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Ausgabe:

1905 Nr. 8

Spalte:

239-240

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Grössler, H.

Titel/Untertitel:

Wann und Wo entstand das Lutherlied Ein feste Burg ist unser Gott? 1905

Rezensent:

Tschackert, Paul

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Seite 1

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Theologifche Literaturzeitung 1905 Nr. 8.

240

erklären läßt. Märtyrer (terben anders. Hier ift ein !
dunkler Punkt, der erft aufzuklären ift, ehe alle Schuld
von den Dominikanern auf Jetzer, auf die Richter und
auf Bern gewälzt werden kann.

Nabern. G. Boffert.

Grössler, Prof. Dr. PI, Wann und Wo entstand das Lutherlied
Ein feste Burg ist unser Gott? Sonderdruck aus
der Zeitfchrift des Vereins für Kirchengefchichte
in der Provinz Sachfen. Magdeburg, Evangelifchc
Buchhandlung 1904. (42 S.) Lex. 8° M. 1 —

Die vorliegende Arbeit ift fchon in der ,Zeitfchrift
des Vereins für Kirchengefchichte in der Provinz Sachfen'
I, Jahrg. Magdb. 1904, S. 129—168 erfchienen und von
mir zum Gegenflande eines Auffatzes in dem Th. Ltbl.
Jahrg. XXVI. Nr. 2 (13. Jan. 1905) gemacht worden.
Auf Wunfeh der geehrten Redaktion der Th. L.-Z. bin
ich gern bereit, über denfelben Stoff, der nunmehr in
einem Sonderdrucke, aber unter einem neuen Titel
erfcheint, auch hier mein Urteil abzugeben.

Die Frage, wann Luther fein Lied ,Ein fefte Burg etc.'
gedichtet hat, enthält ein hiftorifches Problem. Wie foll
man es löfen? — Das Lied ift im Jahre 1529 da. In
diefem Jahre erfchien es gedruckt in dem fog. Klugfchen
Gefangbuche zu Wittenberg, das wir nicht mehr befitzen;
in demfelben Jahre aber auch in einem Augsburger
Nachdrucke, den wir noch haben (abgedruckt bei
Wackernagel, Das deutfehe Kirchenlied III, 1868,
S. 19 f.). Wir haben alfo für die Unterfuchung einen
feften Ausgangspunkt, bei dem alle Forfchung einzu-
fetzen hat. Nun fragt es fich, welchen Weg man ein-
fchlagen foll. Da wir von Luther felbft in den Jahren
1529 bis 1546 nicht eine Silbe äußerer Bezeugung haben,
müffen wir nach meiner Meinung in den Quellen vor
1529 nach den Umftänden fuchen, unter denen das Lied
abgefaßt fein wird. Selbflverfländlich handelt es fich
dabei nur um Wahrfcheinlichkeitsgründe; diefelben laffen
fich aber aus den ficher bezeugten politifchen Ver- j
hältniffen, aus den ihnen parallel laufenden Briefen
Luthers und aus feinen gleichzeitigen Predigten in
fo großer Zahl und mit fo fchwerwiegendem Gewichte
beibringen, daß nur eine Erklärung fich am heften
empfiehlt, die nämlich: daß Luther aus Anlaß der
Packfchen Händel, als die proteftantifchen Stände
nach Luthers Anficht zum erften Male politifch bedroht
waren, diefes Lied gedichtet hat, alfo im Frühling oder
Sommer 1528. ßella minaciter impendent'; unter diefem
Eindrucke ftand der Reformator damals. Im Herbfte
1528 dachte niemandmehr ernftlichan den Krieg; denn die
Packfchen Händel waren dann wirklich beigelegt. (Hausrath
hat neueftens in feinem ,Luther' das Jahr 1529, die Zeit
der SpeyererProteftation als Urfprungszeit angenommen;
aber das ift eine rein willkürliche Beftimmung.) Meine
Anficht habe ich, Punkt für Punkt mit Gründen
belegt, im Oktoberhefte der Neuen Kirchlichen
Zeitfchr. 1903 dargelegt.

Größler fchlägt nun einen von meiner Methode
völlig abweichenden Weg ein. Seine Beweisführung
ftützt fich auf Argumente aus der Lutherlegende
zwifchen 1570 und 1724 und kommt zu
dem Refultat, daß Luther das Lied am 15. April 1521
in Oppenheim, auf dem Wege zum Reichstage in Worms,
verfaßt habe. Es handelt fich hier alfo um einen prinzipiellen
Unterfchied in der Methode. Die Größler-
fche Methode der Behandlung unferes Problems
ift gänzlich verfehlt; das Refultat daher unannehmbar
.

Größlers Gewährsmänner find: 1) der Roftocker
Superintendent Pauli (f 1591)- Derfelbe läßt Luther
fein Lied bei feinem Einzüge in Worms 1521 dichten.
Daß das freie Erfindung ift, liegt auf der Hand, und man

hat nur zu fragen, wie Pauli gerade auf diefes Datum
gekommen fein mag. Pauli wird den Inhalt des Briefes
Luthers an Spalatin aus Oppenheim vom 15. April 1521
(Enders 3, Nr. 420) gekannt haben, in welchem die Stelle
vorkommt: Luther wolle nach Worms, ,wenngleich fo-
viel Teufel drin wären, als immer Ziegel da wären'. Da
mit diefem Ausfpruche der Anfang des dritten Verfes
des Lutherliedes (,Und wenn die Welt voll Teufel wär')
harmoniert, fo mag Pauli das Lutherlied in die Zeit jenes
Briefes gefetzt haben. Daß Pauli feine Behauptung ,aus
dem Munde Melanchthons empfangen habe', ift von
Größler konftruiert, aber gänzlich ohne Quelle. 2) Der
zweite Zeuge foll ein Wittenberger Stud. d. Theol.,
Mag. Paul Seidel fein, der 1581 in einer Lutherbiographie
(.Hiftoria . . . Lutheri', Wittbg. 1581) das Lied
von Luther 1521 in Oppenheim gedichtet fein läßt,
offenbar aus demfelben Grunde, wie vorhin Pauli. Quellenwert
hat Seidel nicht. 3) Der dritte Gewährsmann ift
das Manufkript einer ,Eyderftädtifchen Chronik' von
Petrus Sachfe (geb. 1597 in Grensbüll, fchrieb 1631 ff.);
diefe Chronik ift benutzt von dem Hymnologen Schäme-
lius, ,Evangelifcher Lieder-Commentarius' 2 A. 1724.
Schamelius berichtet aus Sachfe, daß Hermann Taft,
Prediger zu Gardingen im Eyderftädtifchen, in feiner
erften Predigt allein gefungen habe ,Ein fefte Burg etc.'
Aber ein holfteinfeher Chronift aus dem XVII. Jahrb.. ift
keine Quelle für einen Vorgang in Mitteldeutfchland in
den zwanziger Jahren des XVI. Jahrh. Aus metho-
difchen Gründen ift alfo auch diefer dritte Gewährsmann
abzulehnen. (Woher Sachfe die Nachricht über
Taft hat, muß dahingeftellt bleiben; jedenfalls liegt ein
chronikalifcher Irrtum in feiner Berichterftattung vor.)

Zu diefen drei Zeugen, die nach meinem Dafürhalten
für unfere Frage alle drei nichts bedeuten, fügt
der Verfaffer (S. 33 des Sonderdrucks) nun noch
Hieronymus Weller hinzu. Bekanntlich ift aber Weller
gerade (feit 1560) der Urheber der Tradition, daß Luther
das Lied ,Ein fefte Burg' auf der Koburg während
des ,Reichstages zu Augsburg' verfaßt habe. Daß
diefe Tradition irrig ift, darüber braucht man heute kein
Wort zu verlieren; aber ebenfo unhaltbar ift die Hypo-
thefe Radlachs und Größlers, die zu dem Wagllück
greifen, hier im Texte Wellers einen lapsus calami' und
lapsus memoriae anzunehmen und ftatt Augsburg Worms
einfetzen. Diefes Verfahren ift Entftellung des Quellentextes
und daher methodilch verwerüich. Weller kommt
für uns gar nicht in Betracht.

Endlich hat Größler noch ein ,Selbftzeugnis
Luthers' aus einem Briefe desfelben vom Jahre 1524
beigebracht, welches Anklänge an den Inhalt des Liedes
,FLin fefte Burg' enthält. Aber ähnliche Anklänge kann
man aus Luthers Schriften aus jedem Jahre zwifchen
1521 und 1529 auffinden, und ,Selbftzeugniffe' Luthers find
fie alle nicht.

Größlers gefamte Beweisführung hat alfo keine
Zugkraft und muß aus methodifchen Gründen abgelehnt
werden. Die von mir vertretene Anficht dagegen, daß
Luther das Lied im Jahre 1528 aus Anlaß der Packfchen
Händel verfaßt hat, dürfte die bis jetzt erreichbare
größte Wahrfcheinlichkeit für fich haben.

Göttingen Paul Tfchackert.

BähIer, Eduard, Petrus Caroli und Johannes Calvin. Ein

Beitrag zur Gefchichte und Kultur der Reformationszeit
. (Separat-Abdruck aus dem Jahrbuch für Schwei-
zerifche Gefchichte Bd. XXIX, 1904, S. 41—167.)

Diefe fehr forgfältige Studie eines Schweizer Pfarrers
fei der Beachtung angelegentlichft empfohlen. Die in
den Calvinbiographien nur kurz geftreifte Zänkerei zwifchen
dem Genfer Reformator und feinen Freunden Viret und
Farel mit dem ehemaligen Dr. der Sorbonne, dann Lau-