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Ausgabe:

1905

Spalte:

265-267

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Bischoff, Erich

Titel/Untertitel:

Thalmud-Katechismus 1905

Rezensent:

Fiebig, Paul

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linismus, modifiziert für die Bedürfniffe des nachapofto-
lifchen Zeitalters' (S. 455). Durchaus nichtig Die Wurzeln
der johanneifchen Theologie liegen ebenfo in der jüdifch-
helleniftifchen Philofophie wie in der paulinifchen Theologie
, abgefehen von den Nachwirkungen der echten Verkündigung
Jefu Chrifti. Gerade der Grundgedanke des
Evangeliums, daß Jefus die vollkommene Offenbarung
gebracht hat, fehlt bei Paulus faß ganz. Und umgekehrt:
der Grundgedanke des Paulus, daß Jefus durch feinen
Tod die menfchliche Sünde gefühnt hat, tritt im Evangelium
in auffälliger Weife zurück. Der Hauptzweck des
Kommens Jefu in die Welt ift hier keineswegs der Ver-
föhnungstod, fondern vielmehr die vollkommene Offenbarung
des Vaters. Sein Tod ift notwendig, nicht wegen
der Sühnung der menfchlichen Sünde (diefer Gedanke
wird nur geftreift), fondern weil er nur als der wieder in
den Himmel Erhöhte durch Sendung des Paraklet das
Werk der Offenbarung zum Abfchluß bringen kann. Paulus
und Johannes verhalten fich alfo in fehr wefenthchen
Punkten disparat zu einander. Gemeinfam mit einander
haben fie den Univerfalismus und namentlich die nV£V[ia-
Lehre. Hier ift Johannes der Schüler des Paulus.

Während der Abfchnitt S. 434—469 neu eingefügt
ift, find andere Partien erheblich umgearbeitet, fo befon-
ders der Abfchnitt über die paulinifche ,Erlöfungstheo-
logie'(S. 156—209) und der über den Einfluß des Judentums
auf die Kirche (S. 292—342), der jetzt noch ftärker
betont wird als in der früheren Auflage. Aber auch
fonft, durch das ganze Buch hindurch, zeigt fich die
beffernde Hand des Verfaffers (vgl. z. B. die Ausführungen
über die Sakramente S. 93—95, zu welchen augen-
fcheinlich Heitmüllers Arbeit Veranlaffung gegeben hat).
Eine durchgreifende Verbefferung ift, daß jetzt überall
unter dem Text die Belegftellen für das im Text Ausgeführte
angegeben find, was in der erften Auflage nicht
der Fall war. Das Buch hat dadurch für Lernende bedeutend
an Wert gewonnen.

Wernles Arbeit hat auch bei folchen, welche hifto-
rifche Objektivität zu fchätzen wiffen, einigen Anftoß
erregt durch die Unverblümtheit der Sprache und durch
manche über das Ziel hinausfchießende Behauptungen.
Beides find vielleicht unvermeidliche Begleiterfcheinungen
der Vorzüge des Buches: des unerbittlichen Wahrheits-
finnes und des kühnen Wagemutes, der es unternimmt,
ein Bild in großen kecken Zügen zu entwerfen auch auf
die Gefahr hin, daß einzelne Striche der Zeichnung nicht
ganz gelingen. Wer es nüchtern nachprüft, wird im einzelnen
manches auszufetzen finden. Trotzdem wüßte ich
kaum ein anderes Buch zu nennen, welches von den treibenden
Kräften des Urchriftentums eine fo frifche und
lebendige, und im ganzen auch richtige Anfchauung gäbe
wie diefes.

Göttingen. E. Schürer.

Bischoff, Dr. Erich, Thalmud-Katechismus. (Morgen-
ländifche Bücherei 3.) Leipzig, Th. Grieben's Verl.
1904. (XII, 112 S. m. Abbildgn. von feltenen Originalen
.) 8° M. 2—; geb. M. 2.60

Die bedeutfamften Geifteserzeugniffe des Orients
follen den Abendländern durch die ,Morgenländifche
Bücherei' in gemeinverftändlichen, möglichft gediegenen
Darftellungen zugänglich gemacht werden. Erfchienen
ift bisher Bd. I—IV, verfaßt von E. Bifchoff, darbietend:

1) den buddhiftifchen Katechismus von H. S. Olcott,

2) die Kabbalah, 3) den Thalmudkatechismus, 4) den
Koran. In Ausficht genommen find: die Religionen
Japans, Confucius und China, Zarathufb a. — Es ift dankenswert
, daß B. im Thalmudkatechismus trotz der Bezeichnung
.Katechismus' die katechetifche Form aufgegeben
hat. Bd. II ,Die Kabbalah' zeigte, wie feltfam
fich vielfach gerade das Zerlegen in Frage und Antwort

macht. — Nach einem Vorwort und einer Einleitung
handelt B. kurz, gediegen und überfichtlich über folgende
Gegenftände: 1) Wichtigkeit des Thalmud. 2) Zur
Gefchichte des Thalmud. 3) Allgemeine Charakteriftik des
Thalmud. 4) Zur inneren Charakteriftik. 5) Thalmud und
Chriftentum. 6) Die Frau im Thalmud. 7) Aus dem
Leben der Rabbinen. Alle diefe Kapitel zeigen, wie
intereffant und wichtig der Thalmud unter den
mannigfachften Gefichtspunkten ift. Der Lefer erhält
wirklich einen Eindruck davon, wie bedeutungsvoll eine
gute, deutfche, billige und verftändliche Überfetzung des
Thalmud fein würde. Ich fetze B.s Worte her: S. n:
,Der Lefer wird aus alledem zu ahnen vermögen, welchen
ungemeinen Nutzen fürdieverfchiedenartigftenForfchungs-
gebiete eine zuverläffige Überfetzung des alten Riefenwerkes
bieten würde, und wie bedauerlich es ift,
daß weder der Staat, noch wiffenfchaftliche In-
ftitute, Gefellfchaften oder Stiftungen für diefes
allerdings koftfpielige Unternehmen Intereffe
oder Unterftützung übrig haben. „Für Meffungen
von Abiponenfchädeln ift Geld da!" klagte fchon vor
Jahrzehnten Lagarde'. S. 93—94, am Schluß des Buches,
fagt B. nochmals: ,Auch hieraus fieht man, wie erwünfcht
bei der eminenten kulturhiftorifchen Bedeutung des
Thalmud eine brauchbare gemeinverftändliche Überfetzung
wäre. Vielleicht ift eine folche trotz der unbegreiflichen
Zugeknöpftheit von Staat, Kommunen, Stiftungen
und Gefellfchaft nicht allzufern. Möge fie dann
auch unter den Leiern diefes Buches Intereffenten in
reichem Maße finden'. Es wäre fehr zu wünfchen, wenn
die Wiffenfchaft, vor allem die chriftliche Theologie,
energifch das Bedürfnis folcher Überfetzung geeigneten
Ortes geltend machte. Vorläufig nimmt leider die chriftliche
Theologie in ihren maßgebenden Vertretern dem
gegenüber noch immer eine mehr paffive als aktive
Stellung ein. Jülicher fagt z. B. (Theolog. Literaturzeitung
1904 Nr. 26) in der Rezenfion meiner ,Altjüdifchen Gleich-
niffe': ,Man mache den Thalmud wirklich zugänglich, fo
wird er fchon befucht werden'. D. h. mit andern Worten :
man will fehr gern die Früchte der Arbeit auf diefem
entfagungsreichen Gebiet einheimfen, aber nichts dazu
tun, folche Arbeit zu organifieren, zu fördern, zu erleichtern
, zu ermöglichen. Wo find in der Gegenwart
die j üdifchen Gelehrten, die fowohl Deutfch alsHebräifch
fo weit verliehen, um eine wirklich brauchbare Thalmud-
überfetzung zu liefern? Wo find in der Gegenwart die
chriftlichen Gelehrten, denen die Gelegenheit geboten
würde, das Studium des Thalmud und feine Ausnutzung
für die chriftliche Theologie zur Lebensaufgabe zu machen?
Für die gegenwärtige Haltung der Theologie diefer in
der Theorie anerkannten Aufgabe gegenüber ift Jülichers
Wort geradezu typifch: ,man mache den Thalmud zugänglich
, dann wollen wir ihn befuchen' — mit diefer Auf-
faffung werden wir nie weiterkommen. Die Theologie
hat vielmehr die Pflicht, um ihrer felbft willen energifch
felber dafür zu forgen, daß der Thalmud zugänglich
werde, nicht aber zu warten, bis das gefchieht. Die Er-
forfchung des Urchriftentums und des Neuen Teftamentes
laboriert fehr ftark an dem Mangel jüdifcher Kenntniffe
bei den chriftlichen Theologen. Zahn (Matthäuskommentar
), Bouffet (Religion des Judentums) und viele andere
geben das zu. Aber: wer legt Hand an, daß wir weiterkommen
? (Vgl. meinen Vortrag: Thalmud und Theologie,
Mohr 1903). — Im Einzelnen wäre noch Folgendes zu
B.s Darbietungen zu notieren: S. VII ift gefagt, daß
Stracks .Einleitung in den Thalmud' für die Fach-
wiffenfchaft ein Handbuch erften Ranges fei. Das ift
infofern richtig, als es kein anderes Buch derart für die
Wiffenfchaft gibt. Aber, daß Slracks Einleitung in den
Thalmud' noch nicht das ift, was wir unter ,hiftorifch-
kritifcher Einleitung' verliehen, ift doch klar. Die Wiffenfchaft
liegt eben auf thalmudifchem Gebiet fall völlig
brach. Was könnten hier die Rabbinerfeminare leiften,

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