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Ausgabe:

1905 Nr. 8

Spalte:

231-233

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Seeberg, Alfred

Titel/Untertitel:

Das Evangelium Christi 1905

Rezensent:

Wendt, Hans Hinrich

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Theologifche Literaturzeitung 1905 Nr. 8.

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geführt worden, daß ähnliche burleske Darftellungen in
den volkstümlichen mimifchen Aufführungen ganz gewöhnlich
und daher dem gemeinen Mann fehr nahe liegend
waren. Dadurch werde die fo rafch improvifierte Szene
begreiflich. Der Verurteilte, der auf den Kafernenhof
geführt wurde, foll der König der Juden fein. ,Da läuft
das ganze Kafernement zufammen, aus allen Stuben
kommen die dienftfreien Soldaten heraus und betrachten
fich den Judenkönig. Da fallen ihnen die Spottfzenen
gegen die Juden aus dem Mimus ein, diefer Judenkönig
erfcheint ihnen wie der König im Mimus'. ,Nun verliehen
wir auch, wie diefe Soldatenmaffe plötzlich nach
einem Plane wie auf Verabredung handeln kann. Sie
haben alle diefelben Spottfzenen aus dem Mimus vor
Augen, und fie führen fie nun einmütig zu ihrem Vergnügen
auf.

Eine ähnliche Szene hat einmal der alexandrinifche
Pöbel mit einem Geifteskranken Namens Karabas aufgeführt
, um den jüdifchen König Agrippa zu verhöhnen
(Philo, in Flaccnm § 6). Philo fagt dabei ausdrücklich,
dies fei gefchehen mg sv ß-eazQixoig uifioig.

Zur Unterftützung feiner Anficht bringt der Verf.
ein überaus reiches Material bei, welches zeigt, wie volkstümlich
gerade in jener Zeit die mimifchen Darftellungen
waren.

Göttingen. E. Schürer.

Seeberg, Prof. D. Alfred, Das Evangelium Christi. Leipzig,
A. Deichert'fche Verlagsbuchhandlung, Nachf. 1905.
(IV, 139 S.) gr. 8» M. 3-

A. Seeberg führt in diefem Buche die Unterfuchungen
feines früheren Werkes: ,Der Katechismus der Urchriften-
heit' (vgl. mein Referat in Th. Ltz. 1903 Nr. 25) weiter.
Sein Hauptergebnis dort war gewefen, daß fchon im apofto-
lifchen Zeitalter denen, die fich zur chriltlichen Taufe
vorbereiteten, ein Katechismus gelehrt fei, zu dem folgende
Lehrftücke gehörten: Glaubensformel, Wege, Ausführungen
über die Taufe und Geiftesmitteilung, Herrngebet
und Referat der Worte, mit denen Jefus das Abendmahl
einfetzte. Er hatte nachzuweifen gefucht, daß das
wichtigfte diefer Stücke, die die Heilstatfachen kurz zu-
fammenftellende Glaubensformel, nicht nur die Grundlage
und Norm der chriltlichen Miffionspredigt des Paulus
bildete, fondern für die ganze Urchriftenheit fchon feit
der erften Zeit nach dem Tode Jefu galt und auf die
Offenbarung des Auferftandenen an feine Jünger zurückgeführt
wurde. Beeinfluffungen durch diefe Glaubensformel
hatte er in vielen Stellen der Paulusbriefe, des
I. Petrusbriefes, der Paftoralbriefe, der Lukasfchriften und
des Hebräerbriefes aufweifen zu können gemeint. Jetzt
fügt er diefen früheren Beobachtungen zunächft hinzu,
daß fich Anlehnungen an die Glaubensformel auch in den
aus dem Schluffe des erften chriltlichen Jahrhunderts
flammenden Grundfchriften der Ascensio Jesajae finden
und ferner im Markus- und Matthäusevangelium. Er
findet fie bei Mk. befonders in den Todes- und Aufer-
ftehungsankündigungen (8211. 31. 931. 10 33 f.), in der Verhandlung
vor dem Synedrium (1458-62), in dem Engel- j tung diefer Frage durch Erkenntnis der engen Beziehung,

kreis, nämlich den Inhalt der Glaubensformel, verbunden
mit einer Aufforderung zum Glauben und mit der Verheißung
des Heilsgutes. Das Evangelium führe Paulus
in Rom. 1017. I Cor. 914. II Tim. 110. Rom. 1625 infofern
auf Chriltus zurück, als er diefe Glaubensformel auf einer
Mitteilung und einem Auftrage Chrifti beruhend betrachtete
. Neben svayyekiov fei der Genitiv tov XqiOtov
ebenfo wie t. &sov als gen. subjectivus zu faffen. Daraus
aber, daß Paulus als gleichbedeutend mit dem Begriffe
tvayytliov tov Xq. auch die Begriffe uv6tt)Qiov tov Xq.
und uaQtvQiov z. Xq. gebrauche, folge, daß nach dem Bewußtfein
des Paulus das von Jefus gegebene Evangelium
den Jüngern in einer Anfangszeit dunkel und geheimnisvoll
gewefen war und daß feine Wahrheit von Jefus felbft
feierlich bezeugt war. In demfelben Sinne wie bei Paulus,
d. h. als Verkündigung der in der Glaubensformel zu-
fammengefaßten Heilstatfachen, fei der Begriff evayybXiov
bezw. evayyeXi&ö&ai auch in I Petr. 112. 23-25. 40. 17
gebraucht. Bei Lukas dagegen und im Hebräerbriefe
(42. 6) bedeute der Begriff häufig die Verkündigung ganz
im allgemeinen; ebenfo im Matthäusevangelium die Bot-
fchaft, deren Inhalt des Reich Gottes ift. Aber dies fei
der Sprachgebrauch der jüngeren Periode. Der ältere,
urfprünglich chriftliche Gebrauch des Begriffs zeige fich
auch bei Mk. an den Stellen 835. 1023. 1310. 143. Da
daneben in Mk. 1 u der Begriff von der Reichsbotfchaft
gebraucht fei, fo laffe fich erkennen, daß Mk. jene anderen
4 Stellen aus feiner apoftolifchen Quelle herübergenommen
habe, während er in I u felbftändig dem jüngeren Sprachgebrauche
folge. Auch in der nicht urfprünglich von
Mk. felbft gegebenen Überfchrift Mk. 1 1 habe der Begriff
svayyeXiov Bezug auf die Botfchaft von den Heilstatfachen.
Denn die Ausfagen der Glaubensformel laffen fich als
das der Darfteilung des Gefchichtswerks des Mk. urfprünglich
zugrunde liegende Schema begreifen. Der Gen.
'Trjoov Xq. fei auch hier inMk. 1 1 fubjektiver Genitiv. Als
.Anfang' des Evangeliums Jefu Chrifti fei das Werk infofern
bezeichnet, als es unvollendet, vor Befprechung
auch der letzten in der Glaubensformel aufgeführten Heilstatfachen
, abbricht.

Der Verf. fucht dann wahrfcheinlich zu machen, daß
in den aus der apoftolifchen Quelle flammenden Todes-
und Auferftehungsankündigungen und in den auf die
Jüngerausfendung bezüglichen Worten Jefu die Erinnerung
daran bewahrt ift, wie Jefus bei Lebzeiten feinen
Jüngern den wefentlichen Inhalt des .Evangeliums' mitgeteilt
und ihnen den Auftrag zur Verkündigung des-
felben gegeben hat. Er fucht in den Evangelien, befondei s
im Mk., auch Spuren davon nachzuweifen, daß den erften
Jüngern diefe Mitteilung Jefu zuerft ein Geheimnis blieb;
daß dann Jefus bei dem Verhöre vor feinem Leiden die
Wahrheit diefes .Evangeliums' bezeugt habe, und daß
den Jüngern endlich durch die Offenbarungen des Auferftandenen
das Verftändnis für den Sinn diefes feines
.Evangeliums' erfchloffen fei.

Im Schlußteile behandelt der Verf. die Frage, wie
diefes .Evangelium' gleich nach dem Tode Jefu zur feiten
Glaubensformel geworden fei. Er findet die Beantwor-

wort am Grabe (16 6 f.) und in dem Paffus von dem ge- j in der die chnltliche Taufe zur jüdifchen Profelytentaufe
liebten, gefandten und getödteten Sohne im Gleichnis ! geftanden hat. Er weift zuerft nach, daß es wirklich
von den Weingärtnern (i2 6-s). Bei Mt. findet er fie in j fchon in der vorchriftlichen Zeit eine jüdifche Profelyten

gewiffen kleinen Zutaten oder Veränderungen bei feiner
Wiedergabe diefer Stellen, welche erkennen laffen, daß
er die Glaubensformel im Sinne hat.

Sodann unterfucht der Verf. den Begriff des .Evangeliums
' in den Schriften des erften Jahrhunderts. Er
unterfcheidet zwifchen der Auffaffung des Begriffs in
einer älteren und in einer jüngeren Periode. Den älteren
Gebrauch findet er bei Paulus und im I. Petrusbriefe. Bei
Paulus bedeute das .Evangelium' nicht in unbeftimmter
Allgemeinheit die Heilspredigt von Chrilto, fondern einen
feftgefchloffenen, allemal fich gleichbleibenden Gedankentaufe
gab, und fodann, daß fich die chriftliche Taufe in
allen ihren einzelnen Akten an das Vorbild der jüdifchen
Profelytentaufe anfehloß. Zur letzteren gehörten die Akte
der Befchneidung, des Tauchbades, eines Opfers, das
auch durch Faften oder Almofen erfetzt werden konnte,
eines Gebets, eines Mahles. Diefen Akten habe bei der
chrifllichen Taufe entfprochen: ein in der Regel der Taufe
vorangehendes Faften, das Tauchbad, die Herzensbe-
fchneidung durch Geiftesmitteilung, das Herrngebet, die
Abendmahlsfeier. Zu der jüdifchen Profelytentaufe werde
aber auch gehört haben eine der Untertauchung unmittel-