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Ausgabe:

1905 Nr. 9

Spalte:

264-265

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Wernle, Paul

Titel/Untertitel:

Die Anfänge unserer Religion. Zweite, verbesserte und vermehrte Auflage 1905

Rezensent:

Schürer, Emil

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Theologifche Literaturzeitung 1905 Nr. 9.

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einmal auf diefen Gegenftand zurückkomme, gefchieht
es in der Hoffnung, das apokalyptifche Problem nunmehr
feiner endlichen Löfung entgegenführen zu können'.
Freilich ift der fo redenden Veröffentlichung fofort das
Werk von Johannes Weiß auf dem Fuß gefolgt, welches
neue Probleme ftellt, die von dem hier gegebenen Schema
abweichen. Einig find beide Verfaffer nur in Vertretung
einer fukzeffiven oder, wie man jetzt mit Vorliebe fagt,
,fchichtenweifen' Entftehung überhaupt und darin, daß die
Grundfchrift in die fechziger Jahre angefetzt wird. Damals
, nämlich 65, fchrieb nach unferm Verf. Johannes
Markus (S. 53 f.) eine mit 1,4—6 anhebende, dann namentlich
die Kapp. 4—9 nebfl einigen fpäteren Stücken wie
Ii,i4-i8. 14, i-:cg. 7.14-20. 18,1-19,10 (aber überall werden
im einzelnen Änderungen, Auslaffungen und Umftellungen
angenommen) umfaffende erfte, hierauf im Frühjahr 70
Cerinth eine den folgenden Kapiteln zugrunde liegende
zweite Apokalypfe; beide find um 114—115 vom Redaktor
zu einem Ganzen verbunden und zugleich mannigfach
erweitert, endlich aber find um 120 die einleitenden
Stücke 1,1—3. >)—3, 22, außerdem noch 14, 13. 16, 15. 19, 10
(Schluß). 22,7.10—21 hinzugefügt und das Ganze abge-
ichloffen worden. Hier fällt alfo gerade die domitianifche
Zeit weg, aus welcher doch die Mehrzahl der Neuern das
Buch begreiflich zu machen gedenkt. Aber der erft vom
Redaktor überall vorausgefetzte und ins Auge gefaßte
Verfolgungszuftand (S. 158 f.) foll ja durch Trajans Edikt
eingeleitet und außerdem gerade diefer Kaifer (Q-rjQLov =
Trajan) durch die dem Redaktor angehörige apokalyptifche
Zahl angedeutet fein (S. 134). Was gegen beide
Vorausfetzungen bemerkt worden ift, findet keine Beachtung
. Die gegen Cerinths Anteil an der Apokalypfe
erhobenen Bedenken werden teils mit Hinweis auf das
Urteil der Aloger (S. 93t 123h), teils mit der überraschenden
Behauptung entkräftet, Irenäus habe ihn irrtümlich
als Doketen gefchildert, wie auch die in den
Johannesbriefen bekämpften Gegner keine Doketen, fondern
extreme Judaiften und als folche auch richtige Cerin-
thianer gewefen feien (S. 92 h 95 f.). Überdies müßten fie
dann auch Chiliaften gewefen fein; denn derfelbe Cerinth,
der uns als Verkündiger eines Logos-Chriftus vorgestellt
wird (S. 91h 126), foll ja auch den Chiliasmus vertreten
haben (S. 125h).

Während die mit pünktlicher, ja peinlicher Klein-
meifterei bis ins Einzelfte durchgeführte Vierteilung doch
nur als Weiterführung der frühern Experimente erfcheint,
ift eine wirkliche Neuerung im Eingehen auf die religions-
gefchichtliche Methode zu erkennen. Befonders zur Erklärung
der Urapokalypfe wird Gunkel, daneben auch
Bouffet aufgeboten. Wenn übrigens der Verf. befonders
zur Annahme parfifchen Importes neigt (S. l6f. 29h 63 t. 68.
71. 86f. 96 102. n6f. 119f.), fo mag folches immerhin
als im Bereich der Möglichkeit gelegen zu betrachten
fein, während der häufige Rückgriff auf altteftamentliche
Literatur und auf jüdifch-apokalyptifches Gemeingut vollends
keiner Beanltandung unterliegt. Nur wo dies nicht
ausreichend befunden wird, fieht fich der Verf. bei
Spiegel, Lehmann und Böklen um.

Dagegen wird man dem Verf. nur mit Vorficht und
Zurückhaltung auf feinen Wegen folgen können, wo er
fich bei Unterfcheidung der vier Autoren von feinem
Spürfinn und Kombinationstrieb leiten läßt. Beifpiels-
weife follen die 144000 ,Verfiegelten' oder ,Erkauften' in
der Urapokalypfe 7, i-8 und 14, 1-3 das aus Ifrael hervorgegangene
wahre Gottes volk darftellen (S. 24. 52); ihnen
ftellt dann der univerfaliftifch gefinnte Redaktor 7, 9—u
die unzählbare Schar bekehrter Heiden zur Seite (S. 24t.
146), um 14, 4. 6 jene Zählbaren nur noch als eine, aus
Asketen beftehende Elite gelten zu laffen (S. 371. 139).
Und nun noch ein Prachtbeifpiel von Umftellungskunft!
Die zwifchen den Parallelkapiteln 13 und 17 wahrnehmbaren
Differenzen werden zunächft fcharffinnigft ausgebeutet
, um jenes, weil es die auf die römifchen Kaifer

gedeuteten 10 Hörner voranftellt, während diefes erft
7 Kaifer kennt und daher in erfter Linie die 7 Köpfe
nennt, als die fpätere Weisfagung zu faffen (S. 132 fataler
Druckfehler 17 ftatt 13) und dem Redaktor auf die Rechnung
zu fetzen, der bei Verbindung der beiden Apoka-
lypfen Kap. 17, das bei Cerinth (als Erfüllung von 10,11)
zwifchen Kap. 10 und 11,1-13 (weil Ii,7 auf 17, h. 14 zurück-
fieht) geftanrJen hatte, an feine jetzige Stelle gebracht und
mit 18,1—19,10 zu einem großen Bilde verfchmolzen haben
foll (S. 17t. 6of. 68f. 78. 101. 131 f. 148. 142).

Straßburg i. E. H. Holtzmann.

Wernle, Prof.D.Paul, Die Anfänge unserer Religion. Zweite,
verbefferte und vermehrte Auflage. Tübingen, J. G. B.
Mohr 1904. (XX, 514 S.) gr. 8° M. 7 —, geb. M. 8 —

Obwohl der Verf. fchon beim Erfcheinen der erften
Auflage (f. Theol. Litztg. 1901, 493—498) ,von den neu-
teftamentlichen Studien vorläufig Abfchied' genommen
und fich der kirchengefchichtlichen Forfchung zugewandt
hatte, hat er doch Zeit und Kraft gefunden, diefe neue
Auflage in durchgreifender Weife zu verbeffern und zu
ergänzen, fo daß der Umfang um reichlich hundert Seiten
gewachfen ift (von 410 auf 514). Die augenfälligfte Ergänzung
ift die Einfügung eines neuen Abfchnittes über
,Die Theologie des Neuen Teftamentes' (S. 434—469).
Der Verf. verfteht darunter die Theologie der fpäteren
Schriften des Kanons, welche die eigentlich wirkfamen
geworden find, fo daß man unter den von ihnen gegebenen
Gefichtspunkten auch die älteren urchriftlichen
verftanden und interpretiert hat. Diefe maßgebenden
Schriften find namentlich das Johannesevangelium, nach
welchem die chriftliche Kirche die Perfon und das Werk
Chrifti aufgefaßt hat, und die Apoftelgefchichte, welche
in typifcher Weife das Bild Pauli zeichnet, wie es in
,katholifcher' Beleuchtung fich darftellt. Was in letzterer
Beziehung gefagt wird, dürfte im wefentlichen zutreffend
fein. Dagegen glaube ich, daß W. in der Charakterifie-
rung des vierten Evangeliums mehrfach fehlgegriffen hat.
Schon daß er in ihm einen Ausdruck des Juden-Haffes
der nachapoftolifchen Chriftenheit fieht (S. 443), kann ich
nicht für zutreffend halten. Der vierte Evangelift ift viel
zu fehr Gefchichtsphilofoph, als daß man ihm einen Haß
gegen die Juden zufchreiben dürfte. Er will vielmehr
das Rätfei erklären, wie es möglich war, daß die
Offenbarung der überwältigenden göttlichen Herrlichkeit
in der Perfon Jefu Chrifti von den Juden abgelehnt wurde.
Diefes Rätfei erklärt fich ihm nur aus feiner deter-
miniftifchen Anfchauung. Die ungläubig gebliebenen Juden
gehörten eben nicht zu denen, die vom Vater dem Sohn
gegeben waren. Er will alfo den Unglauben der Juden
nicht bekämpfen (was bei feinem Determinismus auch
ganz zwecklos wäre), fondern er will ihn verftehen. Und
wenn man auch dem vierten Evangeliften den Grundfatz
nicht zutrauen darf, daß alles verftehen fo viel ift wie
alles verzeihen, fo wird man doch von einem Haß des-
felben gegen die Juden nicht fprechen dürfen. Ein anderer
Punkt, in welchem W. bei Charakterifierung des
vierten Evangeliums über das richtige Ziel hinausfchießt,
ift das Verhältnis desfelben zu Paulus. Es ift zweifellos
richtig, daß die johanneifche Theologie in wefentlichen
Punkten auf den Schultern der paulinifchen fteht und
ohne fie nicht zu verftehen ift. Aber diefer richtige
Gedanke wird von W. in ganz einfeitiger Weife auf die
Spitze getrieben unter Ignorierung wichtiger Gedankenreihen
des Evangeliums. W. findet im vierten Evangelium
diefelbe Würdigung des Todes Jefu wie bei Paulus.
,Der Verföhnungstod ift der Hauptzweck feines Kommens
auf die Welt' (S. 447 f.). ,Dem Paulus getreu ift es, wie
dies Leben Jefu immer auf den Tod hinausblickt und
ganz durchzogen ift von Belehrung über den Wert des
Todes' (S. 448). ,Die gefamte johanneifche Theologie ift
aus der Theologie des Paulus herausgewachfen, ift Pau-