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Ausgabe:

1905 Nr. 16

Spalte:

445-446

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Künstle, Karl

Titel/Untertitel:

Das Comma Ioanneum 1905

Rezensent:

Gregory, Caspar René

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445

Theologifche Literaturzeitung 1905 Nr. 16.

446

Schloegl. Prof. D. P. Nivardo, O. Cist, Canticum Canti-

corum. (Libri Veteris Testamenti. Ope artis criticae
et metricae quantum fieri potuit in formam originalem
redacti et adiuvante facultate theologica Vindo-
bonensi editi.) Vindobonae, Mayer et Sociis MDCCCCII.
(XVIII, 8 p.) Lex. 8«. M. 1.50

Verf. fleht mit feiner Beurteilung des Inhaltes des
Hohenliedes ganz auf dem Boden ftreng allegorifcher
Auffaffung. c. 2, s—5, 1 enthält das connubium spirituelle
Christi et ecclesiae, redemptio objectiva; 5> 2—8j 4 das
connubium spirituale Christi et aniniae justae, redemptio
subjectiva. Er erfchließt aus dem Umftande, daß alle
Stichen der erden Strophe (= 1, a-4) auf reimen, und
diefer Reim auch des öfteren in Pf. 45 begegnet, für
beide Gedichte — den Pfalm und das Hohelied — den
gleichen Vcrfaffer. Es dürfte fowohl diefe kühne Hypo-
thefe wie jene Gefamtauffaffung unferes Buches kaum
Beifall finden.

Aber es handelt fich ja hier wefentlich um Text und
metrifche Bearbeitung. Unfer Buch ift neuerdings ein
fehr beliebtes Objekt für metrifche Verfuche. Ich kann
die Empfindung nicht unterdrücken, daß Schlögls Verbuch
bisweilen etwas Gewaltfames hat. Gleich in feiner
erden Strophe find die obengenannten Reime doch teilweis
erd durch Umdellung der Wörter gewonnen. Glücklicher
fcheint mir der Verf. mit der Annahme von
Doppeldreiern für das Liedchen 4, 1—7, obfehon auch hier
für die beiden letzten Verfe fich Schwierigkeiten heraus-
dellen. Mit Recht wird von ihm das insta v. 9b be-
andandet. Er fchlägt vor, beidemal Tom (TW bezw.
TWlS) zu lefen. Gelungen id m. E. die Skandierung des
kleinen Liedes 8, 8-10. Verf. findet hier Fünfer. Zum Teil
trifft diefe Aufdellung mit der Buddes gegen Bickell zu-
fammen.

Breslau. Max Lohr.

Künstle, Prof. Dr. Karl, Das Comma loanneum. Auf feine
Herkunft unterfucht. Freiburg i. B., Herder 1905. (V,

64 S.) gr. 8° M. 2 -

Eine allgemeine Kongregation der heiligen römifchen
und univerfellen Inquifition beriet vor den Inquifitoren-
Generalen über die Frage, ob man mit Vorficht ,tUto*
die Echtheit der drei himmlifchen Zeugen leugnen oder
bezweifeln könnte, entfehied am 13. Jan. 1897 in aller
Form, daß die Frage verneinend .negative' zu beantworten
fei, und ließ diefen Befchluß durch den Papft beftätigen.
Man müßte meinen, damit wäre ein Ende der Erörterung
diefer Stelle von feiten römifcher Gelehrter gefetzt. Mitnichten
. Der englifche Kardinal Vaughan verficherte das
Gegenteil in einem öffentlichen Briefe. Man kann fich
leicht denken, daß unter diefen Umfländen die vorzügliche
Quelle, auf die Vaughan fich beruft, der Papft felbft
fein muß. Da kein Menfch außer den Textkritikern fich
mit der Leugnung oder dem Bezweifeln diefer Stelle
befaßt, fo ift die Auskunft Vaughans der Beleg dafür,
daß der Befchluß jener allgemeinen Kongregation für
nicht gefchehen ,non avenu' gilt. Noch erfreulicher aber
ift die autoritative Feftftellung durch diefe Kundgebung
Vaughans, daß das bekannte Dekret des Konzils von
Trient vom 8. April 1546, das vielfach und fogar befon-
ders in der römifchen Kirche für ein Verbot der freien
Kritik des Textes gehalten worden ift, diefen Sinn nicht
hat. Was es heißt, kann uns dann herzlich gleichgültig
fein.

Künftle in Freiburg ift dabei, dogmengefchichtliche
Studien und Texte aus dem Streite gegen Priszillians
Lehre, unter dem Titel .Antipriscilliana', herauszugeben.
Bei den Vorarbeiten dazu wurde feine Aufmerkfamkeit
auf die fchwache Bezeugung der drei himmlifchen Zeugen
in den lateinifchen Handfchriften gelenkt, und das außer- j

ordentlich gehaltvolle Heft vor uns bringt die Ergebniffe
der von ihm in diefer Richtung angeflehten Forfchungen.
Er beftätigt darin eine ihm erft nachträglich bekannt gewordene
Vermutung des verdorbenen Parifers I. P. P.
Martin. Greifen wir aber nicht vor.

Zuerft bemerkt der Verfaffer, daß die Stelle den
griechifchen Hff. und den altorientalifchen Überfetzungen
fremd ift, und verwirft Baumftarks Anficht, daß Jakob
von Edeffa fie anführt. Zum Lateinifchen übergehend
betont er das Fehlen der Worte in der im 6. Jhdt. in
Rom korrigierten Fulda-Hf., in dem Luxeuil-Lectionar
vom 5. oder 6. Jhdt., in der Amiata-Hf. und in der Harley-
Hf. vom 8. Jhdt. und in all den Hff., die in Tours zwifchen
801 und 850 gefchrieben wurden. Ebenfo ift es der Fall,
daß weder Hilaire von Poitiers, der in .de trinitate' alle
möglichen Schriftftellen beibringt, noch Luzifer von Cag-
liari, noch Ambrofius, noch Hieronymus, noch Leo der
Große, noch Gregor der Große auf diefe Stelle hinweift.
Täufche ich mich nicht, beweift Künftle ferner, daß es
nicht angeht, Tertullian, Cyprian, Auguftin oder Facundus
für das Komma anzuführen.

Darauf wendet er fich zu Priszillian, der im Jahre 380
am Schluffe der Einleitung zu einer an die Synode von
Saragoffa gerichteten Apologie fchreibt: .sicut Iohannes
ait: Tria sunt quae testimonium dicunt in terra: aqua,
caro et sanguis; et haec tria in unum sunt. Et tria sunt
quae testimonium dicunt in caelo: patcr, verbum et Spiritus,
et haec tria unum sunt in Christo Jesu'. Diefe Stelle
fcheint der Urquell der eingefchobenen Worte zu fein.
Es ift wahr, daß fie die himmlifchen Zeugen zu zweit
fetzt und einen anderen als den heute geltenden Text
hat. Das verfchlägt aber nichts, denn die älteren Hff.
weifen diefelbe Anordnung und einen ähnlichen Text auf.
Ferner zeigt aber Künftle, daß alle Zeugen für die himmlifchen
Zeugen aus früherer Zeit entweder ficherlich, fo
die meiften, oder mit großer Wahrfcheinlichkeit, eine Verbindung
mit Spanien verraten.

Angefichts des Gewichts, das Trinitarier auf diefe
Stelle legen, ift es nun merkwürdig, daß fie, wie es fcheint
ihren Urfprung einem Leugner der drei Perfonen in Gott
verdankt. Künftle fchreibt, S. 15: ,Er will nur einen
Gott fchlechthin anerkennen ohne Unterfchied der Perfonen
. Diefer fo befchaffene Gott ift ihm Chriftus; Pris-
cillian lehrt einen vollendeten Panchriftismus. Die klaf-
fifche Belegftelle für diefe Lehre ift ihm das fog. Comma
loanneum. Er findet darin nicht nur feine Lehre von
der abfoluten Einheit Gottes, wie er fie auffaßt, belegt,
fondern auch den Panchriftismus ausgefprochen'.

So viel in kurzem. Für die vielen anderen Fragen,
die Künftle berührt, wende fich jeder an das Buch felbft;
keiner wird es bereuen.

Leipzig. Cafpar Rene Gregory.

Rauschen, DDr.Gerardus,FlorilegiumPatristicum. Digessit
vertit adnotavit R. Fasciculus alter. S. Iuftini apologiae
duae. Bonnae, P. Hanftein MCMIV. (IV, 101 p.) gr. 8°

M. 1.50; kart. M. 1.70
Das zweite Bändchen des Florilegium fchließt fich
fehr gut an das vorangegangene an. Auf die Blumenlefe
aus den apoftolifchen Vätern, den Männern der zweiten
und dritten chriftlichen Generation, folgt Juftin, der her-
vorragendfte Schriftfteller der vierten Generation. Das
Heft ift nach dem Plane der ganzen Sammlung eingerichtet
: die fachlichen Anmerkungen find knapp, nur zum
Verftändnis des Textes gegeben. Eine rechtsftehende
lateinifche Überfetzung (ex parte pendet ex Ottoniana,
alioquin mea est: S. 5) begleitet alle wichtigeren und
fchwierigeren Partien der beiden Apologien. Die minder
wichtigen Kap. 34—54 der erften, Kap. 4— T5 der zweiten
Apologie flehen am Schluß des Bändchens ohne lateinifche
Überfetzung, ohne Sachanmerkungen, in viel

*