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Ausgabe:

1904 Nr. 5

Spalte:

135-137

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Ebstein, Wilhelm

Titel/Untertitel:

Die Medizin im Neuen Testament und im Talmud 1904

Rezensent:

Schürer, Emil

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Theologifche Literaturzeitung. 1904. Nr. 5.

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fach den Spuren des Jofephus, wie Fr. hier mit Recht
hervorhebt. Unglücklich ift es, wenn Fr. die bei Diodor
auftretende Fabel, daß im Tempel zu Jerufalem ein
fteinernes Bild eines Mannes mit langem Bart auf einem
Efel fitzend geftanden habe, darauf zurückführen will,
daß im Allerheiligften an der Stelle der Bundeslade ein
Stein gelegen habe (S. 376—380). Wie foll diefer Stein,
der nach Joma V, 2 nur drei Finger über die Erde hervorragte
und ,der Grund' (rpnitf) hieß, offenbar weil er
das Fundament der Bundeslacle gebildet hatte, wie foll
diefer Stein in der Legende zu einem fteinernen Bild
nach Art des von Diodor befchriebenen geworden fein?
Fr. findet es freilich ,naheliegend', daß rTTlttJSl nichts
anderes ift als hostiaü (S. 380).

Am meiften Widerfpruch wird gegen den letzten
Abfchnitt VIII ,Die Polemik nach Innen' (S. 437—499) zu
erheben fein. Fr. wiederholt hier feine früher ausge-
fprochene Meinung, daß die an vielen Stellen in der
jüdifchen Literatur, auch in den kanonifchen Pfalmen,
bekämpften Gottesleugner nicht wirkliche Atheiften ge-
wefen feien, fondern die Vertreter der radikalen Richtung
des griechifchen Judentums der Diafpora. Sie hätten
mit der Ablehnung des Gefetzes eine gnoftifierende Gotteslehre
verbunden, welche den Gegnern als Atheismus er-
fchienen fei. Auch die Minim, gegen welche fich eine
Beracha des Schmone Efra richtet, feien nichts anderes
als diefe radikalen griechifchen Juden. Ich darf mich in
diefer Hinficht begnügen, auf das zu verweifen, was ich
fchon bei Befprechung der früheren Schriften Fried-
länders an den obengenannten Stellen ausgeführt habe.

Göttingen. E. Schürer.

Ebstein, Geh. Med.-Rat, Dir. Prof. Dr. Wilhelm, Die
Medizin im Neuen Testament und im Talmud. Stuttgart
1903, F. Enke. (VII, 338 S. gr. 8.) M. 8. —

Nachdem der Verf. im J. 1901 eine Arbeit über ,Die
Medizin im Alten Testament' veröffentlicht hat (f. Theol.
Litztg. 1901, 257), läßt er nun eine analoge über ,Die
Medizin im Neuen Teftament und im Talmud' folgen.
In der Einleitung fetzt er fich fehr eingehend mit den
Rezenfionen des früheren Werkes auseinander, fo auch
mit derjenigen in der Theol. Litztg. (von Nowack). Er
bekennt S. 27, daraus die Überzeugung gewonnen zu
haben, ,daß eine große Reihe altteftamentlicher Vor-
fchriften, Mitteilungen und gefetzgeberifcher Maßnahmen
nicht in hygieinifchen Überlegungen, fondern lediglich
in dem Aberglauben jener Zeit oder in kulturell-religiöfen
Gründen wurzeln'.

Das neue Werk beruht auf fehr umfaffenden und
forgfältigen Vorftudien. Das Verzeichnis der benützten
Literatur S. 316—328 weift nicht weniger als 99 Nummern
auf. Ref. hat darin nur Weniges vermißt und vieles gefunden
, was ihm unbekannt war (vermißt bef. Brecher,
Das Tranfcendentale, Magie und magifche Heilarten im
Talmud, Wien 1850). Mediziner, jüdifche Gelehrte und
christliche Theologen haben auf diefem Grenzgebiete
zufammengearbeitet und einander ergänzt. Aus der
chriftlich-theologifchen Literatur kennt der Verf. auch
die neueften Arbeiten, z. B. Harnack, Medizinifches aus
der älteften Kirchengefchichte 1892, Weinel, Die Wirkungen
des Geiftes und der Geifter 1899, Guthes Bibelwörterbuch
1903 und Oskar Holtzmannn, War Jefus Ek-
ftatiker? 1903. — Das Neue Teftament ift in der deutfchen
Überfetzung Weizfäckers und der franzölifchen von
Segond benützt. Auch da, wo es für die Feftftellung
des Wefens der betreffenden Krankheit von Wichtigkeit
gewefen wäre, auf den griechifchen Wortlaut zurückzugehen
, hat der Verf., der felbftverftändlich des Griechifchen
kundig ift, faft durchweg darauf verzichtet und
fich auf Vergleichung jener beiden Überfetzungen be-
fchränkt (S. 76 f., 80, 92, 100, 101, 105). Nur einmal ift,

j fo viel ich bemerkt habe, auch das Griechifche herangezogen
(S. 101). Für den Talmud find ebenfalls
deutfche Überfetzungen (Wünfche, Goldfchmidt) benützt
, jedoch fo, daß die meiften der daraus entnommenen
Zitate von fachverftändiger Seite kontrolliert worden find
(S. 119; nach S. 299 ift der fachverftändige Berater
Rabbiner Dr. Jacob in Göttingen).

In dem erften, auf das Neue Teftament bezüglichen
Teile (S. 49—110) nehmen den meiften Raum die
Heilungen Dämonifcher ein (S. 54—75); ich darf hinzufügen
, daß diefer Abfchnitt auch der wertvollfte ift.
Durch Heranziehung analoger Erfcheinungen aus dem
Mittelalter und der neueren Zeit zeigt der Verf., daß es
fich hier um pfychifche Erregungszustände handelt, deren
Heilung oder Zurückdrängung wefentlich auf den machtvollen
Eindruck der überragenden Perfönlichkeit Jefu
Chrifti zurückzuführen ift. Auch bei anderen Krankheiten,
die nicht auf den erften Blick als pfychifche zu erkennen
find, fucht der Verf. die Heilung zum Teil durch diefen
Gefichtspunkt begreiflich zu machen, felbft bei der Blindheit
, indem er aus der medizinifchen Praxis überrafchende
Fälle vorübergehender Störung des Sehvermögens infolge
nervöfer Überreizung anführt. Im Allgemeinen
verfährt der Verf. fo, daß er entweder die Heilung durch
medizinifche Erwägungen zu erklären fucht oder fich auf
ein non liquet befchränkt. Er betont am Schluffe der
Unterfuchung S. 109, daß er ,die medizinifchen Erörterungen
im Neuen Teftament in der Hauptfache nicht
unter dem Gefichtspunkte behandelt habe, ob fie wirklich
gefchehen find, fondern vielmehr unter dem, ob fie
fo gefchehen fein können'. Das wird man bei der
Beurteilung feiner Ausführungen wohl im Auge zu behalten
haben. Evangelifche Theologen werden gewiß
finden, daß er in dem Streben nach natürlicher Erklärung
der Wunder zu weit geht. Vielleicht ift aber andererfeits
bei uns die Abneigung dagegen eine zu große. Gerade
auf dem Gebiete der Krankenheilungen hat diefe natürliche
Erklärung' eine relative Berechtigung, und der Verf.
bietet hiefür manches wertvolle Material. — Im Einzelnen
nur noch zwei Bemerkungen. 1) Bei Luc. 22,44 nimmt
der Verf. S. IOI an, daß es fich nicht um wirklichen
blutigen Schweiß gehandelt hat, fondern daß die Schweißtropfen
lediglich mit Blut verglichen werden. Es wird
ihm von Intereffe fein, daß nach der Form, in welcher
Juftin der Märtyrer die Stelle zitiert, überhaupt nicht
von Blutstropfen, fondern nur von (dicken) Tropfen die
Rede ift (Juftin Dia/, c. Tryphone c. 103 gegen Ende,
in Ottos Corpus apologet. vol. II ed. 3. p. 372: tÖQcbq
coöei Q-Qofißoi ■xaxtyßlxo, ein {rQOfißog ift eigentlich ein
Stück geronnene FTüffigkeit, ein Klump). — 2) Hinficht-
lich der Vorstellung von der Befeffenheit wäre noch zu
beachten, daß hierüber verfchiedene Anfchauungen in
unfern Evangelien nachweisbar find (vgl. meinen Auffatz
in den Jahrbüchern für proteftant. Theologie 1892).
Marcus faßt nur pfychifche Erkrankungen als Wirkung
der Befeffenheit auf. Bei den zwölf Krankenheilungen,
welche er berichtet, ift in acht Fällen von Befeffenheit
nicht die Rede; und in den vier Fällen, wo er von Befeffenheit
fpricht, handelt es fich zweifellos um pfychifche
Erkrankungen (Marc. 1, 23-28. 5,1—20. 7,25—30. 9, 14-29). Dagegen
eine andere, dem Matthäus und Lucas gemeinfame
Quelle führt auch körperliche Gebrechen, wie Stummheit
, Blindheit und Verkrümmung des Rückgrates auf
dämonifche Einwirkung zurück (Matth. 9, 32-33. 12, 22.
Luc. 11,14. 13, 10-17).

In dem zweiten, umfangreicheren Teil über die
Medizin im Talmud (S. III—306) ift das Material eben-
j falls felbftändig aus den Quellen gefchöpft (f. S. 123 bis
125). Infolge des großen Umfangs des Talmuds und
j der darin herrfchenden kafuiftifchen Methode, welche es
mit fich bringt, daß bei den gefetzlichen Erörterungen
I fortwährend die verfchiedenften Gebiete des Lebens gestreift
werden, ift das Material hier viel reicher und