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Ausgabe:

1904 Nr. 4

Spalte:

113

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Strzygowski, Josef

Titel/Untertitel:

Kleinasien, ein Neuland der Kunstgeschichte 1904

Rezensent:

Bergner, Heinrich

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Theologifche Literaturzeitung. 1904. Nr. 4.

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> auffchlug und als defien Bedeutung miuxit (!!) fand, ; Beth, Priv.-Doc. Lic. Dr. Karl, Die orientalische Christenheit
dies aber mit miscuit verwechfelte. derMittelmeerländer. Reifeftud.enzurStat.ftik undSym-

Zürich. V. Ryffel.

bolik der griechifchen, armenifchen und koptifchen
Kirche. Berlin 1902, C. A. Schwetfchke & Sohn. (XVI,
427 S. gr. 8.) M. 8.—

Zunächft eine kurze Inhaltsüberficht. Die Beftimmung
des Titels: ,Reife(tudien zur Statiftik und Symbolik' läßt
fchon erkennen, dal.l der Stoff in zwei Teilen behandelt
ift. Der erfte mul.l von dem gegenwärtigen Beftand und
der Organifation der Kirchen, der zweite von ihrem geift-
lichen Leben handeln. Die religiöfen Gemeinfchaften aber
find die orthodoxe im türkifchen Reich, Hellas und den
übrigen früher türkiichen Ländern, fodann die armenifche.
koptifche und abeffynifche Kirche, die Verfaffer gegen ge-

Strzygowski, Jofef, Kleinasien, ein Neuland der Kunstgeschichte
. Kirchenaufnahmen von J. W. Crowfoot und
J. I. Smirnov. Unter Benutzung einiger Ergebniffe der
Expedition nach der Afiatifchen Türkei des kaif. Legationsrates
Dr. Max Freiherrn von Oppenheim, der
ifaurifchen Expedition der Gefellfchaft zur Förderung
deutfcher Wiffenfchaft, Kunft und Literatur in Böhmen,
Beiträgen von Bruno Keil, Otto Puchftein, Adolf Wilhelm
u. a. bearbeitet. Mit 162 Abbildungen. Leipzig

r ^ tt- • u ic u u uu„„a.,„„ a/itt T^rc; a , fchichthch.es Recht und gegen den Gebrauch , die kleineren
1903, J.C.H.nr.chs'fche Buchhandlung. (VIII, 245 S 4-) orthodoxen Kir(W und endlich die unierten

Geb. M. 28.— : Kirchen. Diefe Überficht mag genügen. Die Darltellung
Das Material zu diefem Buche ift dem Verf. von einer will, wie Verfaffer S. VIII der Vorbemerkung lagt, weder
Anzahl Reifender, Crowfoot, Smirnov, Oppenheim u. A. eine hiftorifche Unterfuchung fein, noch eine vollftändige
dargeboten und eröffnet den Blick auf eine bisher unbe- Symbolik der genannten Gemeinfchaften liefern. Sie will
kannte Denkmälerwelt kirchlicher Baukunft, welche durch vielmehr ein möglichft vollftändiges Bild von dem heu-
ihren Reichtum an Grundril.l- und Konftruktionsformen tigen Zuftand derfelben geben. Das fei nötig, da man
der weltlichen Kunft weit vorauseilte. Im zentralen Klein- diefe Kirchen bisher vom Standpunkt der Vergangenheit
afien finden fich nämlich zahlreiche Kirchenruinen des j aus gefchildert und fo ein Bild gezeichnet, das nicht mehr

4_6 Jahrh., in denen alle Probleme des fpätern foge- zutreffe. Das gelte auch mehr oder weniger von der

nannten romanifchen Stils nicht nur geftellt, fondern gelöft ; Konfeffionskunde von Kattenbufch, dem nebenher die
lind, Pfeilerbafiliken mit vollftändiger Tonnenwölbung, | Augenzeugenfchaft fehle. Denn die hiftorifchen Quellen,
Kreuzkuppelkirchen mit Emporen, doppeltürmige Faffa- auch die aus der Kirche felbft, brächten häufig die ,kon-
den, eine Reihe von zentralen Typen, das Oktogon und l feffionelle Eigenart' einer Kirche zu ungenügender ja
die Kreuzkirche, im Detail Hufeifenbögen, Pfeiler mit an- falfcher Darfteilung'. Zudem fchritte das Leben einer
gearbeiteten Halbfäulen, gepaarte Fenfter, im Backftein- Kirche fort. Des Verfaffers Darltellung beruht nun ,vor-
bau ein eigenartiges Nifchenfyftem. Kurz, der erfte Ein- wiegend auf Augenzeugenfchaft und perfönlicher Erkundruck
ift der, daß eine Scholle romanifcher Kunft nach digung'. Doch hat er feine Beobachtungen mit der neueften
Kleinafien verfchlagen fei. S. zieht nun die wichtige Literatur verglichen. Sehen wir uns nun kurz die Grund-
Folgerung, daß das .Romanifche' nichts andres als ein lagen des Verfaffers an. Der erfte Teil feiner Arbeit
bleger des Orientalifchen fei. Rom war im 4. und 5. ! beruht vorwiegend auf fchriftlichen Quellen, alten und

Jahrh. ohnmächtig und durch den ,Städtewall' Ravenna-
Mailand-Marfeille vom Norden abgefchloffen, Byzanz erft
im Aufblühen begriffen, der Orient, Ägypten, Syrien,
Kleinafien der beftimmende Faktor in Wiffenfchaft und
Kunft derChriftenheit. Das Mönchtum leiftete die Träger-
dienfte und fand in Mailand unter Ambrofius einerfeits,
in Marfeille andrerfeits die Tore offen. S. verweift auf
eine intereffante Begleiterfcheinung: Die lombardifche,
gallifche und felbft die irifche Kirche nahmen auch die
griechifche, nicht die römifche Liturgie auf. — Diefe
uberrafchenden und kühnen Sätze werden die befchau

neuen. Ob er die älteren gefchichtlichen Angaben geprüft
hat, weiß ich nicht, er will fich für die Gefchichte
namentlich auf die letzten 50 Jahre befchranken. Sonft
hat er hier namentlich die Verfaffungsgefchichte der
Kirchen und Statiftiken benutzt, amtliche und nicht-amtliche
. Die amtlichen Quellen find zuverläffig, aber auch
fchon zum großen Teile von anderen benutzt, jedenfalls
von Kattenbufch, foweit fie 1891 bereits da waren. In der
zweiten Hälfte des Werks ftützt Verfaffer fich felbftver-
ftändlich auch viel auf fchriftliche Quellen, fo z. B. bei
der Darfteilung des Kultus. Hiebei bietet fich der Sub-

logion kontrolliert hat, erinnere ich mich nicht gelefen zu
haben. Die von dem Verfaffer aber außer diefen und
ähnlichen herangezogenen fchriftlichen Quellen fallen doch
nun auch fehr leicht unter das Urteil, das derfelbe über

fiche* ILuhe der Kunftgefchichte für die nächften Jahre | jektivität wenig Spielraum. Ich nehme diefe Quellen
ftören. Wir hatten jetzt gerade ein fo fchönes Syftem j daher auch als zuverläffig an. Ob Verf. fie an den litur-
,auffteigender Entwicklung' für den abendländifchen Kir- j gifchen Büchern, namentlich am Euchologion und Horo-
chenbau, wie es zuletzt Dehio geiftvoll entworfen. Beim
Austrag der Streitfrage würden alfo die lombardifchen
und fudfranzöfifchen Denkmäler die Hauptrolle fpielen,
die leider fehr ärmlich und vieldeutig find. Ein allgemeines

Bedenken läßt fich gegen S. nicht unterdrücken: Jener die von Kattenbufch und andern benutzten Werke geStrom
orientalifcher Kunfl hätte das Abendland in den fprochen hat, daß fie die Eigenart ihrer Kirche nicht
ärgften Stürmen der Völkerwanderung getroffen, hätte i richtig wiedergeben. Z. B. ift Mefoloras dahin zu rechnen,
dann Jahrhunderte lang gefchlummert, umetwaim 9. Jahrh. ! dem Loofs in der Symbolik I. S. 124 fogar den Vorwurf
wieder aufzuwachen und ohne neuerliche Berührung mit ,pfeudowiffenfchaftlicher Übermalung' macht. Im allge-
dem Urfprungsland bis zum 12. Jahrh. fchrittweis zu den , meinen Rheinen mir die fchriftlichen Gewährsmänner des
Originalformen zurückzukehren. Dies ift doch fchwer aus- Verfaffers von proteftantifcher Wiffenfchaft nicht unab-
zudenken. Indes haben wir doch auch in Deutfchland ein i hängig zu fein. Proteftantifierende Richtungen gab es ja
Belegftück für den Hauptfatz der S.'fchen Ausführungen, in Hellas fchon vor 50 Jahren, als Konft. Ökonomos und
die bekannte Clematianifche Weiheinfchrift in St. Urfula Theokl. Pharmakides um die Palme rangen. Bei genauerer
zu Köln 4. Jahrh., worin der Gründer jenes alten, fpurlos ERrfchung würden fich auch in früheren Jahrhunderten noch
verfchwundenen Kirchleins von fich fagt: ex partibus mehr Spuren davon finden, als man annimmt. Trotzdem
or lentis exsibitus. ftellen folche Einflüffe nicht das Wefen der Kirche dar. Sie

Nifchwitz S. A. Dr. H. Bergner. ^^^^^j^S^!^^^^^. S°ifc der

Verfaffer will fich wefentlich auf Augenzeugenfchaft ftützen.
Ich will ihm dabei gewiß nicht zunahe treten, aber doch
daran erinnern, daß es nach dem Urteil des Hiftorikers
K. Mendelsfohn-Bartholdy (Gefch. Griechenlands B. I. 1870