
' zu ausführlich feien. Ich möchte es fogar hervor-

Daß das vortreffliche Buch, das anzuzeigen dem Ref. j heben und in Gedanken unterftreichen, daß es mir nicht
fchon vor anderthalb Jahren aufgetragen wurde, erft jetzt ' zuläffig erfcheinen würde, wollte man unter das Maß des
zur Befprechung gelangt, wird manchem, der es gerne i hier Gebotenen herabgehen. Von der Erzielung wirkbenutzt
hat, verwunderlich erfcheinen. Mein Zögern liehen Verftändniffes könnte dann m. E. nicht mehr die
erklärt fich größtenteils daraus, daß ich nicht recht wußte, Rede fein. Aber ift die mittlere und mehr noch die
wie ich die Anzeige einrichten folle. Es ift eben fchwer, neuere Kirchengefchichte nicht etwas ftiefmütterlich be-
über ,Grundzüge' zu berichten. Einzelheiten herauszu- handelt? Für die mittlere mag man die Frage in suspenso
greifen hat keinen Zweck. Mit dem Unternehmen als ' laffen, für die neuere möchte ich fie bejahen. Zwar treten
folchem fich auf ein paar Spalten auseinanderzufetzen ift j in dem,Reformation und Gegenreformation' behandelnden
fall unmöglich. Heute, nach fo langer Zeit, noch dazu j Abfchnitte die treibenden Kräfte deutlich hervor, aber
bei der ficher berechtigten Annahme, daß ein großer doch nur für den, der über den Lauf der Dinge fchon
Teil der Lefer diefer Zeitung das Buch aus eigener An- i einigermaßen unterrichtet ift. Gefchichte kann jedenfalls
fchauung kennt, möchte ich den Kritiker im einzelnen | auf 24 kleinen Seiten nicht mehr erzählt, kaum noch an
vollends nicht herauskehren; bei etwaiger Abweichung
in der Auffaffung des Einzelnen würde ich ohnehin min-
deftens ebenfoviel, vermutlich aber mehr vom Verfaffer,
als er von mir lernen können. Der Verfuchung, einige
Worte zu dem Charakter des Ganzen zu fagen, kann ich
trotz des befchränkten Raumes nicht widerftehen.

Zur Rechtfertigung feines Unternehmens fchreibt v.

gedeutet werden. Und von dem letzten Abfchnitt gilt
ähnliches oder dasfelbe. Sind wir aber berechtigt, bei
unferen Studenten die Kenntniffe ohne weiteres voraus-
zufetzen, die wir — und das tut ja auch von Schubert —
ihnen für die alte Kirche felbft in einem Grundriß noch
fuggerieren? Bis zu einem gewiffen Grade vielleicht,
aber es handelt fich ja nicht nur um Luther und ein
Schubert im Vorwort: ,Es braucht heute kaum auf die j paar andere Größen, fondern um den Verlauf einer
Notwendigkeit hiftorifcher Bildung für alle, die am Bau : Gefchichte von bald vier Jahrhunderten. Gewiß ift richtig,
der Kirche mitarbeiten wollen, hingewiefen zu werden, j was mir der Verf. gefchrieben hat, daß ,die neueren Teile

Und doch, wie viele erliegen der Aufgabe, fich durch
den Wald der Tatfachen und Probleme hindurchzuarbeiten,
wie oft ift gerade bei begabten Studenten und Geiftlichen
Unluft das einzige Refultat!' Die ,Grundzüge' follen ihnen
ein Wegweifer fein. Sie find aus einer Vorlefung ent-
ftanden, die zuerft als einftündiges Publikum für Angehörige
aller Fakultäten, fodann mehrfach zweiftündig
für Theologen gehalten worden ift. Ein folches Unter-

fich dem Verftändnis auch bei leichtem Anfchlagen der
Töne rafcher nahe bringen laffen, als die fremdartigen
und doch grundlegenden Entwickelungen der früheren
Perioden'. Aber ich meine doch, die neuere und neuefte
Zeit biete an neuen Richtungen und Strebungen fo vieles
und fo mannigfaches, fo manches auch, was gar nicht fo
leicht in die Köpfe der Leute eingehen will, daß man
auch zur Aufzeigung der Grundlinien ihr mehr Raum

nehmen ift ein Novum, wenigftens für unfere Generation j (im Buch) und Zeit (in der Vorlefung) gönnen dürfte.
— fchon Neander hat, wie v. Schubert mitteilt, eine [ Das weiß aber natürlich der Verfaffer auch, und fpätere
,Skiographie' gelefen —, und es verdient m. E. die größte j Auflagen werden gewiß die wünfehenswerten Ergänzungen
Aufmerkfamkeit der Fachgenoffen. Bei der neigenden j enthalten, wenn fchon es niemals leicht ift, an einer