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Ausgabe:

1905 Nr. 7

Spalte:

206-208

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Köhler, W.

Titel/Untertitel:

Bibliographia Brentiana 1905

Rezensent:

Bossert, Gustav

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Theologifche Literaturzeitung 1905 Nr. 7.

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ierung und Charakteriftik der Urfprünge des chiliafti-
fchen Gedankens verwertet er in umfaffender Weife die
Werke Schürers und Bouffets, für die fpätere dogmen-
gefchichtliche Entwicklung hat er befonders von Harnack
gelernt, dem er häufig folgt, mit dem er fich auch zuweilen
kritifch auseinander fetzt. Das veraltete Werk von
Corrodi ift ihm zwar bekannt, er benützt es aber offenbar
nur mit Vorficht und Zurückhaltung. Für uns Prote-
ftanten find feine Mitteilungen aus katholifchen Schrift-
ftellern nicht ohne Intereffe: fo erinnern die fcholaftifchen
Phantafien des Kanonikus Chabauty aus Poitiers an
mancherlei auch in proteftantifchen Kreifen verbreitete
Schwärmereien (54—57). Daß die mit dem Imprimatur
der kathol. theol. Fakultät Freiburgs (Schweiz) verfehene
Schrift fich in den Grenzen der durch Rom feftgeftellten
Tradition bewegt, wird keinen Lefer befremden. Daran
ändert nichts, daß G. gelegentlich an der Vulgata Kritik
übt (S. 47: ,on remarquera l'inexacütude de la traduetion
latine gut pourrait etre cause de nombreuses dijficultes).
Gegen Loifys efchatologifche Faffung des Gottesreiches
in der Lehre Jefu wird die Autorität von Alb. Reville
ausgefpielt; die Wendung, die der Verf. gebraucht, um
über ihn zu urteilen, ift charakteriftifch: ,0n sait que
M. Loisy a cru necessaire de se rallier a des idees
analogues et qti elles ont repandu le trouble dans les
milicux catholiques' (38—39). — Die Hoffnung, die der
Verf. ausfpricht, er habe in der kritifchen Prüfung der ihm
entgegentretenden Schwierigkeiten .Aufrichtigkeit' und
.Vorficht' geübt, werden die zuftändigen kirchlichen Behörden
des Priefters derDiözefe von Rennes vorausficht-
lich gerne beftätigen. *
Straßburg i. E. P- Lobftein.

Kehrmann, Dr. Karl, Die „Capita agendorum". Kritifcher
Beitrag zur Gefchichte der Reformverhandlungen in
Konftanz. (Hiftorifche Bibliothek. Herausgegeben von
der Redaktion der Hiftorifchen Zeitfchrift. Fünfzehnter
Band.) München, R. Oldenbourg 1903. (67 S.)
gr. 8° Geb. M. 2 -

Die .Capita agendorum' find eine Reformationsfchrift
aus der Zeit des Konftanzer Konzils. Bis jetzt befitzen
wir nur einen Druck derfelben, den v. d. Hardt in
feiner Ausgabe des .Magnum Oecumenicum Constantiense
Concilium' Tom. I, Pars IX, p. 4gosqq. nach einer Wiener
Handfchrift veröffentlicht hat. Eine zweite Handfchrift
diefes Werkes hat Finke in Rom entdeckt, aber bis jetzt
noch nicht gedruckt. Finke teilte mit, daß die römifche
Handfchrift vollftändiger fei als die Wiener. Daraus folgt
meines Erachtens, daß jede, zumal philologifch-hiftorifche,
Unterfuchung diefes Werkes ohne Kenntnis des Finke-
fchen Textes eine halb verlorene Mühe ift. Dies Schick-
fal trifft die vorliegende, fehr fleißige, gefchickte Abhandlung
. Ich habe fie aber doch mit ganz befonderem Intereffe
gelefen, hauptfächlich, weil fie wefentlich gegen
mich gerichtet ift. Mit wahrem Genuß bin ich diefer
fcharffinnigen Argumentation Schritt für Schritt gefolgt,
um zu fehen, was bei ihr herauskommt. Ich referiere in
kurzen Zügen und nehme dann zur Sache Stellung.

Die Wiener Handfchrift nennt keinen Autor; der un-
kritifche Herausgeber v. d. Hardt fchrieb fie willkürlich
Zabarella zu; in Briegers ZKG. I, 451 ff. habe ich (1876)
Ailli als Verfaffer nachzuweifen geiueht und in meinem
,Peter von Ailli'(1877) ift das Refultat diefer Unterfuchung
verwertet. Die Schrift ift nach meiner Meinung von Ailli
vor 1409 verfaßt und in Konftanz neu redigiert worden.
Finke hat in den .Forfchungen und Quellen zur Gefchichte
des Konftanzer Konzils' (1889) und in feiner Ausgabe
der .Acta conc. Const.' I (1896) mir zugeftimmt. So
fleht die Sache bis 1903. Kehr mann hat die Frage nach
dem Autor diefer Schrift und der Zeit ihrer Abfaffung

aufs neue unterfucht und kommt zu einem andern Refultat
als Finke und ich. Er argumentiert folgenderweife:

1) Ein Brief Aillis von 1411 (bei Gersonii Opera ed.
Dupin II, %%2sqqi), der nach meiner Meinung auf die
,Capita' verweilt, diefe alfo zur Vorausfetzung hat, ift
von dem Verfaffer der ,Capita' unbedacht abgefchrieben;
die ,Capita' find alfo nach jenem Briefe anzufetzen; fie
benutzen den Brief Aillis als Quelle.

2) Eine zweite Quelle der .Capita1 find die ,Avisata'
der Parifer Univerfität v. 1411, die Finke in den .Acta
conc. Const.' I veröffentlicht hat; Finke aber ift der Anficht
, daß der Verfaffer der ,Avisata' die ,Capita' bereits
vor fich gehabt und .geplündert' hat.

3) Als dritte Quelle der Capita nimmt Kehrmann
die Jnformationes' des Pileus Marini von Genua
an, die Döllinger in feinen .Beiträgen' 2. Bd. (1863) gedruckt
hat. Da diefe aus der erften Zeit des Konftanzer

] Konzils (Ende 1414 bis Anfang 1415) flammen, fo find
die ,Capita' erfl nach diefen Jnformationes' auf dem Konftanzer
Konzile entftanden als eine Sammlung von Reform-
vorfchlägen zu rein praktifchen Zwecken, um als Ma-
terialienfammlung bei den Verhandlungen de reformatione
ecclesiae zu dienen. Einen beftimmten Autor der Schrift
hat Kehrmann nicht namhaft gemacht.

Von dem gefamten Beweismaterial hat mich nur der
erfte Punkt frappiert: die philologifche Unterfuchung des
Textes des Briefes Aillis von 1411 und feiner Parallele
in den ,Capita'. Käme es bloß darauf an, fo würde ich
Kehrmann unbedenklich recht geben. Aber es kommen
noch viele andere Argumente in Betracht; ich fehe mich
daher veranlaßt, mit einem definitiven Urteil zurückzuhalten
, bis der von Finke gefundene vollftändige Text
der ,Capita' vorliegen wird. Das zweite und dritte Argument
Kehrmanns hat keine Zugkraft, und das ,Avi-
samentum nationis Italicac', in dem es (ich um zu ,be-
1 fchwörende' Abmachungen handelt (S. 57ff.), darf überhaupt
nicht herbeigezogen werden. Kehrmanns Anficht
darf alfo zurzeit noch keineswegs als gültig angefehen
werden; wohl aber hat feine fcharffinnige und methodifch
mufterhafteAbhandlung dasVerdienft, eine neueHypothefe
über die Zeit der Abfaffung der ,Capita agendorum' zur
Diskuffion geftellt zu haben.

Göttingen. Paul Tfchackert.

Köhler, Priv.-Doz. Lic. Dr. W., Bibliographia Brentiana.

Bibliographifches Verzeichnis der gedruckten und ungedruckten
Schriften und Briefe des Reformators Johannes
Brenz. Nebft einem Verzeichnis der Literatur
über Brenz, kurzen Erläuterungen und ungedruckten
Akten. Mit Unterftützung der Württembergifchen
Kommiffion für Landesgefchichte bearbeitet. (Beiträge
zurReformationsgefchichte.) Berlin, C. A.Schwetfchke
& Sohn 1904. (XII, 427 S.) gr. 8° M. 25 —

Zum Brenzjubiläum am 24. Juni 1893 hatte Ref als
dringende Wünfche für die fchwäbifche Reformations-
gefchichte geltend gemacht: 1) eine Biographie von
Brenz, die dem heutigen Stand der Forfchung entfpricht
2) eine Iheologie des fchwäbifchen Reformators und als
Unterlage dafür 3) eine Bibliographie feiner Werke, 4)
eine neue vollftändige kritifche Ausgabe derfelben, 5) eine
Ausgabe feines Briefwechfels, die billigen Anforderungen
mehr entfpricht, als Preffels Anccdota Brentiana.

v u° di.efen P*a desideria ift zunächft jetzt eins verwirklicht
, die Bibliographie, die aber zugleich einen Beitrag
zur Biographie und zum Briefwechfel gibt, welchen
letzteren nunmehr die Kommiffion für württb. Landesgefchichte
wohl auch unter ihre künftigen Arbeiten aufnehmen
dürfte. Das Werk, das nach 5 Jahren angeftreng-
ter Arbeit gefchaffen wurde, verdanken wir W. Köhler
in Gießen, der noch in Tübingen an die Arbeit ging.