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Ausgabe:

1905 Nr. 2

Spalte:

41-44

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Monnier, Henri

Titel/Untertitel:

La notion de l‘apostolat es origines à Irénée 1905

Rezensent:

Goltz, Eduard Alexander

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Theologifche Literaturzeitung 1905 Nr. 2.

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Monnier, Henri, La notion de l'apostolat des origines ä

Irenee. Paris, Leroux 1903. (VI, 387 S.) gr. 8°
Bruders, Heinrich, S. J., Die Verfassung der Kirche von den
ersten Jahrzehnten der apostolischen Wirksamkeit an bis
zum Jahre 175 n. Chr. (Forfchungen zur chriftlichen
Literatur- und Dogmengefchichte. Herausgegeben von
A. Ehrhard und J. P. Kirfch. Vierter Band, erftes und
zweites Heft.) Mainz, Kirchheim & Co. 1904. (XVI,
405 S. m. 1 Karte.) gr. 8° M. 15 —

Henri Monnier, ein Schüler Jean Revilles, der manchen
deutfchen Theologen aus der Zeit feiner deut-
fchen Studienreife noch perfönlich in angenehmer Erinnerung
geblieben fein wird, legt uns eine ganz ausgezeichnete
Monographie vor. Sie bildet den erften Teil
eines größeren Werkes, welches die Gefamtgefchichte des
chriftlichen Apoftolats behandeln foll. Sowohl der Kir-
chengefchichte als auch der chriftlichen Miffion möchte
Monnier einen Dienft leiden, wenn er die urfprüngliche,
zugleich aber bleibende Bedeutung des Amtes unterfucht,
welches der Hauptfaktor in der Gefchichte der Ausbreitung
des Chriftentums gewefen ift und bleiben wird. So
ftellt fich Monniers Buch als ein Seitenftück zu Ad.
Harnacks ,Miffion und Ausbreitung des Chriftentums' dar.
Denn es enthält im Grunde nicht nur die Gefchichte
eines einzelnen Begriffs, fondern der perfönlichen und
fachlichen Haupttriebkräfte der chriftlichen Miffion. Im
Unterfchiede von Harnack knüpft Monnier Alles an die
Gefchichte eines einzelnen Begriffs, des Apoftolats. Das
hat den Nachteil, daß die Frageftellung oft zu fehr beengt
und die gegebenen Bilder in einen zu kleinen
Rahmen gefperrt werden, fodaß nur die Figuren zu fehen
find und ihre Umgebung vom Rahmen verdeckt ift. Ja
es will mir fcheinen, als ob zuweilen der Gefchichte felbft
Gewalt angetan wird, wenn ihre uns aufbehaltenen frag-
mentarifchen Zeugniffe zu Diftinktionen und Antworten
gezwungen werden, die das wirkliche Leben in feiner
Sorglofigkeit um Logik und begriffliche Unterfcheidung
nicht gekannt hat. Wem der Titel ,Apoftel' gebühre
und wem nicht, und wie .apoftolifche' Autorität genau
abzugrenzen fei gegen eine irgendwie anders begründete
Autorität, das hat, wie die fchwankende Stellung, die ein
Paulus und noch mehr ein Jakobus als .Apoftel' einnehmen
, zeigt, nicht eine folche Rolle im Leben gefpielt,
wie es die Gründlichkeit der detaillierten Unterfuchung
oft erfcheinen läßt. Trotzdem ift diefe Gründlichkeit der
Einzelunterfuchung gerade als ein befonderer Vorzug des
Monnierfchen Buches zu rühmen. Ohne daß die Sprache
die Reize franzöfifcher Ausdrucksweife verleugnet, fpeift
uns Monnier nicht mit geiftvollen apercus ab, fondern
gibt uns eine umfichtige, nüchterne und befonnene Einzelunterfuchung
, die mit großer Geduld alle wichtigen Quellen
der beiden erften Jahrhunderte berückfichtigt und in der
Formulierung des Urteils alles falfche Generalifieren vermeidet
. Laffen fich auch Gruppen bilden, fo bezeichnet
doch jede Schriftengruppe eine eigentümliche Nuance in
der Entwicklung, die in verfchiedenem Tempo und in
verfchiedener lokaler Färbung fchließlich vom gleichen
Ausgangspunkt zum gleichen Endpunkt, von Jefus und
feinem Evangelium bis zu der durch die bifchöfliche
Suczeffion garantierten ,apoftolifchen' Tradition führt.
Die Berückfichtigung aller einfchlägigen Literatur verfteht
fich bei der Gewiffenhaftigkeit des Verf. von felbft.

Indem er zunächft auf die Tatfache hinweift, daß der
Begriff des chriftlichen Apoftels fich nicht mit dem ,der
Zwölf deckt, geht er in einem Einleitungskapitel (p. I—22)
auf die etwaigen griechifchen oder jüdifchen Unterlagen
des Begriffs ein. Von befonderem Intereffe ift dabei die
Frage, ob das Judentum im Zeitalter Jefu Chrifli die Bezeichnung
,Apoftel' fchon in einem technifchen Sinn gekannt
hat. M. verneint dies. Die ttQoxöpxoi, welche die
Tempelfteuer als Gefandte der Dialporagemeinde nach

Jerufalem brachten, feien nie als ajcoöroloi bezeichnet
worden, die anööxoXoi aber, die als Abgefandte des pa-
läftinifchen Patriarchen für das Judentum Propaganda
machten, gehörten erft dem vierten Jahrhundert an. Der
Hypothefe Harnacks (Miffionsgefchichte p. 237 f.), daß
fchon jüdifche Propagandisten, die zugleich finanzielle
Obliegenheiten zu erfüllen gehabt hätten, den Namen
ajiööroXoi getragen und fo die chriftliche Bezeichnung
beeinflußt hätten, tritt M. entgegen und meint, Harnack
erkläre eine Einrichtung des erften Jahrhunderts nach
einer Quelle des zweiten (Juftin), die er mit Hülfe einer
Stelle des vierten (Eufeb) interpretiere. Ich möchte den
Bedenken M.s zuftimmen und die Frage an Kenner der
jüdifchen Literatur hinzufügen, ob überhaupt ein dem
griechifchen Wort (dji6azo?.oq) entfprechender Amtstitel
bei den Juden des vierten Jahrhunderts nachzuweifen ift.
Das Zeugnis des Eufeb und Epiphanius will mir für den
jüdifchen Tatbeftand felbft nicht ausreichend erfcheinen;
jedenfalls darf man, wie M. mit Recht hervorhebt, den
Rückfchluß auf das erfte Jahrhundert nicht wagen.

In einem zweiten fehr ausführlichen Kapitel (S. 23—99)
behandelt M. den Apoftel Paulus, und zwar zunächft den
paulinifchen Begriff des Apoftolats nach den älteren
Briefen, dann die Stellung der Urapoftel in ihrem Verhältnis
zum paulinifchen Apoftolat, endlich den Konflikt,
der fich durch die verfchiedene Auffaffung ergab und
der damit endigte, daß das Miffionswerk (alfo das fachliche
Recht des Apoftolats) des Paulus anerkannt wurde,
daß aber die hiftorifche, judenchriftliche, weniger geiftige
Prägung des Apoftelbegriffs fich ebenfalls durchfetzte
und die, welche urfprünglich das gleiche Recht gehabt
hätten, ,Apoftel' zu heißen, zu .Evangeliften' herabdrückte.
Ob die Bezeichnung des geiftigen Apoftelbegriffs des
Paulus als apostolat pneumatique und des jerufalemitifchen
als historique (an anderer Stelle mystique — traditionaliste)
ganz die Sache trifft, will ich dahingeftellt fein laffen.
Aber der Sache nach hat in der pfychologifchen Begründung
des apoftolifchen Selbftbewußtfeins diefer Ge-
genfatz beftanden und hat im Zufammenhang mit andern
Faktoren den Konflikt verfchärft. Dabei hat es allerdings
, genauer gefehen, bei Paulus nicht an hiftorifchen,
bei den Urapofteln nicht an pneumatifchen Faktoren
gefehlt. Das hätte noch deutlicher herausgeftellt werden
können. — Der Verfuch, auch die Ausdrucksweife des
Epheferbriefs für eine fpätere Lebenszeit des Paulus felbft
zu retten, ift aller Beachtung wert.

Das dritte Kapitel erft (p. 100—159) behandelt l'in-
stitution des Donze et tapostolat d'apres les livangiles.
Wir finden alfo hier diefelbe Inverfion des Stoffes, wie
in Dobfchütz' urchriftlichen Gemeinden: das Zeugnis Jefu
und der Synoptiker erft nach der Darftellung des Lebenskampfes
des Paulus. Ich kann das in diefem Fall noch
weniger für richtig halten als bei Dobfchütz. Denn das
zugleich hiftorifche, wie innerlich-logifche Prius, die Auswahl
und Erziehung der Jünger, fowie der univerfaliftifche
Miffionsauftrag des Auferftandenen, deffen Gefchichtlich-
keit M. gegen Harnack aufrecht erhält, hätte auch die
Grundlage der Darfteilung bilden müffen. Auf Einzelheiten
der gründlichen Unterfuchungen hier einzugehen,
ift leider nicht möglich. Es fehlt nichts, was hierher
gehört: die Apoftelliften, die Sonderftellung des Petrus,
die Zwölf (hiftorifch, aber die Zahl nicht intentionell) und
die Siebzig (ungefchichtlich), die galiläifche Ausfendung,
die prinzipielle Gleichftellung der Jünger mit allen
Gläubigen, die Entftehung des Apoftolats aus dem Glauben
an den Auferftandenen, alles findet eine forgfame
Erörterung. Am Schluß des Kapitels wird in einem be-
fondern Abfchnitt auch das vierte Evangelium herangezogen
, für deffen Verfaffer M. Johannes von Ephefus,
den Presbyter, einen perfönlichen Jünger des Herrn aus
der Zeit der jerufalemitifchen Wirkfamkeit (aber nicht
einen der 12, alfo nicht den Zebedaiden) hält. Obwohl
alles ergeiftigt und sub specie aeternitatis gefchaut wird,