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Ausgabe:

1904 Nr. 5

Spalte:

138-139

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Soden, Hans Freiherr von

Titel/Untertitel:

Die Cyprianische Briefsammlung 1904

Rezensent:

Harnack, Adolf

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Theologifche Literaturzeitung. 1904. Nr. 5.

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mannigfaltiger als im Neuen Teftament. Es wird uns
im weiteften Umfange vorgelegt, indem zur Darftellung
kommen: anatomifche und phyfiologifche Vorftellungen;
Meinungen über die Entwickelung des Embryo, über
das Lebensalter des Menfchen, über das Verhältnis von
Seele und Leib, Tod und Auferftehung. Sodann: Diä-
tetifche Vorfchriften für Gefunde und Kranke. Ferner:
Der Beruf und die Stellung der Ärzte und die Mittel und
Methoden der Heilung. Letzterer Abfchnitt hätte vielleicht
etwas ausführlicher gehalten werden dürfen, indem
noch reichlichere Mitteilungen über die magifchen Heilungsarten
erwünfcht gewefen wären. Es wird ferner das
weibliche Gefchlechtsleben behandelt, wobei aus der
Überfülle des oft recht abflößenden Details, das der
Talmud bietet, eine angemeffene Auswahl getroffen wird.
Einen großen Raum nimmt endlich die Aufzählung und
Befchreibung der einzelnen im Talmud erwähnten Krankheiten
ein. — Das Urteil über die in den Kreifen des
talmudifchen Judentums herrfchenden medizinifchen
Kenntniffe und Anfchauungen kann nicht günftig lauten.
Die griechifchen Ärzte jener Zeit waren unendlich viel
weiter in der Erkenntnis des Wefens der Krankheiten
und in den Methoden der Heilung. Auf talmudifchem
Gebiete nahm die Magie noch eine beherrfchende
Stellung in der Therapie ein, und auch die anatomifchen
und phyfiologifchen Kenntniffe waren oft noch recht
feltfame. Vom Verf. wird dies in der Hauptfache durchweg
anerkannt; doch ift fein Urteil vielleicht noch ein
etwas zu günftiges. — Über das Krankenheilen am Sabbat
teilt er S. 185—188 eine Ausfuhrung feines Gewährsmannes
(Dr. Jacob) mit, die mit Recht der irrigen Meinung
entgegentritt, als ob dasfelbe fchlechthin verboten
gewefen fei. Die Polemik gegen diefe Meinung ift aber
eine einfeitige, denn es kommt dabei nicht hinreichend
zur Darfteilung, von welchen ängftlichen Erwägungen
und Einfchränkungen die Erlaubnis des Krankenheilens
am Sabbat umzäunt war. Der maßgebende Grundfatz
war, daß nur im Falle einer Gefahr für das Leben ärztliche
Hilfe geftattet fei (Joma VIII, 6: ,alle Lebensgefahr
verdrängt den Sabbat'). Damit nahmen es die Einen
ftrenger, die Anderen laxer; mancher fehr lax. Auf alle
Fälle aber wurde ängftlich erwogen, wie weit man gehen
dürfe. Mit welcher Peinlichkeit das gefchah, zeigen die
von J. nicht herangezogenen Stellen Schabbath XXII, 6;
Erubin X, 13—14; Edujoth II, 5 (vgl. meine Gefch. des
jüd. Volkes Bd. II, 3. Aufl. S. 477 und die dort genannte
Literatur).

Ein paar kleine Nachträge aus Notizen, welche ich
mir gelegentlich gemacht habe, feien zum Schluß hier
noch angefügt. S. 133 wird über die Entwickelung des
Embryo Einiges aus Traktat Nidda mitgeteilt, aber nicht
Mifchna Nidda III, 7, daß am 41. Tage nach der Empfängnis
das Gefchlecht des Kindes fleh differenziere
(nach R. Ismael beim Knaben am 41. Tag, beim Mädchen
erft am 81. Tag). — S. 140 wird zur Anatomie der Tiere
Einiges aus Traktat Chullin mitgeteilt, aber nicht die
feltfame Meinung, daß gewiffe Mäufe fleh aus Erde bilden
(Chullin IX, 6: ,Eine Maus, die noch halb Fleifch, halb
Erde ift'). — S. 152 ff. hätte hinfichtlich der Nahrungsmittel
, die fchädlich oder wohltuend wirken, auch angeführt
werden können, daß nach Nedanm IX, 8 der Wein
den Eingeweiden (D^ya) fchädlich ift, alter Wein aber
wohltuend; die Zwiebel dem Herzen fchädlich, Feldzwiebel
aber wohltuend. — Zur Vergleichung wäre jetzt
noch heranzuziehen die kürzlich erfchienene Arbeit von
Kuchler, Beiträge zur Kenntnis der affyrifch-babyloni- !
fchen Medizin, 1903 (Affyriologifche Bibliothek XVIII).
Göttingen. E. Schürer.

Soden, Hans Freiherr von, Die Cyprianische Briefsammlung.

Gefchichte ihrer Entftehung und Überlieferung.
(Texte und Unterfuchungen zur Gefchichte der alt-
chriftlichen Literatur. Herausgegeben von Oscar
von Gebhardt und Adolf Harnack. Neue Folge —
Zehnter Band, Heft III.) Leipzig 1904, J. C. Hinrichs'
fche Buchhandlung. (VIII, 268 S. gr. 8 m. 2 Anlagen,
enth. Tabelle IV--VI.) M. 10.50

Unter den Beiträgen zur Kenntnis der altchriftlichen
Literatur, die wir in den letzten Jahren erhalten haben,
nimmt die vorftehende Unterfuchung eine fehr hohe
Stelle ein, und in Bezug auf energifchen Fleiß wird fie
von keiner andern übertroffen. Cyprians Werke — obgleich
der Titel nur von den Briefen fpricht, kommt die
Arbeit doch den Werken überhaupt zu gute — bieten
in Bezug auf ihre ältefte Gefchichte Probleme, die fie
der Gefchichte der lateinifchen Bibel im Abendland ganz
nahe rücken, und mit ihr teilen fie die Reichhaltigkeit
der Überlieferung. Aber darin find fie innerhalb der
chriftlich lateinifchen Literatur ganz einzigartig, daß fich
ihre Gefchichte faft lückenlos Schritt vor Schritt hinauf
verfolgen läßt bis in die Zeit ihres Urfprungs und direkt
an die Teilfammlungen angeknüpft werden kann, die
teils unter den Augen ihres Verfaffers, teils von ihm felbft
angelegt worden find. So ficher und wichtig find die
hier gewonnenen Ergebniffe, daß fie fogar höchft förderlich
in die Frage der Chronologie der cyprianifchen
Schriften eingreifen.

Um dies alles nachzuweifen, ift eine vollftändige
Überficht über den handfehriftlichen Beftand und die
Anordnung der einzelnen Werke und Briefe in den
Manufkripten die grundlegende Vorausfetzung. Das
zweite Erfordernis ift, die richtige Einficht in die Gruppenordnung
der Teilfammlungen zu gewinnen. Das dritte
ift die Kombination der hier gewonnenen Ergebniffe mit
den Angaben Cyprians felbft und mit den literarifchen
Überlieferungen und Notizen aus der Zeit bis zum Anfang
des 5. Jahrhunderts. Auf diefen Fundamenten kann
eine wirkliche Gefchichte der cyprianifchen Brieffammlung
gefchrieben werden; denn hier — wie anders überall
fonft! — fchöpft der Patriftiker wirklich aus dem Vollen
und fteht überall auf dem Boden primärer Überlieferung.

Was der Verfaffer geleiftet hat, ift des höchften
Lobes wert, ja erftaunlich, wenn man erfährt, daß wir
die Arbeit eines 21jährigen Studenten vor uns haben.
Aber diefer Student ift fchon mit 17 Jahren von feinem
Vater in die neuteftamentliche Textkritik eingeführt
worden, hat bereits als Abiturient zahlreiche Handfchriften
kollationiert und verantwortungsvolle Unterfuchungen in
Bezug auf neuteftamentliche Manufkripte auf italienifchen
Bibliotheken in monatelanger Arbeit ausgeführt! So
war er nicht nur mit der Technik der Handfchriften-
kunde vollftändig vertraut, als er mit feinem Cyprian
ein Seitenftück zu feines Vaters neuteftamentlich-text-
kritifchen Studien zu liefern unternahm, fondern er war
auch, wie ein alter Bibliothekar, geübt, die Bibliotheken
für fich in Kontribution zu fetzen, große Stoffmaffen an
Material und Literatur zu bewältigen und das Wefent-
liche mit ficherer Hand zu packen. Was er fich vorgefetzt
hat, hat er wirklich geleiftet. Ungefähr 150
Cyprian-Mff. — Härtel arbeitete mit c. 50 — hat er
zufammengebracht und fich über die Anordnung der
Werke in den meiften von ihnen orientiert. Das neue
Syftem der Handfchriften-Benennung, das er, dem Vorgange
feines Vaters folgend, dabei eingeführt hat (S. 64 f.
S. 2546".), mag eine Notwendigkeit gewefen fein; erfreulich
ift es nicht. Auch haben Vater und Sohn über-
fehen, daß eine Ziffer — fie brauchen ausfchließlich folche
— dem Gedächtnis nicht dasfelbe bietet wie ein Buch-
ftabe. Die Unterfuchung zerfällt in zwei Hauptteile: (1)
Die Entftehung der Brieffammlung (S. 13—56), (2) Die

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