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Ausgabe:

1905

Spalte:

311-312

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Braasch, August Heinrich

Titel/Untertitel:

Die religiösen Strömungen der Gegenwart 1905

Rezensent:

Wendland, Johannes

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Seite 1

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3H

Theologifche Literaturzeitung 1905 Nr. 10.

312

ausübte. Der Verfaffer bietet wohl disjecta membra
voetae, aber eine klare Entwicklung der Dinge vermißt
man. Von Blarer redet er nicht, ebenfowenig gibt er
Antwort auf die eben genannte Frage. Noch wertvoller
wäre für uns ein klares Bild der Armenpflege unter dem
ftreng katholifchen Regiment 1629—1648, das nur auf
kurze Zeit durch die Schweden gehört wurde. Gerade
in den fchweren Nöten diefer Zeit hatte die Charitas des
Katholizismus reichlich Gelegenheit fich zu betätigen.
Was wir aber über die Hinwegnahme des Waifenhaufes
(S. 124) und das Gebot der Stadtpfleger hören, daß Arme,
die nicht innerhalb der nächften vier Wochen katholifche
Kirchen befuchen, kein Almofen mehr erhalten (S. 135),
genügt nicht. Ganz notwendig aber ift die Gefchichte
der Armenpflege feit dem weftfälifchen Frieden nach dem
dadurch gefchaffenen Grundfatz der Parität, die fich bekanntlich
bis auf die Zahl der Schweinftälle erftreckte.
Auch hier gibt Bisle da und dort zerftreut einiges Material
. Wir erfahren, daß die Katholiken das Beifpiel der
Evangelifchen in der Umbildung ihres Waifenhaufes nachahmen
(S. 128). Das Regifter(VII) redet von .Imparität'
in den Bezügen des katholifchen und evangelifchen
Waifenhaufes bis 1788, indem jenes nur 8ofh, diefes aber
icofl. aus öffentlichen Mitteln erhielt, während fortan
jedem 90h. zuteil wurden. Es ift aber nirgends die Verhältniszahl
der beiden Konfeffionen für jene Zeit angegeben
. Auf fie allein könnte jener Vorwurf gegründet
werden. Dabei aber müßte außer Acht bleiben, daß in
den katholifchen Kirchen ftets weniger Almofen fiel als
in den evangelifchen, nämlich in jenen 1700—1721
8067 h1., 1747—1766 2594h., in diefen aber 22138h. refp.
25 134h. (S. 136). Notwendig wäre feftzuftellen, an welchen
Kirchen die amtlich beftellten Almofeneinnehmer oder
Standmänner für hch felbft noch befonders bettelten
(S. 45). Ebenfo notwendig wäre die Fefthellung, von
welcher Seite und zu welcher Zeit das den Wohlftand
fchädigende Lotto eingeführt wurde (S. 25). Ift das nur
Bayern 1735 (S. 105)? Noch fei das Zugeftändnis
regiftriert, daß die katholifche Bevölkerung in Augsburg
ärmer war als die evangelifche (S. 136). Denn die Zeit
ift noch nicht zu lange verfchwunden, da harke Geiher
Katholizismus und Reichtum, Proteftantismus und Armut
mit einander in fehr enge Verbindung fetzten.

Leider hat Bisle für verfchiedene Ausdrücke keine
Erläuterung gegeben. Z. B. S. 162 Z. 23 unhatt, S. 48
Z. 8 federrut, was der Augsburger Henifch erklärt tela
trilix quae tarn densa est, ut pennas contentas inliibeat.
Auch falfche Lefungen begegnen, z. B. S. 6 Z. 20 Max
Efen (Reg. Ehen), wofür Marx Ehern zu lefen ift, S. 15
Z. 17 vielleicht Geuder ftatt Gender, S. 23 A. 4 Riggenbach
, S. 48 Z. 7 kelfchen ftatt kebfchen. Gemeint ift
kölfch Tuch S. 86 Z. 29 1. Lolharten, S. 116 Z. 1 1. Eber-
mergen.

Nabern. G. Boffert.

Braasch, Superint. D. Auguft Heinrich, Die religiösen
Strömungen der Gegenwart. (Aus Natur und Geiftes-
welt. 66. Bändchen.) Leipzig, B. G. Teubner 1905.
(IV, 146 S.) kl. 8» M. 1 —; geb. M. 1.25

Das Buch erfüllt vortrefflich den Zweck, Nichttheo-
logen in das Verftändnis der mit einander kämpfenden
religiöfen Richtungen der Gegenwart einzuführen. Braafch
tut dies, indem er hauptfächlich eine Kirchengefchichte
des 19. Jahrhunderts gibt, die er unter den Gefichtspunkt
des Kampfes zwifchen dem Erbe der Vergangenheit
(Orthodoxie, Pietismus, Rationalismus) und den neu aufkommenden
Mächten hellt. Die neuen politifchen Mächte
(Liberalismus und Sozialdemokratie) werden kirchenfeindlich
, weil die Kirche fich mit den Mächten der politifchen
Reaktion verbündet. Befonders gut wird die
Wirkung der neuen Technik, der Naturwiffenfchaft und

populären Naturphilofophie (Büchner, Darwin, Strauß,
Haeckel, Reinke) dargelegt. Dann folgen die philofo-
phifchen Wandlungen von Hegel zum Neukantianismus,
zu Schopenhauer und Nietzfche. (Bei letzterem werden
zu fehr die ungünhigen Seiten hervorgekehrt.) Bei der
Befprechung der Literatur (die Klaffiker, das junge
Deutfchland und feine Gegner, die moderne Literatur)
hätte vielleicht bei Ibfen und anderen neueren Dichtern
noch mehr das Fördernde betont werden können. Dann
werden die Wandlungen der Leben-Jefu-Forfchung von
Paulus und Strauß bis auf Kalthoff, Harnack und Bouffet
gefchildert, die moderne Bibelkritik wird in ihrer Berechtigung
dargehellt. Das Eindringen jefuitifchen Geihes
in die katholifche Kirche wird an ihrer Gefchichte im
19. Jahrhundert nachgewiefen. Dann folgt die Gefchichte
der protehantifchen Theologie (Schleiermacher, Henghen-
berg und die Reaktion, die Vermittler, die liberale und
die Ritfchlfche Theologie). Die innere Miffion, die chrift-
lich-fozialen Behrebungen, Heidenmifhon, Guhav-Adolf-
Verein, evangelifcher Bund bilden den Abfchluß des klar
und verhändlich gefchriebenen Buchs.

Görlitz. Johannes Wendland.

Riehl, Alois, Zur Einführung in die Philosophie der Gegenwart
. Acht Vorträge. Zweite durchgefehene Auhage.
Leipzig, B. G. Teubner 1904. (VI, 274 S.) gr. 8°.

M. 3—; geb. 3.60

In verhältnismäßig kurzer Zeit ih eine neue Auhage
diefes zur Einführung in die Enthehung des philofophifchen
Denkens der Gegenwart fehr geeigneten Werkes nötig
geworden. Damit hat fich des Verf. Annahme, einem
weit verbreiteten philofophifchen Intereffe gegenüberzu-
itehen, durchaus beftätigt. Die neue Auhage felbft ih
freilich lediglich ein Neudruck der erhen, fo daß auf

I die Befprechung diefer erhen Auhage (Th. L. Z. 1903
Nr. 18 S. 504ff.) verwiefen werden kann. Nur eine von
ihm felbh im Vorwort angezeigte Änderung hat der

I Verf. vorgenommen, indem er an der Stelle Demokrits
Leukipp als den erhen Vertreter des allgemeinen Kau-
falfatzes nennt (S. 16). Solche für den Zweck des Werkes
freilich nicht fehr erhebliche Änderungen wären in diefem
hier und da auch fonh noch vorzunehmen. So wäre z. B.
fchon in demfelben Zufammenhange (S. 15) nicht Anaxa-

1 goras als der Urheber des Satzes von der Erhaltung der
Materie zu nennen, fondern Parmenides, bei dem fich diefes
Prinzip, das übrigens hillfchweigend fchon den ältehen
griechischen Syhemen zugrunde liegt, völlig klar und
deutlich ausgesprochen hndet, und von dem aus es wie
zu Leukipp und Empedokles, fo auch zu Anaxagoras
gelangt ih.

Göttingen. Alb. Goedeckemeyer.

Walt her, Stadtpfr. Dr. Fr., Der Zusammenhang zwischen
Verstandesentwicklung und Religion. Stuttgart, W. Kohlhammer
1904. (III, 132 S.) 8° M. 2 —

Walther will durch eine neue Behimmung der Aufgabe
des Erkennens den unfere Kultur bedrohenden
Gegenfatz zwifchen Wiffen und Glauben löfen. Er findet
den Grundfehler, den die Philofophie feit Thaies bis auf
die Gegenwart begangen habe, darin, daß fie dem Ideal
eines rein fachlichen, von unfern Empfindungen unabhängigen
Erkennens nachgetrachtet und eine rein objektive
Wiedergabe der Tatfachen verfucht habe. In-
deffen die Sache felbh könnten wir niemals durch unfer
Erkennen erreichen. ,Die ganze Aufgabe des menfch-
lichen Verhandes ih gekennzeichnet, wenn man fich klar

1 macht, daß diefelbe in richtiger Wertung fämtlicher
durch die Eindrücke des Lebens geweckten Begriffe be-
heht' (S. 109). ,Der einzige Maßhab aber, mit welchem

I unfer Denken bei diefen Werten arbeitet, ih unfer Ge-