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Ausgabe:

1904 Nr. 5

Spalte:

154-155

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Schmid, K. A.

Titel/Untertitel:

Geschichte der Erziehung vom Anfang an bis auf unsere Zeit, bearbeitet in Gemeinschaft mit einer Anzahl von Gelehrten und Schulmännern. 5. Bd., 3. Abtlg 1904

Rezensent:

Achelis, Ernst Christian

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iS3

Theologifche Literaturzeitung. 1904. Nr. 5.

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fetz der Freiheit' unterwirft, erkennt fie fich und findet
fich felbft wieder in ihrer wahren Natur und in ihrer
ewigen göttlichen Beftimmung. Der Schlußteil des S.fchen
Buches ift derDarftellung dieferGeiftesreligion gewidmet:
Chriflus ift der Begründer derfelben (443—465), fie hat
im Neuen Teftamente ihre klaffifche Urkunde gefunden
(466—489), fie hat das Evangelium zu ihrem lebendigen
Inhalt (490—518). Die beiden letzten Kapitel ziehen die
methodologifchen Folgerungen, die in den dogmatifchen
Ausführungen des Verf. enthalten find. Die Erörterungen
über die Aufgabe der wiffenfchaftlichen Theologie beziehen
fich eigentlich auf die Dogmatik und haben deshalb
einen engeren Umfang, als welchen die Überfchrift
erwarten läßt. Die aus der Analyfe des chriftlichen Be-
wußtfeins abgeleitete Gliederung des dogmatifchen Syftems
erinnert fehr an Schleiermachers Schema, berührt fich
aber noch näher mit der Dispofition der Glaubenslehre
von AI. Schweizer.

Obgleich es dem Verf. nicht vergönnt war, fein Werk
einer nochmaligen Revifion zu unterwerfen, bildet dasfelbe
doch ein harmonifches Ganzes und läßt keineswegs den
Eindruck des Unvollendeten zurück. Zwar fleht diefer
Band literarifch und ftiliftifch nicht ganz auf der Höhe
des erften; auch hat er eine objektivere Haltung als die
Esquisse, die in ihren Hauptteilen fich wie das persönliche
Glaubensbekenntnis des evangelifchen Chriften ausnimmt
. Er liefert aber nicht minder den abgeklärten
und gereiften Ertrag einer reichen und tief eindringenden
theologifchen Arbeit, in welcher die Hauptftrömungen der
modernen Forfchung zufammentreffen. Als gründliche
und lichtvolle Synthefe der Einzelunterfuchungen der
namhaften Hiftoriker, Dogmatiker und Religionsphilo-
fophen der Gegenwart fleht diefes Werk unübertroffen
da. Man kann fich deshalb nicht eines Gefühles aufrichtigen
Bedauerns erwehren bei dem Gedanken, daß
der S- 562—564 kurz entworfene Abriß eines Syftems
der evangelifchen Glaubenslehre nicht mehr die Einzelausführung
erfahren wird, die Sabatier allein zu geben
imftande war. Man beklagt diefe Lücke um fo tiefer,
als die in der Denkfchrift für die theologifche Fakultät
von Montauban 1902 enthaltene Studie, La doctrine de
V exptation et sott evolution historique (auch feparat abgedruckt
1903) den Beweis liefert, mit welcher Meifter-
fchaft S. eine der Grundlehren der chriftlichen Dogmatik
zu behandeln wußte.

Was die Literaturangaben betrifft, fo ift in diefem
Band dasfelbe Verfahren beobachtet worden, als in
Sabatiers Religionsphilofophie. Die Verbindungslinien
mit Menegoz' Eideisme treten zu wiederholten Malen
mit voller Deutlichkeit hervor. Der Hinweis auf die vortreffliche
Differtation Lelievres La Maitrisc de 1'Esprit,
essai critique sar le principe fondamcntal de la theologie
de Calvin 1901 flammt noch aus der Hand Sabatiers
(510). Das S. XII enthaltene Verzeichnis der wichtigften
Veröffentlichungen über den Begriff der religiöfen Autorität
kann keinen Anfpruch auf Vollständigkeit erheben;
es weist einige wichtige Lücken auf, die in den folgenden
Auflage zu ergänzen wären.

Es fteht zu erwarten, daß diefes in Frankreich gewiß
epochemachende Werk das Problem der Autorität wieder
in Fluß bringen wird. Wie fehr es not tut, diefe Fragen
aufs neue zu Hellen und fie einer eingehenden Diskuffion
zu unterziehen, ergibt fich unter anderm auch aus dem
Artikel {,Une fächeuse equivoque') den Brunetiere bereits
in der Revue des Deux-Mondes (15. November 1903)
über das Buch Sabatier's veröffentlicht hat. Die Aus-
fagen S.'s über den perfönlichen Charakter des religiöfen
Glaubenslebens mißversteht der berühmte Akademiker
dahin, daß behauptet worden fei, jeder Christ habe fich
felbft feine eigne Privatreligion zurechtzulegen. II n'y a
pas de rcligion personnelle, meint Brunetiere, der die
Religion nur als foziales, auf äußerer Autorität beruhendes
Gebilde zu faffen vermag, dabei aber durch fein eignes

Beifpiel den Beweis dafür liefert, wie der vollständigste
fubjektive Skeptizismus mit der äußeren Unterwerfung
unter die kirchliche Lehrgewalt vereinbar ift. — Viel
fruchtbarer wird fich die Diskuffion mit denjenigen ge-
ftalten, die ein Verftändnis für die von S. vertretenen
Vorausfetzungen und die von ihm angewandte Methode
befitzen. So ift z. B. das von einem der Herausgeber
felbft, Pfr. Roberty {Journal de Gerleve, 29. November
1903) ausgefprochene Urteil, S. habe in feiner Gleichung
des Selbffbewußtfeins Christi und des Bewußtfeins des
wiedergeborenen Christen die Erfahrungstatfache der Sünde
nicht in dem der chriftlichen Selbftbeurteilung ent-
fprechenden Maße gewertet, m. E. durchaus berechtigt.

Doch es kann fich nicht darum handeln, über die
Beurteilung zu referieren, die Sabatiers Buch erfahren
hat. Wir fchließen mit einem Worte aufrichtigen Dankes
gegen den verewigten Verfaffer und gegen die Freunde,
die uns das wertvolle Vermächtnis des edeln und geistvollen
Theologen übermittelt haben.

Straßburg i. E. P. Lobftein.

Schmid, weil. Präl. Gymn.-Rekt. Dr. K. A., Geschichte
der Erziehung vom Anfang an bis auf unfere Zeit,
bearbeitet in Gemeinfchaft mit einer Anzahl von Gelehrten
und Schulmännern. Fortgeführt von Dr. Georg
Schmid. Fünfter Band. Dritte Abteilung. Stuttgart
1902, J. G. Cotta'fche Buchh. M. 20.—

V, 3. Gefchichte der Volksfchule, befcmders in Deutfchland.
Von Schulrat Sander. Das technifche Schulwefen. Von Prof.
Dr. Holzmüller. Gefchichte des Taubftummenbildungswefens.
Gefchichte der Kleinkinderfchule und des Kindergartens. Gefchichte
der Blindenbildung. Von Stadtpfarrer Joh. Kopp. Verzeichnis
der Namen zu Band I—V. (X, 592 S. Lex. 8.)

Das umfangreiche und gehaltvolle Werk, das einen
der erften Plätze in der Gefchichte der Pädagogik in
Anfpruch nehmen darf, ist mit dem vorliegenden Bande
zum Abfchluß gekommen. Aus den urfprünglich geplanten
4 Bänden find in den 19 Jahren des Erfcheinens
10, teilweife fehr Harke Bände, geworden. Die anfängliche
Abficht, die Ergebniffe der Wiffenfchaft auf dem
Gebiete der Erziehung zum Gemeingut der Gebildeten,
nicht nur der Gelehrten, zu machen, ifi bald aufgegeben
worden, da der fortfchreitenden Arbeit fich die Aufgabe
Hellte, in gar manchen Partien ein Neues zu pflügen
und durch felbfländige Forfchung die Wiffenfchaft felbfl
zu fördern. Dadurch find dem Werke höchfl wertvolle
Ausführungen, namentlich biographifcher Art, zuteil geworden
. Allein die Ausführlichkeit der Darflellung, die
um der Gediegenheit des Inhalts willen wohl kaum fich
vermeiden ließ, machte doch wieder eine Befchränkung
notwendig, die in dem urfprünglichen Plan nicht vorge-
fehen war. Einerfeits wurden mit wenigen Ausnahmen,
deren dankenswertefle im vorliegenden Bande fich finden,
nur die drei alten europäifchen Kulturländer: Deutfchland
, England, Frankreich, in Betracht gezogen, ander-
feits mußte die in Ausficht genommene Darflellung der
Gefchichte der Univerfitäten und der technifchen Hoch-
fchulen unterbleiben, weil der Tod eines Gelehrten und
die Krankheit eines andern die Gewinnung Hellvertretenden
Fachmänner erfordert haben würden, wodurch der
Abfchluß des Werkes ungebührlich verzögert und fein
Umfang um ein Beträchtliches gewachfen fein würde.
In der .Gefchichte der deutfchen Univerfitäten' von
Kaufmann, die in gleichem Verlage erfchienen ifl, liegt
ja teilweife ein wertvoller Erfatz vor; allein um der Voll-
Händigkeit des Werkes willen ifl der Ausfall gleichwohl
zu beklagen.

Eröffnet wird der vorliegende Band durch die .Gefchichte
der Volksfchule, befonders in Deutfchland, von
Sander, Schulrat der freien Hanfeftadt Bremen (S. 1
bis 291). Wir flehen nicht an, diefen Abfchnitt für einen