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Ausgabe:

1904

Spalte:

132

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Zapletal, Fr. Vinc.

Titel/Untertitel:

Grammatica linguae Hebraicae cum exercitiis et glossario, studiees academicis accommodata 1904

Rezensent:

Schwally, Friedrich

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Seite 1

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Theologifche Literaturzeitung. 1904. Nr. 5.

132

Verftändnis der Religion aus die ganze babylonifche
Kultur zu begreifen. Sollten überdies die babyl. Buß-
pfalmen, denen das Schuldbewußtfein ganz oder nahezu
ganz abgeht, das Höchfte der babylonifchen Religion fein,
follte nicht auch dem Babylonier ein Schuldbewußtfein
angeboren gewefen fein, fo wie wir es vom Menfchen
überhaupt, auch vom primitiven Menfchen annehmen
möchten, auch wenn das keinen irgendwie fchriftlichen
Ausdruck fand? Ebenfo können wir nicht ganz mit dem
Verf. gehen, wenn er die babylonifche Frömmigkeit als
eine ,dem Gebiet der Offenbarungsreligion entzogene' bezeichnet
; jedenfalls dürfen wir in dem religiöfen Suchen
der Babylonier auch göttliches Wirken erkennen. Ab-
gefehen von folchen kleinen Ausftellungen freuen wir uns,
wenn die vorliegende Abhandlung mit ihrem treffenden
Urteil dazu beitragen wird, das Wiffen von diefem wertvollen
Stücke der babylon. Literatur zu verbreitern und
zu befeftigen.

Leonberg. P. Volz.

Hilprecht, H. V., Die Ausgrabungen der Universität von
Pennsylvania im Bel-Tempel zu Nippur. Ein Vortrag. Mit
56 Abbildungen und einer Karte. Leipzig 1903, J. C.
Hinrichs'fche Buchh. (76 S. gr. 8.) M. 2.—

Die Darfteilung von H. bietet einen hohen Genuß,
weil fie uns in den Schacht der Ausgrabungen felbft hin-
abfteigen und Stufe für Stufe Umfchau halten läßt. Eine
Menge vorzüglicher Abbildungen trägt dazu bei, den
Lefer ganz in die Lage des Schauenden zu verfetzen.
Zunächft fchildert Verf. das gegenwärtige Ausfehen des
heutigen Babyloniens und feiner Bewohner, zeichnet die
Lage von Nippur und die Gefchichte der dortigen Ausgrabungen
, die ein Beweis feien für das wiffenfchaftliche
Intereffe der aufftrebenden amerikanifchen Nation. Staunenswert
ift der Erfolg der Expedition. Abgefehen von
den 53000 Keilfchrifttafeln vom 5. vorchriftl. Jahrtaufend
ab, gelehrten und gefchäftlichen Inhalts, Votivtafeln, Geräten
, Schmuckfachen, Infchriften jüdifcher und nachchrift-
licher Sekten u. f. w., die da gefunden wurden, intereffiert
uns hauptfächlich die Wiederauffindung und Rekonftruktion
des Tempels von Nippur, der noch vor 4000 die politifch-
religiöfe Metropole des geeinten Reichs gewefen war. Es
handelt fich hauptfächlich darum, vom Tempelturm aus
die ganze Tempelanlage herauszufchälen, und dabei ift die
Möglichkeit gegeben, das genauere Verhältnis zwifchen
babylonifchem Tempelturm und dem anftoßenden be-
fondern Heiligtum feftzuftellen. Der Tempel hat eine
jahrtaufendelange Gefchichte, und die Forfchung ftellt fich
die reizvolle Aufgabe, mittelft der Ausgrabungen die ge-
fchichtliche Entwicklung der ganzen Anlage rückwärts zu
verfolgen. Verf. unterfcheidet der Reihe nach fechs Strata
der nachbabylonifchen Zeit (lOOO n. Chr. bis 300 v. Chr.),
fodann neun der femitifch-babylonifchen Periode (bis c.
4000 v. Chr.) und endlich fechs der älteften vorhiftorifchen
oder fumerifchen Periode, welch letztere beweifen, daß
die Sumerier, nicht die Semiten, als die Erfinder der
Etagentürme zu betrachten find. Da der ausgegrabene
Tempel der erfte methodifch bloßgelegte Tempel Babyloniens
ift und das bedeutendfte Heiligtum des ganzen
Landes aus ältefter Zeit darftellt, fo knüpft Verf. allgemeine
Bemerkungen über die babylonifche Tempelarchäologie
an. Weiter befpricht er das Problem der Bedeutung
des Etagenturms, die wie die ganze Tempelanlage im
Lauf der Gefchichte fich mehrfach geändert hat. Auch
erzählt er uns lebendig und begeifternd von einigen herrlichen
Kunftdenkmälern ältefter Zeit und von den Schätzen
ftaunenswerter Gelehrfamkeit, die aus der uralten, nach
wiffenfchaftlichen Prinzipien geordneten Tempelbibliothek
ans Licht traten, von den ausgegrabenen Unterrichtszimmern
, in denen die Studierenden die Kunft des Tafel-
fchreibens erlernten und von den Prieftern in die einzelnen

Zweige des Wiffens, der Mathematik, Aftronomie, Sprach-
wiffenfchaft eingeführt wurden. Da das religiöfe und
mythologifche Material der Tempelbibliothek noch nicht
dem Schutt enthoben ift, darf man weiterer Bereicherung
gewärtig fein. — Nach den fchönen, rein fachlichen Ausführungen
tritt Verf. noch in die Diskuffion des Tages
über die religiöfe Sonderart Ifraels ein; er betont mit
allem Nachdruck den Unterfchied zwifchen der kulturellen
und der religiöfen Bedeutung Babyloniens und fchließt
mit einem Ausblick auf die Zukunft, die auch Babylonien
wieder zu neuem Leben wecken werde.

Alles in allem fcheinen die von Hilprecht geleiteten
Ausgrabungen noch mehr als alle andern bisherigen zu
beweifen, wie hoch die fumerifche Kunft und Wiffenfchaft
fchon um das Jahr 4000 ftand, daß fie felbft nur denkbar
ift unter der Vorausfetzung einer jahrhundertelang vorausgehenden
, zu diefer Höhe führenden Entwicklung, und
daß fie fpäter nicht mehr erreicht wurde. In Nippur bekommt
diefe uralte Kultur immer mehr die lebendigen
Züge zurück. So kann der Lefer die hohe glückliche
Begeifterung mitempfinden, die den Verf. und feine Expedition
bei feinem überaus mühfamen Werk getragen hat.

Leonberg. P. Volz.

Zapletal, Prof. Fr. Vinc, ü. Praed., Grammatica linguae
Hebraicae cum exercitiis et glossario, studiis aca-
demicis accommodata. Paderborn 1902, F. Schöningh.
(VIII, 138 S. gr. 8.) M. 2.80

Der Verfaffer, Profeffor der altteftamentlichen Exegefe
an der Univerfität zu Freiburg (Schweiz), der fich bereits
als Forfcher einen geachteten Namen erworben hat, veröffentlicht
hier, der Not gehorchend, nicht dem eigenen
Triebe, wie er in der Vorrede felbft fagt, eine hebr.
Elementargrammatik, und zwar in lateinifcher Sprache,
da viele feiner Studenten des Deutfchen nicht mächtig find.
Das Büchlein entfpricht allen Forderungen, die man an
ein derartiges Elementarbuch zu {teilen berechtigt ift.

Gießen. Fr. Schwally.

Friedländer, M., Geschichte der jüdischen Apologetik als

Vorgefchichte des Chriflentums. Mit Subvention der
Zunz-Stiftung. Zürich 1903, C. Schmidt. (XV, 499 S.
gr. 8.) M. 8.—

Während Referent gegen frühere Publikationen des
Verfaffers erhebliche Einwendungen zu machen hatte
(f. Theol. Litztg. 1897, 326; 1899, 167), kann er diefer
neuen umfangreichen in weitergehendem Maße zuftimmen ;
wenigftens was den Grundgedanken anlangt. Im Einzelnen
finden fich freilich auch hier manche fehr gewagte
Behauptungen. Der Begriff der ,jüdifchen Apologetik
', deren Gefchichte Friedländer darfteilen will,
wird von ihm in fehr weitem Sinne genommen, fo daß
fie auch die Propaganda mit umfaßt. Sein Gedanke ift,
daß die Keime des Univerfalismus, welche fchon im
Judentum der kanonifchen Zeit lagen, durch die Ausbreitung
des Judentums über die ganze Welt und die
Berührung mit dem Griechentum zu voller Entwickelung
gelangt find. Das Judentum hat jetzt das Bewußtfein,
zur Weltreligion benimmt zu fein und bringt diefes Bewußtfein
in einer kräftigen und rührigen Apologetik und
Propaganda zu wirkfamem Ausdruck, während der
paläftinenfifche Pharifäismus an diefer literarifchen Bewegung
keinen Anteil nimmt. Diefe Grundgedanken
find gewiß richtig. Ein großer Teil der jüdifchen Literatur
in der Zeit von etwa 200 vor bis 100 nach Chr.
dient in der Tat dem Zweck, das Judentum als die befte
und reinfte Religion zu empfehlen und die heidnifche
Welt einzuladen, zu diefer lichten Höhe emporzufteigen.
Auch ift dem Verf. darin beizuftimmen, daß diefe jüdifche