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Ausgabe:

1905 Nr. 6

Spalte:

175-177

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Scholz, Richard

Titel/Untertitel:

Die Publizistik zur Zeit Philipps des Schönen und Bonifaz‘ VIII 1905

Rezensent:

Keller, Siegmund

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Theologifche Literaturzeitung 1905 Nr. 6.

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allgemeinen wird ,der h. Geift als Wefensprinzip der
Kirche', ,Chriflus als Dafeinsprinzip (caput ecclesiae)' und
,die heilige Eucharistie als Subfiftenzgrund der Kirche'
charakterifiert. Zur Überrafchung des Dogmenhiftorikers
folgt aber zum Schluffe ,ein kleines Mofaikbild über
Marias Verhältnis zur Kirche' (S. 295 fr.). Allein hier
klafft zwifchen dem Aquinaten und der vatikanifch
gläubigen Mariologie ein Zwiefpalt, den man auch durch
Totfchweigen nicht wegfchaffen wird. Die fleißige
Monographie ift aber doch als Materialienfammlung für
die Dogmengefchichte des Mittelalters wohl zu brauchen.

Göttingen. Paul Tfchackert.

Scholz, Priv.-Doz. Richard, Die Publizistik zur Zeit Philipps
des Schönen und Bonifaz' VIII. Ein Beitrag zur Ge-
fchichte der politifchen Anfchauungen des Mittelalters
. (Kirchenrechtliche Abhandlungen. Herausgegeben
von U. Stutz. 6. 8. Heft.) Stuttgart, F. Enke
1903. (XIV, 528 S.) gr. 8" M. 16 —

Einen Beitrag zur Gefchichte der politifchen Anfchauungen
des Mittelalters nennt Sch. fein Werk; die
Lektüre desfelben kann aber auch den Kanoniften, überhaupt
jedem, der fich mit dem Probleme des Verhält-
niffes von Staat und Kirche in Vergangenheit und Gegenwart
befchäftigt, wärmftens empfohlen werden. Alle
Parteigruppen der damaligen Zeit kommen zum Worte:
Kurialiften (S. 32—189) und Männer der königlichen
Partei (S. 224—443), die oligarchifche Üppofition im
Kardinalkolleg ebenfo (S. 190—207), wie die ariftokratifche
Reaktion des gallikanifchen Epifkopates (S. 208—223).
Die einzelnen päpfüichen und königlichen Kundgebungen,
insbef. natürlich die Bulle Untern Sanctam, werden
von unzähligen neuen Streiflichtern erhellt; daß auch
ältere Stücke aus der päpftlichen Rüftkammer, wie z. B.
fophiftifch ausgelegte Bibelzitate (z. B. S. 160), die kon-
ftantinifche Schenkung (S. 92, 148, 244, 247) u. ä. hervorgezogen
werden, ift felbftverftändlich. Vom Sonnenlichte
hiftorifcher Kritik wird ihnen, befonders von klerikaler
Seite her, wenig zuteil. Nicht unerwähnt möge bleiben,
daß die Univerfitäten fich als neue Macht im Reiche
des Geiftes zeigen und eine bedeutende Rolle im Kampfe
zwifchen Staat und Kirche einnehmen. König Philipp,
Papft Bonifaz, die Colonna •— fie alle werben um die
jüngft erftandene Autorität.

Die Inhaltsangaben und Auslegungen der einzelnen
Schriften fcheint der Verf. ziemlich einwandsfrei durchgeführt
zu haben. Nur bei der Zufammenftellung der
Biographien zeigt er ftellenweife eine Kühnheit im Kombinieren
, der ich nicht beizuftimmen vermag. Als Bei-
fpiel fei aus der Reihe der Verteidiger der königlichen
Rechte Johann von Paris, ein Bettelmöneh, herausgegriffen
(S. 275 ff.). Die ältefte Überlieferung feiner
Perfönlichkeit foll in einem Aktenftücke der Parifer
Univerfitat von 1290 zu finden fein. Aber nicht einmal
die Lesart Johannes de Parisiis fleht feft, und es mag
außerdem wohl eine ganze Reihe von Scholaren diefes
höchft gewöhnlichen Namens gegeben haben. Wenn nun
der Verfaffer hieraus die ,intereffante Tatfache' kon-
ftatiert, daß Johann i. J. 1290 noch nicht dem Dominikanerorden
angehörte; wenn er ferner (S. 277) wörtlich
fagt: ,die nächften Nachrichten, die wir über unferen
Autor erhalten, zeigen, daß inzwifchen eine große Veränderung
in feinen Lebensverhältniffen vor fich gegangen
ift', fo ift hieraus doch einzig und allein zu folgern,
daß diefer Parifer Scholar Johannes eben ein ganz
anderer als der fpätere Dominikaner fein muß. Für
überflüffig halte ich es auch, ohne jedweden Grund dem
Kanzler die Zurückweifung des Scholaren Johann von
der Promotion als ,reinen Willkürakt' anzukreiden
(S. 277); wie kommt der Kanzler dazu? Bei den mehr
als genügend Problemen, die uns die mangelhafte Überlieferung
aufgibt, fcheint mir die Ausfcheidung von
Materialien, die fich in fich felbft erledigen, und der
Verzicht auf gänzlich in der Luft hängende Dinge eine
unabweisliche Forderung.

Im einzelnen nun werden zuerft die kurialen Publiziften:
Agidius von Rom, Jakob von Viterbo, Heinrich von Cre-
mona und Auguftinus Triumphus behandelt. Bemerkenswert
ift bei Ägidius der Verfuch, die juriftifche Methode
ftreng von der philofophifch-theologifchen zu trennen.
Ein Legift, meint er, foll fich fchämen etwas zu fagen,
ohne eine lex dafür anführen zu können (S. 121) — alfo
eine höchft bequeme Manier, um fich die Antikurialiften
auf Diftanz zu halten. Sein Standpunkt wird durch feine
gottesläfterlichen Worte genügend gekennzeichnet: ,Die
Macht des Papftes ift eine unmittelbare Abzweigung der
göttlichen Allmacht, fogar den Himmelskräften darin
überlegen (!), daß fie ohne secunda causa wirken kann'
(S. 60.61), oder gar die Schlußworte feines Traktates de
potestate . . . Jeder Menfch ift dazu beftimmt, die Kirche
oder den Papft, der Kirche genannt werden kann, zu fürchten
und feine Gebote zu beobachten. Denn feine Macht
ift geiftlich, himmlifch und göttlich, fie ift ohne Maß,
Zahl und Gewicht' (S. 55). Der Anonymus, der über
die Bulle Clericis Idicos fchrieb, verfteigt fich zur Auf-
ftellung: ,es ift ein Sakrileg, über einen Erlaß des
Vikars Gottes zu disputieren' (S. 168) u. f. f. in in-
finitum.

Wir erhalten damit einen wenig erfreulichen Einblick
in die Redeweife am päpftlichen Hofe, in das Milieu,
aus dem die Bulle U. S. mit ihrer trügerifchen Großartigkeit
hervorgegangen ift. Ob Agidius den Entwurf
derfelben angefertigt hat (wofür der Verf. eintritt, S. 124 ff),
ob der Papft in göttlicher Eingebung fie ,propria manu
dictavit1, wird fich wohl nie entfcheiden laffen — gleich-
fehen tut die Bulle beiden.

Einen weitaus befferen und charaktervolleren, z. T.
auch brutaleren Eindruck machen die Männer der üppofition
gegen den päpftlichen Abfolutismus — Männer,
! die nicht wie die ihren Beftrebungen verwandte Reaktion
I der gallikanifchen Bifchöfe vom ficheren Port aus, fondern
Auge in Auge mit Bonifaz und feinen Getreuen kämpften.
I Freilich kämpften nicht alle mit offenem Vifier, vermut-
j lieh nur die alten Ariftokraten Mattheus und Jakob
Colonna, wenn wir, m. E. wenigftens, auch dahin-
geftellt fein laffen müffen, ob die Kirche es nicht fpäter
verftanden hat, die Mehrzahl der oppofitionellen Schriften
zu vernichten und die Namen der Verfaffer vergeffen zu
laffen. Wiffen wir doch, daß die Parteigänger der Colonna,
darunter der Minorit Gentius, der Dominikaner Petrus
de Adria u. a. fämtlich der Rache Bonifaz' zum Opfer
fielen (S. 29). Auguftinus Triumphus hatte das Kardinalkollegium
in einer Flugfchrift angegriffen, vermutlich,
weil fich die Kardinäle an den Konftitutionen Gregors X.
j und Coeleftins V. sede vacante verfündigt hatten (doch
I fcheint der Verf. S. 187 bei den Zitaten aus C.J. C. fehl-
I gegriffen zu haben, mit den Kardinälen haben diefe
I Stellen nichts zu tun; auch die Komma find überflüffig),
I und immer wieder auf den Satz zurückkamen, die eigent-
I liehe Souveränetätsgewalt ruhe nicht im Papfte, fondern in
den Kardinälen als der ecelesia romana. Die Bekämpfung
der Rechte des Papftes und der Perfon des Papftes floß
j bald in eins über — fie klagen den Papft der Härefie
| an, weil er die Rechte der Kardinäle mit Füßen getreten
I und fie verfolgt habe ,wie Cäfar die Senatoren' (S. 194).
In ihren Beftrebungen, ein mit gewährleifteten
Rechten ausgeftatteter Staatsrat des Papftes zu fein,
werden die Kardinäle auch von den gallikanifchen Bi-
fchöfen unterftützt — allerdings nur bedingt, indem diefe
ihrerfeits für eine Reformierung des Kardinalkollegiums
und für eine maßvolle Bevorrechtung plädieren.

Am intereffanteften fcheinen mir die Schriften des
IV. Teiles zu fein, nämlich die der königlichen Partei,
in welchen zum erftenmale das Prinzip der Monarchie,