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Ausgabe:

1905 Nr. 20

Spalte:

553-554

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Spinoza, Baruch de

Titel/Untertitel:

Ethik 1905

Rezensent:

Mayer, Emil Walter

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Seite 1

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Theologifche Literaturzeitung 1905 Nr. 20.

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und vernunftvoll' ift, gegenüber dem ,Höheren, Reiferen,
Freien' als ,Unvollkommenheit und Schlechtes, als Übles
und Böfes' erfcheint; teils daraus, daß die das Unendliche
, Univerfelle, Überindividuelle negierende Selbftfucht
des JVlenfchen das Böfe in ihm erft erfchaffen hat.

Von diefen Prämiffen ausgehend, verwirft der Verf.
allen Egoismus und allen Peffimismus und fordert er
Sittlichkeit als freie Entfaltung des Reingöttlichen im
Menfchen.

Wie man fieht, handelt es fich um einen Verfuch,
die Ethik zu begründen auf eine in etwas dehnbaren und
zerfließenden Formen vorgetragene, popularifierende Meta-

fcher Sprache dar. Der Herausgeber hat zahlreiche ältere
Überfetzungen zu Rate gezogen, fowie die holländifche
von Willem Meijer und die englifche von W. Haie White.
Von der unanfechtbaren Vorausfetzung ausgehend, daß
bei Spinoza die Worte ,faft den Charakter mathematifcher
Zeichen' haben, legt er großes Gewicht auf gleichmäßige
Geftaltung der Terminologie und fchreckt fogar vor dem
Schein fklavifcher Gebundenheit an den Text nicht zurück.
Die Einleitung enthält eine kurze Inhaltsangabe, welcher
die zwar nicht neue, aber richtige Anfchauung zugrunde
liegt, daß im Denken Spinozas das treibende Motiv ein
vorwiegend praktifches (ethifch-religiöfes) war. Die bei-

Dhvfik die hier und dort an Hegelfche Gedanken an- j gefügten Anmerkungen beziehen fich teils auf Text

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klingt.

Straßburg i. E. E. W. Mayer.

Leibniz', G. W., Haupt Ich riften zur Grundlegung der Philo-
fophie. Überfetzt von Dr. A. Buchenau. Durchgefehen
und mit Einleitungen und Erläuterungen herausgegeben
von Dr. E. Caffirer. Bd. L (Philofophifche
Bibliothek. Bd. 107.) Leipzig, Dürr'fche Buchh. 1904.
(VIII, 375 S. m. 1 Tafel.) 8» M. 3.60

Spinoza, Baruch de, Ethik. Überfetzt und mit einer Einleitung
und einem Regifler verfehen von Dr. Otto
Baenfch. (Philofophifche Bibliothek Bd. 92). Ebenda
1905. (XXVI, 311 S.) 8» M. 3 —

Die Philofophifche Bibliothek hat fich neuerdings
durch eine Reihe wertvoller Veröffentlichungen Anfpruch
auf Dankbarkeit erworben.

Von den zwei vorliegenden Publikationen ftellt fich
die erfte eine wichtige, aber fehr fchwierige Aufgabe.
Sie will verfuchen, ,den wefentlichen Inhalt der Leibnizi-
fchen Philofophie und das Verhältnis ihrer einzelnen
Syftemglieder an Leibniz' eigenen Werken zur unmittelbaren
Anfchauung zu bringen'. Und zwar kommt es ihr
befonders darauf an, die .gedankliche Entwicklung'überhaupt
und die ,gemeinfame logifche Wurzel' der ver-
fchiedenen Koeffizienten des Ganzen herauszukehren.

kritifches, teils begründen fie die Überfetzung; nur wenige
dienen zur Erläuterung des Inhalts. Ein Namen- und
Sachregifter bilden den Befchluß.

Straßburg i. E. E. W. Mayer.

Förlter, Privatdoz. Dr. Fr. W., Jugendlehre. Ein Buch
für Eltern, Lehrer und Geiftliche. 6. u. 7. Taufend.
Berlin, G. Reimer 1905. (XVI, 724 S.) gr. 8°

M- 5—; geb- M. 6 —
Die im Sinne der ethifchen Kultur von F. angeftrebte
Einführung eines ausgedehnten ethifchen Unterrichtes in
die Schule foll ein Gegengewicht gegen das Überwiegen
der technifchen Kultur der Gegenwart und eine Ergänzung
zu der intellektuellen Volksbildung fein, die
durchaus nicht ohne weiteres Volksgefittung zur Folge
hat. Wie das Buch überhaupt andere pädagogifche Ver-
fahrungsweifen und Syfteme nicht erfetzen, fondern nur
ergänzen will, fo will F. am wenigften den religiöfen
Unterricht durch den ethifchen verdrängen. Zwar ift er
davon überzeugt, daß der obligatorifche Religionsunterricht
in den öffentlichen Schulen um der damit verbundenen
Vergewaltigung anders denkender Eltern willen
auf die Dauer nicht haltbar ift; zwar hält er von dem
ethifch wenig fruchtbaren Betrieb des gegenwärtigen dog-
matifchen und hiftorifchen Religionsunterrichtes nicht viel;
aber überall im ganzen Buch leuchtet feine Gewißheit
Diefes Ziel glaubt der Herausgeber nicht anders er- J von der Unentbehrlichkeit der chriftlichen Religion als

reichen zu können, als indem er die bisher geläufige der das Sittliche fanktionierenden und fördernden Macht

.ftrenge' Scheidung zwifchen den .metaphyfifchen' und in oft ergreifender Weife hindurch. Um fo lieber werden

.wiffenfchaftlichen' Schriften aufgibt und jedes Gebiet wir uns von F. die Notwendigkeit einer Unterweifung

Droduktiver Gedankenarbeit' des großen Polyhiftors in einprägen laffen, die die ethifchen Grundfätze auf das

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einer bezeichnenden Probe zur Darfteilung kommen läßt,
Vollftändigkeit wird dabei nur infofern erftrebt, als ,alle
begrifflichen Hauptmotive, die das Syftem bilden halfen',
durch einen charakteriftifchen Repräfentanten wiedergegeben
werden follen.

Dem entfprechend enthält der crfte Band Schriften
zur Logik und Methodenlehrc (4); Schriften zur Mathematik
(6); Schriften zur Phoronomie und Dynamik (5);
Schriften zur Metaphyfik (5). Von den letzteren werden

Leben anzuwenden lehrt, weil gerade die Übertragung
in das konkrete praktifche Leben das Schwierigfte zu
fein pflegt. Zu diefem Zwecke will er die unterrichtliche
Behandlung ethifcher Dinge in die Schule einfuhren
, weil häufig, wie er richtig fagt, die Gedanken-
lofigkeit, alfo ein intellektueller Mangel, der Ausübung
ethifcher Grundfätze im Wege fteht. Aber ftatt der
üblichen Moralpauke und Moralerzählung foll die Behandlung
diefer Grundfätze an konkreten Beifpielen das

nur folche "berückfichtigt, die des Syftems gefchichtliche •■ Verftändnis und das Intereffe der Schüler für ethifche
Stellung zu kennzeichnen geeignet find (kritifche Bemer- Aufgaben zu wecken fliehen. Die Mitarbeit der Kinder
kungen zu den Anfchauungen Descartes', Malebranches, bei der Auffuchung der Urteile, Regeln und Beifpiele aus
Spinozas). Die metaphyfifchen Abhandlungen im engeren dem Leben, fowie der Appell an die in ihnen fchlummern-
Sinne foll erft der zweite Band bringen. den Neigungen und Anlagen find die wichtigften Leit-

Die von Buchenau gefertigte Überfetzung erweift fich, ! gedanken diefer Peftalozzis Geift atmenden Arbeit, die
foweit fich das durch Stichproben feftftellen ließ, als immer wieder eingeprägt und veranfehaulicht werden,
korrekt und zvveckentfprechend. Der Herausgeber hat, In der eindrucksvollften, nachhaltigften Weife wird man

abgefehen von der Vorrede, zwei befondere Einleitungen
beigefügt, eine zur Logik und Mathematik und eine zur
Phoronomie und Dynamik. Beide, fowie die zahlreichen
erläuternden Anmerkungen find von der Gefamtauffaffung

dazu angehalten, den Kindern äußerliche und innerliche
Hilfen zum Werden und Wachfen ethifcher Perfönlich-
keiten zu geben; befonders werden reichlich Winke ein-
geftreut, wie man die im Umkreis des kindlichen Lebens

der Leibnizfchen Lehre beherrfcht, die in des Autors . liegenden naturlichen und fozialen Motive zu fittlichem
Schrift .Leibniz'Syftem in feinen wiifenfchaftlichen Grund- I Handeln fruchtbar macht, fo z. B. das Bedürfnis nach

lagen' Marburg, Erwert, 1902 niedergelegt ift. Bekannt
lieh wird auch da das mathematifche Motiv der Syftem
bildung in den Vordergrund gerückt.

Die zweite Publikation bietet Spinozas Ethik in deut

Kraftentfaltung für die Selbftbeherrfchung und Ritterlichkeit
. Jeder, der mit Kindern zu tun hat, wird F. dankbar
fein für die vielen An weifungen, die er gibt, wie
man Kinder dazu bringen kann, fich in andere, befonders