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Ausgabe:

1905 Nr. 24

Spalte:

643-644

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Neumann, Karl Eugen (Übers.)

Titel/Untertitel:

Gotamo Buddho’s Reden aus der Sammlung der Bruchstücke Suttanipato des Pali-Kanons 1905

Rezensent:

Oldenberg, Hermann

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643

Theologifche Literaturzeitung 1905 Nr. 24.

644

Stelle wie Yogatattva-Upanifhad, V. 3—5 über den Kreislauf
der Seelenwanderung verwertet gefehen oder Kau-
shitaki-Up. I 2: den Durchgang durch den zu- und abnehmenden
Mond.

Dem Vortrag von Frl. D. Menant fühlt man die per-
fönliche Bekanntfchaft der Verfafferin mit den gegenwärtigen
Verhältniffen der Parfis ab; dadurch hat das
von ihr gefchaffene Bild viel an Farbe gewonnen; anderer-
feits läßt fie doch wohl, einer bei den heutigen Parfis
mehr und mehr fich ausprägenden Tendenz nachgebend,
ihren urfprünglichen Dualismus zu fehr hinter ihrem
Monotheismus zurückfreten; m. E. hätte auch — und das
hängt mit dem eben Gefagten zufammen — der großartige
kulturfreundliche Gedanke noch ftärker betont
werden dürfen, daß nach parfiftifcher Auffaffung der
Menfch zur aktiven Teilnahme am Entfcheidungskampfe
auf feiten des Guten berufen ift, um diefem an feinem
Teile zum Siege über das Böfe zu verhelfen.

Bafel. Alfred Bertholet.

Gotamo Buddho's Reden aus der Sammlung der Bruchflücke
Suttanipäto des Päli-Kanons überfetzt von Karl Eugen
Neumann. Leipzig, Joh. Ambr. Barth 1905. (XII,
410 S.) gr. 8» Geb. M. 20 —

Der Suttanipäta ift eine der älteften und wichtigften
Sammlungen buddhiftifcher Lehrreden und vor allem
buddhiftifcher Dichtungen, reich an Worten, in denen
diefer Glaube feinen tiefften Inhalt ausfpricht, und an
feelenvoller poetifcher Schönheit. Der unermüdliche
Schriftfteller, der fich vorgefetzt zu haben fcheint, alle
bedeutfamMen Texte des Buddhismus Empfänglichen zu
erfchließen, konnte an diefem Werk nicht vorübergehen.
War er zu folcher Aufgabe der Berufene? Das Ja und
das Nein, mit dem man antworten muß, verfchlingt fich
unlösbar.

Ein buddhiftifcher Vers mahnt, alle Unvollkommen-
heit .Stück für Stück, Stunde für Stunde, wie der Gold-
fchmied vom Silber' von fich abzutun. Dem aber, der
das gekonnt, gefleht der Glaube die unverlierbare Herrlichkeit
und den heitern Frieden des Vollkommnen zu.
Der Überfetzer unferes Textes fcheint etwas früh mit
jener unbequemen Arbeit des Strebenden abgefchloffen
zu haben, um fich einen Platz unter den Selig-Vollendeten
zuzuerkennen. Allem, was er fchreibt, fühlt man die
Gewißheit an, daß die Geheimniffe des Seins fich ihm
erfchloffen haben, und eine Mifchung verachtender Ironie
und gütiger Milde gegenüber den Profanen. In Großen
aller Zeiten, in Heraklit, Meifter Eckhart und Goethe, in
Schopenhauer und Wagner findet er feine Verwandten,
aus deren Worten er durch viel Eignes vermehrte bunt-
fcheckige Spenden in feinen Anmerkungen geftaltet und
darbietet, der Unvollftändigkeit folcher Blütenlefe fich
wohl bewußt: denn wer da vollkommen beftehen wollte,
der hätte, wie er offenbar fchön findet fich auszudrücken,
,gute drei taufendftel eines platonifchen Jahres daranzuwenden
, fchon zur Beffimmung der mittleren Werte für
Ort und Bahn im füdöftlichen Architrigonal oder arya-
srhgdtakam der indo-europäifchen Doppelgeftirne'.

Wird, wer fo zu fchreiben imftande ift, den fchlichten,
Millen ErnM, der auf fo vielen Schöpfungen jener Mönchs-
poefie ruht, echt wiederzugeben wiffen, ,nichts verzierlicht
und nichts verkritzelt'? Man fühlt, wie fehr der egozen-
trifche Zug diefer Natur, der Kultus, der hier mit den
eignen Sonderbarkeiten getrieben wird, das erfchweren
muß. Nach Laune und Gutdünken verziert N. die Verfe
mit Alliterationen; nach Laune und Gutdünken wählt
er feltfam-manierierte Worte und WortMellungen (,Ent-
wefen der an keinem Wunfche haftet' — ,Vier Dinge wer
da treu bewahrt, ein Hausner, der Vertrauen hegt' —
.Schüttelnd ab es mag er nichts vermeinen' — ,Nichtda-
fein wo du gründlich haM begriffen, Das Nichts als Stütze

i brauchM, entkommM du über'); nach Laune und Gut-
| dünken läßt er, ohne alle ausreichende Motivierung, Stücke
j des Textes als unecht fort, dekretiert er Wortbedeutungen
, macht Konjekturen, löM exegetifche Probleme mit
einer philologifchen Technik oder Untechnik von abfo-
! luter Harmlofigkeit: nie fragend oder zweifelnd, fondern
behaglich aus der Fülle heiterer und inniger Gewißheit
i fpendend.

Dies Alles, was unfer Autor nun feit langen Jahren
Zeit gehabt hätte ,Stück für Stück, Stunde für Stunde'
von fich abzutun, durfte nicht verfchwiegen werden. Die
Hoffnung, die ich bei früherer Gelegenheit an diefer
Stelle äußerte, daß er doch fchließlich noch den andern,
fo Mandhaft verfchmähten Weg gehen möge, wird in der
Tat fchwächer und fchwächer. Und doch, auch jetzt
kann ich nicht anders als wieder ausfprechen, was aus-
zufprechen ich vorangehenden LeiMungen N.s mich fchul-
dig fühlte: hinter den Verkehrtheiten, die man beklagt,

I enthüllen fich feltene, wertvolle Eigenfchaften. Wo die

| SpukgeiMer, von denen er befeffen iff, ihn einmal frei

j laffen, weiß er Worte zu finden, welche die Großheit
altbuddhiMifchen GeiMes vornehm und würdig feiern: fie
würdiger feiern, als viele im VerMändnis des Einzelnen

1 ihm fehr weit überlegene philologifche Kleinarbeiter vermöchten
. Und wo jene GeiMer ihm nicht die Hand
führen, fchafft er für manchen Vers der alten Poeten

| nachdichtend einen Ausdruck, aus dem die Seele der
Buddhajünger, ihr Suchen und die Seligkeit ihres Findens

j unverfälfeht hervorklingt. Da fpricht fich des UnerlöMen

: Leiden aus:

,Gefeffelt in der Höhle, vielverkettet,
Verharrt der Menfch, verfunken tief in Irrfal' —
und angMvoll dringend erhebt fich der Schrei nach Ret-

! tung:

,Inmitten diefer Meeresflut,
Wo furchtbar Wog' um Woge bricht
Und Alter uns und Tod umfpült,
O laß' ein Eiland uns erfpähn:
Ein Eiland zeige mir, o Herr,
Aus aller Qual zu retten uns'.
Wer aber dies Eiland erreicht hat, der vom Dafein
j Erlöfle, von dem heißt es:

.Vorbei das alte, neues Leben gibt es nicht,
Erfrifchter Wiederkehr entfremdet iM das Herz,
Kein Same keimt ihm und es wächM kein Wille,
Erlofchen wie die Leuchte gehn die Weifen aus . . .'
Das iM echte BuddhiMenfprache, von der N. fehr wahr
fagt, daß Pathetik und Pofe ihr zuwider iM. Und wir
empfinden es fchmerzlich, daß die Stellen, an denen wir
diefe Sprache ungetrübt genießen können, fo wenige find.

Kiel. H. Oldenberg.

Diettrich, PaM. Lic. Dr. G., Ein Apparatus criticus zur Pe-
sitto zum Propheten Jefaia. (Beihefte zur Zeitfchrift
für die altteflamentliche Wiffenfchaft VIII.) Gießen,
A. Töpelmann 1905. (IX, 222 S.) gr. 8° M. 10 —

Eine fehr fleißige und fehr nützliche, aber unnötig
breit angelegte Arbeit. Es find verglichen die 5 bisher
gedruckten Ausgaben. Daß auch die jüngMe, die Bibel
von Mofful 1888 beigezogen wurde, iM für Deutfchland
befonders verdienMlich. Weiter 11 neMorianifche, 17
weflfyrifche Handfchriften, die Schriften von Ephräm,
Aphraates und Barhebräus, hebräifcher Text, Targum und
Septuaginta, die Differtationen von Warfzawski, Weiß
und Liebmann. Der Eindruck, daß die Arbeit auch fehr
pünktlich fei, hat fich mir beflätigt, als ich verfchiedene

! Kapitel im Codex Ambrofianus und dem Urmiaer A.
T. (nicht ,Bibel, 1 Bd.' S. XI) nachkollationicrte. Doch

1 fehlt es auch nicht an Fehlern. S. XI wird unter den

: kollationierten Handfchriften aufgeführt

m= Paris, Bibl. Nat. Syr. 4. A. D. 1709'