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Ausgabe:

1905

Spalte:

451-453

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Schlecht, Joseph

Titel/Untertitel:

Andrea Zamometic und der Basler Konzilsversuch vom Jahre 1482 1905

Rezensent:

Haller, Johannes

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Theologifche Literaturzeitung 1905 Nr. 16.

452

fehen werden. Noch eine weitere Bemerkung drängt
fich auf. Verhältnismäßig feiten — vielleicht mit Rückficht
auf den zweiten Abfchnitt, in dem nur franzöfifche
und englifche Dinge gefchildert werden — erläutert H.
feine Ausführungen mit Beifpielen deutfcher Verhältniffe.
Daraus foll ihm natürlich kein Vorwurf gemacht werden,
die Schuld trifft eben jenen Partikularismus, der wohl
Veröffentlichungen von Urkunden und Regelten für einzelne
Landfchaften gezeitigt hat (z. B. von Hauviller,
Sauerland, Schmidt), für abgezirkelte Perioden (z. B. die
unvollfländigen vatikanifchen Akten zur Gefchichte
Ludwigs des Bayern von Riezler, zur Gefchichte Karls
IV.; das Repertorium Germanimm gehört, weil das Jahr
1431 umfaffend, nicht hierher), — aber noch immer find
diefe Veröffentlichungen nicht fo ausgebeutet für die
Gefchichte des Papfttums felbft, wie es ihre Zahl wün-
fchenswert machte. Für das Verhältnis des Papfttums
zur deutfchen Kirche wiederholen wir im letzten Grunde
die Schlagworte der Reformfchriften aus der Wende des
vierzehnten und fünfzehnten Jahrhunderts. Es fehlt, fo-
lange nicht A. Haucks Kirchengefchichte Deutfchlands
fortgefetzt ift, an Handhaben der Kontrolle, die um fo
beweiskräftiger fein werden, je weniger fie fich landschaftlich
ifolieren, je mehr fie auch andere Fragen fich Bellen
als nur die nach dem diplomatifchen Wert oder Unwert
der Papfturkunden; Bücher wie die von K. Müller und
M. Janfen dürfen nicht die einzigen bleiben. Für Frankreich
und England hat H. jetzt die Bafis eines Werturteils
über die Wirkungen der päpftlichen Verwaltung
gelegt. Sein eigenes Urteil ift herb genug ausgefallen (vgl.
z. B. S. 176fr.), herber vielleicht, als der Lefer nach den
Fragen erwartet, die der Verf. im Vorwort aufgeworfen
hat (S. VII), aber doch begründet dank der Berückfich-
tigung aller Momente, die es bedingen.

Ich breche ab, um nicht auf Einzelheiten eines Buches
einzugehen, das fich ebenbürtig neben die große Gefchichte
des Schisma von N. Valois Bellt, ohne diefem
gegenüber auf SelbBändigkeit in der pragmatifchen Verknüpfung
der Ereigniffe, in der Würdigung der treibenden
Kräfte und einzelner Perfonen (z. B. Benedikts XII., der
Parifer Univerfität) zu verzichten. Seine Fortfetzung verheißt
eine Beurteilung der Konfianzer Konkordate und
des Pontifikats von Martin V., fodann des Bafler Reformverfuchs
. Möchte fie nicht lange mehr auf fich warten
laffen, um neuen Arbeiten erneuten Anfioß zu geben.

Greifswald. A. Werminghoff.

Schlecht, Jofeph, Andrea Zamometic und der Basler Konzilsversuch
vom Jahre 1482. ErBer Band. (Quellen und
Forfchungen aus dem Gebiete der Gefchichte. In
Verbindung mit ihrem hiBorifchen Inflitut in Rom
herausgegeben von der Görres-Gefellfchaft. VIII. Band.)
Paderborn, F. Schöningh 1903. (XII, 170 u. 163* S.)
gr. 8° M. 12 —

Die Gefchichte des flavifchen Dominikaners, der zu-
erfl als Diplomat zweiten Ranges in kaiferlichen und
päpBlichen Dienflen tätig ifl, fich dann urplötzlich in
einen Fanatiker der Kirchenreform verwandelt, Papfl
Sixtus IV. die böfeflen Wahrheiten fagt und, aus der
Engelsburg mit Not entkommen, fich unterfängt, auf
eigene Faufl in Bafel ein Konzil zufammenzurufen, um
fchließlich, beim Mißlingen des Unternehmens, durch
Selbflmord zu enden, — diefe ganze Epifode iE eines
jener hiBorifchen Rätfei, die weniger durch das Gewicht
und die Tragweite der Vorgänge, als durch das Geheimnisvolle
der Zufammenhänge dieForfchung anlocken.
In der VielgeBaltigkeit der Nebenbeziehungen und Ausblicke
nach allen Seiten liegt überdies ein befonderer
Reiz des Themas. Kaifer und Papfl, Ludwig XL, die
Schweiz, Venedig und Florenz, Mathias von Ungarn, der
Türkenkrieg und nicht an letzter Stelle der Ehrgeiz und

die Pfründenjagd hoher GeiBlicher fpielen beBändig in
die Erzählung hinein und fetzen den Verfaffer inBand,
ja fie nötigen ihn fafl, ein Bild der großen politifchen
Welt des fterbenden Mittelalters im kleinen zu zeichnen.
Das hat einB Jakob Burckhardt in jungen Jahren getan,
in einer Monographie, die fchon den Meifler erkennen
läßt, und deren Stil, wenn ich nicht irre, auch auf den
Ton des hier vorliegenden Buches an vielen Stellen, nicht
zu feinem Schaden, merklich abgefärbt hat. Auch Schlecht
hat diefe Dinge mit befonderer Liebe behandelt, und
ungleich größere Mittel Behen ihm dabei zur Verfügung.
In Rom und Italien, in Deutfchland, der Schweiz und
ÖBerreich hat er umfaffende Nachfuchungen angefleht
und dabei viel Unbekanntes zu Tage gefördert, natürlich
auch die gedruckte Literatur in großem Umfange benutzt.
Die ,Urkundlichen Beilagen', die in gefonderter Paginierung
eben fo viel Raum einnehmen wie der Text felber,
bringen ein recht vielfeitiges, fogar buntes Material, dem
man fo manchen fchätzenswerten Beitrag zur Gefchichte
der politifchen und perfönlichen Beziehungen vornehmlich
zwifchen den Höfen Sixtus' IV. und Friedrichs III.,
aber auch zur Gefchichte Deutfchlands — die Reichsfladt
Nürnberg fleht zeitweilig im Vordergrunde —, Frankreichs
, der Schweiz entnehmen kann. Der Verfuchung,
von feinem eigentlichen Thema abzufchweifen, überläßt
der Verf. fich gern, und man kann nicht leugnen, daß
manche diefer Digreffionen nicht eben notwendig fcheinen,
und daß die behagliche Breite der Erzählung an mehr
als einer Stelle entfchieden zu weit geht. Ein ganzer
Band zu 12 Mark allein über die ,Vorgefchichte' des mißglückten
Konzilsverfuches, das ift in der Tat etwas reichlich
und hätte wenigflens in den Beigaben größere Selbfl-
befchränkung nahelegen follen. Der Exkurs z. B. über
die Inflruktionen Sixtus' IV. gehört unflreitig nicht in
diefes Buch, und die Bulle über Errichtung des Kollegs
der Sollizitatoren erfl recht nicht, zumal fie fchon gedruckt
war. Es mag ja fchmerzlich fein, mühfam ge-
fammeltes Material nicht verwenden zu dürfen, aber die
Rückficht auf Lefer und — Käufer follte doch über die
Liebe zu den eigenen Abfchriften und Exzerpten fiegen.
Befonders dankenswert ifl dagegen der an Nachrichten
fo reiche Exkurs über Kardinal Heßler, den leitenden
Staatsmann Friedrichs III.

So viel über das, was nebenher abfällt. In diefem
Beiwerk liegt aber auch, wie mir fcheint, der eigentliche
Wert der Arbeit und ihre Berechtigung, als eigenes Buch
von nicht ganz unbeträchtlichem Umfange aufzutreten.
In dem, was über den Helden felbfl und feine res gestae
mitgeteilt wird, fcheint mir wieder einmal der Beweis geliefert
zu werden, daß größere Detailkenntnis nicht notwendig
zu klarerer Erkenntnis der Zufammenhänge führt.
Vielleicht wird die Fortfetzung, die erfl die Gefchichte
des Konzilsverfuchs felbfl bringen foll, diefes Urteil korrigieren
laffen. Einflweilen aber finde ich, — und der
Verf. felbfl fcheint nicht anders zu denken —, daß es
bei dem Verdikte bleiben muß, das fchon der ,Konzils-
fekretär' Peter Numagen über das Beginnen feines Herrn
gefällt hat, und das man feit Hottinger kannte: es war
das Abenteuer eines leidenfchaftlichen, aber gänzlich unüberlegten
Kopfes, zum Scheitern von vornherein verurteilt
. Was nun den Mann zu diefem Abenteuer getrieben
hat, das hat auch Schlecht nicht beffer aufklären
können als feine Vorgänger. Ich weiß übrigens nicht,
ob nicht gerade hier die fonfl fo emfige Forfchung eine
Lücke aufweifl. S. 58 deutet der Verf. an, daß vielleicht
das mit Sixtus IV. verfeindete Venedig in befonderen
Beziehungen zu Andreas geBanden habe, da diefer feine
Befreiung aus dem päpBlichen Kerker dem venetianifchen
| Gefandten verdankte. Außere Gründe mögen den Verf.
gehindert haben, dem näher nachzugehen. Venetianifche
Quellen werden hier jedenfalls nicht angeführt. Bleiben
wir nun auch in der Hauptfache ungefähr fo klug wie
zuvor, fo ifl es doch erfreulich, über viele Einzelheiten