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Ausgabe:

1904 Nr. 3

Spalte:

86-88

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Thieme, Karl

Titel/Untertitel:

Der Offenbarungsglaube im Streit über Babel und Bibel 1904

Rezensent:

Lobstein, Paul

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Theologifche Literaturzeitung. 1904. Nr. 3.

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letzten Jahren darfteilte. Als ich ihn aber damals euch
zeigte, war ich in einer andern Stimmung als jetzt. Für
den Jefus, den ich damals euch zeigte, empfand ich damals
, um es kurz und einfach zu fagen, eine wärmere
Liebe, eine leidenfchaftlichere Verehrung als jetzt. Ich
bin eben im Laufe der Jahre älter und kälter geworden,
meine Gefühle find jetzt etwas ftarrer, nicht mehr fo
beweglich, wie fie vor zwanzig Jahren waren, wohl infolge
eines fehr einfachen und unvermeidlichen Natur-
prozeffes, der fich ohne meine Schuld in mir und meinen
Altersgenoffen vollzogen hat . . . Chriftus ift mir in einer
andern Beleuchtung erfchienen: nicht blos als der Spender
des göttlichen Geiftes, fondern auch als die Quelle furchtbarer
Irrtümer. So geriet ich zu mir felber in eine etwas
unbequeme Stellung. Unbequem nicht blos für mein
Gemüt, fondern auch unbequem, weil fie mein Verhältnis
zu den Menfchen meiner Umgebung ftörte' (S. 63. 64).
Und in der Abfchiedspredigt des Verf.s S. 190: ,Die
Wahrheiten, die Jefus gepredigt hat, feine Morallehre,
die fchönften Sprüche feiner Bergpredigt, fein Vaterunfer,
alle Perlen, die wir ihm verdanken, die haben das Wunder
nicht getan, die haben die chriftliche Kirche nicht ge-
fchaffen. Der Irrtum war es, der Wahn, dal.! Jefus der
Meflias fei, dal.l er das Gottesreich auf Erden in nächfter
Zukunft gründen werde, der Traum, daß er aus der
Unterwelt hervorgegangen fei, daß er fitze auf Gottes
Thron, daß er aus den Wolken des Himmels wieder auf
Erden herabfahren werde. Diefer Wahn, diefer fanati-
fche Traum hat die Chriftenheit erzeugt'. Angefichts
folcher Ausfagen laffen fich felbft Worte begreifen, die
damals eine nur zu verftändliche Entrüftung hervorriefen,
die der Prediger aber ausfprechen konnte, ohne daß man
ihn fubjektiv der Frivolität anklagen müßte: ,Mich aber
und meinesgleichen wird er (Jefus) hoffentlich nicht ver-
itoßen. Und täte er es, fo würde ich nicht mich, fondern
ihn bedauern. Ich glaube aber feft, daß er ein
Freund der Wahrheit war, und immer weniger Freude
hatte an den Trägern und Pflegern des Wahns, als an
den Freunden der Wahrheit. So wie er auf Erden ge-
finnt war, fo, oder noch beffer, wird er auch im
Himmel gefinnt fein, und alfo haben wir von ihm, wenn
wir ihm begegnen, nur Freundliches zu erwarten. Amen'.
(S. 79—80.)

Läßt der Verf. feinen eigentümlichen Standpunkt mit
voller Klarheit hervortreten, fo fcheut er fich auch keineswegs
, einen Ton anzufchlagen, der allen Regeln der herkömmlichen
Homiletik fpottet. ,Als Prediger bin ich
noch immer befangen in der Meinung, daß jede Predigt
und überhaupt jede Amtshandlung eines Predigers ein
befonderes Gefühl der Andacht, der fogenannten Erbauung
, hervorrufen müffe' (S. II3). Diefe Befangenheit
mag der Redner wohl fahren laffen; denn jeder Zuhörer
und Lefer wird ihm wohl zur Beruhigung das Zeugnis
ausftellen können, daß jene Gefühle der Andacht oder
Erbauung durch feine ,Rückfchau' nicht geweckt worden
find. Mit Ausnahme weniger Seiten, in welchen ein
Hauch warmer Religiofität zu fpüren ift, ergeht fich der
Prediger in durchaus nüchternen, verftandesmäßigen
Auseinanderfetzungen, die zunächft einen lehrhaften
Charakter tragen, dann aber vorwiegend apologetifche
Zwecke verfolgen. Indem er in ausführlicher und freimütiger
Rede feiner Gemeinde über feine Abfichten und
Leiftungen Rechenfchaft ablegt, bringt er feine perfön-
lichen Anliegen und Angelegenheiten in einem Maß und
Umfang auf die Kanzel, welche uns in den Stand fetzen,
einen klaren und vollftändigen Blick in feinen Ent-
wickelungsgang, feine Charaktereigentümlichkeiten, feine
phyfifchen und moralifchen Schwächen und Vorzüge zu
tun. Es wäre leicht, aus jeder Rede einen größeren oder
geringeren Beitrag zu einer bis ins Einzelne gehenden
Selbftbiographie zu gewinnen.,Lange nächtliche Sitzungen
ertrug ich eigentlich nie. Auch bin ich ein fehr fchwacher
Trinker, und wie dem herrlichen Goethe, fo ift auch meiner

Wenigkeit der Rauch des Tabaks verhaßt' (S. 178). Sollte
man verfucht fein, folche Mitteilungen gefchmacklos oder
unintereffant zu finden, fo möge man bedenken, daß hier
,nicht der Prediger, fondern der Hausfreund und Seel-
forger' zu Freunden fpricht, denen er bezeugt: ,Es haben
fich manche, nachdem fie fchon feit langen Jahren konfirmiert
waren, noch immer fehr treu zu mir gehalten und
mir eine herzliche, faft allzu herzliche Teilnahme und Anhänglichkeit
gezeigt' (S. 180). Freilich eine andere Frage
ift es, ob es fich lohnte, folche Ergüffe durch den Druck
feilzuhalten und der Mitwelt zu offenbaren. Möchte es
doch leicht gefchehen, daß die allzureiche Wiederholung
der nach allen Seiten hin fich ausbreitenden oratio pro
domo den ferner flehenden Lefer ermüden und in einer
; Anwandlung von Ungeduld ihm das Wort des von Sch.
j hochgefchätzten Pascal (S. 33. 92. 153) ins Gedächtnis zurückrufen
könnte: Lc moi est ha'issable. Übrigens dürfen
die zahlreichen, dem Chriftenherzen verletzend oder em-
| pörend klingenden Ausführungen des enfant terrible
unferes deutlchen Proteftantismus uns nicht hindern an-
1 zuerkennen, daß er allen Parteien und Richtungen ge-
i recht zu fein fich bemüht: die Erinnerungsworte, die er
j feinem früheren Parifer Lehrer und Seelforger, dem ftreng
orthodoxenL.Meyer widmet, find von einem Gefühle dankbarer
Pietät getragen (S. 141—144); in feiner Rede über
j das ftaatliche Leben atmet feine fcharfe Satire des Servilismus
und desChauvinismus einenGeift mannhafter Tapfer-
| keit; der Eifer, mit welchem er der Wahrhaftigkeit auch
im kirchlichen Leben und in der Führung des geiftlichen
Amtes das Wort redet, wird Achtung gebieten, auch da,
I wo durch das Überwuchern eines zu formalen Intellektualismus
der Blick des Verf.s getrübt wird. Diefer ab-
I ftrakte Doktrinarismus muß auch fonft bei einem fo
decidierten Gegner des dogmatifchen Chriftentums denjenigen
befremden, der die innere Verwandtfchaft des
I Rationalismus und der Orthodoxie kennt, eine Ver-
j wandtfchaft, die gerade durch den jähen Umfchwung
j der religiöfen Gedanken des Schülers von L. Meyer
klar genug illuftriert wird.

Das Rätfei der Veröffentlichung diefer Reden, die
ja zunächft auf allgemeines Intereffe keinerlei Anfpruch
erheben können, erklärt der Verf. in feiner Vorrede: In
! letzter Zeit bin ich durch einige auf kirchlichem Gebiete
I ausgebrocheneKontroverfen lebhaft daran erinnertworden
j daß ich zur Beantwortung der jetzt befprochenen religiöfen
Tagesfragen für religiös gefinnte, Wahrheit fuchende
Laien, und fogar für gleichartige Theologen, jedenfalls
beachtenswerte Beiträge vor langen Jahren fchon geliefert
habe'. Deshalb (teilt uns Sch., nach diefer Rückfchau auf
feine fechsundzwanzigjährige Amtsführung, andere Bücher
in Ausficht, ,ein paar feiner alten Schriften, die in frifchem
Gewände wieder in Umlauf gefetzt werden follen'. Wir
1 möchten dem vielgefchmähten Prediger nicht wehe tun,
! können aber nicht umhin, den Wunfeh auszufprechen, er
möge die Gefpenfter, durch welche er frühere Generationen
'< erfchreckt hat, nicht aus dem Grabe heraufbefchwören,
I in das fie hingefunken find und welchen er doch nur ein
kümmerliches Scheinleben verleihen würde.

Straßburg i. E. P. Lobftein.

i Thieme, Prof. Karl, Der Offenbarungsglaube im Streit über

Babel und Bibel. Ein Wort zur Orientierung. Leipzig
1903, Dörffling & Franke. (67 S. gr. 8) M. 1.20

,Ein Wort zur Orientierung über den Offenbarungs-
,glauben' will diefer auf der Kirchen- und Pastoralkonferenz
in Meißen am 12. Mai 1903 gehaltene in er-
} weiterter Geftalt herausgegebene Vortrag den durch den
; Bibel- und Babelftreit beunruhigten Gemütern darbieten.
1 Zunächft verfucht es der Verf. Delitzfchs Stellung zum
Offenbarungsbegriff klar zu legen. Nicht nur die altorthodoxe
und bis in unfere Zeit hinein nachwirkende