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Ausgabe:

1905 Nr. 12

Spalte:

361-363

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Fuchs, E.

Titel/Untertitel:

Vom Werden dreier Denker. Was wollten Fichte, Schelling und Schleiermacher in der ersten Periode ihrer Entwicklung? 1905

Rezensent:

Stephan, Horst

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Theologifche Literaturzeitung 1905 Nr. 12.

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feinerfeits in Rußland eine der Formen des .Stundismus'
darfteilt. Der Jungftundismus' ift darauf und daran, die
urfprünglich von den fchwäbifchen Koloniften Südrußlands
und ihren .Stunden' empfangenen Anregungen zur Bibellektüre
und zu einem evangelifchen Bibelverftändnis in
echt ruffifche Phantaftereien umzufetzen. Die Anhänger
Maljowanys laffen fich von ihrem ,Erftling Gottes' die
Bibel allegorifch deuten. Der Chriftus der Bibel fei nur
eine Allegorie der Wahrheit, die wirkliche Erfcheinung
des Sohnes Gottes im Fleifch erft Maljowany. Diefer
übt eine Predigt von der ,Wiedergeburt' und einem
kommenden geiftigen Gottesreich, wobei er ein zukünftiges
Leben, eine reale Auferftehung, leugnet. Das
Heftchen von St. bietet u. a. eine Predigt des Maljowany.
Als Analphabet kann diefer, wie Seiiwanow, nur durch
Diktate zu Auswärtigen reden. Seine Briefe bilden das
fog. .lebendige Buch' feiner Anhänger. Proben daraus und
einige Pfalmen Maljowanys findet man auch in dem Hefte.

Göttingen. F. Kattenbufch.

Fuchs, Rep. Lic. E., Vom Werden dreier Denker. Was

wollten Fichte, Schelling und Schleiermacher in der
erften Periode ihrer Entwicklung? Tübingen, J. C.
B. Mohr 1904. (XXIV, 381 S.) gr. 8° M. 5 —

Von der Bedeutung des Idealismus für das deutfche
Geiftesleben tief durchdrungen, möchte F. ihn bei feinem
Werden belaufchen. Deshalb ftellt er nicht die fertigen
Syfteme der führenden Philofophen dar, fondern ihre
erften, taftenden Verfuche, die innere Fülle in fyftemati-
fcher Denkarbeit nach außen zu gehalten. Sie fallen
bei Fichte und Schelling in die Zeit bis etwa 1799, bei
Schleiermacher bis 1804, alfo in das Jahrzehnt der eigentlichen
Romantik. Die drei Denker werden in der chrono-
logifchen Reihenfolge ihres öffentlichen Auftretens ge-
fchildert. Zunächft flehen,Fichtes grundlegende Intereffen
und Gedanken in ihrem Werden und ihrer erften Ausgestaltung
' (S. 1—188). Schon diefe Überfchrift beweist,
daß F. in Fichtes System der Wiffenfchaftslehre nicht
die einheitliche Entfaltung eines Motivs, fondern das Ergebnis
einer Kreuzung von Intereffen erkennt. Fichte
ift auf der einen Seite energifcher Ethiker, auf der andern
theoretifcher Syftematiker. Mit Kants Hilfe ringt er fich
von dem Determinismus feiner Jugend los und streitet
für die als unbedingt wertvoll erkannte, felbftändige
Freiheit des Geistes. Nur das bewußte individuelle Ich
ift abhängig von der Außenwelt, vom Nicht-Ich; dahinter
waltet das abfolute freie Ich, daß fich im Nicht-Ich
felber ein Feld der Betätigung, eine Fülle von fittlichen
Zwecken fchafft. Zugleich aber bricht fich in Fichte
auf dem Boden des Kritizismus das Streben nach reft-
lofer intellektueller Welterkcnntnis eine neue Bahn. Die
pfychologifche Selbftbeobachtung entdeckt hinter dem
empirifchen Bewußtfein als deffen eigentlichen Quellpunkt
ein immer handelndes Ich; fie gewinnt dadurch
eine .intellektuelle Anfchauung' des eigenen Wefens, aus
der fich alles Erkennen pfychologifch und logifch ableiten
läßt. Die beiden Gedankenreihen, die aus diefen
Sätzen ervvachfen, durchfchlingen fich allenthalben; haben
doch Worte wie das abfolute Ich oder die unmittelbare
Anfchauung in beiden zugleich ihre Heimat! Es ent-
ftehen Widerfprüche, die unlösbar find. Die Herrfchaft
im Syftem fällt dem theoretifchen Intereffe zu; der Begriff
der Sittlichkeit, das ethifche Poftulat, das Streben
nach fittlicher Vollendung der Perfönlichkeit wird zwar
als grundlegend empfunden, aber nicht in voller Tragweite
erkannt, gefchweige fyftematifch eingeordnet. —
Schelling (S. 189—277) fcheint in feiner Frühzeit lediglich
als Dolmetfch Fichtes zu fprechen, bringt aber tat-
fächlich deffen Gedanken fchon jetzt unter eigenartige
Gefichtspunkte. Zwar betont er ebenfalls den praktifchen
Charakter jeder Weltanfchauung, läßt ihn aber gipfeln

in dem Streben des Ich, mit dem Unendlichen eins zu
werden, d. h. das Abfolute in fich felbft zu realifieren.
Dies Abfolute ift weit weniger als bei Fichte fittlich
beftimmt oder pfychologifch begründet. Es bedeutet
wefentlich nur die felbftändige Lebenskraft, die wir
in der intellektuellen Anfchauung des handelnden Ich
finden. Es realifiert fich nur allmählich, fofern es in
wachfendem Maße die Perfönlichkeit zur Unendlichkeit
erweitert, d. h. vernichtet. Bevor Schelling von
diefer einfeitigen Zufpitzung der Fichtefchen Gedanken
zu eigner Syftembildung fortfchreitet, tritt Schleiermacher,
durch den Atheismusftreit Fichtes angeregt, auf den Plan
(278—381). Seine Reden und Monologen wie feine Kritik
der bisherigen Sittenlehre find eine Auseinanderfetzung
nicht nur mit Kant und der Aufklärung, fondern ebenfo
mit Fichte. Er bereichert das Drängen auf freie Selb-
fländigkeit des inneren Lebens, das er mit diefem teilt,
durch eine beffere Kenntnis des fittlichen Lebens, durch
ein klares Verftändnis für die Bedingtheit unferes Wollens
und Handelns, durch eine tiefe Empfindung des Wertes
der Individualität, der menfchlichen Gemeinfchaft und
der realen Wirklichkeit, d. h. er führt unter gründlicher
Verwertung des Kritizismus zugleich die Anregungen
Herders weiter. In diefem Sinn vertieft und belebt er

: auch den Begriff der Anfchauung gegenüber der ftarr-
abfirakten Faffung Fichtes: Phantafie und Gefühl ift ihr
Träger; als Objekt kann fie neben dem eigenen Ich die
Perfönlichkeit anderer Menfchen oder das Univerfum

i erhalten.

Das Buch ift mit großer Liebe zu feinen Helden
gefchrieben und vermag deshalb die wärmfte Teilnahme
für fie zu entzünden. Darin liegt fein erftes Verdicnft.
Hat das herrfchende abfchätzige Urteil über die führenden
Philofophen des Idealismus oft nur darin feinen
Grund, daß man lediglich ihre fertigen Syfteme betrachtet,
fo enthüllt F. vor unferm Auge den Lebensboden, dem
fie entwachfen find. Nur fo läßt fich ein pfychologifch-
hiftorifches Verftändnis für fie gewinnen; nur fo laffen ihre

Schätze fich zum Gebrauch der Gegenwart heben. Vielleicht
hätte F. darin fogar noch weiter gehen können:

t die parallele, befonders für Schelling und Schleiermacher
bedeutfame literarifche Entwicklung derfelben Jahre
hätte manches noch beffer geklärt und beleuchtet. Auch
rückwärts konnten bei einem Buch von folchem Umfang
die Fäden fetter angezogen werden. Daß z. B. Fichte
vielfach die Beftrebungen der Aufklärung auf einer höheren,
durch Kant erarbeiteten Stufe der Entwicklung weiterführt
, wird zwar zuweilen gefagt, aber niemals klar ge-
fchildert. Auch die Ableitung des Begriffs der Anfchauung
von Fichte (S. 324; in der früheren Schrift
über Schleiermachers Religionsbegriff S. 87 von Kant)
ift mindeftens einfeitig. Zwar auf Plato oder Spinoza
braucht man nicht zurückzugehen; wohl aber verwenden
die Vertreter der neuen, aus Aufklärung und Pietismus
fich allmählich emporringenden Religionsform den Begriff
: ein Hamann, Lavater und Herder. Zumal Herder
bietet ein deutliches Vorfpiel zu der Art, in der Schleiermacher
von Anfchauung fpricht. Außerdem käme in
Betracht, was Otto in den Theol. Studien und Kritiken
von 1903 an Schloffer gezeigt hat. — Aus dem allgemeinen
Verdienft des Buches um das Verftändnis jener
wichtigen Zeit ergibt fich ein befonderes um Schleiermacher
. Seine Jugendwerke, die fonft ifoliert oder nur
im Zufammenhang mit feinen fpäteren Werken behandelt
zu werden pflegen, treten hier kräftig in den Gang der
allgemeinen Geiftesentwicklung, vor allem des Atheis-
musftreites hinein. Gar manche fchwierige Stelle der
Reden und Monologen wird dadurch klar und lebendig;
auf die Grundlinien zu einer Kritik der bisherigen Sittenlehre
, die ob ihrer Schwierigkeit fogar von vielen For-
fchern überfchlagen werden, fällt ein neues, zur Lektüre
reizendes Licht. Wir lernen Schleiermacher nicht mit
den Maßftäben der Gegenwart meffen, fondern aus feiner