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Ausgabe:

1905 Nr. 7

Spalte:

214-215

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Bensow, Oscar

Titel/Untertitel:

Die Lehre von der Versöhnung 1905

Rezensent:

Niebergall, Friedrich

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2i3 Theologifche Literaturzeitung 1905 Nr. 7. 214

liehen Gottheit Chrifti ein Aufgeben des abfoluten
Charakters der chriftlichen Religion erblickt, fo fleht
doch diefer Satz gewiß nicht in einwandfreiem Verhältnis
zur heiligen Schrift, die ich nicht als Lehrkodex im traditionellen
Sinn, fondern als Zeugnis von der Offenbarung
im Sinne Kaftans meine: die noch jüngst von Harnack
(Preußifche Jahrbücher, Band III, Jahrgang 1903, S. 588)
befürwortete Formel ,Gott in Chriftus' entfpricht der Erfahrung
der neuteftamentlichen Männer getreuer als das
vieldeutige Prädikat von der Gottheit Chrifti; daß Chriftus
,Gegenftand des Glaubens' ift, daß er ,uns gegenüber mit
Gott zufammengehört', läßt fich von der Harnackfchen
Formel aus nicht minder begründen als unter der K.fchen
Vorausfetzung. Vollends das Ausgehen von dem erhöhten
Herrn wäre durchaus unvollziehbar und würde
fich in Phantafie auflöfen, wenn K. nicht fofort diefes
dem Glauben verborgene Schema mit dem konkreten
Gehalt des evangelifchen Gefchichtsbildes Jefu ausfüllen
würde.

Der im bisherigen analyfierten Reihe von Auffätzen
zur Dogmatik fügt K. noch einen mit welentlich biblifch-
theologifchem Inhalt bei: ,Die paulinifche Predigt vom
Kreuze Jefu Chrifti' (255—337). Diefe zufammenfaffende
Wiedergabe einer beim Berliner Ferienkurs im Frühjahr 1901
gehaltenen Vorlefung foll fowohl zu der üblichen Her-
leitung der dogmatifchen Sätze aus den paulinifchen
Briefen als auch zum weitverbreiteten Vorurteil, das
Paulus zum Dogmatiker ftempelt, in prinzipiellen Gegen-
fatz treten. Die unfrer Anzeige gezogenen Grenzen verbieten
ein näheres Eingehen auf diefen reichhaltigen, in
den verfchiedenften Gebieten der paulinifchen Glaubensund
Gedankenwelt Umfchau haltenden Auffatz. Hoffentlich
werden unfre ,Neuteftamentler' an diefen fowohl für
die prinzipielle Beurteilung des Paulinismus als für die
Förderung der Detailexegefe gleich wichtigen Ausführungen
nicht unachtfam vorübergehen.

Bei diefen kritifchen Auseinanderfetzungen zur Verteidigung
feines dogmatifchen Standpunktes war der Verf.
genötigt, von feiner eigenen Arbeit und ihrer Entwickelung
zu fprechen. Ein folches Verfahren, für das er in feinem
Vorwort um Entfchuldigung bittet, war unvermeidlich,
und wie fchwer es dem Apologeten gewefen fein mochte,
immer wieder auf fein Buch zu verweifen und den Lefern
die Wege zu zeigen, die er bereits in früheren Schriften
eingefchlagen hatte, fo ift man ihm zu lebhaftem Dank
verpflichtet, daß er diefe Selbstverleugnung geübt und
es nicht gefcheut hat, Bekanntes zu wiederholen, Unbe-
ftimmtes eingehender zu begründen, Mißverständliches
zu deuten und klar zu legen. Die Gefahr ermüdender
Umftändlichkeit war hier das geringere Übel, da eine
gedrängtere Darftellung vielleicht nur auf Korten der
Klarheit und Gründlichkeit hätte gegeben werden
können. So wiefie fich allmählich geftaltet haben, bilden
diefe Beiträge ,zur Dogmatik' eine wertvolle Ergänzung,
ja einen unentbehrlichen Kommentar zu Kaftans Buch;
iie Hellen diefe energifche, aus den tiefften Glaubens-
intereffen der Reformation geborene, mit allen Formen
des Intellektualismus fiegreich aufräumende Geistesarbeit
in das hellfte Licht; fie vertiefen den Eindruck des nicht
in .Apercus und Sentiments' (ein Lieblingsausdruck des
Verfaffers) fich ergehenden, fondern aus einem Guß ge-
fchaffenen Werkes, welches als gefchloffenes Ganze bereits
eine tiefgehende Wirkung hervorgebracht hat und voraussichtlich
in der Gefchichte der dogmatifchen Arbeit
unfrer Kirche von bleibendem Werte fein wird.

Straßburg i. E. P. Lobftein.

Kreyher, Johannes, Die jungfräuliche Geburt des Herrn.

Gütersloh, C. Bertelsmann 1904. (112 S.) 8°

M. 1.80; geb. M. 2.80

Zielt nach Ausweis der vergleichenden Biologie die
Natur auf ihre Menfchwerdung (S. 7—14), fo die Gefchichte
auf die Menfchwerdung Gottes zur Erlöfung der
Menfchheit von dem Böfen (S. 10). Da die natürliche
Fortpflanzung das Verderben mitfchleppt, fo muß der
Gottmenfch von der Jungfrau geboren werden, wie alte
Sagen der Heiden unklar ahnen, aber das A. T. klar
vorausfagt (S. 28). Das ift phyfiologifch möglich (S. 36),
und wie Hellfeher, Quellenfinder und andere Wundertäter
beweifen, gibt es Wunder trotz der modernen Theologie
(S. 49), die Gottes Wort mit Märchen gleichfetzt,
um mit der ganzen Gegenwart der Verzweiflung anheimzufallen
(S. 57). Zwar fällt die ,unbefleckte Empfängnis
der heiligen Jungfrau'(!) (S. 59) aus dem Rahmen des
urfprünglichen Evangeliums, weil fie Anlaß zu Spott gegeben
hätte, aber fie ift indirekt gut bezeugt. Und
Lukas erhielt von dem Bruder des Herrn treuen Bericht
über die vertraulichen Mitteilungen der h. Jungfrau; das
Protevangelium Jakobi erläutert das äußere Verhältnis
zu Jofeph, mittelalterliche Vifionen bestätigen die Engel-
erfcheinungen, und moderne Naturerkenntniffe erklären
fie als übernatürlich gewirkte Sinnenreize, die fich zu
Bildern verdichteten (S. 91). In Maria hat fich das Ideal
der Weiblichkeit, das uns hinanzieht, und das Urbild der
Schönheit verwirklicht. Nach dem Sohne Gottes kann
fie keine andern Kinder mehr geboren haben, darum find
die Gefchwifter Jefu aus früherer Ehe. Zwar darf jede
Zeit auf ihre Weife die Heilsgefchichte deuten, aber die
Jungfrauengeburt gehört zu den unbeweglichen Tatfachen
des Heiles, deren Leugner den Chriftennamen ablegen
follen (S. 112).

Diefer Auszug möge eine Probe diefes Gemifches
von unbelehrbarer Orthodoxie, katholifierender Romantik
und bedenklicher Koketterie mit modernen Naturerkennt-
niffen geben, alles im Dienste der fanatifchen Verteidigung
eines Satzes, der als Objekt des Glaubens ebenfo unerträglich
, wie als hiftorifch bedingter Ausdruck des Glaubens
intereffant und verständlich ift. Daß diefes Buch
ebenfo gut von einem katholifchen Theologen nach Inhalt
und Form gefchrieben fein könnte, wird für den Ver-
faffer ebenfo ein Lob fein, wie es für uns fein Gericht
bedeutet.

Heidelberg. F. Niebergall.

Bensow, Doc. Lic. Dr.Oscar, Die Lehre von der Versöhnung.

Gütersloh, C. Bertelsmann 1904. (VII, 328 S.) 8°

M. 5 —; geb. M. 6 —

Im ersten Teil (S. 7-—155) wird die dogmengefchicht-
liche Entwicklung befonders feit v. Hofmann ziemlich
eingehend behandelt, indem die Lehren der wichtigsten
Theologen von Anfelm bis Seeberg mit Zitaten und
Auszügen aus ihren Schriften dargestellt und die Hauptprobleme
famt den wichtigsten Begriffen herausgearbeitet
werden. Im Mittelpunkt fteht von S. 52—75 die Lehre
v. Hofmanns, die famt den fich anfehiießenden Verhandlungen
eingehend erörtert wird. Seine Verbindung von
Gnade und Gerechtigkeit im heiligen Liebeswillen Gottes
findet Zustimmung, die Abhängigkeit der Verföhnung
von der Erlöfung Ablehnung. Ritfehl wird verworfen
Seeberg fehr mißtrauifch angefehen. Der zweite Teil
(S. 157—247) bringt eine Erörterung der biblifchen
Grundlagen im herkömmlichen Sinn; fo hat im A T das
Blut feine fühnende Wirkung als Vorbild des ewigen
Opfers, freilich ift der Sinn des Opfers nur Stellvertretung,
nicht Strafe, und Gott hat von jeher eine unveränderliche
Liebe gegen die Menfchen. Der dritte Teil (S. 251—320)
gibt die eigene Aufhellung des Verfaffers: nicht stell -
vertretendes Strafleiden, das fuhnend ift, fondern ftell-
vertretendes Sühnen, d^s ein Strafleiden in fich faßt. Diefer
Zentralgedanke wird eingefaßt von einem Abriß der
Dogmatik.

Das Buch macht den Eindruck einer neuen Variation
alter Gedanken; statt türmendes stellvertretendes Strafleiden
fagt es: Strafe leidendes stellvertretendes Sühnen.