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Ausgabe:

1905 Nr. 20

Spalte:

556

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Goltz, Ed. Freiherr von der

Titel/Untertitel:

Der Dienst der Frau in der christlichen Kirche 1905

Rezensent:

Achelis, Ernst Christian

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555

Theologifche Literaturzeitung 1905 Nr. 20.

556

Geringere und Schwächere, alfo etwa Kranke und Dienft-
boten einzufühlen und dann felbft zu beurteilen, was
ihnen gegenüber frommt. Überhaupt ift feine ganze Art,
die Selbfttätigkeit der Kinder zu wecken und ethifch zu
verwenden, unferm Empfinden ebenfo anfprechend wie
unterer Praxis noch herzlich fremd. Es wird wohl noch
etwas dauern, bis fein großer Optimismus und Idealismus
mit feiner hohen Zielbeftimmung, feiner Ablehnung
körperlicher Strafen, mit feinem Glauben an die guten
Kräfte im Kindesgemüt und mit feiner ganzen freien
Behandlung der Zöglinge in deutfche Schulhäufer und
F'amilien eingezogen ift. In dem Ausland hat F. viele
Eindrücke gewonnen, die zu diefer feiner Stellung beigetragen
haben; darüber berichtet er in der intereffanten
Überficht über den Stand der ethifchen Unterweifung in
Amerika, England, Frankreich und der Schweiz. Für unfere
Schulen empfiehlt er, folange ein felbftändiger ethifcher
Unterricht noch nicht möglich ift, eine Durchdringung
der andern Unterrichtsfächer mit fittlicher Unterweifung,
ohne daß ich feinen Gedanken immer zuftimmen könnte;
abgefehen von der Gefahr, einer Klaffe die Moral auf
diefe Weife zu verekeln, will es mir doch etwas gezwungen
erfcheinen, wenn die wunderbare Verwandlungs-
fähigkeit der Kohle den Gedanken an die Hebung
der in uns liegenden Keimftoffe für das Gute hergeben
muß. Überhaupt habe ich das Gefühl, als ob des Schul-
meifterns etwas viel in dem Buche fei, was ganz be-
fonders, wie alle Fehler führender Geifter, bei den unbedingten
Anhängern und Nachahmern zutage käme.

Die Maffe und den Reichtum des Buches bildet die 1
wunderbare Fülle von Beifpielen, die mit den Kindern
befprochen werden follen, um ethifches Urteilen, Fühlen j
und Wollen anzubahnen und einzuüben. Man hat kaum |
eine Ahnung von dem Umblick und dem Fleiß, der dazu
gehörte, um diefe vielen hundert vorzüglich ausgewählten
Beifpiele zufammenzutragen. Nach ethifchen Gefichts- j
punkten geordnet und mit hochwichtigen Bemerkungen |
und Winken durchzogen, bieten fie mit ihrer Fülle von
Anekdoten, Vergleichen, Blicken ins Leben, Zitaten, ein
prachtvolles Material zur Pflanzung und Pflege von Selbfttätigkeit
, Takt, Keufchheit und andern Tugenden. Wer
erfahren hat, daß der Bedarf unferes oft fehr trockenen
Unterrichtes an folchen Sachen gerade fo groß ift, wie
unfere Unfähigkeit, fie zu fammeln und zu verwenden, der
wird dem Verfaffer hierfür am meiften dankbar fein.

Dem eigentlichen Sinn und Kern des Buches flehe
ich etwas zweifelnd gegenüber. Ein eigentlicher Moralunterricht
dürfte in den Händen anderer, weniger warmen
und gefchickten Pädagogen leicht den von F. am Religionsunterrichte
gerügten Fehlern verfallen — oder noch
fchlimmer werden. Zwar kann Unterricht die Gedanken-
lofigkeit befeitigen und die Augen öffnen helfen, aber die
Gefinnung felbft entfteht durch ganz andere Mittel, als da
find Vorbild, Geift der Gemeinfchaft und vor allem Behandlung
der Kinder durch die Erzieher. Diefe Dinge, |
die natürlich F. auch in ihrer Bedeutung kennt, fcheinen
hinter der unterrichtlichen Arbeit etwas zurückzuftehen.
Aber damit wollen wir den großen Wert des Buches
nicht herabgefetzt haben; es gibt reiche Hilfe für die j
Beeinfluffung der Kinder, die zwifchendurch in der Schule 1
und vor allem im Verkehr und im Haufe zu gefchehen ;
hat. Wir 1 heologen können viel lernen; nicht nur eine J
praktifchere Haltung unferes Konfirmanden- und Jugend-
Unterrichtes, dem es am intereffanten und erziehlichen
Gehalt und an dem Verftändnis für die Bedeutung der
Eingewöhnung noch reichlich fehlt, fondern vor allem
den großartigen Blick für das Leben und das Konkrete,
der alle Anfchauungen und Begebenheiten der Umwelt
in feelforgerliches Gold zu verwandeln helfen kann. Aber
das Befte an dem Buche ift der große und gute Geift
des Glaubens und der Liebe, der vom erften Blatte bis
zum letzten hindurchweht.

Heidelberg. Niebergall.

Goltz, Priv.-Doz. Lic. Ed. Freiherr von der, Der Dienlt
der Frau in der chriftlichen Kirche. Gefchichtlicher
Überblick mit einer Sammlung von Urkunden. Potsdam
, Stiftungsverlag 1905. (IX, 216 S. m. Abbildgn.
u. Bildniffen.) gr. 8° M. 3.— ;

geb. M. 375; m. Goldfehn. M. 4.50

Das wertvolle Buch gibt in erweiterter F"orm die Auf-
fätze wieder, die der Verf. in dem Monatsblatt ,Frauen-
hülfe', dem Organ der Frauenhülfe des Evangelifch-kirch-
lichen Hülfsvereins (herausgeg. von Cremer), 1904 Nr. 2f.
hat erfcheinen laffen. Eine gelehrte Monographie mit ausgedehntem
wiffenfehaftlichen Apparat haben wir nicht vor
uns; das Werk ift für weite Kreife beftimmt, die Dar-
ftellung verläßt nirgends den Standort der Allgemein-
verftändlichkeit, aber der gefchichtskundige Verf. verleugnet
auch nirgends die gründliche Quellenforfchung
zu trefflicher Orientierung und ficherer Zuverläffigkeit.
Die Grenzen des Stoffes werden einerfeits durch die prak-
tifche Abzweckung des Werkes beftimmt, die den Verf.
die ausländifche Gefchichte des chriftlichen Frauendienftes
nur foweit berückfichtigen ließ, wie fie auf deutfche Ver-
hältniffe maßgebenden Fünfluß gewonnen hat, anderfeits
durch ftrenge Innehaltung der Aufgabe, die den Dienft
der Frau in der chriftlichen Kirche vorzuführen hat.
Beide Gefichtspunkte werden in dem fchönen Schlußwort
(S. 101 f.) im Rückblick auf die gefchichtliche Darfteilung
noch einmal präzifiert durch Hervorhebung der Motive
des chriftlichen Frauendienftes, der höchften Pflichten
der Frau in derFamilie, der Geftaltung der Lebensformen
, in denen die Frauen außerhalb des eigenen
Haufes zu wirken haben, und in der Abgrenzung der
Arbeitsgebiete der Frauen: zu nähren und zu pflegen,
zu behüten und zu bewahren, zu ordnen und zu erhalten.
,Große gemeinfame Aufgaben erfordern Berufsgenoffen-
fchaften, aber ihre Glieder haben nicht eine höhere,
fondern nur eine andere Arbeit zu leiften, haben auch
nicht mehr heiligen Geift oder Innerlichkeit zu bean-
fpruchen, als die Frauen, welche in Ehe und F"amilie
ihren Lebensberuf finden. — Ausgehend von der chriftlichen
Familie oder kleinen familienartigen Gemeinfchaften
wird die Frauenarbeit im Dienft der Gemeinden Wurzel
faffen und fich dort mannigfach entfalten. Daraus entliehen
dann Ämter und Inftitutionen, Anftalten und Vereine
auch für größere gemeinfame Aufgaben. Diefe
können aber nur dann in gefundem Leben erhalten
bleiben, wenn fie fich das perfönliche Moment bewahren
, fo daß die Frau ihre fpezififche Gottesgabe, die
perfönliche Hülfe und Anteilnahme, verwerten kann'. Das
Buch ift ein Appell an alle chriftlich gefinnten Frauen, in
felbftlofer Weife ihre Kräfte und Gaben in den Dienft
der Gemeinde zu Hellen. — Von befonders hohem Wert
ift die ,Sammlung von Urkunden zur Gefchichte des
chriftlichen Frauendienftes' (S. 107—200), in der viel in-
tereffantes, entlegenes und bisher ungedrucktes Material
dargeboten wird.

Befremdet hat den Referenten, daß der Verf. für die
Autorfchaft der Kurfürftin Luife Henriette in betreff der
bekannten 4 Lieder eintritt; die Unmöglichkeit der traditionellen
Anficht fcheint durch die Ausführungen z. B.
in Fifchers Kirchenliederlexikon doch erwiefen zu fein. —
Die Ausftattung des Werkes genügt leider nur den aller-
befcheidenften Änfprüchen; auch der vielgeftaltige Bilder-
fchmuck läßt in technifcher Beziehung fehr viel zu wünfehen
übrig.

Marburg. E. Chr. Achelis.