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Ausgabe:

1905 Nr. 7

Spalte:

215

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Herrmann, Wilhelm

Titel/Untertitel:

Ethik. 3. Aufl 1905

Rezensent:

Wendt, Hans Hinrich

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215

Theologifche Literaturzeitung 1905 Nr. 7.

216

Warum nicht ftatt der ermüdenden Bearbeitung der alten
biblifchen und gefchichtlichen Aufftellungen einen fo
frifchen neuen Anfang wie bei Seeberg? nämlich der
pfychifche Eindruck von dem die Sünder fuchenden und
am Kreuz hängenden Chriftus als Ausgangspunkt, um
von da aus zu dem dahinterftehenden gnädigen und heiligen
Gott aufzufteigen? Wir haben einmal genug, wenn
wir im Glauben den verföhnenden Willen Gottes in
Chriftus erkennen; wer von da aus fich weitere Gedanken
über das Warum machen will, der mag es tun. So follte
man Glaubensausfage über die Verformung und Ver-
föhnungstheorie fcharf fcheiden. B. gibt bloß in der
alten Weife eine etwas aufgefrifchte Verföhnungstheorie;
leider hat er die fchönen Arbeiten von Ecklin nicht be-
rückfichtigt, der hier Gutes und Neues gefagt hat.

Heidelberg. F. Niebergall.

Herrmann, Prof. D.W., Ethik. Dritte Auflage. (Grundriß
der Theologifchen Wiffenfchaften. Fünfter Teil,
Zweiter Band.) Tübingen, J. C. B. Mohr 1904. (XV,
216 S.) gr. 8° M. 3.60; geb. M. 4.60

Herrmanns Ethik, über deren erfte Auflage ich in
Nr. 14 des Jahrganges 1901 der ThLZ berichtet habe,
bedarf keiner neuen Empfehlung. Die fchnelle Folge
der Auflagen beweift, daß der Wert des ernften, gehaltreichen
Buches nicht verkannt wird. Wefentliche Änderungen
hat H. in der jetzt erfchienenen dritten Auflage
nicht vorgenommen. Doch haben ihm Kritiken, die fein
Buch erfahren hat, befonders die eingehende Befprechung
von Troeltfch in ZThK 1902 S. 44ff. u. 125 fr., den Anlaß
nicht nur zu einer kurzen Auseinanderfetzung in der
neuen Vorrede, fondern auch zu mehreren Zufätzen im
Texte, befonders im erften Abfchnitt, gegeben. Als
wichtigfte diefer Zufätze find mir folgende erfchienen.
Am Anfang von § I, wo H. früher gleich mit der Aufgabe
der chriftli chen Ethik einfetzte, definiert er jetzt
zunächft die Aufgabe der Ethik im allgemeinen und
erörtert er die Frage, ob fich die ,chriftliche' Ethik von
der ,philofophifchen' abgrenzen läßt. Er verneint diefe
Frage, weil eine chriftliche Ethik doch immer die allgemeine
menfchliche Erkenntnis des fittlich Guten zu
erfaffen fuchen muffe, und weil andererfeits eine philo-
fophifche Ethik, um vollftändig zu fein, auch die Bedeutung
würdigen müffe, welche die gefchichtliche Größe
des Chriflentums für das Herrfchaftgewinnen der fitt-
lichen Gedanken in der Menfchheit habe (vgl. auch den
Zufatz am Finde von § 1). Mehrmals betont H. feinen
Gegenfatz gegen die Auffaffung der Ethik als einer
,Güterethik'. Sittlichkeit fei etwas anderes als ein Streben
nach Gütern (S. 28). ,In der Ethik foll die Erkenntnis
gewonnen werden, daß wir uns nicht in irgend einem
Genießen, fondern in dem felbftändigen Hervorbringen
der Ordnung, die Gemeinfchaft ftiftet, fittlich verhalten'
(Zufatz am Schluffe von § 11). Auch ein neuer Schlußabfatz
des § 26 wendet fich gegen die Auffaffung der
Kulturerzeugniffe als fittlicher Werte (vgl. auch Einleitung
S. XI u. XII). Gegen Rolffs, der in ThR 1901
über H.s Ethik referiert hat, find einige Zufätze in § 12
gerichtet, in denen ftark hervorgehoben wird, daß die
Sittlichkeit immer ein Kampf bleibt, eine fortfchreitende
Entwicklung, in der Neues gewonnen wird.

Jena. H. H. Wendt.

Smend, Julius, Der evangelische Gottesdienst. Eine Litur-
gik nach evangelifchen Grundfätzen in vierzehn Abhandlungen
dargeflellt. Göttingen, Vandenhoeck &
Ruprecht 1904. (VII, 203 S.) gr. 8°

M. 3.60; geb. M. 4.40

Nach dem ,Vorwort' wurden die erften 6 Abhandlungen
und die 13. im April 1904 auf dem Ferienkurs

der Berliner kirchlich-theologifchen Konferenz als Vor-
lefungen dargeboten. Die Themata find: Die felbftän-
dige Bedeutung des evangelifchen Gottesdienftes, Die
Predigt als gottesdienftliche Rede, Gebet und Glaubensbekenntnis
im Gemeindegottesdienft, Die Taufhandlung,
Die Konfirmationsfeier, Die Abendmahlsfeier, Volks- und
Kunftgefang im Gottesdienft. Die 9. Abhandlung: Die
Kircheneinweihung ift eine Überarbeitung des Auffatzes
in der Monatfchrift für Gottesdienft und kirchliche
Kunft VI, S. 73 f., die 14.: Über die Verwendung Bach-
fcher Mufik in Kirche und Gottesdienft ift die Bereicherung
eines Vortrags, den der Verf. in Barmen
gehalten hat. Neu find die Abhandlungen 7, 8, 10, 11,
12 mit den Thematen: Die Trauungsfeier, Die Begräbnisfeier
, Der Kirchenraum, Gottesdienftliche Zeiten, Über
Kultur, Kunft und Künfte. Der Verfaffer bezieht fich
in mehr als 200 Zitaten auf die von ihm und Fr. Spitta
herausgegebene Monatfchrift; fein Buch gewinnt dadurch
das Gepräge eines Manifeftes der in Straßburg vertretenen
künftlerifchen Richtung, des Äfthetizismus, in
der Liturgik, und der Verf. ift ihr gefchickter, feinfinniger,
künftlerifch durchgebildeter Anwalt. Eine ,Liturgik'
freilich ift das Buch nicht; dazu fehlt der unentbehrliche
gefchichtliche Unterbau, die Vollftändigkeit des
Materials und die Gleichmäßigkeit feiner Behandlung.
Prinzipielle Erörterungen bieten die beiden erften
Abhandlungen, ohne jedoch normative Grundfätze für
I den Aufbau des Gemeindegottesdienftes aufzuhellen;
in den weiteren Abhandlungen tritt der prinzipielle Ge-
fichtspunkt hinter der praktifchen Erörterung und der
Auseinanderfetzung mit der Preußifchen Agende zurück.
In der 12. Abhandlung werden die Künfte der Plaftik,
ohne des Kruzifixes Erwähnung zu tun, der Malerei,
die nur in der Kreuzigungsfzene Einlaß erhält, des
Kirchenbaus (Exzerpt aus der 10. Abhandlung), der Rede
und der Poefie mit wenigen Bemerkungen abgetan,
während der Tonkunft ein weit größerer Raum und
dazu die beiden letzten Abhandlungen gewidmet werden
. Die letzte, die über die Matthäuspaffion von
J. S. Bach fich verbreitet, ift felbft, nebenbei bemerkt,
ein wertvolles Kunftwerk. In Sachen der Tonkunft überhaupt
fpricht ein Meifter zu uns; fein Wort hat auch
da für uns großes Gewicht, wo wir ihm beizuftimmen
nicht vermögen. Das ift z. B. der Fall gegenüber der
m. W. zuerft von Spitta ausgefprochenen Behauptung
(S. 181 f.): ,Was ein feiner Kunft mächtiger, in unferem
Gottesdienft heimifcher Meifter für einen beftimmten
Moment in unferer Gemeindefeier erdacht und erfehen
hat, das gehört hinein', — und S. 171 war das Wort von
Felix Mendelsfohn-Bartholdy (Briefe II, 73), der
doch feiner Kunft mächtig und in unferem Gottesdienft
heimifch war, angeführt, in dem er für wirkliche Kirchen-
mufik im evangelifchen Gottesdienft keinen Platz findet.
Soll denn auch die Genieindefeier ftatt von der evangelifchen
Gemeindefrömmigkeit von den ftets individuellen
Afpirationen eines Künftlers abhängig fein?

Das vornehmfte Intereffe nehmen die beiden erften
Abhandlungen in Anfpruch. Smend weift jede Art
von Zweckfetzung im evangelifchen Gottesdienft zurück:
die theurgifche der römifchen Kirche, die pädagogifche
der Reformation und der Orthodoxie, die privat-erbauliche
des Pietismus, die utilitariftifche des Rationalismus
. Er machtfich den ,rettenden Gedanken' Schleiermachers
zu eigen, der feine ,klaffifche Ausprägung' in
der bekannten Widmung des erften Bandes feiner Predigten
gefunden habe: .vielleicht kommt die Gemeinde
der Gläubigen dadurch zuftande, daß man fie vorausfetzt
'. Der Gemeindegottesdienft ift nach S. rein dar-
ftellendes Handeln: ,Wir bieten einander an, was ein
I jeder an Glaubens- und Bekenntnisvermögen in fich
trägt' (S. 12)1. Die Gemeinde der durch Chriftus zur

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